Ingor, der Enkel des Schamanen Der Schamane im Raben?

Der Schamane im Raben?
I
Wenig später entdeckten sie die Spuren von Wölfen, die in breiter Front Wild über das Eis gejagt hatte. Erregt beugten sie sich über die Pfoten-Abdrücke der Wölfe und noch mehr zogen sie die gespreizten Trittsiegel des gehetzten Tieres an. Nach den breiten Schalenabdrücken zu urteilen, war es ein vom Rudel abgeschlagener Hirsch, den die Wölfe verfolgt hatten. Beute schien in greifbare Nähe gerückt. Aber während sie der Fährte folgten, wurde ihnen klar, dass diese Hoffnung trog. Die Wölfe hatten den Hirsch in zwei Gruppen gejagt. Auf diese Weise konnten sie ihm den Weg abschneiden, wenn er einen Bogen schlug. Die geringe Weite der Fluchten verriet ihnen die Schwäche des Hirsches. Die Ränder der Schalenabdrücke waren außerdem nicht mehr scharf. Die Wölfe hatten den Hirsch längst gerissen und bis auf den letzten Bissen verspeist. Die Grauen haben selbst die Schädeldecke geknackt und das Gehirn heraus geholt, dachte Ingor. Mehr als Wedel, Hinterläufe und zerbissene Knochen haben sie nicht übrig gelassen. Die Männer, die noch Kraft hatten, hielten dennoch weiter Ausschau nach der Fährte und verfolgten sie eine Strecke rückwärts. Die Hetzjagd war hangabwärts verlaufen.
Sie kamen nun noch langsamer voran als zuvor. Der aus den Bergen herabströmende Fluss hatte ein starkes Gefälle und sein Eis war schwierig zu begehen. Immer wieder versperrten ihnen übereinander getürmte und zusammengefrorene Eisschollen den Weg, denen sie oft kaum ausweichen konnten. Keuchend kletterten sie über sie hinweg.
Von Zeit zu Zeit lief ein furchterregendes Krachen durch die Eisdecke, vor dem sie anfangs heftig erschraken. Wollte jemand nicht, dass sie diesen Weg gingen? Die Alten Menschen, in deren Gebiet sie eindrangen, waren gewiss dagegen. Aber die hatten ja wohl nicht die Macht, die Eisdecke bersten zu lassen.
Einige der Männer waren dagegen, weiter flussaufwärts zu gehen. Wenn das Wild schon in der Ebene keine Äsung findet, sagten sie, wie soll es dann Äsung im Gebirge finden, wo der Schnee noch viel tiefer liegt. Wenn wir keine Beute machen, wird es uns die Kraft fehlen, zurück zu kehren.
Ingors Vater schüttelte den Kopf: Der Schamane ist uns auf seiner Reise zu den Seelenplätzen der Tiere vorausgeeilt, sagte er. Er hat in den Bergen die Seelenplätze von Wild gefunden und wird uns nun dabei helfen, es zu erlegen. Dann fügte er noch hinzu:
Im Gebirge ist es kälter als in der Ebene. Dort kommt Tauwetter gegen den Frost nicht an. Wo aber kein Tauwetter die Oberfläche des Schnees schmilzt, fehlen auch die Eisschichten im Schnee, die verhindern, dass das Wild die Äsung wittert. Es muss seine Weideplätze nicht verlassen. Der Hirsch, den die Wölfe gejagt haben, ist ein Zeichen dafür. Er kam aus den Bergen.
Wenn es sein muss, werde ich diesem Fluss bis zu seinen Quellen folgen, sagte er mit fester Stimme und sah die Männer einen nach dem anderen an. Ich habe ein gutes Gefühl, schloss er. Es wird noch einiges geschehen. Aber dann werden wir zu essen haben und mehr Fleisch, als wir tragen können, lange vor den Quellen. Wer kommt mit?
Ingor hob seine Hand. Die anderen hatten die blassen Gesichter ihrer auf Nahrung wartenden Frauen und Kinder vor Augen und einer nach dem anderen machte eine Geste der Zustimmung.
Die Raben kommen auch mit, sagte Ingor und wies in die Höhe. Diesmal flogen sie höher. Jetzt hob auch Gru als letzter seine Hand und wollte mitkommen. Dass die Raben sie begleiteten, war ein gutes Zeichen.
Als Ingor seinen Kopf hob und auf die Raben wies, sah der erste der schwarzen Vögel auf ihn herab. Ingor meinte plötzlich sein Großvater, der Schamane, blicke auf ihn herab. Ingor schüttelte den Kopf. Das konnte ja wohl nicht sein.
Die Männer marschierten weiter flussaufwärts. Zu beiden Seiten des Stromes reckten Berge ihre kahlen Kämme empor. Dazwischen lagen verschneite Täler und Schluchten. Starke Winde hatten den Schnee von den felsigen Kuppen fortgetragen und an tiefer gelegenen Stellen hoch aufgetürmt. Wie tief der Schnee in den Schluchten lag, konnten sie an manchen Stellen daran erkennen, dass dort nur die Baumwipfel aus dem Schnee herausragten.
Ingor warf einen Blick zum Himmel. Graue Wolken hatten sich zusammen gezogen und Schneeflocken kamen herunter gewirbelt und fielen immer dichter, so dass man kaum noch einen Speerwurf weiter sehen konnte. Gut, dass sie auf dem Fluss gingen, dachte Ingor, da konnten sie einander nicht verlieren und sich auch nicht verirren. Er suchte den Himmel nach den Raben ab, aber in dem Schneegestöber konnte er sie nirgends entdecken.
Der Tag wurde grau und düster. Abendstimmung breitete sich aus und Ingor sorgte sich, wie sie die Nacht überstehen würden, ob sie Brennmaterial für ein Feuer und Zweige für ein Bett fanden. Sich nur in den Schnee einzuwühlen, würde nicht ausreichen, der Kälte der Nacht zu entrinnen.
Der Abstand zwischen den einzelnen Männern hatte sich vergrößert. Ingors Vater ging an der Spitze. Dicht hinter ihm folgten die Männer, die noch über Kraft verfügten und sich keine Schwäche anmerken lassen wollten. Einige der Männer aber waren weit zurück gefallen. Den Schluss bildete Gru. Er war im Schneefall schon gar nicht mehr aus zu machen.
Ingor ging in der Mitte zwischen diesen beiden Gruppen. Mechanisch setzte er einen Schritt vor den anderen. Auf einmal musste Ingor an seinen Großvater denken und wusste plötzlich, dass etwas geschehen würde. Tatsächlich flog wenig später einer der Raben im Tiefflug über ihn hinweg. Er kreiste ein paarmal über Ingor und der Gruppe der Männer an der Spitze und auch über den Männern am Schluss.
Krächzend stieß er auf Ingors Vater herab und flog dann in Richtung Westen davon. Ingor folgte ihm mit den Augen, bis er im Schneegestöber verschwunden war.
Kurze Zeit später war der Rabe wieder da und krächzte diesmal noch lauter. Plötzlich schoss er in steilem Sturzflug auf Ingor herunter und streifte mit seinen schwarzen Schwingen Ingors Gesicht. So etwas hatte Ingor noch nicht erlebt. Dann flog der Rabe wieder davon, das gleiche Ziel wie vorher ansteuernd. Ingor wusste, dass sie dem Raben folgen mussten.
Wir müssen dem Raben folgen, rief nun auch Ingors Vater. Er blieb stehen und wartete, bis die Gefährten einer nach dem anderen aus dem Schneetreiben auftauchten und auch Gru wieder bei ihnen war. Dann verließen sie den Fluss und stapften in die Richtung, in der sie den Raben hatten verschwinden sehen.
Am Berghang versank Ingor bis über den Kopf in einer Schneewehe. Das erste, was er danach wieder sah, war, dass sich ihm die Arme seines Vaters entgegen streckten. Ohne Schneeschuhe kamen sie hier nicht weiter.
Es hörte auf zu schneien, und für einen kurzen Augenblick brach sogar die Sonne durch. Während sie ihre Schneeschuhe festbanden, sahen sie den Raben über einem nahe gelegenen Hang kreisen. Das Schneefeld, über dem der schwarze Vogel schwebte, aber war von einer breiten Fährte durchfurcht. Die Fährte warf in der sinkenden Sonne dunkle Schatten und war gut zu erkennen. Das war die Fährte von Großwild. Ihr Anblick gab ihnen einen Stich ins Herz. Sie mussten der Fährte folgen, bevor sie zuschneite.