
Eisfläche mit Eisbrocken! (eigenes Foto)
Die Hungersnot
Als Ingor in der Dämmerung erschöpft und durchfroren nach Hause kam, lief ihm seine Schwester Nija entgegen. Ihr ausgemergelter Körper zitterte vor Kälte. Ich wusste, dass du jetzt kommen würdest, stieß sie atemlos hervor, während sie nach seiner Fell-Tasche spähte, ob er nichts Essbares mitgebracht hatte. Ich spürte deine Freude, wieder zu Hause zu sein. Die spüre ich fast immer, lange bevor ich dich sehen oder hören kann.
Ja, sagte Ingor und nickte: Ich freue mich, wieder zu Hause bei euch zu sein. Er versuchte zu lächeln. Es wurde aber nur eine Grimasse daraus. Er sah die Enttäuschung in ihrem bleichen Gesicht, dass er außer Birkenrinde nichts mitgebracht hatte. Einen Augenblick lang war er ganz verzweifelt, dass es ihm nicht gelungen war, Beute zu machen.
Das Wild ist weggezogen, sagte er. Der Schnee ist von Eisschichten durchzogen. Rentier, Wisent und Mammut wittern die Äsung nicht mehr. Und die Wildpferde? fragte Nija. Ach, antwortete Ingor, die haben uns schon vor langer Zeit verlassen.
Aber wenn der Schnee schmilzt, dann kehren sie doch zurück? sagte Nija. Bisher sind sie doch immer noch wieder gekommen. Ingor stimmte zu: Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt und frisches Gras sprießt, kehren sie zurück.
Es kann nicht mehr lange bis zum Frühjahr dauern, fuhr Nija fort. Jeden Abend geht die Sonne später unter und es bleibt länger hell. Sie wies mit der Hand nach Westen, wo noch ein heller Schimmer über dem Horizont lag.
Ja, stimmte Ingor zu, das Licht kehrt zurück, doch wärmer ist es noch nicht geworden. In der Sonne schmilzt der Schnee schon, sagte Nija. Ja, aber nur in der Sonne, erwiderte Ingor. An den Nordhängen liegt der Schnee so tief wie keinen Winter zuvor. Flüsse und Bäche sind zugefroren. Die Eisschichten werden immer dicker. Manche Bäche haben sich schon ganz in Eis verwandelt. Bis das Eis bricht und das Frühjahr kommt, dauert es noch“ -Ingor stockte- „eine kleine Weile. Nija spürte, dass es länger als eine kleine Weile war.
Sie fasste Ingors Hand und suche ihn zu trösten. Das Frühjahr wird kommen, versicherte sie ihm und drückte seine Hand fester. Wir werden wieder genug zu essen haben. Du wirst für Beute sorgen, sagte sie und warf einen Blick auf seine Speerschleuder, ich weiß es.
Hand in Hand schritten sie zwischen den Hütten her. Es roch nach Holzrauch. Aber in manchen Hütten heizte man auch mit Knochen. Die rochen weniger würzig. Durch die Darmhäute der Fenster fiel gelber Lichtschein, allerdings lagen manche Hütten auch im Dunkeln. Nicht nur die Nahrung, auch das Brennmaterial war knapp geworden und musste aus immer größerer Entfernung herbei geschafft werden. Einige der Älteren hatten schon nicht mehr die Kraft dazu.
Für die heimkehrenden Jäger waren die Hütten Inseln der Zuflucht und Wärme in der von der Kälte, von Eisriesen beherrschten Welt, auch wenn gerade kein Feuer darin brannte.
Aus der Fluss-Niederung kam das Geheul eines Wolfes. Die beiden Geschwister blieben stehen und lauschten. Es war ein langes zitterndes Heulen, das mit dem tiefsten Ton begann und beim höchsten Ton endete, den ihre Ohren gerade noch wahrnehmen konnten. Es war kaum verklungen, da wurde es von einem Wolf in den Bergen aufgegriffen und auf genau die gleiche Weise weiter gegeben.
Das war eine Botschaft, sagte Ingor. Die Wölfe sprechen miteinander. Sie können sich über große Entfernungen hinweg unterhalten.
Ich glaube, er hat Rentiere gesehen, sagte Nija Verstehst du etwa die Sprache der Wölfe? fragte Ingor. Nija schüttelte den Kopf. Ich ahne nur, was es bedeutet. Er hat auch gesagt, wo sich die Rentiere aufhalten. Aber ich weiß nicht, wo es ist, fuhr Nija fort, wahrscheinlich sehr weit von hier.
Wenn unser Großvater, der Schamane, den Wolf gehört hat, dann weiß er vielleicht, wo sich die Rentiere aufhalten, sagte Ingor. Einer seiner Schutzgeister ist Amarok, das Wolfswesen.
Das Halbdunkel und die Wärme der Hütte nahmen sie auf. Wir haben wieder nichts erlegt, sagte Ingor. Ich weiߓ, antwortete seine Mutter. Ingor stellte seine Jagdwaffen und seine Schneeschuhe an ihren Platz. Dann hielt er seine blaugefrorenen Hände über die Flammen des Herdfeuers. Als sie warm wurden, schmerzten sie ihn so sehr, dass er nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken konnte. Unbeholfen zog er seinen Winterpelz aus und ließ sich auf den Rentierfellen in der Nähe des Feuers nieder. Nach einer Weile erhielt er etwas zu essen, gekochte Flechten und Streifen der inneren weißen Schicht von Baumrinde. Dazu gab es Kerne von Fichtenzapfen. Als er etwa die Hälfte davon gegessen hatte, sagte er, ich habe einen solchen Durst, dass ich einen ganzen Bach leer trinken könnte. Seine Mutter brachte ihm in einem großen Wisent-Horn Tee, in dem die Schalen von Hagebutten schwammen. Er trank es gierig leer, anschließend noch ein zweites, dann lehnte er sich zurück.
Du musst auch essen, mahnte seine Mutter. Von diesem Grünzeug kann man doch nicht satt werden, murmelte Ingor vor sich hin. Aber seine Mutter hatte es gehört. Du isst nicht genug davon, erwiderte sie. Menschen können sich von Pflanzen ernähren, ohne zu hungern. Das geschieht in manchen Wintern. Mammut und Wollnashorn ernähren sich sogar nur von Pflanzen und werden größer und stärker als jedes andere Tier.
Ich bin kein Wollnashorn, sagte Ingor.
Soll das nicht sehr störrisch und eigensinnig sein? fragte sein Mutter.
Nija lachte laut auf. Ingor ist ein Wollnashorn, rief sie, Ingor ist ein Wollnashorn! Aber dann drückte sie ihm verstohlen einige Haselnüsse in die Hand. Ingor nahm nur die Hälfte davon. Ich habe sie selber gesammelt, sagte Nija stolz und für den Winter aufbewahrt.“
Draußen fragte jemand, ob er herein kommen könne und betrat gleich darauf die Hütte. Es war der Gehilfe des Schamanen. Euer Großvater wird heute Abend zum Herren der Tiere reisen, sagte er. Er will ihn bitten, uns eines seiner großen Tiere zu schicken, damit wir wieder etwas zu essen haben. Wir müssen ihm für seine Seelenreise Kraft geben. Kommt alle! Die Erwachsenen nickten, auch Nija.