Archive for November, 2008

Ingor, der Enkel des Schamanen, 26.11. bis 09.12.08: Der Schamane reist zum Herrn der Tiere! II

Dienstag, November 25th, 2008

Schamane, Flöte blasend; Höhle Trois Freres, Frankreich

Schamane, Flöte blasend; Höhle Trois Freres, Frankreich, abgezeichnet

Der Schamane reist zum Herrn der Tiere II

Während  der Schamane sang und die Trommel schlug, drehte er sich im Kreise, glitt zur Erde hinunter, um dann wieder in die Höhe zu schnellen und in großen Schritten und Sprüngen das Zelt zu durchmessen. Der Schamane war nicht mehr der Mann, als den ihn alle kannten. Er hatte sich in ein unbekanntes Wesen verwandelt, das eng mit den Geistermächten verbunden war. Durch sein Trommeln und Tanzen sammelte er Energie an und stellte sie den Geistermächten zur Verfügung, damit sie dem Stamm halfen, Nahrung zu finden und zu überleben. 

Lange Zeit währte das Singen und Tanzen, getragen von dem dumpfen Tam, Tam der Trommel. Immer wieder wurde das Dröhnen der Trommel wilder, höher die Sprünge des Schamanen, bis er nach Luft ringend und sich den strömenden Schweiß von der Stirn wischend kaum weniger schnell den Raum durchmaß.

Und immer mehr wurden die Anwesenden von dem Zauber der Musik und der Wildheit des Tanzes in Bann geschlagen. Sie saßen dichtgedrängt, eine dunkle Masse im Widerschein der Flammen. Ihre Seelenkräfte verbanden sich und schweißten sie zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen mit starkem Gemeinschaftsgefühl und hoher Opferbereitschaft. Neue Kraft strömte in ihre Herzen. Sie waren wieder bereit und fähig durchzuhalten, gleichgültig, was kam. Gleichzeitig trugen sie ihren Teil zum Gelingen des Schamanen-Tanzes bei. In den Geistermächten aber sammelte sich die Kraft an, Dinge zu gestalten, die bewirkten, dass der Stamm überlebte.

Ingor hatte Mühe, die Kontrolle über sein Bewusstsein zu behalten. Eine unsichtbare Kraft zerrte daran und er befürchtete, etwas zu tun oder zu sagen, über das er keine Kontrolle hatte.

Plötzlich fuhr ein Windstoß durchs Zelt. Die Flammen des Feuers brannten niedriger und drohten zu erlöschen. Ingor aber wurde von einem eiskalten Hauch angeweht. Er spürte, dass ein Unsichtbarer gekommen war, dem er seinen Körper zur Verfügung stellen sollte und dann hörte er sich auch schon mit fremder Stimme sprechen: 

„Der Speer, der mich getötet hat, wurde gelenkt“, sagte er. „Es war kein Zufall!“

Hannas Mann erkannte die Stimme seines Bruders und ein Stöhnen ging durch seine Brust. „Ich lenkte den Speer“, brach es aus ihm heraus. „Es war meine Schuld!“

„Nein, nicht deine Schuld“, sprach es aus Ingor, „dein Speer wurde von einer Kraft gelenkt, die stärker ist als du oder ich.“

„Ich lenkte den Speer“, wiederholte Hannas Mann dumpf. „Komm!“ sagte die Stimme aus Ingor. „Umarme mich als Zeichen unserer Versöhnung.“ Hannas Mann zögerte, aber da ergriff die Wesenheit in Ingor auch schon die Initiative und ging auf ihren Bruder zu. Beide umarmten sich und Hannas Mann begann zu schluchzen und Ingor bzw. die Wesenheit in Ingor auch. Ingor schossen die Tränen in die Augen und liefen ihm übers Gesicht, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte.  

Als Ingor der Handlung wieder folgen konnte, war der Schamane dabei, nach Geistwesen zu rufen, die noch nicht gekommen waren. „Bär, komm“, rief er immer wieder „und du, starker Adler, lass dich herab und lande und auch du, Wolfwesen Amarok, lenke deine Schritte hierher.“ Je mehr Geister der Schamane versammeln konnte, umso größer war seine Kraft. Aber seine mächtigsten Verbündeten Bär, Adler und Amarok fehlten noch.

 „Wo bist du, Adler?“ rief der Schamane. „Kommt meine Tiere und Geleiter!“ Immer wieder rief er nach seinen Tieren, bis endlich der Ruf eines Adlers zu hören war und ein Rauschen, wie wenn sich ein mächtiger Greifvogel vom Himmel herab auf seine Beute stürzt. Deutlich konnte Ingor Stimme und Flügelschlag vom Klang der Trommel und dem Gesang des Schamanen unterscheiden, aber sehen konnte er den Adler nicht.

„Ah, da bist du ja, Adler“, begrüßte der Schamane den unsichtbaren Ankömmling. Gleich darauf erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm. Das Zelt wurde in seinen Grundfesten erschüttert und für einen Augenblick waren der braune Pelz und die Tatzen eines Bären zu sehen. Die Anwesenden erstarrten vor Schreck. Ein tiefes Brummen ertönte und der Schamane sagte: „Gut, dass du gekommen bist, Honigtatze. Es wird nicht lange dauern, dann kannst du weiter mit deinen Brüdern und Schwestern den Winterschlaf halten. Aber wo bleibt Amarok, das Wolfswesen? Warum kommst du nicht? Was hält dich von hier fern? Nun, wenn du nicht kommen kannst, dann muss das Werk auch ohne dich gelingen.

Herr, des Wildes“, rief der Schamane jetzt, „zeige uns den Weg zu den Seelenplätzen der Jagdtiere. Mein Stamm verhungert. Zeige uns, wo sich deine Geschöpfe aufhalten, die du uns zur Nahrung geben wirst!

Die Knochenschlegel schlagen mit ungeheurer Geschwindigkeit auf das Fell der Trommel. Das Trommeln und Singen steigert sich zu einem letzten unerwarteten Höhepunkt. Die Tanzsprünge des Schamanen wurden so hoch und wild, dass er schließlich strauchelte. Mit letzter Anstrengung gelingt es ihm noch, einige Schritte zu tun. Der Griff, mit dem er die Trommel gefasst hält, erschlafft. Der Schlag des Schlegels klingt schwächer und ferner. Dann sinkt er neben dem Feuer auf Rentierfelle nieder. Die Trommel verstummt, gleitet dem Schamanen aus der erlahmenden Hand. Sein Körper liegt reglos, die Augen geschlossen. Ingor aber sieht seine Seele auf einem Adler durch die Nacht fliegen.

„Ich fliege“, ertönt wenig später die Stimme des Schamanen wieder. „Der Adler trägt mich durch die Lüfte. Ich steige höher und höher. Das Flusstal gleitet unter mir dahin.“ Eine Weile herrscht Schweigen. „Das Land ist leer, klagt die Stimme, „kein Wild, keine Spuren. Nur graue Wölfe mühen sich durch den Schnee. Die Schwingen des Adlers tragen mich bergauf – unter mir das geborstene Eis eines Gebirgsflusses. Schneebedeckte Hänge gleiten unter mir dahin.“ Plötzlich klingt seine Stimme erregt: „Da, im Schnee, die frischen Spuren von Großwild. Die Fährte läuft hinunter in ein weites Tal. Oh, hier ist Nahrung.“

Der Weg, ich muss den Weg kennen. Wo Wölfe über das Eis liefen, zerbissene Ren-Knochen den Beute-Ort anzeigen. Barrieren aus Eisschollen gebirgswärts.“ Die Stimme des Schamanen wird undeutlich, verwandelt sich in ein heiseres Krächzen.

Nach einer Weile erklingt seine Stimme jedoch wieder menschlich. „Zur Seite springen!“ ruft er und dann „zu spät,. Gru“ klingt es bedauernd aus seinem Munde und dann fällt auch Ingors Name. „Nein“, fleht er, es darf niemand mehr sterben. Wir sind nur noch wenige. Anders geht es nicht? Sein Leben gegen viele?“ Eine lange Weile herrscht Schweigen. Dann kommt ein Stöhnen aus der Brust des Schamanen und er murmelt: „Es sei!“

Wenig später schlug der Schamane die Augen auf und erhob sich. Er schien wie von einer weiten Reise zurückgekehrt. „Meine Seele hat euren morgigen Weg und eure Jagd vorweggenommen“, sagte er. „Ich sah mit den Augen des Adlers und ich sah mit den Augen von Gru und Ingor.“ Dann gab er detaillierte Anweisungen: Brecht morgen in aller Frühe auf“, sagte er. Geht flussaufwärts. Ihr müsst sehr weit gehen. Wo Wölfe ein Ren gerissen haben, mündet zur linken Hand ein Fluss. Ihm folgt hinauf ins Gebirge, bis ihr auf die Spuren von Großwild stoßt.“

Zum Schluss wandte sich der Schamane an Ingor: „Tu das, was du tun musst,“ sagte er und sah ihn bedeutungsvoll an. Ingor war seltsam berührt.

In der Nacht hatte er einen Traum, der ihn mit Unbehagen und Grauen, gleichzeitig aber auch mit Ehrfurcht erfüllte. Als er wieder erwachte, erinnerte er sich daran, mit etwas in Berührung gekommen zu sein, das ihm wie eine übermächtige, unerbittliche Macht erschien, gegen die nichts und niemand ankam. An ihr zerschellte alles und wurde völlig zermalmt, gänzlich umgestaltet und neu geformt. Ingor schien es, dass er mit dem Tod in Berührung gekommen war, der unausweichlich am Ende allen Lebens stand. Würde es sein Tod sein? Ingor hatte ein unbehagliches Gefühl; aber dann machte er sich klar, dass alle seine Vorfahren ja schon diesen Weg gegangen waren und er gewann etwas von seinem Gleichmut zurück.

Wenn sich in seinem Traum sein baldiger Tod angekündigt hatte, war er dann diesem Schicksal hilflos ausgeliefert? Ingor knirschte mit den Zähnen. Er wollte diese Schicksalmächte beeinflussen. Zum Sterben war es noch zu früh. Wenn seine Seele ein Ereignis vorausahnen konnte, dann musste es mit Hilfe seelischer Kräfte auch möglich sein, dieses Ereignis abzuändern. Und plötzlich erwuchs in ihm das Gefühl eines gewaltigen Triumphes und einer großen Freude. Für eine kurze Weile fühlte er sich stark wie nie zuvor.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 12.11. bis 25.11.08: Der Schamane reist zum Herrn der Tiere!

Mittwoch, November 12th, 2008

Kosmos der Samen auf einer Schamanen-Trommel!

Heilige Symbole und Tiere auf einer Schamanen-Trommel der Samen aus dem 17. Jahrhundert im Nordischen Museum Stockholm  (Ausschnitt)

I

Der Schamane reist zum Herrn der Tiere!

Zusammen stapften sie wenig später durch den knirschenden Schnee zum Versammlungszelt des Schamanen. Die Landschaft war in das zauberische Licht des Mondes eingehüllt, der im Osten hinter den Fluss-Bergen aufgegangen war und sich immer mehr rundete.

Eine unwirkliche Stimmung erfasste Ingor, als sie in das Zelt eintraten. Das Zelt und die Dinge darin waren erfüllt von dem Geist vergangener Beschwörungen. In dem Raum pulsierten starke Kraftfelder. Ingor konnte sie körperlich spüren. Stumm ließen sie sich auf den Rentierfellen nieder, die sie mitgebracht hatten. Der Gehilfe des Schamanen füllte gerade Glut aus dem Feuer in eine Tonschale, die wie ein Vogel geformt war. Ihre Augen folgten seinen Handbewegungen. Nach und nach füllte sich das Zelt mit anderen Mitgliedern des kleinen Stammes.

Ingors Augen wanderten wie jedesmal, wenn er hier war, von einem Gegenstand zum andern. Sein Blick wurde angezogen von Tierkrallen, gebleichten Knochen und Tier-Totenschädeln. Über ihm baumelten Eulenflügel und an den Wänden hingen Tierfelle mit ungewöhnlichen Farben und Zeichnungen. In einer Ecke hing auch ein menschlicher Totenschädel.

Ingor betrachtete ihn und überlegte, ob nicht letzten Endes doch alles menschliche Tun vergebens sei. Dem Tod konnte niemand entrinnen. Er wollte schon mutlos werden. Aber dann gingen ihm die Worte seines Großvaters, des Schamanen, durch den Kopf, der sich mit diesen Dingen auskannte: Wer auf der Erde als Mensch geboren wurde, hatte eine Aufgabe zu erfüllen, wenn er sie meist auch nicht kannte.

Als die letzten kamen die schwangere Hanna und ihr Mann. Einige der Anwesenden wandten sich um und blickten ihn an. Sein Gesicht war bleich und er schien etwas nervös.

Aus der Tonschale, die der Gehilfe des Schamanen mit Glut gefüllt hatte, stieg der Rauch darauf liegender Kräuter auf. Ihr aromatischer Geruch erfüllte das Zelt. Als Ingor den Rauch einatmete kam ihm alles noch unwirklicher vor.

Plötzlich wurde das Fell am Eingang mit einem Ruck zur Seite geschoben. In phantastischer Tier-Verkleidung glitt der Schamane herein. Ingor gelang es kaum, in ihm seinen Großvater zu erkennen. Auf dem Kopf trug er Geweihstangen und um seinen Hals baumelten die Krallen und Reißzähne von Bären. In der Hand hielt er eine Trommel und den mit Fell umwickelten Schlegel. Seine Bewegungen waren kraftvoll, sein Blick zwingend. Er strömte Kraft aus und diese Kraft übertrug sich auch auf die Anwesenden. Auch Ingor gewann wieder mehr Lebensmut.

Als der Schamane an Ingor vorbeischritt, begann er leise die Trommel zu schlagen. Ingors Blick wurde von den roten und schwarzen Zeichen auf der Trommelhaut angezogen. Sonne und Mond waren zu erkennen und ein Regenbogen. Eine Grenzlinie trennte Himmel und Erde, diesseitige und jenseitige Welt. Sie wurde aber von dem Regenbogen und einer Opferbirke durchbrochen, den Symbolen für die geheimen Verbindungen zwischen Diesseits und Jenseits. Auch sein Großvater würde heute diese Grenze für kurze Zeit überschreiten. Hannas Schwager, den ein Speer getötet hatte, aber hatte diese Grenze für immer oder jedoch für längere Zeit überschritten. 

Welchen Sinn konnte sein kurzes Erden-Leben gehabt haben? Auf welche Weise konnten überhaupt die  Bemühungen und Erfahrungen des Menschen während seines Erden-Lebens seinem Leben auf der anderen Seite dienen? überlegte Ingor. Das alles war ein großes Rätsel!

Ingor betrachtete die Trommel mit Respekt und Scheu. Er erkannte sie als den mächtigen Helfer des Schamanen, der ihm half, die Grenzlinie zwischen Diesseits und Jenseits zu überschreiten. Ihr zauberisches Dröhnen rief die Geister herbei und begleitete den Schamanen auf seinen Reisen in die unsichtbare Welt. Die Seelenplätze der Tiere waren sein bevorzugtes Reiseziel. Jedes Lebewesen hatte seinen eigenen Geist, seine eigene Seele und der Schamane konnte sie alle herbeirufen: die Seelen von Pflanzen, Tieren und Menschen,  aber auch die von Bewohnern anderer Welten. Der Schamane konnte sie herbeirufen und auch wieder fortschicken. Aber auch die Steine und andere angeblich tote Gegenstände waren beseelt und der Schamane konnte auch sie dazu bewegen, ihm und dem Stamm zu helfen.

Eine der Aufgaben des Schamanen war es, die Seelen von Verstorbenen auf die andere Seite zu geleiten, wenn sie den Wohnplatz nicht verlassen wollten. Insbesondere verstorbenen Müttern fiel es schwer, sich von Hütte und Wohnplatz zu trennen, wenn sie kleine Kinder zurücklassen mussten. Zu fürchten aber waren vor allem diejenigen, die durch Gewalttaten ums Leben gekommen waren und sich zu rächen suchten.

Die Trommel schlagend und singend begann der Schamane in rhythmischen Bewegungen das Feuer zu umkreisen und seine wohltätige Macht zu preisen. Der Gehilfe des Schamanen aber blies auf einer Beinflöte. Gesang und Musik brachten verschüttete Seiten in den Anwesenden zum Klingen, so dass sich bei ihnen wieder ein hoffnungsvolleres Lebensgefühl einstellte.

Ununterbrochen dröhnte die Trommel! Nach und nach stellten sich Hilfs- und Schutzgeister des Schamanen und des Stammes ein. Ingor spürte, wenn die mächtigen unter ihnen kamen.