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Ingor, der Enkel des Schamanen, 22.08. bis 03.09.08: Die große und gefährliche Bestie!

Freitag, August 22nd, 2008

Ingor, der Enkel des Schamanen!

Die große und gefährliche Bestie!

Gravierung, einen Höhlenlöwen darstellend aus der Höhle Les Combarelles, Frankreich 

Gravierung, einen Höhlenlöwen darstellend aus der Höhle Les Combarelles, Frankreich (vom Autor nachgezeichnet)

Dieser Löwe hatte einen Menschen getötet und sollte dafür sterben!

I

Draußen wehte ein Wind. Er drückte die Felle, mit denen die Hütte bedeckt war, gegen die aneinander gelehnten Stangen und verschob sie gegeneinander, so dass sie ununterbrochen knarrten. Gutes Jagdwetter, registrierte Ingor automatisch. Er tastete nach seinem Speer, der neben seinem Bett lag, schob seine Bettdecke aus Fellen zur Seite, richtete sich auf und lauschte auf die Atemzüge seiner Eltern und Geschwister. Sie waren alle zu hören, außer denjenigen seiner Mutter: die seines Vater waren tief und gleichmäßig, die seiner jüngeren Geschwister kurz und flach. Es war alles wie sonst um ihn herum in seinem nächtlichen Heim, doch die Umgebung draußen hatte sich verändert. Sie hatte eine gefährliche Schwingung gespeichert. Ingor war stark beunruhigt. Etwas war draußen vorbei geschlichen, etwas Großes und Gefährliches auf der Suche nach Beute. Er hatte nichts gehört, jedenfalls konnte er sich nicht erinnern. Doch dieses Wesen war plötzlich in seinem Traum aufgetaucht und hatte ihn unterbrochen. Die Schwingungen dieses Wesens hatten, durch nichts aufgehalten, das Zelt durchdrungen und er war in die Aura einer großen und gefährlichen Bestie auf der Suche nach Beute eingetaucht. Ingor packte seinen Speer fester. Wenn er jetzt im Dunkeln nach der langen Feuerstein-Klinge an der Spitze des Speers tastete, würde er sich schneiden, so scharf war sie. Sein Speer war derjenige eines erwachsenen Mannes; der starke Schaft war fast zu schwer für ihn. Er war ein Geschenk seines Großvaters. Der Blick seines Vaters hatte mit Wohlgefallen auf ihm geruht, als sein Großvater ihm den Speer zu seinem letzten Geburtstag überreicht hatte, doch seine Mutter schien sich nicht darüber zu freuen. Ingor fühlte: Mit der Annahme dieses Speers hatte er die Verpflichtung übernommen, sich mit allen seinen Kräften im Kampf gegen den Hunger und für den Schutz seiner Verwandten und der Angehörigen des Stammes einzusetzen. Es war eine Verpflichtung, wie sie sein Großvater als Schamane und einer der Führer des kleinen Stammes auf der Ebene der Geister übernommen hatte. Ingor schlüpfte in seine Schuhe, warf sich seinen Pelz über und schlich sich leise nach draußen. Er hörte noch, wie seine Mutter leise seinen Namen rief, aber er wollte sich jetzt nicht aufhalten lassen. Dieses große und gefährliche Tier, das draußen vorbeigeschlichen war, musste Spuren hinterlassen haben. Ingor wollte nach ihnen suchen. Aber es war dunkel. Der Wind trieb schwarze Wolken über den Himmel und nur dann, wenn sie den Mond freigaben, wurde es etwas heller. Nach allen Seiten umher spähend, ging Ingor leise zum Feuerplatz und begann unter der Asche nach Glut zu stochern. Er tauchte einen Ast in ein kleines rote Auge und hoffte, dass er sich entzündete. Dann wollte er in seinem Schein nach den Spuren des Raubtieres suchen. Aber der Ast war feucht und qualmte nur. Er würde das bisschen Glut noch auslöschen. Ein Geräusch ließ Ingor herumfahren. Es war sein Großvater, der mit etwas in der Hand daherkam. Es waren Kienspäne. Er reichte Ingor einen davon und dieser steckte ihn in die Glut. Stell dir vor, dass er mit großer Flamme brennt, sagte der alte Mann, dann geht es schneller. Ingor gehorchte. Kurz darauf loderte die Flamme auch schon empor. Ich habe es mir vorgestellt, sagte Ingor und sofort ist ein Feuerwesen gekommen, obwohl sich der Span noch  gar nicht entzündet hatte. Das ist mit vielen Dingen so, erwiderte sein Großvater. Jetzt komm, forderte er Ingor auf, wir wollen nach den Spuren der Bestie suchen und dann wieder schlafen gehen. Wenn es ein großes Raubtier war, hat es in der Erde vielleicht sein Prankenabdrücke hinterlassen. Plötzlich erscholl aus dem Tal am Rande des Plateaus, auf dem sie ihre Zelte errichtet hatten, das markerschütternde Gebrüll eines Höhlen-Löwen. Die beiden Menschen, der alte wie der junge, fuhren herum. Das ist er, sagte Ingor und zitterte. Dieses Wesen war stiergroß. Er ist an unseren Schlafplätzen vorbei geschlichen. Sein Speer erschien ihm plötzlich nur noch halb so groß und gefährlich. Er würde unter den Pranken des Löwen zersplittern. Was sollen wir machen? fragte er. Wenn wir schlafen, kann er sich jederzeit einen von uns zum Fressen holen.

Wir müssen einen hohen Zaun errichten, sagte der Schamane und das Feuer muss jede Nacht brennen. Bevor er ins Lager einbrechen kann, werden wir ihn mit Feuerbränden vertreiben. Das Feuer fürchtet er. Das Feuer handhabt nur der Mensch, die Tiere nicht. Wir Menschen sind die einzigen Wesen auf der Erde, die das Feuer entzünden, hüten und durch die Luft schleudern, ebenso wie wir auch die einzigen sind, die aufrecht gehen. Wir müssen dem Raubtier, so groß seine Kraft und so gewaltig seine Pranken auch sind, klar machen, dass es für ihn nicht ratsam ist, sich mit uns anzulegen. Steine müssen bereit liegen, die wir ihm auf sein großes Maul werfen. Mit Feuer werden wir ihm das Fell versengen.

Ingor konnte schon wieder lachen. Es gab wohl nichts auf dieser Welt und auch nicht in der Welt der Geister, vor dem sich sein Großvater fürchtete. Ingor wollte so werden wie er. Und wenn ihn dieses Untier einmal angriff, dann wollte er nicht fortlaufen, sondern es in seinen Speer springen lassen, wenn dieser auch zersplitterte. Dem Löwen und seinen Raubtier-Verwandten wollte er Respekt vor dem aufrecht gehenden Menschen einflößen. Dafür schien es ihm wert zu leben. Sie würden schon eine Methode finden, den Löwen das Fürchten zu lehren. Daran zweifelte er nicht. Wenn der Speer in seiner Hand jetzt auch noch etwas zitterte.

Als der Tag dämmerte, ging Ingor auf Spurensuche und er wurde auch rasch fündig.  In der Asche des Lagerfeuers und rings umher fand er die Tatzen-Abdrücke von Wölfen, frische und auch ältere. Dort, wo die Menschen ihre Beute zerlegten, hatten sie nach Fleischresten gesucht. Ingor war fast ein wenig enttäuscht. Sollte ein großer Wolf die Bestie gewesen sein, die in der Nacht an seinem Schlafplatz vorbei gestrichen war. Während er noch die Spuren miteinander verglich und den Schluss zog, dass sich hier ein ganzes Rudel von Wölfen getummelt hatte, schlug bereits einer der Männer des Stammes Alarm. Er hatte die Spur des Löwen entdeckt. Ingor lief hin. Furchterregend standen die Prankenabdrücke des Höhlenlöwen in der weichen Erde. Sie wurden allen Mitgliedern des kleinen Stammes gezeigt, Frauen wie Männern, den Erwachsenen und auch den kleinen Kindern, die noch nicht wussten, um was es ging. Sie spürten jedoch die Furcht ihrer Mütter und einige von ihnen begannen zu weinen. Es herrschte große Aufregung und so wurde viel geredet. Mehrere Frauen behaupteten auch, den Löwen im Traum gesehen zu haben und fast alle hatten in der Nacht sein Gebrüll gehört. Die älteren Frauen und Männer erinnerten sich an Angehörige, die von Löwen verschleppt und getötet worden waren und das stimmte sie traurig. In einem Fall hatten sie den fortgeschleppten Menschen dem Löwen mit ihren Steinschleudern wieder abjagen können. Er war jedoch schon tot gewesen.

Fast alle waren dafür, sofort mit dem Bau eines Palisaden-Zaunes zu beginnen. Einige der jüngeren Männer sahen dies allerdings als Zeitverschwendung an. Sie wollten die Spuren des Löwen verfolgen und versuchen, ihn zu töten. Es gab allerdings niemand, der sie ernst nahm. Nur einer der erfahrenen Jäger sagte: „Seht euch die Spuren genau an und versucht euch zu erinnern, ob ihr schon einmal so große Pranken-Abdrücke gesehen habt.“ Da beharrten die jungen Männer nicht weiter auf ihrem Vorhaben. Anscheinend hatten sie auch nur ihren Angebeteten imponieren wollen.

Es dauerte nicht lange, da zogen Gruppen von Frauen, Männern und größeren Kindern in die Dickichte, um mit scharfen Feuerstein-Klingen kleine Stämmchen zu fällen und herbei zu schleppen. Die Gruppen von Menschen, die loszogen, waren jetzt etwas größer als sonst. Alle Frauen hatten Steine und Steinschleudern dabei und Männer begleiteten mit Speeren ihre Frauen und Kinder. Es war nicht das erste mal, dass sie einen Palisaden-Zaun errichteten und so kamen sie mit dem Bau rasch voran. Am eifrigsten waren die Frauen mit kleinen Kindern bei der Arbeit.

In der Nähe des Lagerfeuers türmte sich auch rasch ein großer Haufen von Steinen auf. Die Steine waren für den Löwen gedacht, wenn er wieder kommen sollte und Feuerbrände nicht ausreichten, ihn zu vertreiben. Einige der jüngeren Frauen machten auch Zielübungen mit ihren Steinschleudern. Ingor war überrascht, mit welcher Wucht die großen Steine durch die Luft surrten; einer der Steine schwirrte nämlich mit furchterregendem Brummen dicht an seinem Kopf vorbei. Übungswürfe mit der Steinschleuder auf dem Wohnplatz waren nicht ungefährlich, denn manche der Würfe gingen in den Händen der Ungeübten auch nach hinten los oder flogen in die falsche Richtung. Schließlich sagten die Mütter, dass mit Steinschleudern nur außerhalb des Lagers geübt werden dürfe.

Hallo Welt!

Freitag, August 22nd, 2008

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