
Wildpferd, Rückzüchtung, Neandertal! (eigenes Foto)
I
Die Menschen jagen der Löwin die Beute ab!
Ingor wies mit der Linken zum Himmel: Schräg über uns kreisen Geier! Ob die Löwin Beute geschlagen hat? Gut möglich, antwortete der Schamane. Die Löwin frisst noch oder aber Hyänen lassen die Geier nicht an die Beute heran. Gehen wir hin? fragte Ingor. Sonst haben uns die Raben doch umsonst begleitet. Der Schamane schwieg und versank in sich. Ingor kannte das. Nach einer Weile nickte der Schamane. Wir kriegen etwas von der Beute ab“,sagte er, „doch nicht so viel wie wir glauben.
Rasch näherten sie sich der Stelle, über der die Geier kreisten. Und als sie um ein Gebüsch bogen, sahen sie auch schon die Löwin, wie sie Fleischstücke hinunter schlang und ihr blutiges Mahl hielt. Sie schien es eilig zu haben. Nach dem langen Kopf und der Mähne des Beutetieres zu urteilen, hatte die Löwin ein Wildpferd geschlagen. In einigem Abstand lauerte eine große Hyäne und zwei Geier saßen auch schon am Boden und warteten, dass sie an die Reihe kamen.
Der Schamane blieb stehen. Die Löwin wird sich von uns nicht von ihrer Beute vertreiben lassen, sagte er. Wir müssen sie weglocken. Du wirfst mit der Schleuder Steine in das Gebüsch mit ihren Jungen, so dass es ordentlich Lärm macht. Ich verwandele mich in eine gefleckte Hyäne und schlage die Zähne in den Hals der Jungen. Aber dann trifft dich vielleicht einer meiner Steine, wenn du dort bist, gab Ingor zu bedenken. Der Schamane lachte. Er wird durch mich hindurchgehen. Ich schleiche mich als Geistwesen hin. Nicht wirklich? fragte Ingor. Doch wirklich, versicherte der Schamane. Ein anderer Schamane könnte mich dort als Hyäne sehen, aber ich kann die Löwenjungen nicht wirklich töten. Ich habe dich im Traum einmal als Bären gesehen, sagte Ingor. Der Schamane antwortete nicht. Er war wieder in sich versunken: Ich bin jetzt als Hyäne bei den Löwenjungen, sagte er und schlage meine Zähne in den Hals des größten von ihnen. Die Löwin blickte kurz hoch, dann fraß sie weiter. Kurz darauf hob sie erneut ihr Haupt und spähte in Richtung des Gebüsches, in dem sie ihre Jungen versteckt hatte. Jetzt wirf die Steine! forderte der Schamane Ingor auf. Ein großer Stein surrte durch die Luft und schlug krachend in das Gebüsch mit den Löwenjungen ein. Die Löwin hörte auf zu fressen und horchte. Ingor schleuderte einen zweiten Stein. Da ließ die Löwin ihre Beute im Stich und lief zurück zu ihren Jungen. Jetzt rasch! stieß der Schamane hervor. Wir haben nicht viel Zeit.
Die Hyäne wich widerstrebend zurück, als die beiden Menschen heran nahten und auch die beiden Geier flüchteten hüpfend. Die drei Raben, welche die beiden Menschen in der Höhe begleitet hatten, waren jedoch schon gelandet, schlürften Blut und zerrten an dem Fleisch. Großvater und Enkel aber trennten mit ihren scharfen Feuerstein-Klingen große und kleine Fleischstücke aus dem von der Löwin aufgebrochenen Wildpferd und auch Fleischstücke, die noch mit Fell bedeckt waren, das den dunklen Aalstrich zeigte, welcher der Länge nach über den Rücken des Wildpferdes lief. Den drei Raben warfen sie kleine Fleischbrocken zu. Dann sah der Schamane in einiger Entfernung größere Steine am Fuß eines Berghanges liegen und hatte eine Idee. Fass an! forderte er Ingor auf, wir ziehen das Wildpferd zu den Steinen dort drüben hin und bedecken es damit. Ingor begriff. Die Löwin würde die Steine weder mit ihren Pranken noch mit ihrem Gebiß wegschaffen können.
Sie packten das tote Wildpferd an den Beinen und zerrten es zu den Steinen hin. Zurück blieb eine große Blutlache und Fleischreste, über die sich die Geier und die Hyäne hermachten. Die drei Raben aber liefen am Boden neben den Menschen her. Nachdem Großvater und Enkel die drei schwarzen Vögel noch einmal großzügig mit Fleischbrocken versorgt hatten, bedeckten sie die Reste des Wildpferdes mit belaubten Ästen sowie großen und kleinen Steinen. Zu guter Letzt wälzten sie noch gemeinsam einen Felsen darauf. Mehrere Fleischstücke hatten sie in Fellreste geschlagen und mit Fellstreifen verknotet. Nicht gerade leicht bepackt, machten sie sich auf den Rückweg ins Lager. Ingor war sehr zufrieden, doch der Schamane schien sich nicht ganz sicher zu sein, ob sie die Beute auch behalten konnten.