Ingor, der Enkel des Schamanen, 20. Jan. 09 bis 02. Febr. 09: Die Jagd auf das Wollnashorn!

Jagd auf das Wollnashorn!

Jagd auf das Wollnashorn! (eigenes Foto)

I

Ingor, der Enkel des Schamanen: Die Jagd auf das Wollnashorn! 

Als die Männer die Fährte erreichten, sahen sie, dass sie schon halb zugeweht war. Schon bald würde sie gar nicht mehr zu sehen sein, denn der Wind, der auf der Höhe sang, wehte fortwährend Schneestaub in die Trittsiegel hinein. Ingor fand Losung. Sie war außen von einer dünnen Eisschicht umgeben. Als er sie auseinander brach, sah er, dass auch  der Kern gefroren war. Das Großwild war schon vor längerer Zeit hier vorbeigezogen. Aber was waren das für Tiere? Ingor kannte diese Spuren nicht. Die Abdrücke von Mammut-Hufen waren größer. Auf der Fährte erspähte er ein langes braunes Haar und zeigte es seinem Vater. „Das ist vom Wollnashorn“, sagte dieser. Ingor erinnerte sich. Er hatte diese hornbewehrten Tiere einmal von fern gesehen. „Wir werden eines dieser mächtigen Tiere erlegen“, sagte Ingor und warf den Kopf hoch.„Das werden wir!“ entgegnete sein Vater. „Ohne Beute werden wir nicht nach Hause zurückkehren.“„Woher wusste der Schamane, dass wir hier auf Wild stoßen würden?“ Ingor sah seinen Vater fragend an. „War er der Rabe?“„Er könnte die Tiere mit den Augen des Raben gesehen haben“, meinte sein Vater. „Auch der Rabe zählt zu seinen Hilfsgeistern.“Sie warteten, bis auch der letzte ihrer Gefährten – es war Gru – den Hang herauf geklettert war, dann folgten sie dicht zusammen gerückt der Fährte. Mit scharfen Augen lasen sie die Fährten-Zeichen, die Form der Hufabdrücke mit ihren drei Zehen, die Schrittweite, den Abstand der Vorderhufe und wie tief die zottigen Wesen in den Schnee eingesunken waren. Der Anblick der Fährte ließ die Tiere in ihrer wuchtigen Gestalt leibhaftig vor ihnen erstehen.

Immer wieder prüften sie die Windrichtung und ließen ihre Blicke über das Bergland mit seinen kahlen Kuppen und tief verschneiten Täler schweifen, um die mächtigen Tiere zu erspähen. Die Männer hatten sich wieder zur Jagdgemeinschaft zusammen gefunden. Ähnlich wie ein Wolfsrudel wurden sie zu einem vielköpfigen Organismus mit größerer Macht. Das zeigte sich schon an der Vielzahl ihrer Speere, mit der sie selbst einen Höhlenlöwen das Fürchten lehren konnten. Die Muskelkräfte, Ideen und Möglichkeiten des einzelnen Jägers vervielfachten sich. In der Gemeinschaft war die Gefahr geringer, von einem Wisent nieder getrampelt, den Reißzähnen eines Bären zerfleischt oder dem langen Horn eines Wollnashorns aufgespießt zu werden. Wo sich der einzelne vorsichtig zurück hielt, da ging die Gruppe jedoch tollkühn zum Angriff über, wobei einer den anderen zu übertreffen suchte. Hierdurch waren sie in der Gruppe denn doch nicht so sicher. Aber eines hatten sie auf jeden Fall. Sie hatten mehr Erfolg.

Während sie der Fährte folgten, prägten sie sich teils bewusst, teils unbewusst Landschaftsmerkmale ein, aufgrund derer sie zurückfinden konnten. Der wichtigste Anhaltspunkt war der Fluss hinter ihnen. Wenn sie sich auf dem Rückmarsch in Richtung Osten hielten, würden sie irgendwann wieder auf ihn treffen.

Der scharfe Wind, der auf der Höhe pfiff, drang bis unter ihren Pelz. Ihre ausgemergelten Körper kühlten rasch aus, so dass sie vor Kälte zu zittern begannen. Als sie den Bergkamm erreichten, lag vor ihnen ein ausgedehnter Talkessel mit weit nach unten sich ziehenden Süd-Hängen. Aus den Niederungen heraus wuchsen Fichten- und Birkengruppen. Die Männer waren überrascht. Eine derart üppige Vegetation hatten sie hier nicht erwartet. Vor allem des kalten Windes wegen waren sie froh, der Fährte ins Tal hinunter folgen zu können.

Auf halber Höhe fanden sie als Duft-Markierung  in den Boden gestampfte Losung, die außen gefroren war. Um mehr über das Alter der Fährte zu erfahren, brachen sie sie auseinander. Aber die Losung war auch im Kern fest gefroren. Wenig später kamen sie in ein von Büschen und niedrigen Bäumen bewachsenes Gebiet und die Fährte wurde unregelmäßig. Die Spuren liefen auseinander. Die Tiere, es waren drei, hatten Birkenrinde geäst und mit ihrem Horn im Schnee nach Flechten gegraben.

Nachdem die Jäger der Zickzack-Fährte eine Zeitlang gefolgt waren, stießen sie auf Mulden im Schnee, in denen sich die Tiere ausgeruht hatten, der Höhlenlöwen wegen, jedes mit dem Haupt in einer anderen Richtung. Wenig später fanden sie Losung, die noch dampfte, als sie sie auseinander brachen. Die Tiere waren jetzt dicht vor ihnen. Irgendwo in dem Gelände vor ihnen stapften sie durch den Schnee, sofern sie sich nicht schon in einem windgeschützten Winkel für die Nacht eingerichtet hatten.

Im Lee von Klippen hatte der Wind Schneewehen aufgetürmt. Da pflügten die Leiber der schweren Tiere durch den Schnee. Windböen wirbelten Pulverschnee vor den Jägern auf. Da vermeinten diese die zottigen Kolosse schon daraus hervorbrechen zu sehen. Für einen Moment überkam sie eine zauberische Siegesgewissheit, dass sie am liebsten ihre Freude laut hinausgeschrien hätten. Sie dachten an ihre Angehörigen und von denen wussten viele im gleichen Augenblick ebenfalls, dass es ans Beute machen ging.

In ihren Köpfen arbeitete es. Ihr Verstand sagte ihnen, dass auch Scheitern möglich sei. Das dämpfte ihre Freude. Daran wollten sie nicht denken. Aber insgeheim sorgten sie sich, dass im letzten Augenblick doch noch etwas dazwischen kam, ein Schneesturm vielleicht oder dichter Schneefall, der die Fährte zudeckte. Um Erfolg zu haben, mobilisierten sie ihre letzten Kräfte und waren wach und aufmerksam, wie lange nicht mehr. Fehler konnten sie sich nicht leisten. Von dem Jagd-Erfolg hing zu viel ab, nämlich ihr Leben und das Leben ihrer Angehörigen.

Ingors Vater machte sich Gedanken darüber, wie sie vorgehen sollten, nachdem sie die Tiere eingeholt hatten. Sie mussten all ihre List einsetzen. Sich heranschleichen und dem wehrhaften Wild den Speer in die Seite rammen, war zu gefährlich. Ja, wenn sie die Herde auf glattes Eis treiben könnten, dann konnten sie so etwas wagen. Am sichersten war es, eines der mächtigen Tiere in eine Fallgrube stürzen zu lassen. Aber dazu mussten sie vorher die Wechsel und Gewohnheiten der Tiere auskundschaften, damit sie das Fall-Loch nicht an der falschen Stelle gruben. Dann kam die mühevolle und langwierige Aufgabe, die tiefgefrorene Erde aufzutauen und die Fanggrube auszuheben. Normalerweise hätten die Fähigkeiten der Gruppe ausgereicht, eines der Urtiere zu erlegen. Mut und Witz besaßen sie auch jetzt noch genug. Vor allem das Denken fiel ihnen leicht in ihrer hungrigen Begier, Beute zu machen. Ihre leeren Bäuche zogen kein Blut vom Gehirn ab. Es mangelte ihnen jedoch an Energie für ihre Muskeln. Den Strapazen einer längeren Jagd waren sie nicht mehr gewachsen. Sie hatten schon zu lange gehungert und fühlten ihre Kräfte immer mehr schwinden. Zwischen Haut und Muskeln war das Fett unaufhörlich verbrannt, ohne ersetzt zu werden. Ihre Reserven reichten nicht aus, der Kälte noch lange zu widerstehen.

Als sie in den Windschutz einer Felsklippe kamen, verlangsamte Ingors Vater seinen Schritt. Er wischte sich den Schneestaub aus den Augenbrauen, sah den Gefährten einem nach dem anderen in das knochige abgemagerte Gesicht und sagte:

„Die Fährte verspricht Fleisch, viel Fleisch, unseren Hunger zu stillen. Wir können die Tiere mit unseren Speeren angreifen. Aber um einen der Kolosse zu erlegen, müssen wir schon neben ihm stehen und ihm den Speer ins Herz rammen. Den Speer zu werfen, reicht bei ihrer Lederhaut nicht aus. Das sind keine Wisente oder Tarpane. Selbst das Mammut ist dünnhäutiger. Wir werden vielleicht Erfolg haben, aber wer den Speer führt, ist wahrscheinlich des Todes.“

„Und wenn ihm alle zu Hilfe kommen“, warf jemand ein.

Ingors Vater fuhr fort, ohne auf den Einwand einzugehen: „Diese zottigen Ungetüme sind stark und gefährlich. Selbst der Höhlenlöwe fürchtet ihr langes schwarzes Horn.“

„Wenn wir nicht bald etwas zu essen haben, werden wir sowieso sterben“, sagte jemand.

Ingor wurde aus seinen Gedanken herausgerissen: Ein Bild stand plötzlich in einem Winkel seines Bewusstseins, herausgelöst aus seinem Gedankenstrom. Er sah einen Menschen durch die Luft fliegen und von dem Horn des Nashorns durchbohrt in den Schnee stürzen. Das blutige Geschehen schwang in Ingor nach; wie im Traum vernahm er die Stimme seines Vaters:

„Wer das Wollnashorn jagen will, sollte seine Gewohnheiten kennen. Es rennt immer in die Richtung, in der es den Feind wittert oder hört und trampelt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Vor ihm davon laufen, kann man nicht. Dazu ist es zu schnell. Man muss zur Seite springen, wenn man seinen Atem im Rücken spürt, dann rast es vorbei. Stoppt es dann oberhalb des Windes, so kann es den Jäger oft nicht mehr finden, weil es seine Witterung nicht mehr hat. Die einzigen Stellen, an denen wir es mit unseren Wurfgeschossen verwunden können, sind seine Augen und – sein Maul. Wir könnten es blenden und dann mit unseren Speeren töten.“

Da fiel Gru Ingors Vater ins Wort: „Wenn wir das tun, wird das Brüllen des Hornträgers ununterbrochen in unseren Ohren erklingen. Es wird bis zum Herrn der Tiere dringen und seinen Zorn erwecken. Selbst die Raubtiere töten ihre Beute schnell und schmerzlos. Wir wären weniger als sie.“

Ingor sah das abgemagerte Gesicht seiner Schwester Nija vor sich und schüttelte den Kopf: Wie konnte Gru vom Zorn des Herrn der Tiere reden, dachte er. War der Schamane nicht zum Herrn der Tiere gereist und hatte ihn um Herausgabe von Tieren gebeten, damit sie nicht verhungerten. Und es stimmte auch nicht, dass die Raubtiere ihre Beute immer schnell und schmerzlos töten.

Ingors Vater schien die gleichen Gedanken zu hegen: „Die Raubtiere töten ihr Jagdwild, wie sie es am besten können, sagte er. Einem Wisent springt der Höhlenlöwe ins Genick und schlägt ihm mit seiner Pranke das Hirndach ein. Einen fliehenden Tarpan packt er an der Kehle und reißt ihm den Kopf nach unten, so dass er sich überschlägt und das Genick bricht. Bei einem solchen Tod leiden die Tiere nicht lange. Das ist richtig. Aber manchmal zerschlagen die Höhlenlöwen einem Fohlen auch nur die Hinterläufe und beginnen gleich darauf zu fressen. Und einen Bären tötet der Höhlenlöwe, indem er ihm mit einem schnellen Hieb seiner furchtbaren Pranke  den Bauch aufschlitzt. Ihr habt alle schon sein jammervolles Geschrei gehört.“

Einige der Männer nickten. Gru konnte hierauf nichts erwidern. Aber dann sagte er noch: „Das Brüllen des Nashorns könnte die Alten Menschen herbeirufen. Das Wollnashorn ist ihr heiliges Tier.“

„Ich meine, dass wir ebenso wie Bär und Höhlenlöwe unsere Beute so töten sollten, wie wir es am besten können“, fuhr Ingors Vater fort. „Der Hornträger sieht schlecht und da er beim Äsen und Zermalmen von Ästen viel Lärm in seinem Kopf macht, kann man sich gegen den Wind bis auf wenige Speerlängen heranschleichen. Wenn er dann den Feind wittert, greift er ihn an und verlässt sich dabei ganz auf seine Nase. Deshalb ist es nicht schwer, den Hornträger bei günstigem Wind in eine Fallgrube zu locken. Wir müssen vorher allerdings die Pfade erkunden, die sie immer wieder benutzen. Die Frage ist, ob wir noch genügend Zeit dazu haben und uns Hunger und Kälte nicht vorher sterben lassen. Die andere Möglichkeit ist, dass wir uns heranschleichen, das Wollnashorn blenden und es dann mit unseren Speeren töten. Dabei sterben vielleicht weniger von uns. Sagt, was wir tun sollen! Wir stimmen ab.“

„Entscheide du, wenn es soweit ist“, sagte einer und die meisten stimmten zu. Ingors Vater zögerte etwas, aber dann nickte er. „Kommt“, sagte er. „Wir müssen der Fährte folgen, so lange es noch hell ist.“ 

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