Archive for September, 2008

Ingor, der Enkel des Schamanen, 25.09. bis 04.10.08: Der Bär!

Mittwoch, September 24th, 2008

Der Bär jagt den Menschen die Beute ab!

Der Bär jagt den Menschen die Beute ab! (eigenes Foto)

Der Bär!

Ingor vernahm ein Tropfen und als er zur Erde blickte, sah er, dass Blut aus seinem Fleischpaket auf die Erde tropfte und auf dem grünen Moos, Flechten und den Blättern kleiner Sträucher dunkelrote Flecken hinterließ. Ihr Abstand hinter ihnen war so gering, dass sogar ein Mensch der Blutspur folgen konnte. Ingor schnürte sein Bündel neu, doch nach einiger Zeit sah er, dass immer noch etwas Blut zur Erde tropfte. Instinktiv spürte er, dass das nicht gut war. Sein Großvater sagte: „Der Adler sieht die Blutstropfen fallen, der Hirsch hört sie fallen und der Bär riecht ihr Fallen.“

Kurz darauf blickte Ingor zurück: „Ein großes braunes Tier folgt unserer Spur“, sagte er. „Es ist ein Bär.“ „Wir werden ihm etwas von unserem Fleisch geben müssen“, sagte der Schamane. „Dann haben wir auch weniger zu tragen.“ „Wie viel“? fragte Ingor. „Die Hälfte“, sagte der Schamane, „nicht mehr und nicht weniger. Wir verteilen das Fleisch hier in der Umgebung und bedecken einige Stücke auch mit Steinen, so dass er etwas zu tun hat.“ Ingor wälzte auf ein Stück Fleisch  einen großen schweren Stein und dachte sich, „wenn er das Fleisch nicht findet, kann es auch uns noch zur Nahrung dienen.“ Mit weniger Last kamen sie nun rascher vorwärts. Von Zeit zu Zeit hielten die beiden Menschen Ausschau nach dem Bären. Da sie sein braunes Fell nicht mehr erblickten, dachten sie schon, sie hätten sich frei gekauft.

Aber dann sahen sie ihn hinter sich her galoppieren. „Fliehen nützt nichts“, sagte der Schamane. „Er hätte uns rasch eingeholt. Legen wir hier erst einmal unsere Beute  ab, gehen noch zehn Schritte weiter den Berg hinauf und warten dort auf ihn. Wenn er sich dann über das Fleisch hermacht, werfen wir ihm unsere Speere ins Herz. Du kannst ihn auch schon einmal mit deiner Schleuder empfangen, wenn er näher gekommen ist.“ Ingor nickte und begann nach runden Steinen der richtigen Größe zu suchen und sie zu Füßen des Schamanen anzuhäufen. Der Schamane aber machte sich daran, ein Feuer zu entzünden. Als der Bär sah, dass die Menschen stehen geblieben waren, verharrte auch er und richtete sich auf. „Der ist ganz schon groߓ, murmelte Ingor. Der Bär ließ sich nieder und näherte sich weiter den Menschen, diesmal jedoch langsamer.

Mit Hilfe der Glut, die er dabei hatte, entfachte der Schamane ein kleines Grasfeuer, auf das er kleine dürre Holz-Äste legte, von denen jedoch viele feucht waren. Eine Flamme war nicht zu sehen, aber dafür stiegen Rauchwolken zum Himmel auf. Ingor wunderte sich etwas, warum sie einander in so kurzen Abständen folgten. „Der Bär fürchtet sich nur vor einer Flamme“, überlegte Ingor, einem richtigen Feuer.“ Und so war es auch. Die Rauchwolken schreckten den Bären nicht davor ab, näher zu kommen. Vielleicht hielt er sie für Nebelschwaden. „Hier gibt es zu wenig Holz“, sagte  Ingor. „Wir können kein Feuer entzünden, das den Bären davor abschreckt, näher zu kommen.“ „Das müssen wir vielleicht auch gar nicht“, erwiderte der Schamane rätselhaft und beschäftigte sich weiter mit seinem qualmenden Feuer.

Der Bär war jetzt in Reichweite von Ingors Davids-Schleuder, wie man sie  später nennen würde und Ingor schleuderte einen großen Stein nach ihrem Verfolger, der ihn jedoch nicht traf. Ein zweiter Stein schlug vor seinen Pranken ein und der Bär biss nach ihm. Ein dritter Stein traf ihn am Kopf, aber der Bär schüttelte sich nur und Ingor schien es, dass er jetzt sogar rascher näher kam.

Ingor dachte sich, wenn er kleine Speere mit dieser Schleuder werfen könnte, dann könnten diese den Bären möglicherweise sogar töten, ehe sie in Reichweite seiner fürchterlichen Pranken waren. Er hatte mit der Davids-Schleuder schon kleine Speere zu Übungszwecken versandt. Aber es war nichts dabei heraus gekommen. Er konnte mit den angespitzten Stöcken, die er verwendet hatte, nicht richtig zielen. Sie flogen in alle Richtungen und auch nicht weit genug. Es musste eine Möglichkeit geben, Speeren die Wucht,  Weite und Zielgenauigkeit der Steine zu geben, die er mit seiner Davids-Schleuder versandte. Aber diese Möglichkeit kannte er (noch?) nicht.

Und jetzt kam dieser Bär immer näher. Er witterte das Fleisch, das da vor den Menschen auf dem Boden lag, aber er spürte auch, dass sie es ihm nicht so ohne weiteres überlassen wollten. Unschlüssig blieb er in einiger Entfernung stehen. Ingor hatte alle seine Steine verschleudert und drohte dem Bären nun mit seinem Speer. Hoch über seinem Kopf holte er mit dem Schaft aus, die scharfe Feuerstein-Klinge auf das Herz des Bären gerichtet und tat so, als ob er ihn nach ihm schleudern wollte. Auch der Bär richtete sich auf. Aber er schien an Ingor vorbei zu spähen. Und dann ließ er sich wieder auf seine vier Pranken nieder, machte kehrt und entfernte sich auf dem gleichen Weg, den er gekommen war. Ingor umfasste mit festem Griff dankbar den Schaft seines Speeres, in dem ein mächtiges Wesen wohnte, wie ihm sein Großvater versichert hatte und nahm einen Augenblick lang an, dass der Bär vor dem Anblick seiner Waffe Reißaus genommen hätte.

Doch als er hinter sich dann ein Gejohle vernahm und ihm klar wurde, warum der Bär in Wirklichkeit den Rückzug angetreten hatte, schämte er sich etwas. Er wandte sich um und sah, dass anscheinend alle ihre Leute auf den Beinen waren, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Mit an der Spitze, gleich hinter den Männern entdeckte er seine Mutter. „Ach, da bist du ja, mein Spätzchen“, rief sie Ingor zu und so froh er war, dass sie ihm und seinem Großvater mit dem ganzen Stamm zu Hilfe gekommen war, war es ihm doch sehr peinlich. Der Schamane hatte den Stamm mit Rauchsignalen herbei gerufen und gleichzeitig seiner Mutter auf „telepathischem Wege“ mitgeteilt, dass ihr Sohn von einem Bären gefressen würde, wenn sie nicht rasch mit Hilfe herbeikäme.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 15.09. bis 24.09.08: Die Menschen jagen der Löwin die Beute ab!

Montag, September 15th, 2008

Wildpferd, Rückzüchtung, Neandertal!

Wildpferd, Rückzüchtung, Neandertal! (eigenes Foto)

I

Die Menschen jagen der Löwin die Beute ab!

Ingor wies mit der Linken zum Himmel: „Schräg über uns kreisen Geier! Ob die Löwin Beute geschlagen hat?“ „Gut möglich“, antwortete der Schamane. „Die Löwin frisst noch oder aber Hyänen lassen die Geier nicht an die Beute heran.“ „Gehen wir hin?“ fragte Ingor. „Sonst haben uns die Raben doch umsonst begleitet.“ Der Schamane schwieg und versank  in sich. Ingor kannte das. Nach einer Weile nickte der Schamane. „Wir kriegen etwas von der Beute ab“,sagte er, „doch nicht so viel wie wir glauben.“

Rasch näherten sie sich der Stelle, über der die Geier kreisten. Und als sie um ein Gebüsch bogen, sahen sie auch schon die Löwin, wie sie Fleischstücke hinunter schlang und ihr blutiges Mahl hielt. Sie schien es eilig zu haben. Nach dem langen Kopf und der Mähne des Beutetieres zu urteilen, hatte die Löwin ein Wildpferd geschlagen. In einigem Abstand lauerte eine große Hyäne und zwei Geier saßen auch schon am Boden und warteten, dass sie an die Reihe kamen.

Der Schamane blieb stehen. „Die Löwin wird sich von uns nicht von ihrer Beute vertreiben lassen“, sagte er. „Wir müssen sie weglocken. Du wirfst mit der Schleuder Steine in das Gebüsch mit ihren Jungen, so dass es ordentlich Lärm macht. Ich verwandele mich in eine gefleckte Hyäne und schlage die Zähne in den Hals der Jungen.“ „Aber dann trifft dich vielleicht einer meiner Steine, wenn du dort bist“, gab Ingor zu bedenken. Der Schamane lachte. „Er wird durch mich hindurchgehen. Ich schleiche mich als Geistwesen hin.“ „Nicht wirklich?“ fragte Ingor. „Doch wirklich“, versicherte der Schamane. „Ein anderer Schamane könnte mich dort als Hyäne sehen, aber ich kann die Löwenjungen nicht wirklich töten.“ „Ich habe dich im Traum einmal als Bären gesehen“, sagte Ingor. Der Schamane antwortete nicht. Er war wieder in sich versunken: „Ich bin jetzt als Hyäne bei den Löwenjungen“, sagte er und schlage meine Zähne in den Hals des größten von ihnen.“ Die Löwin blickte kurz hoch, dann fraß sie weiter. Kurz darauf hob sie erneut ihr Haupt und spähte in Richtung des Gebüsches, in dem sie ihre Jungen versteckt hatte. „Jetzt wirf die Steine!“ forderte der Schamane Ingor auf. Ein großer Stein surrte durch die Luft und schlug krachend in das Gebüsch mit den Löwenjungen ein. Die Löwin hörte auf zu fressen und horchte. Ingor schleuderte einen zweiten Stein. Da ließ die Löwin ihre Beute im Stich und lief zurück zu ihren Jungen. „Jetzt rasch!“ stieß der Schamane hervor. „Wir haben nicht viel Zeit.“

Die Hyäne wich widerstrebend zurück, als die beiden Menschen heran nahten und auch die beiden Geier flüchteten hüpfend. Die drei Raben, welche die beiden Menschen in der Höhe begleitet hatten, waren jedoch schon gelandet, schlürften Blut und zerrten an dem Fleisch. Großvater und Enkel aber trennten mit ihren scharfen Feuerstein-Klingen große und kleine Fleischstücke aus dem von der Löwin aufgebrochenen Wildpferd und auch Fleischstücke, die noch mit Fell bedeckt waren, das den dunklen Aalstrich zeigte, welcher der Länge nach über den Rücken des Wildpferdes lief. Den drei Raben warfen sie kleine Fleischbrocken zu. Dann sah der Schamane in einiger Entfernung größere Steine am Fuß eines Berghanges liegen und hatte eine Idee. „Fass an!“ forderte er Ingor auf, „wir ziehen das Wildpferd zu den Steinen dort drüben hin und bedecken es damit.“ Ingor begriff. Die Löwin würde die Steine weder mit ihren Pranken noch mit ihrem Gebiß wegschaffen können.

Sie packten das tote Wildpferd an den Beinen und  zerrten es zu den Steinen hin. Zurück blieb eine große Blutlache und Fleischreste, über die sich die Geier und die Hyäne hermachten. Die drei Raben aber liefen am Boden neben den Menschen her. Nachdem Großvater und Enkel die drei schwarzen Vögel noch einmal großzügig mit Fleischbrocken versorgt hatten, bedeckten sie die Reste des Wildpferdes mit belaubten Ästen sowie großen und kleinen Steinen. Zu guter Letzt wälzten sie noch gemeinsam einen Felsen darauf. Mehrere Fleischstücke hatten sie in Fellreste geschlagen und mit Fellstreifen verknotet. Nicht gerade leicht bepackt, machten sie sich auf den Rückweg ins Lager. Ingor war sehr zufrieden, doch der Schamane schien sich nicht ganz sicher zu sein, ob sie die Beute auch behalten konnten.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 04. bis 15.09.08: Den Schamanen auf der Suche nach Heilpflanzen begleiten in der Höhe Raben!

Donnerstag, September 4th, 2008

 Wildpferd im Neandertal!

Wildpferd im Neandertal! (eigenes Foto)

Den Schamanen auf der Suche nach Heilpflanzen begleiten in der Höhe Raben, wie sonst nur, wenn er zur Jagd geht.

Einige Tage später war der Schamane mit Ingor unterwegs, um eine Zauber-Pflanze zu finden, die einer Frau helfen sollte, ein Kind zu bekommen.

„Marina wünscht sich ein Kind, sagte er zu Ingor. Über ihr schwebt schon eine Seele, die als Mensch geboren werden möchte. Doch sie kann nicht schwanger werden. Vielleicht kann ihr ein Pflanzengeist dabei helfen?“ „Weißt du, wo solch eine Pflanze wächst?“ fragte Ingor. Der Schamane schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur ungefähr die Richtung, in der eine solche Pflanze wachsen könnte. Wie sie aussieht, weiß ich nicht. Wenn wir an eine Stelle kommen, wo Kräuter, Sträucher und Bäume wachsen, werde ich fragen, welche Zauberpflanze Marina helfen kann. Ich werde die Pflanzen-Ältesten um Hilfe bitte und wenn uns dann einer sagt, dass er helfen kann und möchte, müssen wir herausfinden, wo die Pflanze wächst, die uns geantwortet hat. Du sollst mir dabei helfen.“

Ingor nickte. Er war nicht ganz bei der Sache. Er zeigte nach oben und  sagte: „In der Höhe begleiten uns drei Raben. Sie kommen doch sonst nur mit, wenn du auf die Jagd gehst. Was hat das zu bedeuten?“ „Warum sie heute mitkommen, weiß ich auch nicht“, antwortete der Schamane. Auf unserem Weg wird es wohl etwas für sie zu fressen geben, nehme ich an. Vielleicht stoßen wir ja auf Wild und können es erlegen.“ „Vielleicht begegnen wir auch dem Höhlenlöwen“, meinte Ingor. Wenn er satt ist, können wir ihm seine Beute abjagen.“ „Zwei Mann reichen dafür nicht aus“, entgegnete der Schamane. „Und vielleicht ist er ja auch nicht satt. Wir müssen auf der Hut sein, aber wir dürfen uns nicht vor ihm fürchten. Er ist ja kein Menschenfresser, bis jetzt jedenfalls nicht.“

Als sie ins Tal kamen und der Schamane sich den Pflanzen zuwandte und die Pflanzen-Ältesten fragte, wer von ihnen der Marina helfen wolle, dass sie von ihrem Mann ein Kind bekommen könne, antwortete niemand, aber als er fragte, ob ihr jemand helfen könne, ein Kind zu bekommen, egal von welchem Manne, vernahm der Schamane aus einem Gebüsch ein deutliches „Ja“. Ingor hatte nichts gehört. Der Schamane sagte, dass er sich versenken und in sich hinein lauschen müsse, um zu hören, was die Zauber-Pflanzen sagten. Jetzt hieß es, herausfinden, von welchem Pflanzen-Ältesten dieses „Ja“ kam. Der Schamane konnte in dem Gebüsch die Anwesenheit mehrerer Pflanzen-Ältesten wahrnehmen. Einer von ihnen musste es sein. Als er sich langsam im Kreis drehte und sein Körper der Zauberpflanze zugewandt war, spürte er in seinem Bauch, aus welcher Richtung die Antwort gekommen war. Er wollte schon schnurgerade in dieser Richtung ins Gebüsch eindringen, doch einer seiner Hilfsgeister warnte ihn.  Auch Ingor spürte, dass dort etwas nicht geheuer war, und dass es besser wäre, wenn sie das Gebüsch, das dicht und undurchdringlich schien, in einem Bogen umgingen. Aber die Gefahr, die dort lauerte, mussten sie wohl in Kauf nehmen, wenn sie Marina helfen wollten.

Ihre Speere stoßbereit gingen sie auf das Buschwerk zu und drangen vorsichtig, die Zweige beiseite schiebend, in sein Dämmerlicht ein. Sie waren kaum ein paar Schritte weit gekommen, als sie auf zwei kleine Löwen stießen. Sie lagen vor ihnen im dürren Gras und wackelten mit ihren großen Köpfen. Ingor freute sich, aber der Schamane erstarrte. „Ihre Mutter hat sie hier versteckt“, flüsterte er. „Sie kann jeden Augenblick zurückkehren.“ Nach allen Seiten umherspähend, schlichen sie sich wieder aus dem Gebüsch heraus. Kein Ast knackte unter ihren Füßen. In seiner freien Hand hielt der Schamane einen kleinen Ast mit grünen Blättern.