
Ein Rabe kommt zu Besuch! (eigenes Foto)
I
Ingor die Fallgrube!
Das Lager des Stammes befand sich am Südhang einer breiten und tiefen Tal-Landschaft, die ein Fluss in das Urgebirge eingegraben hatte. Der Blick ging weit flussaufwärts. Der zum Tal-Grund hin steile Hang war hier etwas abgeflacht, doch damit sie im Schlaf nicht bergab rollten, hatten sie die Plätze, auf denen ihre Hütten standen, mit den Schulterblättern von Hirschen geebnet.
Der Hang zog sich oberhalb des Lagers weniger steil hinauf auf ein weites Plateau. Die schimmernden Wasserflächen des Flusses und seiner Nebenarme im Tal waren etwas weniger weit entfernt. Ihr Trinkwasser holten sie sich in Fellbeuteln aus einer Quelle am Anfang einer schmalen Schlucht in der Nähe.
Einige Steinwürfe entfernt hatten Bäche das Steilufer der Flussberge bis zum Tal-Grund hin abgeflacht und sozusagen wie ein Tor geöffnet. Dies war einige der wenigen Stellen, an denen die Hänge weniger steil anstiegen. Der bequemere Weg aus dem Tal hinauf auf die Höhe war einer der Gründe dafür, warum hier eine Wander-Route von Wisenten und Rentieren verlief. Sie nahmen diesen Weg vor allem im Herbst, wenn sie die Weidegebiete im Norden mit ihren Kälbern verließen und in Richtung des wärmeren Südens zogen. Mitunter wählten auch die großen zottigen Rüssel-Träger diesen Weg. Im Sommer zogen hier vor allem Wildpferde von ihren Weidegebieten auf den Höhen ins Tal hinunter, um zu trinken. Die Stechmücken vertrieben sie dann wieder aus dem Tal auf die Höhe mit ihren stärkeren Winden, wo die Mückenplage geringer war.
Die Tierherden nahmen diesen Weg, von einigen Unterbrechungen abgesehen, schon seit Jahrzehntausenden. Sie hatten mit ihren Hufen tiefe Hohlwege in den weichen Lößboden des abgeflachten Hanges ausgetreten. Auch die Menschen trugen zur Gestaltung der tief eingegrabenen Wege bei. Da die Tierherden durch diese Hohlwege zogen, gruben die Menschen schon seit Jahrzehntausenden immer wieder ihre Fallgruben in den weichen Lehmboden der Hohlwege und erbeuteten viele Tiere.
Seit einigen Jahren war es Ingors Stamm, der hier mit Hilfe von Fallgruben Beute für den Winter machte. Sie hatten alte Fallgruben erneuert, in der Mitte einen angespitzten Pfahl eingegraben, dessen Spitze sie im Feuer angekohlt und so gehärtet hatten und dann die Fallgruben mit Ästen, Fellen, Laub und Moos abdeckt. In der Nähe hatten sie einen niedrigen Unterschlupf eingerichtet. In ihm hielt jemand Wache, wenn im Herbst die großen Tierherden erwartet wurden. Mit einem Wisent-Horn blies er Alarm, sobald ein Wisent, Rentiere oder vielleicht sogar ein Mammut in eine der Fallgruben gestürzt war. Wenn die Gefährten nicht rasch zur Stelle waren, konnte es sein, dass sich die Tiere wieder befreiten oder aber dass sich Raubtiere über das gefangene Wild hermachten, denn den großen Tierherden folgen immer Wölfe, Bären und sogar Löwen.
An diesem Nachmittag hielt Ingor Wache. In warme Rentierfelle eingehüllt, döste er vor sich hin. Als er hörte, dass sich jemand näherte, war er mit einem mal hell wach und lauschte. Den Schritten nach zu urteilen, war es ein Mensch und dann rief auch schon jemand seinen Namen. Es war eine Frauenstimme. Darf ich hineinkommen? hörte er sie sagen, ich möchte dich etwas fragen. Ingor antwortete mit ihm fremder Stimme Ja. Es war Hanna, die zu ihm in den Unterstand kroch, die Frau, die sich schon seit längerem ein Kind wünschte.
Dein Großvater hat die Zauberpflanzen gefragt, wer mir helfen kann, ein Kind zu bekommen, begann sie, was haben sie geantwortet? Ingor zuckte die Achseln. Ich weiß nicht, was sie Großvater geantwortet haben, entgegnete er. Die Zauberpflanzen haben zu Großvater gesprochen, nicht zu mir. Hanna nickte mit dem Kopf: Aber hat er dir nicht erzählt, was sie geantwortet haben. Er ist ein alter Mann und vielleicht hatte er ihre Antwort nicht mehr so genau im Kopf, als er mit mir darüber gesprochen hat. Sein Großvater vergaß nichts, dachte Ingor. Bitte versuch dich zu erinnern, forderte ihn Hanna mit schmeichelnder Stimme auf und rückte näher an ihn heran. Es ist so wichtig für mich! Hanna war eine schöne Frau mit angenehmer Stimme und ausgeprägten weiblichen Formen. Ingors Atem ging tiefer und sein Herz begann schneller zu schlagen. Er wollte ihr mitteilen, was Großvater ihm gesagt hatte, obwohl er das dumpfe Gefühl hatte, dass es Großvater vielleicht nicht recht sein könnte.
Großvater hat zweimal mit den Zauberpflanzen gesprochen, sagte er. Beim ersten Mal hat er gefragt, ob eine von ihnen dir helfen kann, von deinem Mann ein Kind zu bekommen, aber auf diese Frage hat keine der Zauberpflanzen geantwortet. Dann hat er nur gefragt, ob eine von ihnen dir helfen kann, ein Kind zu bekommen. Diese Frage haben viele Zauberpflanzen bejaht. Das ist alles. Mehr weiß ich nicht.
Ich wusste es, stieß Hanna hervor, ich wusste es. Jetzt muss ich gehen, sagte sie, aber wenn du das nächstemal hier bist, komme ich wieder. Das darf ich doch? Ingor murmelte ein Ja, wenn er auch nicht wusste, was es noch zu besprechen geben sollte. Er sah ihr nach, wie sie sich auf den Weg zur Schlucht begab. Sie hatte einen Fellbeutel dabei und wollte wohl von der Quelle dort Wasser holen.