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Ingor, der Enkel des Schamanen, 03. Bis 23. September 2009: Die vertauschten Seelen!

Wollmammut, Höhlenzeichnung vorgeschichtlicher Menschen, vom Autor abgezeichnet! 

Ingor, der Enkel des Schamanen - die vertauschten Seelen!

Der Mammut-Bulle wandte sich wieder der Felswand zu, über der sich einige der Jäger in Sicherheit wähnten. Er marschierte um die Steilwand herum zur sonnenbeschienenen Seite, auf der das Gelände weniger schroff abfiel. Die Männer beobachteten mit Schrecken, aber auch fasziniert, wie sich der Mammut-Bulle dort mit seinen Stoßzähnen einen allmählich ansteigenden Pfad ebnete, auf dem er immer näher an die Männer herankam. Sie warfen mit Steinen nach dem rostroten Riesen und rollten Felsen herab, von denen sich der Angreifer aber nicht beirren ließ.

Die Männer wollten sich schon in unterschiedlichen Richtungen davon machen, damit wenigstens einigen von ihnen die Flucht gelang. Aber das mussten sie vorerst noch nicht, denn plötzlich begann das in der Fallgrube gefangene Mammut ängstlich zu trompeten und der Mammut-Bulle verharrte, nahm mit erhobenem Rüssel Witterung auf und wandte sich um.

Ein Säbelzahn-Tiger war auf den Rücken des eingebrochenen Mammuts gesprungen und versuchte es zu töten. Der Mammut-Bulle stürmte mit hoch erhobenem Rüssel seiner Gefährtin zur Hilfe und die Raubkatze ergriff die Flucht.

Es begann eine Zeit des Wartens, in welcher der Mammut-Bulle die Menschen nicht aus den Augen ließ. Der Kopf des eingebrochenen Mammuts fiel zur Seite und der Gefährte richtete ihn wieder auf. Dies geschah noch einige Male, aber dann verendete das eingebrochene Tier. Der Riese blieb noch eine Weile bei seiner toten Gefährtin, dann wandte er sich ab. Er taumelte und schien angeschlagen. Das Interesse an den Menschen schien er verloren zu haben oder wollte er sie nur in Sicherheit wiegen? Die Jäger rätselten, was seinen Sinneswandel bewirkt haben mochte, nur der Schamane wusste, dass das Gift auf der Speerspitze zu wirken begann, die er in den Rüssel des Mammuts gestoßen hatte.

Der Schamane zog die beiden Gefährten, welche das Mammut mit seinem Rüssel die Felswand herab geschleudert hatte, aus der Felsspalte und spritzte ihnen Wasser ins Gesicht. Als sie den Schamanen sahen, kletterten die anderen mit zitternden Knien die Felsen hinunter. Die Gesichter der beiden Verletzten waren bleich wie die von Toten, doch ein schwacher Pulsschlag verriet, dass sie noch lebten.

Mark, so hieß einer der beiden Zwillinge, erwachte als erster aus seiner Bewusstlosigkeit. Die Gefährten wussten, dass es Mark war, weil ihm der Zeigefinger der rechten Hand fehlte. Seinem Zwillings-Bruder fehlte der Zeigefinger der linken Hand. Ansonsten konnten sie die beiden Zwillinge kaum von einander unterscheiden. Die Zwillinge hatten die Finger innerhalb eines Jahres nacheinander verloren. Der Schamane wusste, dass der gleiche Unfall, den ein Zwilling erlitt, leicht auch den anderen treffen konnte.

Mark begann zu schluchzen, als er seinen Bruder am Boden liegen sah. Eine Blutspur lief aus seinem Mund.

Ist Mark tot?” fragte er immer wieder. Der Schamane beruhigte ihn. “Er wird gleich erwachen.” Und kurz darauf schlug der andere Zwilling auch die Augen auf und blickte etwas benommen von einem zum anderen.

Seltsam war, dass Mark immer wieder gefragt hatte, ob Mark tot sein, obwohl er doch selber Mark war, wie alle an dem fehlenden Zeigefinger seiner rechten Hand erkennen konnten. Er ist noch verwirrt, dachten die Gefährten, aber als er seinen Bruder, nachdem dieser auch aus seiner Ohnmacht erwacht war, weiterhin mit Mark anredet, wurde es ihnen zu viel. Sein Bruder schien übrigens nichts dabei zu finden, mit Mark angeredet zu werden.

„Du bist doch selber Mark“ sagte jemand, „sieh doch mal zu deiner rechten Hand hin“.

„Was ist denn das?“ rief Mark erschrocken. „Jetzt fehlt mir auch noch der Zeigefinger der rechten Hand und ich habe überhaupt nicht bemerkt wie ich ihn verloren habe.“

„Dafür fehlt dir aber jetzt an deiner linken Hand kein Finger mehr“, sagte einer etwas sarkastisch.

Mark warf einen Blick auf seine Linke und es verschlug ihm die Sprache. Auch sein Zwillingsbruder blickte verwirrt von einer Hand zur anderen und begann sogar seine Finger zu zählen.

„Ihre Seelen sind vertauscht“, sagte der Schamane, der als erster begriff, was geschehen war. „Mark ist jetzt Teja und Teja Mark. Als sie bewusstlos waren, sind ihre Seelen in die falschen Körper geschlüpft. Ihre Körper sind ja auch nicht so leicht zu unterscheiden. Aber ihre Frauen werden den Unterschied kennen. Sie werden denken, die Zwillinge wollten sie tauschen und protestieren.“ Er würde sich um die Frauen der Zwillinge kümmern müssen. Sie mussten begreifen, dass es nicht der Körper ist, der einen Menschen ausmacht, sondern seine Seele.

Ingor, der Enkel des Schamane, 13. August bis 02. September 2009: Die vertauschten Seelen!

Wollmammut, Höhlenzeichnung vorgeschichtlicher Menschen, vom Autor abgezeichnet!

Wollmammut, Höhlenzeichnung vorgeschichtlicher Menschen, vom Autor abgezeichnet!

I

Ingor der Enkel des Schamanen – die vertauschten Seelen!

Der Mammut-Bulle mit dem strengen Geruch hatte zur Verfolgung der an der Mammut-Herde vorbei hastenden Menschen angesetzt. Der Riese holte schnell auf und würde Tod und Verderben über die Fliehenden bringen, noch bevor sie den Tal-Hang hinauf geklettert waren. Doch dann wurde er abgelenkt. Er hielt den Rüssel hoch aufgereckt und witterte die Menschen auf der Felsleiste. Sie waren näher als die Fliehenden und er richtete sein Augenmerk auf sie. Sie konnten ihm nicht entkommen. Die Erde dröhnte, als er heranstürmte und die Luft erzitterte unter seinem Gebrüll. Sich auf seinen Hinter-Säulen aufrichtend, packte er den letzten der Männer mit seinem Rüssel und fegte ihn von der Felsleiste herab. Ein Gebüsch am Boden federte den Sturz ab, doch der Kopf des Menschen schlug gegen einen Stein. Er verlor das Bewusstsein und blieb bewegungslos liegen. Gleich darauf war der Bewusstlose allerdings verschwunden, ohne dass die Gefährten bemerkt hatten, was mit ihm geschehen war.

Zwei der Gefährten waren noch auf der Felsleiste verblieben. Sie drängten schreckensbleich zusammen und stachen mit ihren Speeren nach dem Rüssel des Mammuts. Einer schrie verzweifelt. Es war sein Zwillings-Bruder, den das Mammut mit seinem Rüssel gepackt und die Felswand hinab gestürzt hatte und den er nun verloren glaubte. Ingor und die anderen Männer, die auf dem Berghang in Sicherheit waren, hörten sein verzweifeltes Schreien und einige der Jüngeren wollten den Gefährten auf der Felsleiste zu Hilfe kommen, aber die Älteren hielten sie zurück.

Zwei der Gefährten waren höher geklettert und bombardierten den rostroten Riesen mit einem Hagel von Steinen. Dann warfen sie ihre Speere nach den Lichtern und dem Rüssel des Mammuts. Die auf ihn niederprasselnden Steinblöcke und auch ein Speer, der sein Ohr durchbohrte, vermochten seinen Angriff jedoch nicht aufzuhalten. Unter wütendem Trompeten richtete es sich wieder auf den Hintersäulen empor und langte mit seinem Rüssel nach den Männern, sich auf seinen gebogenen Stoßzähnen dabei an der Felswand abstützend. Die verzweifelt geführten Speerstöße der Angegriffenen nach dem Rüssel des Mammuts schienen sein Greifen- und Vernichten-Wollen etwas zu hemmen. Ein rascher Rüsselschlag durchbrach jedoch die Verteidigung. Von seiner Wucht getroffen, verlor nun auch der andere Zwilling den Halt und stürzte die Felswand hinunter in ein Dickicht, in dem er wie sein Bruder das Bewusstsein verlor. Das Mammut ging mit seinen Vorderbeinen zu Boden. Diesen Moment nutzte der als Letzter auf der Felsleiste Verbliebene und hangelte sich wie die beiden anderen vor ihm an Ingors herabhängendem Wurfseil empor.

Das Mammut richtete sich wieder auf seinen Hinterbeinen empor und versuchte den Fliehenden mit seinem Rüssel zu packen, jedoch vergebens. Der Rüssel griff ins Leere. Die beiden, die sich schon mit Hilfe des Seils in Sicherheit gebracht hatten, zogen das Seil mit dem daran Hängenden im letzten Augenblick zu sich herauf.

Das Mammut glitt nach unten, um seinen Zorn an den beiden Menschlein zu kühlen, die sein Rüssel von der Felsleiste herab gefegt hatte. Die waren jedoch verschwunden. Wie aus dem Nichts war nämlich jedesmal der Schamane aufgetaucht und hatte die Bewusstlosen vor den Blicken des Mammuts verborgen. Er hatte sie in einen Spalt am Boden der Felswand gezogen, der hinter Sträuchern verborgen lag. Ingor hatte den Spalt gesehen. Er war zu eng und auch nicht tief genug gewesen, um Menschen Zuflucht zu gewähren, doch sein Großvater hatte Erde hinweg geräumt und so den Spalt erweitert und die beiden bewusstlosen Gefährten in dem entstandenen Erdloch mit dem überhängenden Fels fürs erste in Sicherheit gebracht. Er selber kniete mit stoßbereitem Speer hinter dem niedrigen Eingang.

Das Mammut schien die Menschen in dem Felsspalt zu wittern und bewegt sich auf den Spalt zu, aber als es mit seinem Rüssel hinein langte, stach ihm der Schamane mit seinem Speer tief in das empfindliche Ende des Rüssels. Der Mammut-Bulle stieß einen Schmerzens-Schrei aus und wich zurück. Sein Rachedurst war jedoch noch nicht gestillt. Die Menschen sollten sich in Sicherheit wähnen, dann würde er sie wieder angreifen und vernichten.

Ingor, der Enkel des Schamanen, 23. Juli bis 12. August 2009: Die vertauschten Seelen!

Mammut-Zeichnung auf einer Höhlenwand von Font-de-Gaume, Dordogne, Frankreich

I

Von Vorzeit-Menschen auf eine Felswand in einer Höhle gezeichnete Mammuts! (vom Verfasser abgezeichnet)

I

Die vertauschten Seelen!

Als Ingor und Kalla von einem Besuch bei Kallas Vater zurückkehrten, waren die Männer des Stammes dabei, eine Fanggrube in den Hangschutt vor einer Felswand zu graben. In der Nähe verlief ein Wechsel, auf dem Rentiere und Wisente ihren Weg zum Wasser und wieder zurück zu ihren Weidegebieten nahmen. Von Zeit zu Zeit zogen dort auch Mammut-Herden entlang.

Die Männer hatten alle überflüssigen Kleidungsstücke abgelegt; halbnackt hoben sie mit Rentier-Schulterblättern die Erde aus. Sie schwitzten vor Anstrengung. Ein Regenguss ging nieder, aber dadurch ließen sie sich bei ihrer Arbeit nicht stören. Sie gruben weiter und schaufelten Erde nach oben. Als die Sonne wieder durchbrach, begannen ihre muskulösen Körper zu dampfen. In Hüfttiefe stießen sie in dem ungeschichteten Schuttboden auf große Steinblöcke. Der Mut wollte ihnen sinken, weil sie annahmen, sie wären auf unverwitterten Fels gestoßen. Sie verdoppelten ihre Anstrengungen, gruben die Felsblöcke aus und wuchteten sie über den Rand der Grube. Zu ihrer Erleichterung fand sich darunter aber wieder Schuttboden.

Als Ingor die Männer bei der Arbeit sah, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Es war die Felswand im Hintergrund, die er in seinen Träumen gesehen hatte. Wenn sein Gesicht in Erfüllung ging, würde sich hier ein zorniger Mammut-Bulle auf den Hinterbeinen aufrichten, um sie mit den gewaltigen Schlägen seines Rüssels von der Felsleiste zu fegen und mit seinen Hufen zu zerstampfen. Gebannt blieb er stehen.

„Hilf uns!“ rief Bär „oder bist du dir zu fein für diese Arbeit!“

„Für wen ist die Fanggrube denn bestimmt?“ wollte Ingor wissen. „Das wird sich zeigen“, antwortete Bär, jedenfalls für etwas Größeres als Rentiere.“

Bär musste seinen Arm, den ihm der Tiger zerschmettert hatte, immer noch schonen.

Ingor half mit, die heraus gewuchteten Felsblöcke weg zu transportieren.  Sie trugen und rollten sie auf den Wild-Pfad zwischen Berg und sumpfiger  Fluss-Niederung, damit die Tiere ihren Weg an der Felswand vorbei nahmen, wo sie dabei waren, die Fanggrube aus zu heben.

Ingor hatte die großen Rüsselträger ununterbrochen vor Augen. Stark und gefährlich füllten sie sein Bewusstsein aus. Gleichzeitig dachte er aber auch an ihr Fleisch, das Fell, die Sehnen und ihre Stoßzähne. Eine erfolgreiche Jagd auf das Mammut bedeutete Nahrung für Wochen. Dann wollte Ingor auf die Suche nach gerade gewachsenen Stämmchen gehen, um sie zu fällen und Speerschäfte daraus zu schnitzen. Außerdem würde er versuchen, aus dem Elfenbein eines Stoßzahnes ein kleines Mammut zu schnitzen oder - vielleicht eine Frau mit einem schönen Busen, wie Kalla ihn besaß.

Sie hoben die Erde aus, bis die Fallgrube anderthalb Speerlängen lang, breit und tief war. Die Wände liefen schräg nach unten zu. In die Bodenfläche gruben sie noch einen mit der Spitze nach oben weisenden mächtigen Spieß ein. Die Spitze hatten sie im Feuer angekohlt, um sie auf diese Weise zu härten. Zum Schluss verblendeten sie die Fallgrube mit Astwerk, legten alte Felle darüber und auf die Felle Rasenstücke, die sie an einer anderen Stelle aushoben. Sie verwischten die Spuren ihrer Erdarbeiten, so gut sie konnten und streuten frischen Tier-Dung darüber, den sie vorher zerrieben, um den Menschen-Geruch zu überdecken.

Ingor fasste die Felswand ins Auge. In einiger Höhe verlief eine Felsleiste, ein Absatz, etwas breiter als die Füße eines Menschen. Er war leicht zu erreichen, darüber fehlten jedoch auf zwei Speerlängen alle Vertiefungen und Vorsprünge, die einem Kletterer hätten Halt bieten können. Mit ein paar Sprüngen über schräg abfallendes Gelände erreichte Ingor die Steilwand. Seinen Speer ließ er dort zurück. Einige Klimmzüge und er stand auf der Felsleiste. Ein Stein brach unter einem seiner Füße weg. Instinktiv hielt er sich an einem Felsvorsprung fest. Der Ruck schoss ihm in die Sehnen, dann ins Herz. Er suchte das Gelände oberhalb der glatten Felswand nach etwas ab, um das er seine Wurfschlinge werfen konnte. Schließlich warf er sie um ein Birkenstämmchen, das ausreichend Halt zu bieten schien, zog die Schlinge fest und hangelte sich hinauf, dabei mit den Füßen in der Felswand jeden Halt nutzend. Von der kleinen Birke aus war der weitere Aufstieg wieder leichter. Ingor kletterte bis zum höchsten Punkt und blickte sich um. Von hier aus hatte er eine weite Aussicht. In den Dickichten der Fluss-Aue zu seinen Füßen brüteten Wasservögel. Allerdings war es schwierig durch den Sumpf an sie heran zu kommen. In der Luft kreisten Greifvögel, darunter auch ein Adler. Als sein Blick stromaufwärts ging, sah er, dass sich in der Ferne zwischen Fluss und Tal-Hang etwas Dunkles, Graubraunes bewegte. Er beschattete seine Augen. Es konnten Rentiere sein, vielleicht auch eine Wisent-Herde. Was es auch immer war, es schien näher zu kommen. Es dauerte nicht lange, dann konnte er Einzelheiten wahrnehmen. Dies waren weder Rentiere noch Wisente. Ihr Fell war anders gefärbt und ihr Körper war stärker gegliedert. Dann glaubte Ingor zu erkennen, wie eines dieser Tiere einen Baum niederbrach und mit einem Male wurde ihm klar, dass sich ihnen eine Mammut-Herde näherte. Rasch begann er, wieder nach unten zu klettern. Als er sich an seiner Wurfschlinge herabließ, sah er unten seinen Großvater, den Schamanen. Dieser hatte die Fanggrube begutachtet und schien nun auf ihn zu warten. Ingor winkte ihm zu.

„Lass die Wurfschlinge hängen!“ rief ihm sein Großvater zu. Ingor wollte das aber schon von sich aus tun. Noch bevor er unten angekommen war, rief er: „Mammuts, ich habe eine Mammut-Herde gesehen!“

Als Ingor den Boden erreichte, umringten ihn die Gefährten, die seinen Ruf „Mammuts!“ gehört hatten. In welcher Richtung sie zögen, wollten sie wissen und wie weit sie noch entfernt wären. Ingor beantwortete ihre Fragen, so gut er konnte. Nicht wenige wollten die Rüsselträger auch selber sehen und kletterten ebenfalls die Felswand empor bis zum Gipfelpunkt. Eine große Aufregung hatte sich der Männer bemächtigt.

Wie wollt ihr erreichen, dass die Tiere ihren Weg an der Felswand vorbei nehmen, wo ihr die Fanggrube ausgehoben habt?“ fragte der Schamane.

„Wir haben ihnen ihren Wechsel mit Felsblöcken und Gestrüpp versperrt“, antwortete Bär.

„Das ist nicht genug“, sagte der Schamane und schüttelte den Kopf. „Einige von euch müssen den Weg der großen Tiere zusätzlich noch mit Feuer versperren. Feuer ist das einzige, was diese Rüsselträger wirklich fürchten. Ihr müsst eure Fackeln anzünden und sie schwingen, wenn sie ihren alten Weg nehmen wollen. Die Funken müssen sprühen.“

„Wir sind zu weit von zu Hause entfernt. Die Zeit reicht nicht, um unsere Fackeln zu holen, bevor die Mammut-Herde hier ist“, entgegnete Bär. „Wir werden in der Nähe ihres Wechsels Feuer anzünden und brennende Äste wie Fackeln schwingen.“

Nachdem sie Feuer-Holz gesammelt hatten, warteten sie auf die Mammut-Herde, die meisten Männer in der Nähe des Wechsels, wo sie an drei Stellen ein Feuer entzünden wollten. Zwei der Männer, diejenigen mit den schärfsten Augen, aber beobachteten vom Fels-Massiv aus, von dort, wo Ingor die arktischen Elefanten zuerst gesichtet hatte, das Näherkommen der Mammut-Herde.

Immer wieder prüften sie durch Hochwerfen von trockenen Moosstückchen die Windrichtung und blickten zu den ziehenden Wolken am Himmel empor, ob nicht Regen ihre Feuer auslöschte, wenn es soweit war.

Die Zeit wurde ihnen lang, aber schließlich kam die Mammut-Herde auch in Sichtweite der Männer am Boden:

Der erste der arktischen Elefanten war die Leit-Kuh mit langen scharf nach oben und rückwärts gebogenen Stoßzähnen. Dann folgten die anderen Rüsselträger, sieben an der Zahl, die meisten kleiner als die Leit-Kuh. Es waren auch zwei Junge dabei. Die Jäger nahmen die Tiere mit allen ihren Sinnen in sich auf, mit dem Gesichts-, dem Gehör- und da der Wind von ihnen herüber wehte, von Zeit zu Zeit auch mit dem Geruchssinn. Sie betrachteten aufmerksam die hohen, schmal zulaufenden Schädel, die großen Buckel über den Schultern, hinter denen die Körper wie beim Wisent steil abfielen. Sie vermerkten die kleinen behaarten Ohren, begutachteten den dicken Pelz gelbbrauner Wolle, der den Körper bedeckte, sowie die langen schwarzen Haare, die von den Kinnbacken und Flanken bis fast auf den Erdboden herunterhingen.

Die Jäger hatten die Feuer entzündet. Noch ließen sie sie mit kleiner Flamme brennen. Die Herde war noch nicht nahe genug, um sie mit Feuerbränden zu dem Felsen und ihrer Fanggrube hin zu treiben.  

Aber als dann die Herde immer näher kam, begann es heftig zu regnen und die Jäger mussten hilflos mit ansehen, wie ihre Feuer verlöschten. Die Mammut-Herde kam zu der Stelle, an der ihr Wechsel mit Steinen und Felsgestrüpp versperrt war. Die Leit-Kuh verharrte und blickte in der Richtung der Felswand und fast sah es so aus, als sie ihren Weg in die Richtung der Fanggrube nehmen würde. Aber das tat sie nicht. Es geschah vielmehr etwas Seltsames, das Ingor vorher noch nie vorher beobachtet hatte: Der Geist der Leit-Kuh löste sich von ihrem Körper, schwebte zu der Fanggrube hin und schien sie zu inspizieren. Ingo konnte es deutlich wahrnehmen und sein Großvater, der Schamane,  auch. Dann kehrte der Geist der Leitkuh wieder in den Körper zurück. Die Prüfung der Fanggrube hatte offensichtlich ergeben, dass es nicht ratsam war, diesen Weg zu nehmen, denn nun begann die Leit-Kuh die auf dem Wechsel liegenden Hindernisse, Felsblöcke und Gestrüpp, mit ihrem Rüssel beiseite zu räumen. Als die Arbeit getan war, setzten sich die Tiere wieder in Bewegung und zogen nacheinander an der Fanggrube vorbei -  bis auf eine Nachzüglerin. Die Jäger, die ohne Feuer waren, sahen zu, ohne etwas machen zu können. Allerdings nicht alle. Eines der drei Feuer brannte wieder. Und nun stürzte einer der Jäger mit einem brennenden Ast auf die Nachzüglerin los. Das Tier wich in Richtung der Fanggrube aus. Die Jäger hielten den Atem an. Plötzlich sahen sie, wie das Mammut einbrach. Sie hörten Krachen und Brechen von Ästen und dann ein lautes Trompeten. Zwei oder drei der Tiere setzten zur Flucht an, um gleich darauf aber wieder Halt zu machen. Das gefangene Tier trompetete und klagte. Auch die Artgenossen schrieen. In wenigen Augenblicken bildete die Herde um die Fanggrube eine Versammlung von maßlos erregten Tieren. Einige der erwachsenen Tiere stürzten davon, so als ob sie einen vermuteten Feind suchten, die anderen bemühten sich, die Verunglückte zu befreien. Sie brachen mit ihren Stoßzähnen und Füßen Erdschollen von den Rändern der Fanggrube und schoben sie in die Grube hinein. Dabei schnauften sie und brüllten. Trotz der Erregung und des Gebrülls arbeiteten sie in gegenseitigem Einvernehmen, ohne sich gegenseitig zu stören. Endlich hatten sie eine Wand der Grube in einen schrägen Anstieg verwandelt, auf dem die Eingestürzte empor klettern sollte. Mit dem Rüssel ziehend, versuchte die Leit-Kuh der Eingestürzten aus der Grube heraus zu helfen – jedoch vergeblich. Der Spieß am Boden der Fanggrube war in den Körper des Mammuts eingedrungen. Durch Blutverlust geschwächt, hatte es schon nicht mehr die Kraft, sich aus der Fanggrube zu befreien.

Als die Mammuts losstürmten, um nach Feinden zu suchen, wurde das Gefühl nahenden Unheils in Ingor übermächtig. Auch die Gefährten witterten jetzt Unheil. Plötzlich sahen sie die Felswand mit anderen Augen an. Sie schien ihnen der rettende Ausweg, falls die wütenden Tiere sie entdeckten. Aber Ingor wusste, dass die Felswand für die Jäger zur Falle werden konnte. Einige der Männer waren schon in sie hineingeklettert und standen nun auf der Felsleiste, von der sie ein zorniger Mammut-Bulle mit seinem Rüssel herunter fegte, wie Ingor in seinen „Wahr“-Träumen gesehen hatte. Höher hinauf zu fliehen war nur mit Hilfe der von der Birke herab hängenden Wurfschlinge möglich. Die aber konnte immer nur einer benutzen.

Ein in der Musth befindlicher Mammut-Bulle, gefährlicher als ein Säbelzahn-Tiger auf Menschen-Jagd, war der Herde gefolgt, anscheinend der Nachzüglerin, die jetzt in der Grube gefangen saß. Als Ingor ihn sah, wusste er, dass es dieser anscheinend brunftiger Bulle war, der in seinen Träumen Stammes-Mitglieder getötet hatte. Als er dann auch noch den strengen Geruch des Bullen auffing, hielt es ihn nicht länger in seinem Versteck. „Folgt mir!“ schrie er und floh. Dicht an der Leit-Kuh und den anderen Rüsselträgern vorbei rannte und kroch er auf allen Vieren den Tal-Hang hinauf. Die Felswand ließ er hinter sich. Ein Teil der Gefährten folgte ihm, darunter auch sein Vater. Seinen Großvater konnte Ingor allerdings nirgends entdecken.   

Ingor, der Enkel des Schamanen, 01. bis 21. Juli 2009: Ingor lernt von seinem Großvater, wie sich „Schicksal“ abändern lässt!

Zeichnung auf einer Schamanen-Trommel!

Zeichnung auf einer Schamanen-Trommel ! (eigene Abbildung)

I

Ingor lernt von seinem Großvater, wie sich „Schicksal“ abändern lässt!

In der folgenden Nacht sah Ingor im Traum wiederum voller Schrecken, wie sich das Mammut auf den Hinterbeinen aufrichtete und mit dem Rüssel nach den Männern auf der Felsleiste schlug. Allerdings stand er selber jetzt nicht mehr oben auf der Felsleiste, sondern nahm die Attacken des Mammuts von der Seite her wahr. Die Felsleiste hatten auch nur zwei oder drei der Gefährten erklettert, er selber und die anderen waren den Tal-Hang hinauf geflohen und hofften, dass ihnen das Mammut dort hinauf nicht folgen konnte oder wollte.

Zwei der Männer auf der Felsleiste wurden von einem Schlag des Mammut-Rüssels gegen den Fels geschleudert und stürzten in die Tiefe. Dem dritten aber gelang es im letzten Augenblick, sich an einem Seil den Felsen höher hinauf zu hangeln, wo ihn das Mammut mit seinem Rüssel nicht mehr erreichen konnte. Ingor wunderte sich, wo das Seil plötzlich her kam. In seinen früheren Träumen hatte dort kein Seil gehangen. Nun schien alles etwas weniger schlimm. Der Stamm würde nicht auf die Hälfte dezimiert werden. Doch die beiden, die hinab geschleudert worden waren, schienen des Todes.  

Am nächsten Morgen sprach Ingor mit Kalla über seinen Traum in der Nacht und dass nun für die meisten der Gefährten und ihn selber anscheinend die Gefahr gebannt war.

“Das hat anscheinend dein Beten bewirkt“, sagte er. Kalla nickte: „Du und deine Freunde sind jetzt außer Gefahr.“

„Und die beiden, die von dem Rüssel des Mammuts getroffen wurden. Kannst du nicht noch einmal für sie beten?“ bat Ingor. „Das Mammut wird sie sonst wahrscheinlich töten.“

„Ich werde noch einmal für sie beten“, versprach Kalla. „Aber…“ Sie sprach nicht weiter, sondern zuckte die Achseln.

Kalla sprach noch einmal ihre Gebete. Aber als Ingor nach einigen Tagen erneut von dem angreifenden Mammut träumte, hatte er den gleichen Traum wie das letzte Mal. Es hatte sich nichts verändert. Wiederum stürzten zwei der Gefährten, von dem Rüssel des Mammuts getroffen, in die Tiefe.  Dem dritten aber gelang die Flucht mit Hilfe eines Seils, das über ihm herabhing. Die übrigen Gefährten und er selber schienen in Sicherheit.

Als Ingor mit Kalla über diesen letzten Traum sprach, in dem sich gegenüber dem davor nichts verändert zu haben schien, schüttelte Kalla den Kopf. „Weiter kann ich nichts tun“, sagte sie. „Meine Gebete bewirken hier nichts mehr. Sprich mit deinem Großvater, dem Schamanen, darüber! Vielleicht kann er den beiden helfen.“

Ingor nickte und ging noch am gleichen Morgen zu ihm hin. „Ich brauche deinen Rat“, sagte er. „Ein schlimmer Traum quält mich. Ich träume immer das gleiche oder fast das gleiche. Ein wütendes Mammut tötet die Gefährten. Kalla hat höhere Mächte angerufen und um Hilfe gebeten. Sie hat lange gebetet. Jetzt sind meine Träume weniger schlimm, aber zwei der Männer reißt das Mammut immer noch mit seinem Rüssel in die Tiefe.“

„Ja, das gibt es“, sagte der Schamane. „Mammut-Bullen  werden von Zeit zu Zeit sehr aggressiv. Selbst stärkere Artgenossen gehen einem solchen Mammut aus dem Weg. Es ist dann das gefährlichste Tier auf der Erde, gefährlicher als ein Säbelzahn-Tiger.“

Der Schamane versank in Schweigen. „Ich könnte die Geister anrufen“, sagte er nach einer Weile, „aber es ist besser, du lernst selber, mit solchen Dingen umzugehen. Ich werde dir erklären, wie das, was in Träumen vorher gesehen wird, abgeändert werden kann, jedenfalls mitunter, ja, sogar ziemlich oft.

Der Mensch ist aus mehreren Seelen zusammen gesetzt“, begann der Schamane. „Eine davon ist unmittelbar göttlichen Ursprungs. Sie ist weise und verfügt über mehr Macht als die anderen. Bitte sie, das Unheil abzuwenden, das du im Traum vorher gesehen hast. Bitte sie, dass sie mit ihren Helfern dafür sorgt, dass niemand von dem Mammut getötet wird, sofern es ihr möglich ist. Damit sie dies bewirken kann, musst du ihr Kraft zur Verfügung stellen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Eine der Möglichkeiten, ihr Kraft zu geben, ist zu beten, so wie Kalla das getan hat, eine andere zu trommeln und zu tanzen, so wie ich bei einem schamanischen Ritual. Und du kannst ihr auch Kraft durch Atmen geben. Atme tief aus und ein und sage, diese Kraft, die ich jetzt durch meine tiefen Atemzüge ansammele, ist für dich, die höhere Seele in mir, damit du mit deinen Helfern das von mir Vorhergesehene abwendest, so dass niemand von dem Mammut getötet wird. Beginne mit tiefem Ausatmen und nachdem du anschließend tief eingeatmet hast, sprichst du diese Bitte aus. Dann atmest du wiederum tief aus und tief ein und wieder und wieder und nachdem du das eine Zeitlang getan hast, bittest du erneut deine höhere Seele, dass sie die durch dein Atmen angesammelte  Kraft dazu verwendet, mit ihren Helfern den Tod der Gefährten abzuwenden, wie du es vorhergesehen hast, vorausgesetzt, es ist ihr möglich ist. Nach einiger Zeit wirst du das Gefühl haben, dass jetzt genügend Kraft dafür da ist. Dann bittest du deine höhere Seele, nun zu handeln und zu versuchen, das Vorhergesehene abzuändern. Eventuell musst du alles, insbesondere das tiefe Atmen, noch ein oder zweimal für einige Zeit wiederholen. Aber bald wirst du wissen, dass die Kraft ausreicht, um das Vorhergesehene abzuändern, so dass niemand sterben wird oder aber du spürst, dass du das Vorhergesehene nicht abwenden, sondern vielleicht nur mildern kannst.“

Der Schamane sah Ingor an. Hast du verstanden, was du tun sollst?“ fragte er. Ingor nickte. „Danke, vielen Dank! Ich werde sofort damit anfangen“, sagte er und wandte sich zum Gehen.

„Bleib noch“, sagte der Schamane, „und beginne hier in meiner Gegenwart damit. Nicht jeder besitzt diese höhere Seele und viele können sie auch nicht sofort erreichen.“

„Höhere Seele in mir“, begann Ingor, „wirst du mir helfen, zu verhindern, dass das Mammut unsere Männer tötet?“

„Die höhere Seele in dir reagiert nicht“, sagte der Schamane ein wenig später.

„Ich weiß“ erwiderte Ingor, schloss die Augen und wiederholte seine Frage. Als er sie zum dritten Mal stellte, sagte Ingor: „Jetzt ist dieser höhere Seelenteil aber aktiviert, meine ich.“

Der Schamane nickte. „Die höhere Seele ist bereit“, sagte er. „Ich sehe, dass du dich schon mit ihr bekannt gemacht hast. Ihre Aufmerksamkeit ist jetzt auf das gerichtet, um was du sie bitten möchtest.“

Ingor trug der höheren Seele in sich seine Bitte vor, dann begann er tief zu atmen und ihr die durch seine tiefen Atemzüge angesammelte Kraft zur Verfügung zu stellen.  

„Mach bitte weiter“, forderte ihn der Schamane auf. „Wenn du glaubst, genügend Kraft angesammelt zu haben, dann sag mir Bescheid!“ Ingor nickte.

„Jetzt!“ sagte Ingor nach einer Weile. Der Schamane schüttelte den Kopf: „Du hast Kraft angesammelt. Aber die Menge ist noch zu gering. Fahr bitte fort, tief zu atmen und die Kraft der höheren Seele in dir zu geben.“

Es verging einige Zeit. Dann sagte Ingor. „Jetzt sollte die Kraft aber ausreichen.“

Der Schamane nickte. „Bitte jetzt die höhere Seele in dir, damit zu beginnen, das von dir in deinem Traum Gesehene mit seinen Helfern so zu verändern, dass niemand getötet wird. Atme weiterhin tief ein und aus und stelle der Wesenheit alle deine Kräfte zur Verfügung, die für sie dabei von Nutzen sind. Dann werden deine anderen Seelenteile zu ihren Helfern.“

Ingor nickte. Dann warteten sie, während der höhere Seelenanteil unterwegs war, um das zu tun, worum Ingor ihn gebeten hatte. Es dauerte nicht lange, da kehrte er wieder zurück. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt.

„In einem weiteren Traum in der folgenden Nacht oder später wirst du sehen, ob sich etwas verändert hat und Hoffnung für die beiden besteht, die abstürzen“, sagte der Schamane. Erzähle mir morgen früh, was du in der Nacht geträumt hast!“

Ingor stimmte zu und ging zurück zu Kalla. Von seinen tiefen Atemzügen war er etwas benommen.

In der Nacht träumte Ingor fast das gleiche wie in den Nächten zuvor. Wiederum fegte der Rüssel des Mammuts die beiden Gefährten von der Felsleiste. Es gab allerdings einen Unterschied. Ingor sah jetzt, wie die beiden in ein Gebüsch am Fuße des Felsens stürzten und dort, von den Ästen abgelenkt, unter einem niedrigen Felsvorsprung seinen Blicken entschwanden. Das Mammut würde sie vielleicht dort auch nicht mehr wahrnehmen. In Ingors Traum versuchte das Mammut dann, sich weiter aufzurichten und das Bein des Mannes mit seinem Rüssel zu umschlingen, der sich das Seil hinauf hangelte. Aber das gelang ihm nicht.

Ingor berichtete seinem Großvater und natürlich auch Kalla, wie sich sein Traum anscheinend zum Besseren verändert hatte, wenn auch nur geringfügig. Der Schamane nickte. „Die höhere Seele in dir hat etwas ausrichten können“, sagte er. „Wir werden sehen, was geschehen wird. Es wird schon bald sein.“

Ingor, der Enkel des Schamanen, 10. Juni bis 30. Juni 2009: Kalla folgt Ingor, um (eine Zeitlang) mit ihm zu leben!

Kalla folgt Ingor, um (eine Zeitlang) mit ihm zu leben!

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Wildgänse auf dem Flug nach Norden!

Wildgänse auf dem Flug nach Norden! (eigenes Foto)

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Prolog

Vögel und Pferde springen aus meiner Brust. In den Ohren Wiehern und das Stampfen von Hufen, greife ich in die strähnige Mähne eines Tarpans, spüre das warme pulsierende Leben unter der feuchten Haut. Der fliehende Hengst reißt mich mit sich. Äste peitschen meinen Körper. Raben spreizen die Flügel und fliegen krächzend in die Höhe. Ihre Schwingen streifen mein Gesicht; ich atme den Geruch von Federn und Mähne.

Von einer Klippe herab spähe ich in die Morgendämmerung, hinweg über das mit gelbem Staub bedeckte Land, im Gesicht den schneidenden Wind von den Gletscherströmen und endlosen Firnebenen im Norden.

Nebelschwaden treiben im Tal und über den Fluss schwimmt mit fein geästelten Geweihen ein Rudel Rentiere. Wild und mit heißem Herzen führt meine Faust die geschärfte Feuerstein-Klinge. In der Linken die forkelnde Geweihstange, stoße ich die Silex-Klinge in die Kehle des am Boden liegenden Hirsches. Die weiße Mähne färbt sich rot und die braunen Läufe zucken. Mein Mund saugt das hervorsprudelnde rauchende Blut.

Der Frühling zieht ins Land ein!

Kalla war Ingor gefolgt. Sie hatte ihm durch ihren Vater sagen lassen, dass sie gerne bei ihm bleiben möchte, solange, bis man sie wegschicke oder sie selber zu gehen wünsche. Ingor hatte geantwortet, dass er das nicht alleine entscheiden könne. Er müsse den Schamanen, seinen Großvater, fragen. Kalla war aber gleich schon mit gekommen. Sie hatte sie einen viel einfacheren Weg geführt, als sie ihn genommen hätten. Da war Ingor klar geworden, dass er viele Dinge von ihr lernen konnte. Als sie in ihr Dorf zurück kehrten, wusste der Schamane schon, dass eine Frau der Alten Menschen Ingor gefolgt war. „Es ist gut so“, sagte er. „Durch sie werden mehr von unseren Leuten leben.“ Ingor sollte von ihr die Sprache der Alten Menschen lernen. Das sei wichtig für den Stamm. Kalla zeigte den Frauen essbare Pflanzen, die sie noch nicht kannten.

Ingor und Kalla wohnten in ihrer eigenen Hütte. Seine Eltern, der Großvater und Freunde hatten Felle dazu beigesteuert und beim Bau geholfen. Ihre Schlaffelle hatte Kalla gleich mit gebracht. Ingor lernte Kallas Sprache und Kalla die von Ingor. Kalla lernte viel rascher als Ingor. Ingor tröstete sich damit, dass ihr Vater sie ja wahrscheinlich schon etwas von seiner Sprache gelehrt hatte.

Wenn sie nicht zusammen unterwegs waren, brachte Ingor ihr von seinen Streifzügen oft etwas mit, eine breite Feder aus dem Stoß eines Adlers, goldglänzendes schweres Erz, Steine, die im Sonnenlicht in allen Farben glitzerten, aber auch nützliche Dinge wie Feuersteine, von denen sie scharfe Klingen abspaltete, indem sie mit einem anderen Stein schräg dagegen schlug. Darin war sie sehr geschickt. Ingor fertigte auch eine Speerschleuder mit den zugehörigen Speeren für sie an. Wenn sie allein war, übte sie sich im Werfen damit. Ihre Speere flogen immer weiter und wichen auch immer weniger vom Ziel ab. Eines Tages brachte Ingor ihr eine große Muschel mit. Er hatte sie gegen einen seiner Faustkeile eingetauscht. Die Muschel stamme von einem unermesslich großen See, dessen Wasser salzig schmeckte, dem Meer, wurde gesagt. Wenn man sie an das Ohr hielt, war ein Rauschen zu hören. War dies das Rauschen des Meeres, aus dem die Muschel stammte? Ingor hielt die Muschel Kalla ans Ohr. Kalla lächelte, als sie das Rauschen hörte. Es erinnerte sie an daheim. Auch ihr Volk kannte dieses Rauschen. Es kam aus dem eigenen Körper. Kalla zeigte Ingor ihre Zuneigung auf vielerlei Weise. Am liebsten mochte er, wenn sie ihren Kopf an seine Schulter schmiegte.

Bei den Versammlungen trug Ingor seine Kette mit den Zähnen des Tigers, den er erlegt hatte. Groß, gelb und gebogen lagen die Reißzähne auf seiner Felljacke und die Gefährten und Frauen warfen einen scheuen Blick darauf. Ingor schritt dann stolzer aus und wähnte sich mitunter sogar unbesiegbar. Er konnte zwar vernichtet, aber niemals besiegt werden. Aber Ingor ahnte auch, dass dies vielleicht eine Illusion war.

Von Tag zu Tag mehr Kraft schöpfend, kehrte die Sonne in Waldland und Tundra zurück. Zwar rasten von Zeit zu Zeit noch Schneestürme über das Land, vor denen die Jäger, wenn sie unterwegs waren im Dickicht und unter überragenden Felswänden Schutz suchten, doch warme Westwinde und die Mittagssonne knabberten ununterbrochen an der Schneedecke und schon lugten an den Südhängen Flecken von Moos- und Flechten-Polstern aus der Schneedecke hervor. Dann strömte tagelang der Regen herab und Eis und Schnee tauten mächtig. In den Mulden mit Dauerfrost-Boden sammelten sich die Schmelzwasser und bildeten Tümpel, deren Ränder bald Wollgras mit seinen weißen Flughaaren säumen würde. Große Teile des Landes versanken in unwegsamem Morast.

Bevor jedoch alle Gräser, Kräuter, Büsche und Bäume saftig wurden, brach das Eis des Flusses. Der Fluss brauste unter der Eisdecke und stöhnend und ächzend hob sich die Eisfläche; Sprünge liefen durch das Eis und Wasser spritzte aus den Rissen. Tag und Nacht donnerte das Eis und wurde immer grauer, bis schließlich die Eisdecke von der Wasserfülle in Stücke gerissen wurde. Aber die Eisschollen kamen erst in Fahrt, als einige Tage später die Eissperre am unteren Flusslauf brach. Mit gewaltigem Getöse wurden da die Eisschollen von den Fluten stromabwärts geschoben. Dunstschwaden trieben über die erwachende Erde, doch die Sonne am blassblauen Himmel schaffte sich Bahn.

Die Luft war erfüllt von den Rufen nordwärts reisender Vogelschwärme. Auch die Rentiere kehrten zurück, viele schon mit neuen samtenen Geweihen. In kleinen Rudeln zerstreuten sie sich über die Weite des Landes. Den Bären lief das Schmelzwasser in die Winterhöhlen. Sie erwachten, reckten und streckten die eingerosteten Glieder und krochen abgemagert und schlotterndem Fell ans Tageslicht.

Eine Mammut-Herde wurde gesichtet. Ingor erschrak bis ins Mark, als er die gewaltigen Tiere mit ihrem im Profil deutlich sichtbaren Rückenhöcker, ihren gebogenen Stoßzähnen und hin und her schwankenden Rüssel in der Ferne erblickte. Sie erinnerten ihn an einen Traum, in dem die Jagd auf das Mammut in einer Katastrophe endete.

Der Männer im Lager bemächtigte sich eine große Aufregung. Die jungen Männer wollten sich an eines der Tiere heranschleichen und ihm von unten den Speer in die Eingeweide rammen. Auf Können und Glück eines Jägers allein kommt es dann an. Er allein folgt der Herde, nur in Gedanken sind die Gefährten bei ihm. Wenn die Kolosse um die Mitte des Tages dahin dösen und ausruhen, gleitet er an eines der Tiere heran, gegen den Wind und geräuschlos, den Körper mit den Exkrementen der Dickhäuter eingeschmiert, das Pochen des Herzens in der Halsschlag-Ader. Wenn er zustößt und in den Augenblicken, die folgen, bewegt er sich im Schatten des Todes. Nicht immer stürzt das überrumpelte Mammut brüllend davon und seine Gefährten mit ihm. Wird der Angreifer bemerkt, so ist kein Platz mehr für ihn unter den Lebenden. Ein Rüsselschlag schmettert ihn zu Boden, die gewaltigen Füße zermalmen ihn zu einem roten Fleck. Das Mammut mit dem Speer in den Eingeweiden aber verblutet.

 Ingor sagte, es sei genug anderes Wild da, sie sollten die großen weisen Tiere in Frieden ihre Wege ziehen lassen. Aber darauf hörten die jungen Männer nicht. Sie wollten sich vor den Frauen hervor tun.

Wiederholt hörte Ingor in Träumen die Gefährten in Todesnot schreien. Von Entsetzen gepackt, fuhr er dann aus dem Schlaf hoch, die Schreie im Ohr und die sich im Todeskampf krümmenden Leiber der Gefährten vor Augen.

Ingor ließ die Träume über sich ergehen wie Rentiere einen Schneesturm, stillhaltend und abwartend. Sie strahlten noch eine Zeitlang in sein Tages-Bewusstsein, dann vergaß er sie halbwegs. Eine Woche später träumte er wieder von den großen Tieren mit den nach rückwärts gekrümmten Stoßzähnen. Er und seine Gefährten standen auf dem schmalen Sims einer Felswand und der Rüssel eines zornigen Mammut-Bullen  langte hinauf und packte einen Gefährten nach dem anderen. Sie stachen mit ihren Speeren nach dem Mammut, aber sein Rüssel umschlang ihre Beine und zog sie herunter, zerschmetterte und zerstampfte sie. Vor ohnmächtiger Wut und Entsetzen geriet Ingor außer sich. Hätte er nur seine Wurfschlinge dabei. Mit der Wurfschlinge hätten sie sich retten können. Er musste sie nur über einen der Felsen über ihnen werfen. Sich an den geflochtenen Leder-Riemen hochziehend, hätten sie die Felswand ganz erklettern und aus dem Bereich des Mammut-Rüssels fliehen können.

Ingor sprach mit Kalla über seine Träume. „Ach deshalb schläfst du in letzter Zeit so unruhig“, sagte sie. „Wir müssen beten, dass es nicht so kommt. Durch Beten lässt sich Unheil abwenden. Außerdem musst du immer deine Wurfschlinge dabei haben, wenn dir dies mitunter auch unsinnig erscheint.“ Ingor nickte und warf einen Blick auf seine Wurfschlinge, die aufgewickelt an einer Zeltstange hing. Er machte sich daran, ihre Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Kalla aber versenkte sich in ein Gebet.  

 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 27. Mai bis 09. Juni 2009: Der Schamane der Alten Menschen heilt Bär, dem der Prankenhieb des Tigers den Arm aufgerissen hat!

Die Energien des rituell verwendeten Faustkeils! 

Der Schamane der Alten Menschen heilt Bär, dem der Prankenhieb des Tigers den Arm aufgerissen hat!

Ingor beobachtete das Ritual der Alten Menschen und verlor dabei jedes Zeitgefühl. Als er sich einmal umwandte, sah er, dass ihr eigenes Feuer herab gebrannt war. Es musste viel mehr Zeit vergangen sein, als er geglaubt hatte. Bär legte eine dicke Schicht Äste auf die Glut. Er schien zu frieren. Ingor wandte sich wieder dem Ritual der Alten Menschen zu. Ein starkes Kraftfeld war dort entstanden. Ingors Aufmerksamkeit ging dort hin und Ingors Seele folgte seiner Aufmerksamkeit und tauchte in das Kraftfeld der Alten Menschen ein. Die Kraft ging von dem Totem-Tier der Alten Menschen aus. Es hatte die Gestalt des von Ingor erlegten Wollnashorns angenommen und schwebte über dem Feuer der Alten Menschen. So etwas wie ein Schlauch hatte sich auf das Geister-Nashorn herab gesenkt und durch diesen Schlauch floss ihm Energie von einer höheren mächtigeren Wesenheit zu. Das Geister-Nashorn, das Totem-Tier der Alten Menschen, aber verteilte diese Energie an diejenigen, die an dem Ritual teilnahmen, und auch Ingor erhielt seinen Anteil, dessen Geist anwesend war. Immer mehr floss ihm von der Energie des Geister-Nashorns zu und stärkte ihn. Ingor fühlte sich über alle Maßen stark, so stark, dass er glaubte, jeder Gefahr entgegen treten zu können. Noch viel stärker aber war er, wenn die Gefährten ihm halfen und sie alle zusammen hielten.  

Einer der Gefährten berührte Ingor an der Schulter und zeigte auf Bär. Ingor wandte sich um. Bär war gerade dabei, sich seiner Fellkleidung zu entledigen. Auch den Verband riss er sich von seinem Arm herunter und legte ein Stück Fleisch von dem Wollnashorn auf seine Verletzung.

„Er tut und sagt seltsame Dinge“, sagte der Mann, ein Freund Bärs, der Ingor auf das Verhalten Bärs aufmerksam gemacht hatte. Er schien sehr besorgt. „Einmal glaubt er zu Erfrieren und verlangt immer mehr Felle, mit denen wir ihn zudecken sollen und kriecht damit fast in das Feuer hinein, das nicht hoch genug brennen kann. Dann wieder glaubt er zu verbrennen und zieht sich aus und wälzt sich mit nacktem Körper im Schnee. Er glaubt auch, dass ihm nur das tote Wollnashorn helfen kann. Deshalb legt er sich auch das Fleisch das Wollnashorns auf seine Verletzung. Auf seinem Arm war übrigens ein roter Strich zu sehen.“

Als sie näherkamen, begann Bär wieder zu frieren. Er zitterte am ganzen Körper und klapperte so laut mit den Zähnen, dass es alle hören konnten.  

Ingor sagte: „Ich werde den Schamanen der Alten Menschen bitten, dass er Bär hilft.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er zu ihm hin. Er war besorgt um Bär. Jetzt wo es für Bär um Leben oder Tod ging, verblasste der Streit, den sie miteinander hatten. Bär durfte nicht sterben. Er war ein guter Jäger, der den Stamm schon oft mit Jagdbeute versorgt hatte. Sein Tod würde eine Lücke reißen. Es war schon schlimm genug, dass Bärs Bruder Gru vor der Zeit auf die andere Seite gegangen war.

Ingor fragte sich, ob der Schamane der Alten Menschen Bär auch wirklich helfen konnte und blickte zu ihm herüber. Da „sah“ Ingor das Zeichen der Heilung über dem Kopf der Schamanen, wie er es auch von seinem Großvater, dem Schamanen seines Stammes, her kannte. Es war ein „Licht“ mit einem hellen inneren Kern. Wenn sein Großvater heilte, dann vergrößerte sich dieser Kern um mehr als das Hundertfache und „erstrahlte in einem gleißend hellen Licht“.

Ehrerbietig blieb Ingor in einiger Entfernung vor dem Lagerplatz der Alten Menschen stehen, dort, wo er spürte, dass das Kraftfeld ihres Totem-Tieres begann. Der Schamane blickte zu Ingor herüber und Ingor wies zurück auf Bär, der sich frierend unter seine Felle neben dem Feuer verkrochen hatte. Der Schamane richtete seinen Blick auf den Mann, der Ingors Sprache verstand. „Bring den Mann her, den der Tiger mit seiner Pranke verletzt hat!“ sagte dieser. „ Der Schamane will ihm helfen.“

Ingor dankte und sagte: „Wir werden ihn herbringen!“ Dann ging er zu seinen Leuten zurück. „Der Schamane der Alten Menschen will dir helfen“, sagte er zu Bär, der immer noch mit den Zähnen klapperte. „Wir sollen dich zu ihm hinbringen.“ Er reichte Bär die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Doch dieser stieß seine Hand zurück. Ingor wandte sich an die Gefährten. „Bringt ihn zu dem Schamanen der Alten Menschen“, sagte er, „sonst wird er vielleicht sterben. Was auch immer zwischen ihm und mir vorgefallen ist, Bär war und bleibt einer unserer klügsten und besten Jäger. Unser Stamm kann nicht auf ihn verzichten.“

Bär schien doch noch nicht ganz verwirrt zu sein, denn er stieß hervor:„Auf eine Lobrede von dir aber kann ich verzichten“, sagte er und murmelte zusätzlich noch etwas Unverständliches, auf das aber niemand achtete. Alle wussten, dass Bär sehr krank war und ihm geholfen werden musste. Andernfalls konnte er vielleicht sterben.

Zwei seiner stärksten Freunde nahmen Bär denn auch in ihre Mitte und brachten ihn zum Lagerplatz der Alten Menschen. Bär wollte sich dagegen wehren, am ganzen Körper zitternd, hatte er jedoch nicht die Kraft dazu. Ingor ging voran. Der Schamane der Alten Menschen wies ihnen einen Platz am Feuer zu. Bärs Atem ging schnell und er zitterte wie Espenlaub. Der Schamane aber begann mit seinem Heilungs-Ritual. Er nahm den Faustkeil, dem das Nashorn entstiegen war und bewegte seine Rechte darüber. Es war immer die gleiche Figur, die seine Hand beschrieb. Ingor spürte eine große Kraft in den Bewegungen der Hand des Schamanen und als er einmal hochblickte, sah er, dass das „Licht“ der Heilung über dem Kopf des Schamanen in großer Stärke „entflammt“ war. Nach und nach erkannte er auch die Figur, welche der Schamane mit seiner Rechten über dem heiligen Faustkeil zeichnete. Es war eine sich nach innen drehende Spirale, die in einem Kreis endete. Diesen Kreis am Ende der Spirale umfuhr die Hand des Schamanen jedesmal mehrere Male.

Nach innen sich windende Spirale, die in einem Kreis endet, von der Heilkraft ausgeht!

Zu seiner Verwunderung spürte Ingor, dass die Figur Heil-Energie ausstrahlte, die sich allmählich verstärkte. Der Schamane ging zu Bär und schlug das Fell über Bärs verletztem Arm zurück. Dort, wo die Pranke des Tigers Bärs Arm aufgerissen hatte, war das Fleisch rot und geschwollen. Der Schamane blickte darauf, dann beschrieb seine Rechte darüber immer wieder eine sich nach außen drehende Spirale. Von Zeit zu Zeit schleuderte er etwas ins Feuer, von dem Ingor nur soviel wahrnehmen konnte, dass es etwas Negatives war, das sich in Bärs Körper ausgebreitet hatte. Nach einer Weile folgte der spiralförmigen Bewegung des Schamanen plötzlich eine schemenhafte Gestalt, die etwas Lebendiges war. Ingor schrak auf. Dieses Wesen ließ sich nicht ins Feuer schleudern, sondern war sofort verschwunden. Es war der Krankheitsgeist, der von Bär Besitz ergriffen hatte und nun von dem Schamanen hinaus geworfen worden war. Bär wurde im gleichen Augenblick ruhiger. Es schien, als ob er von einer Last befreit worden sei. Anscheinend ging es ihm nun besser. Der Schamane zog noch längere Zeit negative Energien aus Bärs Körper und schleuderte sie in die Flammen. Schließlich reinigte er mit seiner linken Hand auch seine Rechte, mit welcher er die negativen Energien aus Bärs Körper hinaus gezogen hatte. Dann ging der Schamane zum zweiten Teil der Heilung über. Seine Rechte beschrieb jetzt über Bärs Körper und den Spuren des Prankenhiebs die Figur, die er auch über dem heiligen Faustkeil gezeichnet hatte, nämlich nun eine sich nach innen drehende, in einem großen Kreis endende Spirale.

Ingor „sah“, dass das „Licht“ der Heilkraft über dem Kopf des Schamanen zu noch größerer „Helligkeit“ und Ausdehnung entflammt war und er spürte auch  die Heilkraft, die von der sich nach innen windenden in einem Kreis endenden Spirale ausging und nun Bär, ihrem Gefährten, zugute kam. Bär war ganz ruhig geworden. Er schien sich zu entspannen. Es ging ihm offensichtlich besser. Seine Freunde, die ihn in ihre Mitte genommen und zu dem Schamanen gebracht hatten, wirkten nun weniger besorgt. Sie sahen Ingor dankbar lächelnd an. Auch Ingor fühlte sich erleichtert. Er war dem Schamanen  dankbar, dass er einen ihrer  Jäger anscheinend vor dem Tod bewahrt hatte.

Der Schamane hielt noch eine ganze Weile seine Hand über Bärs Verletzung und ließ Heilkraft in Bärs Körper strömen, die ihm eine höhere Wesenheit zukommen ließ. Der Schamane war der Kanal für die Heilkräfte dieser höheren Wesenheit. Seine Hand bewegte der Schamane jetzt nicht mehr.

Es hatte sich jemand hinter Ingor gestellt. Als er eine Bewegung machte, berührte er diese Person und Ingor wandte ihr den Kopf zu. Es war Kalla. Er hatte während der Heilung von Bär durch den Schamanen nicht an sie gedacht. Als er sie nun hinter sich stehen sah und sie ihm in die Augen blickte, gab es ihm einen Stich ins Herz. Er würde sie nicht so leicht vergessen können. Aber das musste er auch nicht. Es geschah nämlich etwas, das er nicht im Geringsten erwartet hatte.  

 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 13. Mai bis 26. Mai 2009: Der magische Faustkeil des Schamanen der Alten Menschen!

Das Geister-Nashorn als Totem-Tier aus dem Faustkeil! 

Wollnashorn aus dem Neanderthal-Museum; Kopie eines fein gearbeiteten Faustkeiles (des Archäologen Holger Junker) mit – wie der Autor festzustellen glaubt - magischer Ausstrahlung. Das Original sollte von einem Kultplatz von Steinzeit-Menschen stammen. (eigene Fotos)

I

Ingor, der Enkel des Schamanen – Der magische Faustkeil des Schamanen der Alten Menschen!

Als Kalla und Ingor um ein Weidengebüsch herum bogen, hatten sie freien Blick auf das Lager und er ließ sie los. Mit Erschrecken sahen sie, dass ein Kampf entbrannt war. Einer der Alten Menschen stieß Bär vor die Brust, dass er zurücktaumelte und in den Schnee stürzte. Bär war sofort wieder auf den Beinen, entriss einem Gefährten die Harpune und schleuderte sie, ohne jedoch zu treffen.

Die Alten Menschen waren aufgesprungen. Einen großen Knochen wie eine Keule schwingend, stürzte einer von ihnen auf Bär los. Bär flüchtete auf die andere Seite des Feuers hinter seine Gefährten. Diese griffen zu ihren Speeren.

Ingor und Kalla liefen, so schnell sie konnten, auf den Kampfplatz zu. „Nicht werfen!“ schrie Ingor und Kalla rief etwas mit bebender Stimme, das er nicht verstand. Da senkten die Kontrahenten ihre Waffen ein wenig. Mit angespannten Muskeln standen sich die beiden Parteien gegenüber.

„Worauf  wartet ihr noch!“ schrie Bär. „Tötet sie!“

Ingor stellte sich zwischen seine Gefährten und die Alten Menschen und Kalla ging mit ausgebreiteten Armen und beschwichtigender Stimme auf ihre Leute zu.

„Was ist geschehen?“ fragte Ingor.

„Ich stehe ganz friedlich am Feuer, da greift mich dieses Ungeheuer an“, begann Bär zu schimpfen. „Das ist alles deine Schuld. Wenn du den Alten Menschen nicht das Wollnashorn überlassen hättest, wäre das nicht passiert.“

Der Dolmetscher der Alten Menschen mischte sich ein:

„Dein Gefährte hat sich nicht an die Abmachung gehalten, die wir getroffen hatten, nämlich dass uns das Gerippe und die Überreste des Wollnashorns gehören, wie sie da liegen. Er hat sich noch weitere Knochen geholt, um sie zu zertrümmern. Das konnten wir nicht zulassen. Das Wollnashorn ist unser Totemtier. Wir brauchen die Knochen, damit es wieder auferstehen kann. So glauben das meine Gefährten.“

„Nein“, so war das nicht“, widersprach Bär, „diese Markknochen besaß ich schon, noch bevor ihr eure Abmachung getroffen hattet, mit der ich sowieso nicht einverstanden bin. Ich wollte sie meinem toten Bruder mit ins Grab geben. Er hat das Mark darin so gerne gegessen.“

„Stimmt das“ fragte Ingor die anderen, „besaß er die Markknochen schon?“. Einer schüttelte den Kopf: „Nur einen Teil davon. Er hat sich noch welche dazu geholt.“ Die anderen sagten nichts.

„Nimm alle Knochen!“ wandte Ingor sich an den Dolmetscher „und ihr sollt auch das Horn des Wollnashorns haben“, sagte er, einem Impuls folgend und Ingor ging und holte das lange schwarze Horn des Wollnashorns, das er in ein Fell gewickelt hatte, und reichte es Kalla. Kalla strahlte über das ganze Gesicht, doch ihre großen Augen schimmerten feucht, als sie es entgegennahm.

„Es ist gut, dass du das Horn meiner Tochter gibst“, sagte der Dolmetscher, nachdem er die Knochen eingesammelt hatte. „Kalla wird deine Gabe dem Schamanen als ein Zeichen des Friedens überreichen. Es wird ihn freundlich stimmen.“

Ingor reichte dem Dolmetscher, Kallas Vater, wie er nun wusste, die Hand und dann auch Kalla. Kallas Augen hafteten an Ingors Gesicht und Ingor konnte nicht anderes und presste sie an sich. Dann schieden sie. Ingor blickte ihr nach. Bevor sie dem Schamanen das Horn des Wollnashorns überreichte, wandte sie sich noch einmal nach Ingor um und hob ihre Hand und auch Ingor winkte ihr zu.

Die Alten Menschen fuhren fort, Fleisch von den Knochen abzulösen. Die Knochen trugen sie anschließend an einer Stelle zusammen.

„Es scheint, dass sie die Knochen des Wollnashorns begraben wollen“, dachte Ingor sich und Bär spottete:

„Das Wollnashorn ist ihr hoch verehrtes Totemtier, ihr lieber Freund und Bruder, dem sie die letzte Ehre erweisen. Dieses urtümliche Tier passt ganz gut zu ihnen, hässlich, aber leider auch stark. Jetzt sammeln sie die Knochen, damit es wieder auferstehen kann. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie sie auch noch rot anmalen oder rote Erde darauf streuen. Was für ein dummer Aberglaube! Aber das Wollnashorn kann ja gar nicht mehr vollständig auferstehen“, fuhr er hämisch fort. „Einige seiner Knochen sind schon hier im Feuer verbrannt. Da werden sie sich aber sehr grämen, wenn es dann lahmt. Ob sie Ingor je verzeihen  können, was er ihrem Freund und Bruder angetan hat?

Zu seinem Glück wird Kalla, so hieß doch diese gewöhnungsbedürftige Schöne, für ihn sprechen. Habt ihr gesehen, wie sie Händchen hielten, als sie aus dem Fichtenwäldchen heraus kamen. Was mag dort wohl geschehen sein? Sie waren lange fort. Ihr hat er ja auch das Horn des Wollnashorns geschenkt.“

Ingor hielt es nicht für notwendig, auf Bärs Schmähreden zu antworten. Er blickte zu den Alten Menschen hinüber und beobachtete, wie der Schamane einen größeren Fellstreifen über die Knochen ausbreitete – anscheinend ein Stück Fell des Wollnashorns. Darauf legte er etwas, das wie ein feingearbeiteter Faustkeil aussah. Das lange schwarze Horn des Wollnashorns legte er daneben, wie Ingor mit Wohlgefallen bemerkte. Die Gefährten des Schamanen, darunter auch Kalla, standen um ihn herum. Ingor stellte sich auf die Zehenspitzen, um dem Geschehen besser folgen zu können. Der Schamane erhob seine beiden Arme zum Himmel. Er schien die Geister anzurufen. Seine Beschwörungen, die der Wind herübertrug, konnte Ingor nicht einmal als die Worte von Menschen verstehen. Sie schienen ihm wie Naturgeräusche von großer magischer Kraft. Und dann sah Ingor mit großem Erstaunen, wie in dem Faustkeil eine Kraft zu rotieren begann und einen Wirbel bildete, wie er ihn aus rasch fließendem Wasser kannte. Der Wirbel färbte sich rot und dehnte sich aus und dann formte sich in dem magischen Wirbel ein Gebilde mit großem Kopf und langem Horn und wuchs allmählich zu voller Größe heran – ein Geister-Nashorn, das Totem-Tier der Alten Menschen - der Geist des von ihm erlegten Woll-Nashorns, wie Ingor plötzlich bewusst wurde.  

 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 29. April bis 12. Mai 2009: Ingor lernt die Liebe kennen!

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind, Lehmbruck Museum Duisburg

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind, Lehmbruck Museum Duisburg (eigenes Foto)

I

Ingor lernt die Liebe kennen!

Ingor betrachtete die Ankömmlinge neugierig. Zwei der Alten Menschen wichen in ihrem Aussehen von den anderen ab, wenn sie auch die gleiche Kleidung trugen. Insbesondere der ältere der beiden sah den  Leuten aus Ingors Stamm ähnlich. Es war dieser Mann, der nun einen Schritt vortrat und zu sprechen begann. Er suchte dabei nach Worten und sprach stockend, aber man konnte ihn verstehen, wenn seine Aussprache auch etwas seltsam klang. „Ich bin von Eurem Volk“, sagte er. „Die Alten Menschen haben mich aufgenommen, sonst wäre ich verhungert. Alle meine Stammes-Angehörigen waren schon den Hunger-Tod gestorben.“

„Er lügt“, flüsterte Bär. „Er ist ein Ausgestoßener, der bei diesen Leuten Zuflucht gefunden hat. Wir dürfen seinen Worten nicht trauen.“

Der Mann fuhr fort, ohne darauf einzugehen, was Bär gesagt hatte. Vielleicht hatte er dessen Flüstern auch nicht verstanden.

„Du, der du jetzt gegen mich geredet hast“, sagte er, „wirst sterben, wenn dir unser Schamane nicht hilft. Das Gift in deinem Blut entfaltet schon seine Wirkung.“

Der Mann wandte sich Ingor zu: „Der Schamane sagt, dass ein mächtiger Folge-Geist über dir wacht. Dieser Folge-Geist war es, der mit deiner Hilfe zuerst das Nashorn und dann den Tiger getötet hat. Wir wenden uns deshalb an dich, auch wenn du noch sehr jung scheinst. Deine Gefährten werden tun, was du ihnen vorschlägst.

Ihr müsst auch wissen, dass dies hier unser Jagd-Gebiet ist. Die Leute, zu denen ich jetzt gehöre, und ihre Vorfahren haben seit vielen, nicht zählbaren Generationen alle vertrieben, die hier her gekommen sind, um zu jagen. In Zukunft solltet ihr das berücksichtigen.

Wir möchten jetzt nur, dass ihr uns die Knochen und das Gerippe des Wollnashorns überlasst, so wie sie dort liegen. Seid ihr damit einverstanden?“

Ingor wandte sich an die Gefährten: „Was meint ihr dazu?“ fragte er. Bär sagte: „An dem Wollnashorn ist noch viel Fleisch dran. Außerdem kriegen sie dann alle Markknochen, wenn wir es ihnen überlassen.“ Ein anderer sagte: „Wir müssen damit einverstanden sein; sie sind in der Überzahl.“ Alle nickten, nur Bär nicht.

„Wir sind mit deinem Vorschlag einverstanden“, wandte Ingor sich an den Sprecher der Alten Menschen. Mit einem Seitenblick auf Bär, sagte er: „Wir bitten euren Schamanen auch, dass er unseren Gefährten heilt, dessen Arm die Pranke des Tigers aufgerissen hat. Außerdem möchten wir euch einladen, von der nahrhaften Suppe dort zu trinken. Sie ist noch heiß.

Unsere Leute werden bald kommen und uns beim Transport des Fleisches helfen“, fügte er noch hinzu. „Dann verlassen wir euer Land wieder.“

Der Sprecher der Alten Menschen nickte: „Danke, dass ihr einverstanden seid“, sagte er „und auch danke für die Einladung. Es ist gut, dass ihr unser Land wieder verlassen werdet.“

Dann wandte er sich an seine Leute. Es waren ungewohnte Laute die sie jetzt zu hören bekamen. Sie hätten nicht gedacht, dass dies die Sprache von Menschen war. Eher schien es ihnen wie Naturgeräusche, wie das Knacken von Ästen und das Murmeln von Wasser. Aber als die Alten Menschen von der Suppe tranken, waren sie wiederum überrascht, wie sehr ihre Becher aus Birkenrinde den ihren glichen. Als die Alten Menschen Äste sammelten und ein Feuer anzünden wollten, brachte Ingor ihnen einen brennenden Äst mit viel Glut daran. Der Jüngste bedankte sich mit einem freundlich klingenden Gurren. „Seine Haut ist zart und ohne Bartwuchs“, dachte Ingor und betrachtete ihn. Dieser warf ihm einen fragenden Blick zu und lächelte. Dann begann er an seiner Felljacke zu ziehen und sich die Haare aus der Stirn zu streichen. Als Ingor diese Bewegungen sah, wurde ihm klar, dass es eine Frau war. Und nun sah er auch, dass sich unter ihrem Fellkleid ihr Busen abzeichnete. Ingor erwiderte ihr Lächeln und ging zu seinen Leuten zurück.

Dort sagte er leise: „Es ist möglich, dass wir ihnen tatsächlich nicht trauen dürfen. Wir wissen nicht, welche Erfahrungen sie mit Menschen, wie wir es sind, gemacht haben. Diese könnten sehr schlecht sein. Es muss deshalb wenigstens einer von uns immer wach bleiben. Außerdem müssen wir unsere Leute durch Rauchsignale verständigen. Sie sollten wissen, dass die Alten Menschen hier sind. Ich werde jetzt Holz sammeln, das qualmt, wenn wir es auf das Feuer legen. Es reicht auch schon, wenn die Alten Menschen annehmen, dass unsere Gefährten informiert sind. Dann sind wir sicherer.“

Ingor stapfte in Richtung einiger Fichten, um von ihnen grüne Zweige abzubrechen. Er stieg einen Steilhang hinauf und blieb plötzlich verdutzt stehen. Auf halbem Weg erwartete ihn eine der Alten Menschen. Es war die Frau, deren Lächeln er erwidert hatte. Sie hatte ihr Haar gelöst. Hellblond quoll es unter ihrer Mütze aus Wolfsfell hervor. Als er sie erreichte, zeigte sie auf sich und sagte „Kalla!“. Dies war wohl ihr Name. In Ingors Ohren klang er undeutlich, er konnte das Wort kaum verstehen. Er wollte sich überlegen vorkommen, unterdrückte aber diese Anwandlung und wiederholte ihren Namen: „Kalla!“ Sie schien verwundert und beeindruckt. Aus seinem Mund klang ihr Name wohl artikulierter. So hatte sie ihn vorher vielleicht noch nie gehört. Ingor zeigte auf sich und nannte seinen Namen „Ingor!“. Sie wollte ihn wiederholen, konnte es aber kaum. Es kam nur so etwas wie „Iikoo“ heraus. Ingor sagte ihr noch ein paarmal seinen Namen langsam und mit Betonung vor und sie versuchte ihn nachzusprechen, was ihr allmählich besser gelang. Schließlich wollte Ingor weitergehen. Sie blieb jedoch in seinem Weg stehen. Er hätte schon um sie herumgehen müssen. So unhöflich wollte er aber nicht sein. Er wusste nicht, was er tun sollte. Sie nahm etwas Schnee in den Mund und als er geschmolzen war, schluckte sie die Flüssigkeit hinunter und sagte „Yak“. Ingor verstand, dass sie mit dem Wort „Yak“ nicht den Schnee, sondern das trinkbare Wasser meinte. Er übersetzte „Wasser“. Sie wiederholte das Wort „Wasser“, aber es klang so, dass er es kaum wieder erkannte. Ingor wiederholte lächelnd ihren Namen Kalla, nahm dann selber etwas Schnee in den Mund. Als der Schnee geschmolzen war, spuckte er die Flüssigkeit aus und sagte „Yak“. Kalla nickte und strahlte über das ganze Gesicht. Ingor sah jetzt, dass sie auf ihre Art schön war, jedenfalls solange sie ihm nicht das Profil ihres Gesichtes zuwandte. Ihre zurückweichendes Kinn und ihre zurückweichende Stirn gefielen ihm weniger. Sie zeigten noch auf dieses und jenes und tauschten noch eine Reihe von Begriffen aus, wobei er über ihre Versuche lachen musste, seine Worte nachzusprechen. Sie hingegen schien verwundert und beeindruckt darüber, dass sein Mund so schwierige Klanggebilde hervorbringen konnte. Zumindest tat sie so. Bei ihrem Radebrechen erschien sie ihm wunderschön, jedenfalls solange er sie nicht von der Seite ansah. Sie lachten zusammen und Ingor dachte, dass sie sich gut verstanden. Schließlich sagte sie einen Satz und nannte ein Wort, ohne dabei auf einen Gegenstand zu zeigen. Ingor zuckte die Achseln. Da hob sie die Arme und machte die Bewegung des Kinderwiegens, wobei sie ihn bittend und etwas verlegen ansah. Ingor schüttelte den Kopf. Er konnte sich keinen Reim darauf machen und wollte schließlich weitergehen. Da nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn in das Fichtenwäldchen hinein. Ingor war so verblüfft, dass er überhaupt nicht an Widerstand dachte. Vielleicht wollte sie ihm etwas zeigen. Dann fiel ihm ein, dass sie sich vielleicht ein Kind von ihm wünschte, so wie damals diese andere Frau aus seinem Stamm. Da begann sein Herz heftig zu pochen. Unter einer Kiefer mit tief herabhängenden schneebedeckten Zweigen blieb sie stehen. Sie sah ihn schelmisch an, schüttelte dann plötzlich an den Ästen, so dass eine Menge Schnee auf Ingor herabfiel. Dann floh sie und Ingor lief ihr nach. Sie ließ sich fangen, aber als Ingor sie dann gepackt hatte, wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. Halbherzig versuchte sie, sich ihm zu entziehen. Da legte er seine Arme um sie. Als sie sich weiter wehrte, verstärkte er seinen Druck und presste sie an sich. Er spürte ihren weichen Busen und begann tief zu atmen. Sein Herz klopfte und seine Brust hob und senkte sich und er vergaß völlig, dass sie eine Angehörige der Alten Menschen war, auf die sie gewöhnlich etwas herabsahen. In diesem Augenblick verblasste selbst sein Triumph über den Tiger. Sie schnupperte an seiner Wange und auch er war eingetaucht in ihren Dunstkreis. Ihr Geruch war schwer und süß und erinnerte ihn an den Milch-Geruch stillender Tiermütter. Nach einer Weile glitt seine Hand unter ihren Pelz und begann ihre Brust zu betasten. Sie ließ es geschehen, aber als er ihre Brustwarzen streichelte, begann sie plötzlich zu keuchen und ließ sich rückwärts in den Schnee fallen. Mit zitternden Händen streifte er alle hindernden Kleidungsstücke beiseite und sein  Glied drang in sie ein. Ihre Lippen verbanden sich zu einem leidenschaftlichen Kuss. Er spürte die Enge aufgrund ihrer Erregung und geriet außer sich. Sie zuckte und wand sich unter seinen Stößen und schließlich kam sein Samenerguss. Da stieß er sein Glied tief in ihre Scheide und verharrte so, bis die Sameneruptionen zu Ende waren. Währenddessen hielt sie ihn fest und presste ihm ihren Unterleib entgegen. Als es vorbei war, ließ er sie los und sie standen auf und brachten ihre Kleider wieder in Ordnung. Dabei sah sie ihn unverwandt an. Ihr Gesicht glühte. Es war, als ob sie sich sein Bild für immer einprägen wollte. Ingor fand, dass ihre Augen so blau waren wie der Himmel.

„Wir müssen zurück zu unseren Leuten“, sagte er und wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Er begann Fichten-Äste abzubrechen und Kalla half ihm dabei. Dann machten sie sich auf den Rückweg. Bevor sie aus dem Fichtenwäldchen heraustraten, umarmten und küssten sie sich noch einmal. Zärtlich flüsterte sie seinen Namen, so gut sie konnte, legte ihren Kopf an seine Schultern und sah ihn mit ihren großen blauen Augen an. Ingor aber streichelte ihr Haar und küsste sie auf die Wange. Fast gewaltsam löste er sich schließlich aus ihrer Umarmung. Es war nicht gut, wenn sie beide zusammen zu lange weg waren. Er wusste nicht, wie die Alten Menschen reagieren würden, wenn sie sie beide in trauter Zweisamkeit zusammen sahen, wie seine Gefährten sich verhalten würden, konnte er sich jedoch lebhaft ausmalen. Bei jeder Gelegenheit würden sie ihn damit aufziehen, dass ihn eine dieser Troll-Frauen verführt hatte. Es tat ihm leid, dass sie nicht zusammen bleiben konnten. Aber das war unmöglich. Hand in Hand gingen sie zurück. Als sie um ein Weidengebüsch bogen, hatten sie freien Blick auf das Lager und er ließ sie los. Mit Erschrecken sahen sie, dass ein Kampf entbrannt war. Einer der Alten Menschen stieß Bär vor die Brust, dass er zurücktaumelte und in den Schnee stürzte.

Ingor, der Enkel des Schamanen, 15. bis 28. April 2009: Begegnung mit den Alten Menschen!

Mensch der Urzeit aus dem Neanderthal Museum!

Mensch der Urzeit aus dem Neanderthal Museum! (eigenes Foto)

Begegnung mit den Alten Menschen!

Ingor wandte sich dem Tiger zu. Er musste ihn häuten. Das Fell wollte er seinem Großvater schenken; die weiß schimmernden Reißzähne des Tigers aber für sich behalten. Er würde sie zu einer Kette zusammen fügen.

Sein Vater kam ihm zu Hilfe.

„Das Fell werde ich Großvater schenken“, sagte Ingor.

„Ja, das solltest du tun“, stimmte sein Vater zu. „Er wird es in sein Zauberzelt hängen und alle werden es sehen und sich daran erinnern, dass ein einzelner Mensch fähig ist, diese übermächtige Raubkatze zu besiegen. Es wird ihnen Mut machen und sie werden sich auch daran erinnern, dass du es bist, der ihnen dies gezeigt hat.“

Ingor nickte überrascht. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Ihm wurde mit einmal klar, dass er einer derjenigen war, mit dem der Weg des Menschen als dem Herrn über die Erde begann.

„Ich werde dir helfen, ihm den Pelz abzuziehen“, fuhr sein Vater fort. „Wir dürfen immer nur kleine Schnitte machen, damit das Fell unversehrt bleibt.“

Die anderen fuhren fort, das Wollnashorn zu zerlegen. Zum Teil häuteten sie das Urtier auch. Mit Boxen und Zerren rissen sie die Decke herunter. Ihre Feuerstein-Klingen traten dabei nur ab und zu in Aktion. Zwischendurch steckten sie sich Fleisch- und Fettstücke in den Mund. Lange bevor sie mit dem Zerlegen der Beute fertig waren, loderte ein Feuer empor und sie begannen zu kochen und zu braten. Nachdem sie viel rohes Fleisch verzehrt hatten, verlangte es sie nun nach Gesottenem und Gebratenem, vor allem aber auch nach Flüssigkeit. Alle verspürten einen gewaltigen Durst. Sie spannten ein großes Stück Nashornfell zwischen mehreren Stöcken auf, stopften es voll mit Schnee und gefrorenem Blut. Dann legten sie heiße Steine dazu, die sie rotglühend aus dem Feuer holten. Immer noch mehr Schnee häuften sie in ihrem „Felltopf“ auf. Der Schnee schmolz, Flüssigkeit sammelte sich an, lief in der Mitte zusammen und begann über den heißen Steinen zu blubbern. Da legten sie auch fettes Fleisch und lange Markknochen hinzu, die über den Rand des Fells hinaus lugten. Sie sammelten auch essbare Pflanzen sowie die inneren Schichten von Baumrinde und warfen sie in das kochende Wasser. Braten- und Kochdüfte erfüllten die Luft und das Wasser lief ihnen im Mund zusammen. Mit Bechern aus Birkenrinde schöpften sie immer wieder von der nahrhaften Suppe und tranken sie andächtig in kleinen Schlucken. Dann schlugen sie wieder ihre Zähne in gebratenes Fleisch und säbelten die Bissen mit ihren Feuerstein-Klingen dicht vor ihren Lippen ab. Das Fett tropfte ihnen dabei aus den Mundwinkeln. Und dann zertrümmerten sie auch die Knochen, von denen sie das Fleisch abgenagt hatten, mit der stumpfen Seite ihrer Steinwerkzeuge und schlürften das heiße Mark.  

Eine Zeitlang stopften sie noch Fleisch, Fett und Knochenmark in sich hinein, dann brachen Ingors Vater und der Haupttrupp der Gefährten mit einem Teil der Beute auf. „Passt gut auf, dass euch niemand das Fleisch fortschnappt“, rief noch jemand von ihnen, dann verschwanden sie im Schnee-Gestöber. Ingor konnte ihre Freude spüren, mit reicher Beute nach Hause zurück zu kehren. Voll gepfropft stand er mit dem Rücken zum Feuer und winkte ihnen nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Dann richteten sich die Zurückbleibenden am Feuer ein. Sie legten Fichtenzweige in mehreren Schichten übereinander und ließen sich darauf nieder. Es wehte ein kalter Wind, so dass sie immer näher an die Glut heran rückten, bis  ihnen die Flammen den Pelz ansengten. Da sie im Rücken immer noch froren, begannen sie aus Kiefernzweigen und Stangen einen zum Feuer geneigten Windschirm zu errichten. Die Kiefernzweige reflektierten die Wärmestrahlen und hielt die Warmluft gefangen. Die Nahrung wärmte sie von innen her und es wurde ihnen seit langer Zeit zum ersten mal wieder richtig warm. Nach den Anstrengungen und Aufregungen des Tages und dem üppigen Mahl konnte Ingor kaum noch die Augen offen halten. Er war noch dabei, das Fell des Tigers von den letzten Fleisch- und Fettresten zu säubern. Aber jetzt zog er sich den schweren Pelz des Tigers über seinen Körper. Seine Hände tasteten noch einmal über das lange Horn des Wollnashorns, dann begann er mit offenen Augen zu träumen und war bald in einen tiefen Schlaf gefallen.

Im Traum begegnete er dem toten Wollnashorn. Es sprang aus dem Gerippe heraus und griff ihn mit gesenktem Haupt an. Bevor Ingor ausweichen konnte, hatte ihn das Horn des Geister-Nashorns durchbohrt. In diesem Augenblick drang der Ruf „Die Alten Menschen!“ an sein Ohr und er wurde aus seinem Traum heraus gerissen. Sich die Stelle reibend, an der ihn das Geister-Nashorn getroffen hatte, blinzelte er in die Sonne und wusste eine Zeitlang nicht, ob er wachte oder träumte.

Mit ihren Nasen in der Luft schnüffelnd, kamen nämlich fünf zottige Gestalten heran. Ingor sprang auf und griff zu seinem Speer. Die anderen standen schon kampfbereit. Untersetzt und muskulös stapften die Fremden auf Schneeschuhen weiter auf sie zu, blieben aber dann stehen und legten ihre Waffen, Speere und Keulen, vor sich in den Schnee. „Ich hatte sie für größer gehalten“, murmelte Bär. „Aber das einzige, was bei ihnen groß ist, sind ihre Nasen.” “Und ihre langen starken Arme“, ergänzte ein anderer. „Sie sind bärenstark!“

Ingor, der Enkel des Schamanen, 31. März bis 12. April 2009: Ingor tötet den Tiger!

Sibirischer Tiger!

Sibirischer Tiger! (Eigenes Foto)

Ingor tötet den Tiger!

Ingor richtete sich vorsichtig auf, wobei er Finger, Hände, Knie und Füße in den Gelenken bewegte, bis sie ihm wieder einigermaßen gehorchten, dann legte er einen Wurfspeer auf seine Speerschleuder. Er segnete die Wesenheit, die mit der Waffe verbunden war und begann auf eine Wurf-Gelegenheit zu warten. Der Tiger blickte zu Ingor herüber, wich jedoch nicht zurück, sondern schritt auf seinen gewaltigen Pranken nur geschmeidig hin und her. Er hielt sich gerade außerhalb der Reichweite eines ohne Speerschleuder geworfenen Speeres auf. Ingor schien er etwas ungeduldig. Es passte ihm wohl nicht, dass er weder an den Fleischberg, noch an das Menschlein herankam. Warten war er in so einer Situation nicht gewohnt. Der Tiger bewegte sich so schnell, dass Ingor keine Gelegenheit fand, den Speer auf ihn zu schleudern. Endlich blieb er einmal stehen, wandte Ingor jedoch sein Haupt zu. So bot er kein gutes Ziel. Ingor hätte allenfalls versuchen können, ihm den Speer in den Hals zu werfen. Er wollte aber lieber auf eine bessere Gelegenheit warten. Vor allem sollte der Tiger auch nicht sehen, wie der Speer auf ihn zuflog. Nach einer Weile blieb die große Katze wieder stehen und spähte in das Land hinaus, nach etwas, das Ingor nicht wahrnahm. Doch nicht etwa nach seiner Gefährtin? Diesmal wandte er Ingor die gefleckte Seite zu. Und dann stapfte er noch ein wenig weiter und hob sein Haupt. Etwas da draußen erregte seine Aufmerksamkeit. Er schien etwas zu wittern. Ein besseres Ziel als jetzt konnte er Ingor nicht bieten. Aber in dem Augenblick, da Ingor seinen Speer schleudern wollte, begann der Tiger wieder unruhig auf und ab zu traben. Ingor ließ seinen Wurf-Arm wieder sinken. Wenig später blieb der Tiger an der gleichen Stelle stehen, um erneut in das Land hinaus zu wittern. Diesmal reagierte Ingor sofort. Er schleuderte seinen Speer in Richtung des Punktes über und hinter dem Vorderlauf der großen Raubkatze, hinter der ihr Herz schlug. Der Wurfspeer, der durch das Wurfholz einen zusätzlichen Impuls von Ingors Muskelkraft erhielt, flog in hohem Bogen durch die Luft. Angespannt verfolgte Ingor seinen Flug. Dann senkte sich der Speer und bohrte sich durch das gefleckte Fell in den Körper der Bestie. Die Großkatze stieß ein lautes Gebrüll aus, sprang auf allen Vieren hoch in die Luft, fiel zurück zur Erde und biss in das Holz des Wurfspeeres, dass es zersplitterte. Die Spitze des Speeres mit der scharfen Feuerstein-Klinge aber haftete im Körper der Großkatze und dann sah Ingor auch das Blut des Tigers in den Schnee strömen. Es schien ihm helles Herzblut. Die Glieder der Bestie zuckten. Ingor ließ sich in den Schnee gleiten, denn einer der beiden Hornträger in seiner Nähe war auf ihn aufmerksam geworden. Er zitterte vor Aufregung. Er hütete sich, näher heran zu gehen, denn er wusste, dass der Tiger noch lange nicht tot war. Katzen haben sieben Leben, hatte ihm sein Großvater eingeschärft und Ingor blieb, wo er war. An der Seite der Hornträger fühlte er sich sicher. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn sich der Tiger davon geschlichen hätte. Wölfe hätten ihm dann wahrscheinlich den Garaus gemacht. Ingor konnte es zwar kaum glauben, aber es hatte sich ergeben, dass er das gewaltige Raubtier besiegt hatte. Irgendwie schien es ihm unwirklich. Das hatte es noch nicht gegeben. Davon hatte noch nie jemand berichtet, dass ein einzelner Mensch den Säbelzahn-Tiger gespeert hatte. Aber als er sich dann in seinen Triumph hinein steigern wollte, vernahm er ein Hecheln und sah, dass die Wölfe zurück kamen. Aus Ingors Brust rang sich ein Stöhnen. Verzweifelt spähte er in die Richtung, aus der er seine Gefährten erwartete. Da – sich nähernde Gestalten auf einer benachbarten Hügelkuppe, die dann in einer Senke verschwanden. Sorgenvoll wartete Ingor, bis sie wieder auftauchten. Nach und nach konnte er Einzelheiten ausmachen. Als er die Männer schließlich an ihrem Gang erkannte, lachte er laut auf, dass die Wölfe, die sich am nächsten heranschlichen hatten, erschrocken aufsprangen. „Das sind nicht eure, sondern meine Brüder“, rief er. „Aber sorgt euch nicht, es wird genug Fleisch für euch übrig bleiben.“

Als sich die Männer näherten, spürte Ingor schon von weitem ihre Freude. Stumm betraten sie den Kampfplatz. „Da sind wir ja noch rechtzeitig gekommen“, rief Bär, „sonst hätten dich die Wölfe noch…  Aha, der Tiger hat das Wollnashorn getötet und das Wollnashorn den Tiger.“ Bär ging auf den Tiger zu. „Vorsicht!“ schrie Ingor, „er ist vielleicht noch nicht ganz tot.“ Aber Bär ließ sich nicht aufhalten. Als er den Tiger mit seinem Speer anstieß, kam dieser noch einmal auf die Beine und schlug mit einem bösen Knurren blitzschnell nach dem Arm des Menschen. Bär sprang zurück, aber der Tiger hatte ihm bereits den Arm mit seiner Pranke bis auf die Knochen aufgerissen und auch gebrochen. 

Bär bemerkte Ingors Speer in der Seite des Tigers und das verschlug ihm noch mehr die Sprache als seine Verletzung. Auch die anderen sahen Ingors Wurfspeer in der Seite des Tigers und auch die tödliche Wunde hinter dem Vorderlauf des Wollnashorns, die von Ingors Lanze herrührte. Hoch aufgerichtet stand Ingor da und blickte die Männer an. Dies war der Moment seines Triumphes. Sein Vater ging auf Ingor zu, schloss ihn in die Arme und sagte: „Du hast beide getötet, das Wollnashorn und den mächtigen Tiger!“ Ingor nickte. „Ja!“ sagte er leise, „das habe ich“. Alle hörten es und sie riefen: „Ingor hat das Wollnashorn und den Tiger getötet; Ingor hat das Wollnashorn und den Tiger getötet!“ Es war wie ein Jubelschrei, bei dem sich ihre Anspannung löste. Sie drängten sich an Ingor heran und, berührten und umarmten ihn. Nur Bär blieb schweigend an seinem Platz und stöhnte leise. Der Gehilfe des Schamanen ging zu ihm hin und begann, seine Verletzung zu behandeln.

Als die Männer sich daran machten, das Wollnashorn aufzubrechen, ließ der Gehilfe des Schamanen Bär allein, ging zu den Gefährten und sagte: „Wir müssen ein Gebet sprechen: Herr der Tiere“, rief er und hob die Arme zum Himmel: „Wir danken dir, dass du das Wollnashorn in unsere Hand gegeben hast! Und du, Tapferer“, wandte er sich an das Wollnashorn, strich ihm über das Horn und schob ihm einen gefrorenen Weidenzweig als letzte Äsung ins Maul. „Verzeih, dass wir dich getötet haben. Wir mussten es tun, sonst wäre unser Stamm verhungert. Du bist es, der uns im Auftrag des Herrn der Tiere jetzt unser Leben schenkt. Dafür danken wir dir.“ Dann segnete er das Wollnashorn und er segnete auch den toten Tiger.

Durch das Ritual, insbesondere die beiden Segnungen, trat eine Veränderung ein. Es geschah etwas Heiliges und die Dinge wurden irgendwie leicht. Ingor bemerkte es mit Erstaunen.

Einige der Männer spalteten noch Feuerstein-Klingen von mitgebrachten Feuerstein-Knollen ab, dann begannen sie den Körper des Tieres aufzuschärfen. Die rote Arbeit musste getan werden. Ein schwerer Brodem von Blut und Innereien erfüllte die Luft, als sie die Bauchhöhle geöffnet hatten. Zwei in der Luft kreisende Raben schrieen aufgeregt und landeten in der Nähe und auch die Wölfe schoben sich ein Stück näher heran und starrten hungrig herüber. Die Männer schnitten und rissen die Eingeweide heraus. Herz, Nieren und die gewaltige Leber wurden gesondert gelegt. Der Herz-Muskel war so groß wie ein Männerkopf. Lunge und Eingeweide warf Ingor den Raben und Wölfen zu, die gierig danach schnappten und sie im Nu verschlungen hatten. Nachdem der Gehilfe des Schamanen Bärs Arm geschient und verbunden hatte, sagte er zu Ingor gewandt: „Verteile die Leber!“ Ingor schnitt die blutige, noch warme Leber in Stücke und verteilte sie an die Männer. Bär riss ihm seinen Anteil beinahe unwillig aus der Hand. Ingor ließ sich nichts anmerken. Als der Imbiss roh verzehrt war, arbeiteten die Männer wieder halb gebückt in dem geöffneten Leib der Beute. In großen Stücken schnitten und rissen sie das leuchtendrote Fleisch heraus und warfen es den Gefährten zu, die es im Schnee aufstapelten. Das Schneiden, Reißen und Zerren nahm kein Ende. Die Fleischmenge schien unerschöpflich.

Als Ingor sich dem Tiger zuwandte, um ihn zu häuten und sein Fleisch an die Raben und Wölfe zu verteilen, hielt ihn der Gehilfe des Schamanen zurück. „Opfere das Herz des Wollnashorns dem Herrn der Tiere“, forderte er Ingor auf, „und anschließend verteile es unter den Gefährten, aber erst wenn ich es sage.“ Ingor hatte schon einige Male an einem solchen Ritual teilgenommen, doch dies war das erstemal, dass er selber das Herz der Beute dem Herrn der Tiere darbringen durfte. Er war sehr bewegt und stolz. Er nahm das Herz des Wollnashorns in seine Hand, segnete es und sprach: „Herr der Tiere, wir bringen dir dieses Herz als Opfer dar. Nimm es aus unseren Händen an!“

Mit Erstaunen bemerkte Ingor, was darauf hin geschah: Eine Wesenheit senkte sich herab, die ein Engel des Herrn der Tiere war und begann die feinstoffliche Lebenskraft  des Herzens in sich aufzunehmen. Gleichzeitig legte dieser Engel eine himmlische Kraft in das Herz des Wollnashorns hinein, die für die Menschen von Nutzen war. Wie Ingor später herausfand, verringerte diese himmlische Kraft seine Schuldgefühle. Ingor legte das Herz vor sich auf den Boden und trat zwei Schritte zurück in den Bereich außerhalb der Reichweite der starken Strahlkraft des Engels. Seine Handflächen hatte er in Richtung des Boten des Herrn der Tiere gewandt. Über seine Hände spürte er, wie der Engel nach und nach alle Lebenskraft aus dem Herzen des Wollnashorns in sich aufnahm und sie durch seine himmlische Kraft ersetzte. Als der Austausch durchgeführt war, legte Ingor seine Hände zusammen und dankte dem Herrn der Tiere, dass er das Opfer angenommen hatte. Der Gehilfe des Schamanen sagte: „Jetzt kannst du das Herz des Wollnashorns aufteilen.“ Ingor zerteilte das Herz mit seiner Feuerstein-Klinge und gab jedem der Gefährten seinen Anteil. Er selber verzehrte sein Stück mit großer Andacht und die Gefährten und Bär auch.