Ingor, der Enkel des Schamanen, 15.10. bis 28.10.08: Ingor erfindet die Speerschleuder!

Ingor erfindet die Speerschleuder!

Ingor erfindet die Speerschleuder! (eigenes Foto der Nachbildung einer im Neandertal-Museum ausgestellten Speerschleuder)

I

Ingor erfindet die Speerschleuder!

Hanna kam nicht noch einmal zu Ingor in den Unterstand, wie sie angekündigt hatte. Aber sie wurde schwanger. Noch bevor man sehen konnte, dass ihr Leibesumfang zunahm, hatte Ingor gespürt, dass sich eine Wesenheit darauf vorbereitete, von Hanna als Mensch geboren zu werden. Es war ein Wesen aus einer Sphäre hoch über der Erde mit sehr viel Licht, aus der nur ganz selten jemand zu den Menschen kommt. Ingor fragte sich, warum sich dieses Wesen zu ihnen auf den Weg gemacht hatte. Wollte es jemand treffen, sich mit einem alten Bekannten von Mensch zu Mensch austauschen, hatte es sich eine Aufgabe gestellt? Ingor fand auf diese Fragen keine Antwort, aber er wusste, dass es etwas besonderes war, dass diese Wesenheit zu ihnen kam, um mit ihnen als Mensch zu leben. Als er seinen Großvater darauf ansprach, sagte der nur: „Es ist eine sehr, sehr alte Seele, die von Hanna als Mensch geboren werden möchte. Für eine solche Seele sind andere Dinge wichtig als für die Menschen, mit denen wir normalerweise zu tun haben.  

Ehe er noch mit seinem Großvater ausführlicher darüber sprechen konnte, trat etwas anderes, weniger Erfreuliches in den Vordergrund. Ein junger Mann wurde versehentlich auf der Jagd von einem Speer durchbohrt und getötet. Es war der Speer seines Bruders, Hannas Mann, der ihn geworfen hatte. Im Lager wurden Stimmen laut, die bezweifelten, dass es ein Jagdunfall war. Sie behaupteten, Hannas Mann habe seinen Bruder aus Eifersucht hinterrücks ermordet. Sie forderten auch, dass der Schamane den Toten befragen müsse, damit dieser ihm sage, wie er ums Leben gekommen sei. Aber diese Forderung hätten seine Eltern stellen müssen, Frau und Kinder hatte er noch nicht. Doch seine Eltern schwiegen und stellten eine solche Forderung nicht.

Ingor fragte seinen Großvater, ob man denn überhaupt mit den Toten sprechen könne; einen Mund, wie Menschen ihn haben, um Worte zu formen, hätten sie jedenfalls nicht mehr. „Sie sprechen in unserem Kopf oder in unserem Herzen zu uns“, antwortete sein Großvater, „aber es ist nicht einfach, sie zu verstehen. Es ist sogar ziemlich schwierig. Jemanden herbei zu rufen, der noch nicht lange auf der anderen Seite ist, ist einfach. Da kann jeder. Ihn aber dann auch „sehen“ bzw. seine Anwesenheit spüren, wenn er kommt, ist schon schwieriger. Aber das können auch noch viele. Am schwierigsten ist es zu verstehen, was er uns mitteilen möchte. Aber wenn du mein Nachfolger wirst, werde ich es dich eines Tages lehren. Wenn du spürst, dass jemand von der anderen Seite da ist, der dir etwas sagen will, du ihn aber nicht verstehen kannst, dann musst du tief atmen und die zusätzliche Kraft, die du auf diese Weise ansammelst, ihm zur Verfügung stellen, bis er auf eine Weise antworten kann, die du verstehst. Du atmest tief und sagst: Diese Kraft ist für dich, bis du ihn verstehst!“

Ingor nickte. Er musste darüber nachdenken. Aber dazu hatte er jetzt keine Zeit. Ihn bewegte etwas anderes. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Speere mit einer Schleuder zu werfen, ähnlich wie man Steine mit der Stein-Schleuder schleudert. Je länger er daran arbeitete, um wichtiger schien es ihm, dass er diese Aufgabe löste. Man konnte einen Stein aus der Hand, aber auch aus der Halterung einer Stein-Schleuder werfen. Der mit der Stein-Schleuder geworfene Stein flog mehr als doppelt so weit wie der nur mit der Hand geworfene. Die Schnüre der Stein-Schleuder verlängerten den Wurf-Arm. Die Kraft des Wurf-Armes wirkte länger auf den Stein ein und verlieh ihm eine größere Wucht. Es musste etwas geben, das seinen Wurf-Arm auch beim Wurf eines Speeres verlängerte und die Wucht des Speeres erhöhte. Eine Stein-Schleuder war dazu nicht geeignet. Damit  hatte er sich nach vielen vergeblichen Versuchen schließlich abgefunden. Ein Ellbogen-langes  Stück Holz mit einem Haken am Ende war da schon besser geeignet. Aber mit einem normalen Speer funktionierte das nicht. Der war zu schwer. Er experimentierte mit leichteren, unterschiedlich langen Speeren und schließlich kannte er Länge und Schwere der Wurfspeere, die mit der Speer-Schleuder deutlich weiter flogen als ein nur mit der Hand geworfener Speer. Aber das Treffen war jedesmal mehr oder weniger Glückssache. Sie flogen weit am Ziel vorbei oder hoch über das Ziel hinweg. Damit konnte er kein Wild erlegen und keinen Bären schrecken. „Eventuell würden sie sich totlachen“, bemerkten seine Spötter, „aber dazu sei eigentlich alles zu traurig“. „Er vergeude seine Zeit“, sagte sein Vater, dem man von seinen Versuchen berichtet hatte. Ingor wollte Speerschleuder und Wurfspeere schon zerbrechen und wegwerfen, aber dann legte er sie doch nur unter einen Strauch und ging ohne sie nach Hause. Als er nach Tagen „zufällig“ dort vorbeikam, verspürte er wieder Lust zu üben, wenn er sich auch keinen Erfolg davon versprach. Er wollte einfach nur sehen, in welch unvorhergesehenen Richtungen seine Wurf-Speere diesmal flogen. Aber diesmal war seltsamerweise alles anders. Seine Wurfspeere trafen fast alle und diejenigen, die nicht trafen, waren diejenigen, die nicht gerade genug waren. Er übte nun wieder regelmäßig, verbarg seine Fortschritte aber vor seinen Gefährten. Die hatten sich ja bisher nur lustig über ihn gemacht.

Dann kam der Winter und die Wasserflächen überzogen sich mit einer Eisdecke und die Moore in den Niederungen froren zu. Ab und zu schneite es. Über den ersten Schnee freuten sich alle, aber ihre Freude wurde gedämpft, als sie sahen, dass nur wenige Tiere ihre Spuren im Schnee zurück ließen. Das Großwild war in Richtung Süden gezogen und würde erst im nächsten Frühjahr wiederkehren. Sie konnten jetzt trockenen Fußes an das andere Fluss-Ufer gelangen, aber auch dort erbeuteten sie nur kleine Tiere wie Schnee-Hühner und Schnee-Hasen. Nur einmal stießen sie auf die alte Spur eines Wollnashorns. Es war schon abzusehen, dass sie mit ihren mageren Vorräten nicht über den Winter kommen würden. Vielleicht konnten sie ja noch Wild zusätzlich erlegen. Die Jäger waren angehalten, nach den Atemlöchern von Bären im Schnee zu suchen, die darunter in ihren Höhlen schliefen. An diesen Atemlöchern roch es wie nach nassem Wolf.    

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