Archive for Dezember, 2008

Ingor, der Enkel des Schamanen, 24.12. bis 07.01. 2009: Die fliegende Schlange!

Mittwoch, Dezember 24th, 2008

Fische im Fluss!

Fische im Fluss! (eigenes Foto)

Ingor, der Enkel des Schamanen – Die fliegende Schlange!
Der große Fisch, den sie verzehrt hatten, wärmte sie eine Zeitlang von innen her und sie fühlten sich besser. Wieder flogen drei Raben mit langsamen Flügelschlägen in niedriger Höhe über sie hinweg. Da blieben alle stehen und sahen ihnen nach und einige warfen sogar ihre Speere nach ihnen. Soweit trieben sie die Hungerstiche in ihren Mägen, dachte Ingor. Aber dann legte er selber einen Wurfspeer mit einer Knochenspitze auf den Dorn seines Wurfholzes, holte aus und schleuderte ihn hinter den schwarzen Vögeln her. Doch der Speer brach aus und flog in Richtung der Gefährten, wobei er sich wie eine Schlange auf und ab bewegte. Ingor blickte dem Speer enttäuscht nach; doch Trost erhielt er  dadurch, dass sein Geschoss bis über die Flugbahn der Raben hinaus gelangte, während die Speere der anderen schon vorher ihren Umkehrpunkt erreichten und zu Boden fielen. Die Raben flogen ihnen flussaufwärts voraus. Ob das etwas zu bedeuten hatte?

„Wohin dein Kinder-Speer fliegt, bestimmt wohl irgend ein Geistwesen, über das du keine Macht hast!“ Die Stimme Ebers, der nicht gerade sein Freund war, schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. “Sag ihm, dass wir sehr böse werden, wenn es den Speer in unsere Richtung lenkt.“

Ingor fand es nicht notwendig zu antworten. Er spürte Ebers Neid, weil er ihm den großen Fisch sozusagen vor den Füßen weggeschnappt hatte. Aber er fühlte sich auch plötzlich in Zweifel gestürzt. Wenn der Speer immer wieder von dem Dorn des Wurfholzes abglitt, dann würde er nie eine größere Treffsicherheit erlangen und die Waffe war nutzlos und tatsächlich nicht mehr als ein Spielzeug und vielleicht sogar gefährlich. Aber er musste auch innerlich lächeln. Seine Wurf-Geschosse waren dünner als normale Wurf-Speere. Das mussten sie auch sein, wie er bei vielen Würfen herausgefunden hatte. Nur dann konnte er ihnen mit dem Wurfholz eine solche Wucht verleihen, so dass sie bis in vorher nie erreichte Entfernungen flogen. Kinderspeere waren seine Wurfgeschosse nur dann, wenn man sie mit der Hand warf. Aber dazu hatte er sie nicht angefertigt.

Als Ingor seinen Wurfspeer wieder einsammelte, sah er, warum er von dem Dorn des Wurfholzes abgeglitten und ausgebrochen war. Er musste nur die Einkerbung am unteren Ende des Wurfspeeres etwas vertiefen. Das tat er  mit der Feuersteinspitze einer seiner anderen Wurfspeere und warf ihn erneut. Diesmal brach der Speer nicht aus. Sich wie eine Schlange auf und abwindend und zischend, fuhr er mit großer Durchschlagskraft in einen weit entfernten Weidenstrauch, den Ingor sich als Ziel ausgesucht hatte.

Einigen der Gefährten, die zum ersten Mal sahen, wie sich der lange dünne Wurfspeer während des Fluges wie ein Lebewesen zischend auf und ab bewegte, war diese fliegende Schlange unheimlich. Sie beruhigten sich damit, dass Ingor der Enkel des Schamanen war, sich gut mit ihm stand und ihm wahrscheinlich sogar einmal im Amt nachfolgen würde. Sie dachten auch an den Fisch, den Ingor unter sie verteilt hatte. Vielleicht half ihnen diese fliegende Schlange ja dabei, Beute zu machen, so dass sie nicht mehr hungern mussten. Dann war die fliegende Schlange ihr Verbündeter und willkommen. Aber wenn sich die fliegende Schlange gegen die Menschen wendete, dann mussten sie gegen sie vorgehen.

Lange marschierten sie auf dem zugefrorenen Fluss dahin. Die Sonne erreichte ihren Gipfelpunkt und sank wieder tiefer. Schließlich erschöpfte auch das Schreiten auf der ebenen Fläche des Fluss-Eises ihre Kräfte immer mehr. Immer öfter kam es vor, dass ihre Füße und Beine sich ineinander verhedderten und sie stolperten. Ingor überkamen Schwäche-Zustände,  bei denen es ihm schwarz vor Augen wurde. Am liebsten hätte er sich auf das Eis gelegt und wäre nicht mehr aufgestanden. Aber er sagte sich, bis zur nächsten Fluss-Biegung halte ich noch durch, nur bis dahin noch, und er erreichte sie auch nur mit Mühe. Aber als sie dort ankamen, sagte er sich, nur bis zu diesen Bäumen dort gehe ich noch. Aber nachdem er auch diese Strecke dann geschafft hatte, nahm er sich ein neues Ziel vor und so schleppte er sich von einem Ziel, das er sich setzte, bis zum nächsten. So betrog er sich selber und wunderte sich, wie lange er auf diese Weise durchhalten konnte.

Die Gefährten wurden ebenfalls von Schwäche Anfällen heim gesucht. Ingor bemerkte, dass sie beim Gehen nicht die Richtung hielten, sondern einmal nach der einen, dann nach der anderen Seite taumelten. Er selber schritt aus wie im Traum. An seine Speerschleuder dachte er schon lange nicht mehr und er hielt auch nicht mehr nach Wild Ausschau. Er bemerkte jedoch, dass sein Vater, der an der Spitze ging und das Tempo bestimmte, noch nicht das Interesse an seiner Umgebung verloren hatte. Das beruhigte ihn.

Er träumte jetzt mit offenen Augen. Unter den graublauen blanken Stellen der Eisdecke vermeinte er Fische zu sehen. Aber wenn er die Augen aufriss und in seinen normalen Bewusstseinszustand zurückkehrte, waren die Flossenträger wieder verschwunden. Ingor konnte nicht mehr zwischen innerem und äußerem Geschehen unterscheiden. Traumhaft sah er seine Schwester Nija beim Sammeln gefrorener Pflanzen-Nahrung ausgleiten und spannte unwillkürlich die Armmuskeln, um den Sturz abzufangen. Ingor schüttelte über sich selber den Kopf.

Plötzlich lief ein blutiges Geschehen vor seinem inneren Auge ab: Vor ihm im Schnee stand ein zottiges urwelthaftes Tier. Tief in seiner Seite steckte ein Speer und heraus schoss rotes Blut in pulsierenden Stößen, strömte in das dichte Fell und tropfte in den weißen Schnee. Vor dem Tier, das mit gesenktem Kopf dastand, aber krümmte sich ein Mensch am Boden. Angst überflutete Ingor, aber dann verdrängte Triumpf und das Bewusstsein von Sieg die Angst. Für Sekunden verspürte er sich von einer solchen Kraft durchströmt, dass er sich unbesiegbar wähnte. Es schien ihm, als ob er Kraft aus dem rauchenden Blut des Tieres söge. Der Spuk war rasch vorüber; die Gefühle, die ihn überwältigt hatten, zogen ihn in das normale Sein zurück.

Es war wieder kälter geworden. Die niedrig stehende Sonne schien wie durch einen Nebelschleier hindurch. Um das Tagesgestirn herum hatte sich ein Ring gebildet. Es standen auch mehrere Neben-Sonnen am Himmel. Es wurde eine Rast vereinbart. Sie gingen zum Ufer und ließen sich im Schnee nieder. Eine dichtbehaarte Fellkleidung hätte sie gegen die Schneekälte isoliert. Aber jetzt trugen die Männer Pelze, die kaum noch Haare hatten. Die Fell-Hosen, die im Herbst hätten erneuert werden müssen, waren sowohl an den Schenkeln als auch am Sitz zerschlissen. Aber sie froren nicht nur wegen ihrer mangelhaften Kleidung, sondern mehr noch, weil sie nichts zu essen hatten. Das schien Ingor nun das Schlimmste an einer Hungersnot, dass sie immerfort froren.

Während sie sich ausruhten und einen Teil ihrer dürftigen Wegzehrung aßen, erholten sie sich allmählich. Ingor zählte die Haselnüsse, die er in seiner Felltasche hatte und knackte die Hälfte davon zwischen seinem Feuerstein-Messer und dem Fluss-Eis. Andächtig kaute er lange die Kerne, bevor er die ölhaltige Masse hinunter schluckte. Als er sie gegessen hatte, musste er sich zurückhalten, um nicht auch noch über den Rest herzufallen. Da er durstig war, aß er Schnee, den er mit den Händen zusammen presste. Aber Schnee ergibt nur wenig Flüssigkeit und er sehnte den Abend herbei. Dann würden sie ein Feuer anzünden und Schnee schmelzen und er konnte soviel trinken, wie er wollte. Später schlug er noch Splitter aus der Eisdecke des Flusses. Bevor er sie sich in den Mund steckte, hielt er sie eine Weile unter dem Pelz, damit sie sich erwärmten. Eis ergab mehr Flüssigkeit als  zusammengepresster Schnee. Allmählich spürte er, wie ihm Flüssigkeit und Nahrung Kraft gaben.

Als sie aufbrachen, kam Gru nur schwer wieder auf die Beine. Ingor reichte ihm die Hand und zog ihn hoch. Er erschrak vor dem knochigen Gesicht und den tief in ihren Höhlen liegenden Augen. „Dein Speer“, sagte Ingor. „Ich lasse ihn hier“, murmelte Gru. „Ich brauche nur einen, um mich darauf zu stützen.

“Das war ein schlechtes Zeichen. „Gru wird sterben“, hörte Ingor eine Stimme in sich sprechen.

„Das rote Blut in diesem Körper wird gefrieren“, murmelte Gru „überhaupt alles, was man an diesem Körper anfassen kann, wird zu Eis erstarren. Aber zu diesem Körper gehört auch etwas, das kann der Frost nicht in Fesseln schlagen und das können auch die Wölfe und Hyänen nicht fressen. Es ist das, was ich eigentlich bin. Es wird in seine Heimat zu seinen Eltern zurückkehren und irgendwann – wenn es wärmer ist – wiederkehren!

“Ingor wandte sich ab. Es war traurig, aber er konnte Gru nicht helfen. Er hatte mehr als genug mit sich selber zu tun. Kurze Zeit später erreichten sie einen Bereich, in dem sie hätten umkehren müssen, wenn sie nicht die Nacht im Freien verbringen wollten. Aber von Umkehr sprach niemand, wenn auch alle daran dachten.

Auf einmal wich das Ufer zurück und sie kamen an die Einmündung eines Flusses, über dessen Eisfläche sich Eisschollen auftürmten. Das musste der Gebirgsstrom sein, von dem der Schamane auf seiner Reise zu den Seelenplätzen der Tiere gesprochen hatte. Zögernd überquerten sie die weite Eisfläche, unter der sich die beiden Flüsse vereinigten und bogen in das Seitental ein. Der Anblick der veränderten Landschaft riss sie aus ihrer Lethargie. Ingor hatte das unbehagliche Gefühl, dass sie in fremdes Jagdgebiet eindrangen, denn im Sommer hatten sie aus dem Land hier Rauch aufsteigen sehen. Aber was spielte das jetzt noch für eine Rolle? 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 10.12. bis 23.12.08: Die Mammut-Jagd – Der Aufbruch!

Dienstag, Dezember 9th, 2008

Mammut-Zeichnung auf einer Höhlenwand von Font-de-Gaume, Dordogne, Frankreich

Mammut-Zeichnung auf einer Höhlenwand von Font-de-Gaume, Dordogne, Frankreich (abgezeichnet)

Die Mammut-Jagd – der Aufbruch!

Im Halbschlaf vor dem Aufbruch am nächsten Morgen lastete noch Müdigkeit schwer auf den Männern. Nur widerwillig warfen sie die wärmenden Schlaffelle zur Seite, als die Trommel des Schamanen zum Aufbruch rief.

Mit einem Stück Holz schlugen sie das Eis aus der steif gefrorenen Winterkleidung, deren Haare sich in starre Eisstacheln verwandelt hatten. Die erste Kleidungsschicht trugen sie mit dem Fell auf dem Körper, die zweite mit dem Fell nach außen. Während sie sich ankleideten, verspürten sie allmählich wieder Kraft, den neuen Tag zu überstehen. Sie streichelten ihre schlafenden Kinder, drückten ihre Frauen zum Abschied an sich und stapften durch tiefe Schneewehen zum Fluss hinunter, dabei in tiefen Zügen die kalte Luft atmend.

Bevor das Dorf ihrem Blick entschwand, sahen sie sich noch einmal um und winkten ein letztes Mal ihren Frauen zu. Sie spürten deren bangen Wunsch, dass es ihnen auf diesem Jagd-Zug endlich gelingen möge, Beute zu machen. Aber sie wussten nicht, ob sie Erfolg haben würden. Für diese Frage konnte nicht einmal der Schamane ein gutes Gespür entwickeln, denn von ihr hing jetzt fast ihr Leben ab. Um sie kreisten ihre Hoffnungen und Wünsche zu sehr, als dass sie eine negative Antwort akzeptiert hätten. Die Zeit der kargen Bissen hielt schon zu lange an. Wenn es ihnen diesmal nicht gelang, Beute zu machen, würden sie sich kaum noch einmal zu einer größeren Jagd-Unternehmung aufraffen. Sie würden hungernd und frierend in ihren Hütten hocken und auf das Frühjahr warten und es würden Krankheit und Tod einziehen. Sie würden das letzte Fett aus den Fellen kauen und schließlich die Haare von den Fellen kratzen und die Felle selber kochen und hinunterwürgen. Die Winter-Kälte würde immer unerträglicher werden. Mit zitternden Händen würden sie versuchen, das Feuer am Leben zu erhalten, bis sie dann schließlich zu schwach waren, um für Brennmaterial zu sorgen.

Ihre Lebensflamme würde ebenfalls immer schwächer brennen. Und wenn sie dann Rentier, Wisent und Mammut wieder über die Hügel kommen sahen, waren sie vielleicht schon zu hinfällig, um überhaupt auf die Beine zu kommen. Und das war vielleicht das schrecklichste: Unfähig aufzustehen, würden sie in ihren Hütten liegen und sterben, während sich draußen das Land begrünte und das Wild in Reichweite ihrer Speere äste.

Einige riefen sich die Träume der vergangenen Nächte ins Gedächtnis zurück und prüften, ob sie nicht Dinge ankündigten, die auf ein baldiges Beute-Machen hinwiesen. Das hatten sie schon viele Male getan. Wenn sie ihre Ahnungen und Träume richtig deuteten, würde auch diese Notzeit vorübergehen, ohne dass es sie das Leben kostete. Es schien ihnen jetzt sogar so, dass sie schon bald wieder reichlich zu essen haben würden. In ihrer Vorstellung hieben einige von ihnen sogar schon ihre Zähne in rotes saftiges Fleisch und fette Bratenstücke und säbelten sie dicht vor den Lippen mit ihren Feuerstein-Klingen ab. Aber ob es wirklich so sein würde, wussten sie nicht. Es konnten Wunsch-Vorstellungen sein. Wahrscheinlich würden sie bald wieder Beute machen, aber so recht daran glauben konnte niemand. In einem Tagtraum hielt Ingor plötzlich ein Stück Fleisch mit langen zottigen Haaren in der Hand. Verblüfft registrierte er es, konnte sich aber keinen Reim darauf machen.

Wenn sie in die Gesichter der Gefährten blickten, glaubten sie ein Zeichen zu erhalten. Noch bevor sich ihre Blicke kreuzten, spürten sie die neue Hoffnung, die in die Herzen der meisten eingekehrt war. Aus den eingefallenen Gesichtern, die sie nur grau und hoffnungslos in Erinnerung hatten, vermeinten sie eine Wendung zum besseren herauslesen zu können. Aber vielleicht war es auch nur die Hoffnung, die der Schamane in ihnen geweckt hatte.

Sie erreichten das dunkle Eis des Flusses, von dem der Wind den Schnee an den meisten Stellen fortgeweht hatte. Auf dem Eis am Rand des Stromes, wo es weniger glatt war, marschierten sie stromaufwärts. Hier kamen sie voran, ohne ihre Kräfte und geringen Energie-Reserven zu sehr zu erschöpfen. Die Hänge lagen tief unter Schnee begraben. Ohne Schneeschuhe konnten sie dort nirgendwo mehr hin gelangen. Hier im Westen zum Meer hin fiel mehr Schnee als in dem Land zur Morgen-Sonne hin, aus dem sie vor einigen Jahren gekommen waren. Die Kälte kannten sie, aber sie hatten nicht gewusst, was es bedeutete, wenn soviel Schnee fiel.

Jetzt kurz vor Sonnenaufgang war die Kälte am größten. Sie biss ihnen in das hohlwangige Gesicht und die Hände in den Pelzhandschuhen wurden kalt und klamm. Ihr Atem stand weiß in der Luft und ihre Köpfe bedeckten sich vom Atem mit Raureif. Sie rieben sich die Nasenspitzen, damit sie nicht erfror, und sie bewegten ununterbrochen die Finger in ihren Handschuhen, um sie geschmeidig zu halten. Mit klammen halberfrorenen Händen konnten sie keine Speere werfen. Wenn sie genug zu essen hätten, würden sie nicht so unter der Kälte leiden.

Ihre Blicke wanderten immer wieder nach Osten, wo die Dämmerungsstreifen am Himmel immer breiter und heller wurden und das Licht der Sterne überstrahlten. Sie sehnten die Sonne herbei, ihre Wärme, damit sie weniger froren und ihr Licht, um die Fährten im Schnee lesen zu können. Es war gut, dass die Sonne nun mit jedem Tag wieder früher aufging. Der Mond der langen Nächte lag schon hinter ihnen. Ingor versuchte die Tage zu zählen, bis die Sonne wieder soviel Kraft gewonnen hatte, Eis und Schnee zu schmelzen und das Eis des Flusses bersten zu lassen. Die Finger seiner beiden Hände reichten jedoch hierfür nicht aus. So lange konnten sie nicht ohne Nahrung auskommen.

Als die Sonne aufging, reflektierte und zerstreute der weiße Schnee das einfallende Licht und nach einer Weile erfüllte blendende Helligkeit selbst die Schluchten und Senken. Die Eiskristalle des Pulverschnees glitzerten. Wenn die Sonne auch nur wenig Wärme spendete, so wandten die Männer ihr doch so oft wie möglich das Gesicht zu. Sein Vater mahnte Ingor, die Schneebrille aufzusetzen, sonst mache ihn das vom Schnee reflektierte Sonnenlicht blind. Ingor folgte dem Rat. Er hatte selber schon daran gedacht. Die Schneebrille hatte ihm sein Großvater aus Holz geschnitzt. Sie war rußgeschwärzt und ließ nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen frei.

Wenig später hörten sie einen vom Wind verzerrten Laut, von dem sie nicht wussten, wie sie ihn einordnen sollten. War es der Todesschrei eines Tieres oder doch nur das Ächzen und Kreischen des Eises?

Ingor kamen Wölfe in den Sinn, die auf dem schlüpfrigen Eis des Flusses vielleicht ein Ren gestellt hatten.

Als die Laute verstummt waren, gingen die Männer schneller. Sie teilten sich auch in zwei Gruppen, von denen die eine am rechten und die andere am linken Ufer entlang zog. Bevor sie Wild erlegen konnten, mussten sie es ausfindig machen. Und wenn sie es schon nicht selber erspähten, fanden sie im Schnee vielleicht doch seine Spuren.

Die Blicke der Männer schweiften ununterbrochen über das Land. Der zugefrorene Fluss wandte sich durch Sumpfgebiete, die sie im Sommer mieden, da sie sonst dort versunken wären.

Plötzlich ertönte vom anderen Ufer her lautes Geschrei. Ingor und die Männer um ihn erstarrten. Das klang nach etwas besonderem. Vielleicht hatten sie das Atemloch eines Bären über seiner Schlafhöhle am Hang entdeckt. Aber es waren nur drei erfrorene Vögel, die sie gefunden hatten. „Gänse“? fragte jemand. „Nein, Schneehühner“, hieß es.

„Über drei magere Schneehühner freuen die sich so, als ob sie einen Bären erlegt hätten“, dachte Ingor. „Das war nicht normal. Es musste ihr Hungern sein, das sie so reagieren ließ.“

In diesem Augenblick erspähte Ingor den Schatten eines großen Fisches, der unter dem Eis zu seinen Füßen vorbeiglitt. Bei diesem Anblick war es Ingor, der außer sich geriet. Einen Augenblick lang wollte er sich schon auf das Eis stürzen und mit seinem Faustkeil ein Loch hinein hacken. Aber das Eis war viel zu dick. Ingor kannte sich selber nicht mehr. Er konnte sich nicht beruhigen. „Der Fluss solle ihm den Fisch geben“, ließ ihn der Hunger fordern und in seiner Vorstellung gab der Fluss den großen Fisch auch heraus. Immer wieder gab der Fluss den Fisch in seinem Kopf heraus und irgendwie schien diese Vorstellung eine große Kraft zu entfalten.  

Plötzlich zog ein polterndes Dröhnen und Knattern über die Eisfläche. Das Eis des Flusses vor ihnen bäumte sich auf und erstarrte danach sofort wieder. Zurück blieben scharf gezackte Eisklippen. Ingor lief sofort hin. Neben den Eisklippen zappelte ein großer Fisch auf dem Eis. Ingor schlug ihm seinen Faustkeil an den Kopf und packte ihn sich unter den Arm. „Den werden wir sofort unter uns aufteilen“, sagte er, „ehe er zu Eis gefriert. Das ist unser Frühstück.“ Die Gefährten sahen ihn erstaunt an, aber es gab keine Einwände. Sie zerteilten den Fisch, klopften ihn mürbe und aßen ihn roh. Es war fast zu viel für sie. Den langen fetten Fischschwanz aber steckte Ingor in seine Jagdtasche, wies zum anderen Ufer hin und sagte: „Für die da drüben, damit ihnen die mageren Hühnchen besser bekommen!“