Archive for Oktober, 2008

Ingor, der Enkel des Schamanen, 29.10 bis 11.11.08: Die Hungersnot!

Mittwoch, Oktober 29th, 2008

Eisfläche mit Eisbrocken!

Eisfläche mit Eisbrocken! (eigenes Foto)

Die Hungersnot

Als Ingor in der Dämmerung erschöpft und durchfroren nach Hause kam, lief ihm seine Schwester Nija entgegen. Ihr ausgemergelter Körper zitterte vor Kälte. „Ich wusste, dass du jetzt kommen würdest“, stieß sie atemlos hervor, während sie nach seiner Fell-Tasche spähte, ob er nichts Essbares mitgebracht hatte. „Ich spürte deine Freude, wieder zu Hause zu sein. Die spüre ich fast immer, lange bevor ich dich sehen oder hören kann.“

„Ja“, sagte Ingor und nickte: „Ich freue mich, wieder zu Hause bei euch zu sein.“ Er versuchte zu lächeln. Es wurde aber nur eine Grimasse daraus. Er sah die Enttäuschung in ihrem bleichen Gesicht, dass er außer Birkenrinde nichts mitgebracht hatte. Einen Augenblick lang war er ganz verzweifelt, dass es ihm nicht gelungen war, Beute zu machen.

„Das Wild ist weggezogen“, sagte er. Der Schnee ist von Eisschichten durchzogen. Rentier, Wisent und  Mammut wittern die Äsung nicht mehr.“ „Und die Wildpferde?“ fragte Nija. „Ach“, antwortete Ingor, „die haben uns schon vor langer Zeit verlassen.“

„Aber wenn der Schnee schmilzt, dann kehren sie doch zurück?“ sagte Nija. „Bisher sind sie doch immer noch wieder gekommen.“ Ingor stimmte zu: „Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt und frisches Gras sprießt, kehren sie zurück.“

„Es kann nicht mehr lange bis zum Frühjahr dauern“, fuhr Nija fort. „Jeden Abend geht die Sonne später unter und es bleibt länger hell.“ Sie wies mit der Hand nach Westen, wo noch ein heller Schimmer über dem Horizont lag.

 „Ja“, stimmte Ingor zu, „das Licht kehrt zurück, doch wärmer ist es noch nicht geworden.“ „In der Sonne schmilzt der Schnee schon“, sagte Nija. „Ja, aber nur in der Sonne“, erwiderte Ingor. „An den Nordhängen liegt der Schnee so tief wie keinen Winter zuvor. Flüsse und Bäche sind zugefroren. Die Eisschichten werden immer dicker. Manche Bäche haben sich schon ganz in Eis verwandelt. Bis das Eis bricht und das Frühjahr kommt, dauert es noch“ -Ingor stockte- „eine kleine Weile.“ Nija spürte, dass es länger als eine kleine Weile war.

Sie fasste Ingors Hand und suche ihn zu trösten. „Das Frühjahr wird kommen“, versicherte sie ihm und drückte seine Hand fester. „Wir werden wieder genug zu essen haben. Du wirst für Beute sorgen“, sagte sie und warf einen Blick auf seine Speerschleuder, „ich weiß es.“

Hand in Hand schritten sie zwischen den Hütten her. Es roch nach Holzrauch. Aber in manchen Hütten heizte man auch mit Knochen. Die rochen weniger würzig. Durch die Darmhäute der Fenster fiel gelber Lichtschein, allerdings lagen manche Hütten auch im Dunkeln. Nicht nur die Nahrung, auch das Brennmaterial war knapp geworden und musste aus immer größerer Entfernung  herbei geschafft werden. Einige der Älteren hatten schon nicht mehr die Kraft dazu.

Für die heimkehrenden Jäger waren die Hütten Inseln der Zuflucht und Wärme in der von der Kälte, von Eisriesen beherrschten Welt, auch wenn gerade kein Feuer darin brannte.

Aus der Fluss-Niederung kam das Geheul eines Wolfes. Die beiden Geschwister blieben stehen und lauschten. Es war ein langes zitterndes Heulen, das mit dem tiefsten Ton begann und beim höchsten Ton endete, den ihre Ohren gerade noch wahrnehmen konnten. Es war kaum verklungen, da wurde es von einem Wolf in den Bergen aufgegriffen und auf genau die gleiche Weise weiter gegeben.

„Das war eine Botschaft“, sagte Ingor. „Die Wölfe sprechen miteinander. Sie können sich über große Entfernungen hinweg unterhalten.“

„Ich glaube, er hat Rentiere gesehen“, sagte Nija „Verstehst du etwa die Sprache der Wölfe“? fragte Ingor. Nija schüttelte den Kopf. „Ich ahne nur, was es bedeutet. Er hat auch gesagt, wo sich die Rentiere aufhalten. Aber ich weiß nicht, wo es ist“, fuhr Nija fort, „wahrscheinlich sehr weit von hier.“

„Wenn unser Großvater, der Schamane, den Wolf gehört hat, dann weiß er vielleicht, wo sich die Rentiere aufhalten“, sagte Ingor. „Einer seiner Schutzgeister ist  Amarok, das Wolfswesen.“

Das Halbdunkel und die Wärme der Hütte nahmen sie auf. „Wir haben wieder nichts erlegt“, sagte Ingor. „Ich weiߓ, antwortete seine Mutter. Ingor stellte seine Jagdwaffen und seine Schneeschuhe an ihren Platz. Dann hielt er seine blaugefrorenen Hände über die Flammen des Herdfeuers. Als sie warm wurden, schmerzten sie ihn so sehr, dass er nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken konnte. Unbeholfen zog er seinen Winterpelz aus und ließ sich auf den Rentierfellen in der Nähe des Feuers nieder. Nach einer Weile erhielt er etwas zu essen, gekochte Flechten und Streifen der inneren weißen Schicht von Baumrinde. Dazu gab es Kerne von Fichtenzapfen. Als er etwa die Hälfte davon gegessen hatte, sagte er, „ich habe einen solchen Durst, dass ich einen ganzen Bach leer trinken könnte.“ Seine Mutter brachte ihm in einem großen Wisent-Horn Tee, in dem die Schalen von Hagebutten schwammen. Er trank es gierig leer, anschließend  noch ein zweites, dann lehnte er sich zurück.

„Du musst auch essen“, mahnte seine Mutter. „Von diesem Grünzeug kann man doch nicht satt werden, murmelte Ingor vor sich hin. Aber seine Mutter hatte es gehört. „Du isst nicht genug davon“, erwiderte sie. „Menschen können sich von Pflanzen ernähren, ohne zu hungern. Das geschieht in manchen Wintern. Mammut und Wollnashorn ernähren sich sogar nur von Pflanzen und werden größer und stärker als jedes andere Tier.“

„Ich bin kein Wollnashorn“, sagte Ingor.

„Soll das nicht sehr störrisch und eigensinnig sein“? fragte sein Mutter.

Nija lachte laut auf. „Ingor ist ein Wollnashorn“, rief sie, „Ingor ist ein Wollnashorn“! Aber dann drückte sie ihm verstohlen einige Haselnüsse in die Hand. Ingor nahm nur die Hälfte davon. „Ich habe sie selber gesammelt“, sagte Nija stolz „und für den Winter aufbewahrt.“

Draußen fragte jemand, ob er herein kommen könne und betrat gleich darauf die Hütte. Es war der Gehilfe des Schamanen. „Euer Großvater wird heute Abend zum Herren der Tiere reisen“, sagte er. „Er will ihn bitten, uns eines seiner großen Tiere zu schicken, damit wir wieder etwas zu essen haben. Wir müssen ihm für seine Seelenreise Kraft geben. Kommt alle!“ Die Erwachsenen nickten, auch Nija.

Ingor, der Enkel des Schamanen, 15.10. bis 28.10.08: Ingor erfindet die Speerschleuder!

Mittwoch, Oktober 15th, 2008

Ingor erfindet die Speerschleuder!

Ingor erfindet die Speerschleuder! (eigenes Foto der Nachbildung einer im Neandertal-Museum ausgestellten Speerschleuder)

I

Ingor erfindet die Speerschleuder!

Hanna kam nicht noch einmal zu Ingor in den Unterstand, wie sie angekündigt hatte. Aber sie wurde schwanger. Noch bevor man sehen konnte, dass ihr Leibesumfang zunahm, hatte Ingor gespürt, dass sich eine Wesenheit darauf vorbereitete, von Hanna als Mensch geboren zu werden. Es war ein Wesen aus einer Sphäre hoch über der Erde mit sehr viel Licht, aus der nur ganz selten jemand zu den Menschen kommt. Ingor fragte sich, warum sich dieses Wesen zu ihnen auf den Weg gemacht hatte. Wollte es jemand treffen, sich mit einem alten Bekannten von Mensch zu Mensch austauschen, hatte es sich eine Aufgabe gestellt? Ingor fand auf diese Fragen keine Antwort, aber er wusste, dass es etwas besonderes war, dass diese Wesenheit zu ihnen kam, um mit ihnen als Mensch zu leben. Als er seinen Großvater darauf ansprach, sagte der nur: „Es ist eine sehr, sehr alte Seele, die von Hanna als Mensch geboren werden möchte. Für eine solche Seele sind andere Dinge wichtig als für die Menschen, mit denen wir normalerweise zu tun haben.  

Ehe er noch mit seinem Großvater ausführlicher darüber sprechen konnte, trat etwas anderes, weniger Erfreuliches in den Vordergrund. Ein junger Mann wurde versehentlich auf der Jagd von einem Speer durchbohrt und getötet. Es war der Speer seines Bruders, Hannas Mann, der ihn geworfen hatte. Im Lager wurden Stimmen laut, die bezweifelten, dass es ein Jagdunfall war. Sie behaupteten, Hannas Mann habe seinen Bruder aus Eifersucht hinterrücks ermordet. Sie forderten auch, dass der Schamane den Toten befragen müsse, damit dieser ihm sage, wie er ums Leben gekommen sei. Aber diese Forderung hätten seine Eltern stellen müssen, Frau und Kinder hatte er noch nicht. Doch seine Eltern schwiegen und stellten eine solche Forderung nicht.

Ingor fragte seinen Großvater, ob man denn überhaupt mit den Toten sprechen könne; einen Mund, wie Menschen ihn haben, um Worte zu formen, hätten sie jedenfalls nicht mehr. „Sie sprechen in unserem Kopf oder in unserem Herzen zu uns“, antwortete sein Großvater, „aber es ist nicht einfach, sie zu verstehen. Es ist sogar ziemlich schwierig. Jemanden herbei zu rufen, der noch nicht lange auf der anderen Seite ist, ist einfach. Da kann jeder. Ihn aber dann auch „sehen“ bzw. seine Anwesenheit spüren, wenn er kommt, ist schon schwieriger. Aber das können auch noch viele. Am schwierigsten ist es zu verstehen, was er uns mitteilen möchte. Aber wenn du mein Nachfolger wirst, werde ich es dich eines Tages lehren. Wenn du spürst, dass jemand von der anderen Seite da ist, der dir etwas sagen will, du ihn aber nicht verstehen kannst, dann musst du tief atmen und die zusätzliche Kraft, die du auf diese Weise ansammelst, ihm zur Verfügung stellen, bis er auf eine Weise antworten kann, die du verstehst. Du atmest tief und sagst: Diese Kraft ist für dich, bis du ihn verstehst!“

Ingor nickte. Er musste darüber nachdenken. Aber dazu hatte er jetzt keine Zeit. Ihn bewegte etwas anderes. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Speere mit einer Schleuder zu werfen, ähnlich wie man Steine mit der Stein-Schleuder schleudert. Je länger er daran arbeitete, um wichtiger schien es ihm, dass er diese Aufgabe löste. Man konnte einen Stein aus der Hand, aber auch aus der Halterung einer Stein-Schleuder werfen. Der mit der Stein-Schleuder geworfene Stein flog mehr als doppelt so weit wie der nur mit der Hand geworfene. Die Schnüre der Stein-Schleuder verlängerten den Wurf-Arm. Die Kraft des Wurf-Armes wirkte länger auf den Stein ein und verlieh ihm eine größere Wucht. Es musste etwas geben, das seinen Wurf-Arm auch beim Wurf eines Speeres verlängerte und die Wucht des Speeres erhöhte. Eine Stein-Schleuder war dazu nicht geeignet. Damit  hatte er sich nach vielen vergeblichen Versuchen schließlich abgefunden. Ein Ellbogen-langes  Stück Holz mit einem Haken am Ende war da schon besser geeignet. Aber mit einem normalen Speer funktionierte das nicht. Der war zu schwer. Er experimentierte mit leichteren, unterschiedlich langen Speeren und schließlich kannte er Länge und Schwere der Wurfspeere, die mit der Speer-Schleuder deutlich weiter flogen als ein nur mit der Hand geworfener Speer. Aber das Treffen war jedesmal mehr oder weniger Glückssache. Sie flogen weit am Ziel vorbei oder hoch über das Ziel hinweg. Damit konnte er kein Wild erlegen und keinen Bären schrecken. „Eventuell würden sie sich totlachen“, bemerkten seine Spötter, „aber dazu sei eigentlich alles zu traurig“. „Er vergeude seine Zeit“, sagte sein Vater, dem man von seinen Versuchen berichtet hatte. Ingor wollte Speerschleuder und Wurfspeere schon zerbrechen und wegwerfen, aber dann legte er sie doch nur unter einen Strauch und ging ohne sie nach Hause. Als er nach Tagen „zufällig“ dort vorbeikam, verspürte er wieder Lust zu üben, wenn er sich auch keinen Erfolg davon versprach. Er wollte einfach nur sehen, in welch unvorhergesehenen Richtungen seine Wurf-Speere diesmal flogen. Aber diesmal war seltsamerweise alles anders. Seine Wurfspeere trafen fast alle und diejenigen, die nicht trafen, waren diejenigen, die nicht gerade genug waren. Er übte nun wieder regelmäßig, verbarg seine Fortschritte aber vor seinen Gefährten. Die hatten sich ja bisher nur lustig über ihn gemacht.

Dann kam der Winter und die Wasserflächen überzogen sich mit einer Eisdecke und die Moore in den Niederungen froren zu. Ab und zu schneite es. Über den ersten Schnee freuten sich alle, aber ihre Freude wurde gedämpft, als sie sahen, dass nur wenige Tiere ihre Spuren im Schnee zurück ließen. Das Großwild war in Richtung Süden gezogen und würde erst im nächsten Frühjahr wiederkehren. Sie konnten jetzt trockenen Fußes an das andere Fluss-Ufer gelangen, aber auch dort erbeuteten sie nur kleine Tiere wie Schnee-Hühner und Schnee-Hasen. Nur einmal stießen sie auf die alte Spur eines Wollnashorns. Es war schon abzusehen, dass sie mit ihren mageren Vorräten nicht über den Winter kommen würden. Vielleicht konnten sie ja noch Wild zusätzlich erlegen. Die Jäger waren angehalten, nach den Atemlöchern von Bären im Schnee zu suchen, die darunter in ihren Höhlen schliefen. An diesen Atemlöchern roch es wie nach nassem Wolf.    

Ingor, der Enkel des Schamanen, 05.10. bis 14.10.08: Die Fallgrube!

Sonntag, Oktober 5th, 2008

Ein Rabe kommt zu Besuch!

Ein Rabe kommt zu Besuch! (eigenes Foto)

I

Ingor – die Fallgrube!

Das Lager des Stammes befand sich am Südhang einer breiten und tiefen Tal-Landschaft, die ein Fluss in das Urgebirge eingegraben hatte. Der Blick ging weit flussaufwärts. Der zum Tal-Grund hin steile Hang war hier etwas abgeflacht, doch damit sie im Schlaf nicht bergab rollten, hatten sie die Plätze, auf denen ihre Hütten standen, mit den Schulterblättern von Hirschen geebnet.

Der Hang zog sich oberhalb des Lagers weniger steil hinauf auf ein weites Plateau. Die schimmernden Wasserflächen des Flusses und seiner Nebenarme im Tal waren etwas weniger weit entfernt. Ihr Trinkwasser holten sie sich in Fellbeuteln aus einer Quelle am Anfang einer schmalen Schlucht in der Nähe.

Einige Steinwürfe entfernt hatten Bäche das Steilufer der Flussberge bis zum Tal-Grund hin abgeflacht und sozusagen wie ein Tor geöffnet. Dies war einige der wenigen Stellen, an denen die Hänge weniger steil anstiegen. Der bequemere Weg aus dem Tal hinauf auf die Höhe war einer der Gründe dafür, warum hier eine Wander-Route von Wisenten und Rentieren verlief. Sie nahmen diesen Weg vor allem im Herbst, wenn sie die Weidegebiete im Norden mit ihren Kälbern verließen und in Richtung des wärmeren Südens zogen. Mitunter wählten auch die großen zottigen Rüssel-Träger diesen Weg. Im Sommer zogen hier vor allem Wildpferde von ihren Weidegebieten auf den Höhen ins Tal hinunter, um zu trinken. Die Stechmücken vertrieben sie dann wieder aus dem Tal auf die Höhe mit ihren stärkeren Winden, wo die Mückenplage geringer war.

Die Tierherden nahmen diesen Weg, von einigen Unterbrechungen abgesehen, schon seit Jahrzehntausenden. Sie hatten mit ihren Hufen tiefe Hohlwege in den weichen Lößboden des abgeflachten Hanges ausgetreten. Auch die Menschen trugen zur Gestaltung der tief eingegrabenen Wege bei. Da die Tierherden durch diese Hohlwege zogen, gruben die Menschen schon seit Jahrzehntausenden immer wieder ihre Fallgruben in den weichen Lehmboden der Hohlwege und erbeuteten viele Tiere.

Seit einigen Jahren war es Ingors Stamm, der hier mit Hilfe von Fallgruben Beute für den Winter machte. Sie hatten alte Fallgruben erneuert, in der Mitte einen angespitzten Pfahl eingegraben, dessen Spitze sie im Feuer angekohlt und so gehärtet hatten und dann die Fallgruben mit Ästen, Fellen, Laub und Moos abdeckt. In der Nähe hatten sie einen niedrigen Unterschlupf eingerichtet. In ihm hielt jemand Wache, wenn im Herbst die großen Tierherden erwartet wurden. Mit einem Wisent-Horn blies er Alarm, sobald ein Wisent, Rentiere oder vielleicht sogar ein Mammut in eine der Fallgruben gestürzt war. Wenn die Gefährten nicht rasch zur Stelle waren, konnte es sein, dass sich die Tiere wieder befreiten oder aber dass sich Raubtiere über das gefangene Wild hermachten, denn den großen Tierherden folgen immer Wölfe, Bären und sogar Löwen.

An diesem Nachmittag hielt Ingor Wache. In warme Rentierfelle eingehüllt, döste er vor sich hin. Als er hörte, dass sich jemand näherte, war er mit einem mal hell wach und lauschte. Den Schritten nach zu urteilen, war es ein Mensch und dann rief auch schon jemand seinen Namen. Es war eine Frauenstimme. Darf ich hineinkommen?“ hörte er sie sagen, „ich möchte dich etwas fragen. Ingor antwortete mit ihm fremder Stimme „Ja“. Es war Hanna, die zu ihm in den Unterstand kroch, die Frau, die sich schon seit längerem ein Kind wünschte. 

„Dein Großvater hat die Zauberpflanzen gefragt, wer mir helfen kann, ein Kind zu bekommen“, begann sie, „was haben sie geantwortet?“ Ingor zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht, was sie Großvater geantwortet haben, entgegnete er. „Die Zauberpflanzen haben zu Großvater gesprochen, nicht zu mir.“  Hanna nickte mit dem Kopf: „Aber hat er dir nicht erzählt, was sie geantwortet haben. Er ist ein alter Mann und vielleicht hatte er ihre Antwort nicht mehr so genau im Kopf, als er mit mir darüber gesprochen hat.“ „Sein Großvater vergaß nichts“, dachte Ingor. „Bitte versuch dich zu erinnern“, forderte ihn Hanna mit schmeichelnder Stimme auf und rückte näher an ihn heran. „Es ist so wichtig für mich!“ Hanna war eine schöne Frau mit angenehmer Stimme und ausgeprägten weiblichen Formen. Ingors Atem ging tiefer und sein Herz begann schneller zu schlagen. Er wollte ihr mitteilen, was Großvater ihm gesagt hatte, obwohl er das dumpfe Gefühl hatte, dass es Großvater vielleicht nicht recht sein könnte.

„Großvater hat zweimal mit den Zauberpflanzen gesprochen“, sagte er. „Beim ersten Mal hat er gefragt, ob eine von ihnen dir helfen kann, von deinem Mann ein Kind zu bekommen, aber auf diese Frage hat keine der Zauberpflanzen geantwortet. Dann hat er nur gefragt, ob eine von ihnen dir helfen kann, ein Kind zu bekommen. Diese Frage haben viele Zauberpflanzen bejaht. Das ist alles. Mehr weiß ich nicht.“

„Ich wusste es“, stieß Hanna hervor, „ich wusste es. Jetzt muss ich gehen“, sagte sie, „aber wenn du das nächstemal hier bist, komme ich wieder. Das darf ich doch?“ Ingor murmelte ein „Ja“, wenn er auch nicht wusste, was es noch zu besprechen geben sollte. Er sah ihr nach, wie sie sich auf den Weg zur Schlucht begab. Sie hatte einen Fellbeutel dabei und wollte wohl von der Quelle dort Wasser holen.