
Der Bär jagt den Menschen die Beute ab! (eigenes Foto)
Der Bär!
Ingor vernahm ein Tropfen und als er zur Erde blickte, sah er, dass Blut aus seinem Fleischpaket auf die Erde tropfte und auf dem grünen Moos, Flechten und den Blättern kleiner Sträucher dunkelrote Flecken hinterließ. Ihr Abstand hinter ihnen war so gering, dass sogar ein Mensch der Blutspur folgen konnte. Ingor schnürte sein Bündel neu, doch nach einiger Zeit sah er, dass immer noch etwas Blut zur Erde tropfte. Instinktiv spürte er, dass das nicht gut war. Sein Großvater sagte: Der Adler sieht die Blutstropfen fallen, der Hirsch hört sie fallen und der Bär riecht ihr Fallen.
Kurz darauf blickte Ingor zurück: Ein großes braunes Tier folgt unserer Spur, sagte er. Es ist ein Bär. Wir werden ihm etwas von unserem Fleisch geben müssen, sagte der Schamane. Dann haben wir auch weniger zu tragen. Wie viel? fragte Ingor. Die Hälfte, sagte der Schamane, nicht mehr und nicht weniger. Wir verteilen das Fleisch hier in der Umgebung und bedecken einige Stücke auch mit Steinen, so dass er etwas zu tun hat. Ingor wälzte auf ein Stück Fleisch einen großen schweren Stein und dachte sich, wenn er das Fleisch nicht findet, kann es auch uns noch zur Nahrung dienen. Mit weniger Last kamen sie nun rascher vorwärts. Von Zeit zu Zeit hielten die beiden Menschen Ausschau nach dem Bären. Da sie sein braunes Fell nicht mehr erblickten, dachten sie schon, sie hätten sich frei gekauft.
Aber dann sahen sie ihn hinter sich her galoppieren. Fliehen nützt nichts, sagte der Schamane. Er hätte uns rasch eingeholt. Legen wir hier erst einmal unsere Beute ab, gehen noch zehn Schritte weiter den Berg hinauf und warten dort auf ihn. Wenn er sich dann über das Fleisch hermacht, werfen wir ihm unsere Speere ins Herz. Du kannst ihn auch schon einmal mit deiner Schleuder empfangen, wenn er näher gekommen ist. Ingor nickte und begann nach runden Steinen der richtigen Größe zu suchen und sie zu Füßen des Schamanen anzuhäufen. Der Schamane aber machte sich daran, ein Feuer zu entzünden. Als der Bär sah, dass die Menschen stehen geblieben waren, verharrte auch er und richtete sich auf. Der ist ganz schon groߓ, murmelte Ingor. Der Bär ließ sich nieder und näherte sich weiter den Menschen, diesmal jedoch langsamer.
Mit Hilfe der Glut, die er dabei hatte, entfachte der Schamane ein kleines Grasfeuer, auf das er kleine dürre Holz-Äste legte, von denen jedoch viele feucht waren. Eine Flamme war nicht zu sehen, aber dafür stiegen Rauchwolken zum Himmel auf. Ingor wunderte sich etwas, warum sie einander in so kurzen Abständen folgten. Der Bär fürchtet sich nur vor einer Flamme, überlegte Ingor, einem richtigen Feuer. Und so war es auch. Die Rauchwolken schreckten den Bären nicht davor ab, näher zu kommen. Vielleicht hielt er sie für Nebelschwaden. Hier gibt es zu wenig Holz, sagte Ingor. Wir können kein Feuer entzünden, das den Bären davor abschreckt, näher zu kommen. Das müssen wir vielleicht auch gar nicht, erwiderte der Schamane rätselhaft und beschäftigte sich weiter mit seinem qualmenden Feuer.
Der Bär war jetzt in Reichweite von Ingors Davids-Schleuder, wie man sie später nennen würde und Ingor schleuderte einen großen Stein nach ihrem Verfolger, der ihn jedoch nicht traf. Ein zweiter Stein schlug vor seinen Pranken ein und der Bär biss nach ihm. Ein dritter Stein traf ihn am Kopf, aber der Bär schüttelte sich nur und Ingor schien es, dass er jetzt sogar rascher näher kam.
Ingor dachte sich, wenn er kleine Speere mit dieser Schleuder werfen könnte, dann könnten diese den Bären möglicherweise sogar töten, ehe sie in Reichweite seiner fürchterlichen Pranken waren. Er hatte mit der Davids-Schleuder schon kleine Speere zu Übungszwecken versandt. Aber es war nichts dabei heraus gekommen. Er konnte mit den angespitzten Stöcken, die er verwendet hatte, nicht richtig zielen. Sie flogen in alle Richtungen und auch nicht weit genug. Es musste eine Möglichkeit geben, Speeren die Wucht, Weite und Zielgenauigkeit der Steine zu geben, die er mit seiner Davids-Schleuder versandte. Aber diese Möglichkeit kannte er (noch?) nicht.
Und jetzt kam dieser Bär immer näher. Er witterte das Fleisch, das da vor den Menschen auf dem Boden lag, aber er spürte auch, dass sie es ihm nicht so ohne weiteres überlassen wollten. Unschlüssig blieb er in einiger Entfernung stehen. Ingor hatte alle seine Steine verschleudert und drohte dem Bären nun mit seinem Speer. Hoch über seinem Kopf holte er mit dem Schaft aus, die scharfe Feuerstein-Klinge auf das Herz des Bären gerichtet und tat so, als ob er ihn nach ihm schleudern wollte. Auch der Bär richtete sich auf. Aber er schien an Ingor vorbei zu spähen. Und dann ließ er sich wieder auf seine vier Pranken nieder, machte kehrt und entfernte sich auf dem gleichen Weg, den er gekommen war. Ingor umfasste mit festem Griff dankbar den Schaft seines Speeres, in dem ein mächtiges Wesen wohnte, wie ihm sein Großvater versichert hatte und nahm einen Augenblick lang an, dass der Bär vor dem Anblick seiner Waffe Reißaus genommen hätte.
Doch als er hinter sich dann ein Gejohle vernahm und ihm klar wurde, warum der Bär in Wirklichkeit den Rückzug angetreten hatte, schämte er sich etwas. Er wandte sich um und sah, dass anscheinend alle ihre Leute auf den Beinen waren, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Mit an der Spitze, gleich hinter den Männern entdeckte er seine Mutter. Ach, da bist du ja, mein Spätzchen, rief sie Ingor zu und so froh er war, dass sie ihm und seinem Großvater mit dem ganzen Stamm zu Hilfe gekommen war, war es ihm doch sehr peinlich. Der Schamane hatte den Stamm mit Rauchsignalen herbei gerufen und gleichzeitig seiner Mutter auf telepathischem Wege mitgeteilt, dass ihr Sohn von einem Bären gefressen würde, wenn sie nicht rasch mit Hilfe herbeikäme.