Archive for Februar, 2009

Ingor der Enkel des Schamanen, 17. Febr. bis 02. März 2009:Ingor, der Enkel des Schamanen – Das Wollnashorn tötet Gru, doch dessen Geist weiß noch nichts davon!

Dienstag, Februar 17th, 2009

Ein Falke schwebt über dem Land!

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Ein Falke schwebt über dem Land! (eigenes Foto)

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Ingor, der Enkel des Schamanen – Das Wollnashorn tötet Gru, doch dessen Geist weiß noch nichts davon!

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Ehe der Koloss seinen Ansturm stoppen und Ingor erneut annehmen konnte, hatten die Gefährten das Tier im Halbkreis umringt und schleuderten ihre Speere und Harpunen. Die Wurfgeschosse zischten durch die Luft. Fast alle prallten gegen den Schädel und rissen die Haut auf, ohne das Tier jedoch ernsthaft zu verletzen. Die Feuerstein-Spitzen drangen nicht tief genug ein und die gezackten, aus Ren-Geweih geschnitzten Harpunen-Spitzen fanden erst recht keinen Halt und fielen mit ihren Schäften zu Boden. Eine der Harpunen aber durchschlug das Auge des Tieres. Triumph-Geschrei der Menschen brandete auf, um gleich darauf wieder zu verstummen, als der Wutschrei des Wollnashorns die Luft zerriss. Das mächtige Tier schwankte, brüllte und schleuderte den Kopf, um das Blut aus dem Auge zu schütteln und sich von dem Fremdkörper zu befreien. Das Horn zum Töten gesenkt, krachte es donnernd durch das Gestrüpp. Schnaufend und schnaubend stürmte es in gewaltiger Fahrt durch den Schnee. In mordgieriger Wut wollte es aufs Horn nehmen, aufspießen und zerstampfen. Wieder schüttelte es den Schädel, um sich von dem Wurfgeschoss zu befreien, und der Schaft löste sich von der aus dem Auge ragenden Spitze und fiel zu Boden, sprang dann jedoch, weil durch einen Riemen mit der Spitze verbunden, hinter dem Tier her, bis er sich in den Ästen eines Strauches quer stellte. Da wurde die Harpunen-Spitze aus der Augenhöhle heraus gerissen. Ein Blutstrahl spritzte hervor und das Wollnashorn schrie wieder, und es war jetzt kein Brüllen vor Wut, sondern ein Schreien vor Schmerz. Ingors Vater schien von dem Wollnashorn überrannte zu werden. Erst im letzten Augenblick sprang er zur Seite und das Urtier schoss vorbei, bremste ab und verhoffte. Einseitig geblendet und ohne Witterung hatte es den Menschen aus seinem Wahrnehmungsfeld verloren. Aber dann stampfte es wieder los, keuchend und schnaubend, eine mörderische Masse aus geballter Kraft und Wut, die in dem tiefen Schnee jedoch nur allmählich wieder in Fahrt kam. Der Angriff galt diesmal dem weiter entfernt stehenden Gru, von dem ihm der Wind die Witterung herübertrug. Eine Ahnung von Unheil befiel Ingor. Er wollte seinen Speer schleudern. Es zuckte in seinen Arm-Muskeln. Aber er traute sich nicht. Zu leicht konnte er einen der Gefährten treffen. Das Nashorn wuchtete heran und Gru wandte sich um und floh. Er sank ein paarmal tief im Schnee ein und das tobende Urtier holte rasch auf. Die Männer hielten den Atem an. Der Abstand zwischen dem rasenden Tier und dem Menschen verringerte sich immer mehr. „Zur Seite springen“! schrie Ingors Vater. Seine Stimme überschlug sich. Aber Gru reagierte nicht. Im nächsten Augenblick stampfte das Wollnashorn den Menschen nieder. Dann war es zwanzig Schritt weiter, aber es hatte immer noch die Witterung des Menschen. Während es wendete, rappelte Gru sich wieder auf die Beine. Ungläubig sahen sie ihn mit dem Speer in der Faust den Angriff erwarten. Einen Augenblick später erfolgte der Zusammenprall. Der Speer zersplitterte, die Bruchstücke flogen durch die Luft und dann nahm der Koloss den Menschen auf sein Mörderhorn. Gru wurde durch die Luft geschleudert, stürzte in den Schnee. Halb aufgerichtet saß er da, eine Hand gegen die Brust gepresst, aus der es rot hervorquoll. Wieder attackierte das Nashorn den Menschen, stampfte ihn in den Schnee und schleuderte ihn anschließend in hohem Bogen über den Rücken. Dann verlor es seine Witterung. Während es den verschwundenen Gegner suchte, erblickte es die verstreut am Boden liegenden Speere. Es schien zu begreifen, dass dies die Dinge waren, mit denen ihm die Mensch Schmerzen zufügten, stampfte hin und zerstampfte und zerbrach sie. Plötzlich hörten die Menschen hinter sich Schnauben und das Stampfen schwerer Hufe. Die beiden anderen Tiere kamen dem Verwundeten zu Hilfe. Sie witterten das Blut ihres Gefährten und das Blut des Menschen, den dieser in den Schnee gestampft hatte und zornig brüllend griffen sie ihre Feinde an. Jemand stieß einen Warnschrei aus und alle flohen den Hang hinunter. Ingor machte erst Halt, als ihm ein Weiden-Dschungel den Weg versperrte. Schwer atmend wandte er sich um. Die Silhouetten der Urtiere ragten schwarz gegen den Abendhimmel. Unaufhörlich schleuderte das verwundete Wollnashorn sein Haupt hin und her und dröhnte seinen Hass hinaus. Vor ihm lag ein schwarzes Bündel im Schnee: Gru. Der Anblick gab Ingor einen Stich ins Herz. Wie Wellen schlug ihm etwas Undefinierbares entgegen, das seinen Atem stocken machte. Instinktiv wusste er, das war der Tod. Er meinte ihn zu wittern, obwohl kein Geruch seine Nase erreichte. Langsam ging er auf die Gefährten zu. Ihm war elend zumute. Als er näher kam, spürte er, wie ihm eine Welle der Ablehnung und des Hasses entgegenschlug. Grus Bruder hob drohend die Faust: „Mörder“! Das Wort traf Ingor wie ein Keulenschlag.

„Das stimmt nicht“, stellte Ingors Vater richtig.

„Weil er dein Sohn ist?“ fragte Bär höhnisch.

„Das Wollnashorn hat deinen Bruder getötet, weil er ihm nicht rechtzeitig ausgewichen ist. Er hat seinen Tod selber zu verantworten.“

„Selber zu verantworten?“ wiederholte Bär tonlos. „Das glaubst du doch nicht im Ernst. Dein Sohn hat den Kampf gegen alle Abmachung und Vernunft begonnen; deshalb musste Gru sterben.“ Tränen erstickten seine Stimme.

„Nein“, wiederholte Ingors Vater. „Das ist nicht so. Ich hätte den Kampf auch begonnen.“

Bär konnte zuerst nicht sprechen, doch dann stieß er noch hervor: „Du hattest das Recht dazu, nicht jedoch dein Sohn.“

Ingor sah seinen Vater dankbar an und wollte etwas sagen, brachte aber nur ein Stottern hervor. „Halte den Mund!“ zischte Ingors Vater. Verzweiflung und Zorn stiegen in Ingor hoch. Wortlos wandte er sich um und stieg wieder den Berg hinauf, die von den wütenden Kolossen drohende Gefahr missachtend. Ingors Vater und Bär folgten. Die Urtiere wichen zurück, als sie sahen, dass die Menschen wieder auf sie zukamen. Ingors Knie zitterten, als er sich dem stummen, im Schnee liegenden Menschen näherte. Sein Blick haftete auf dem rot gefärbten Schnee und er wusste nicht, war es Tier- oder Menschenblut. Grus Körper lag inmitten seines zerbrochenen Speeres seltsam verrenkt auf der Erde. Aus dem verzerrten, bleichen Gesicht starrten die Augen reglos in den Abendhimmel. Die mit hellrotem Herzblut bespritzte Rechte hielt er gegen die Brust gepresst. Sie verdeckte eine große Wunde, aus der immer noch Blut sickerte. Gru war tot. Ihm konnte niemand mehr helfen. Bär schluchzte laut auf, als er sich bückte, um Gru die Augen zuzudrücken. Ingor stand neben der Leiche und war unfähig, sich zu bewegen. Eine Art Bann lag über ihm. Er fühlte sich schuldig und dies schien ihm der einzige Ort, an dem er Verzeihung erhoffen konnte. Inzwischen waren auch die anderen herangekommen. Nachdem sie eine Weile schweigend dagestanden und auf den Toten herab geblickt hatten, wandten sie sich ab und begannen ihre zerbrochenen Speere und sonstigen Dinge einzusammeln, die von dem Kampf her noch verstreut im Schnee umherlagen. Mutlos und niedergeschlagen stapften sie auf dem Kampfplatz umher. Einige begannen wie in Gedanken von dem blutgetränkten Schnee zu essen. Sie hatten einen Mann verloren und keine Beute gemacht. Das ließ sie ihre Schwäche doppelt spüren. Der Tote erinnerte sie daran, dass auch sie eines Tages kalt und stumm daliegen würden. Dieser Gedanke raubte ihnen ihre letzte Kraft. Was war das Leben? Ingor schien es aus eine Kette ähnlicher Unternehmungen zusammen gesetzt wie diese Jagd. Endlose Mühsalen und Anstrengungen, bei denen Enttäuschungen und Anstrengungen die Erfolge überwogen. Glück verwandelte sich in Unglück und am Ende stand unausweichlich der Tod. Der Erfolgreiche reichte das Leben weiter und überlebte mit seinem Lieben und Hassen und seinem Stolz in seinen Kindern. Worin lag der Sinn? Warum existierten Menschen, Tiere und Pflanzen? Warum war Leben? Woher kamen Erde, Himmel und die Sterne und warum waren die Menschen gezwungen, die Tiere zu töten, die doch ihre Brüder mit dem gleichen roten Blut waren und Schmerzen fühlten wie sie. Die Schreie des Wollnashorns erinnerten ihn unablässig daran. Woher stammte er, Ingor, und zu welchem Zweck lebte er? Wer bin ich? dachte er, wer? wer? wer?

Seine Schuld am Tod von Gru fiel ihm wieder ein und Trostlosigkeit und Jammer verzerrten sein Gesicht und ein krampfhaftes Schluchzen schüttelte ihn. Einige der Männer hatten Speerschäfte zu einer Tragbahre zusammen gebunden. Sie legten den Toten darauf und trugen ihn stumm in ein kleines Tal hinunter. Ingor sammelte seine Waffen ein oder was davon übrig geblieben war und stolperte schwankenden Schrittes hinter ihnen her. Sein Bewusstsein trieb in einem Dämmerzustand. Verwirrt schüttelte er den Kopf, als sein Blick über die Gefährten glitt. Sie waren ja alle noch da, noch alle lebend und in Bewegung. Es fehlte keiner. Zumindest stimmte die Anzahl. Und nun sah Ingor auch, dass Gru neben Bär hinter der Bahre her schritt. Es war zweifellos Gru. Ingor erkannte ihn an seinem leicht hinkenden Gang und an seinem mit Wolfsfell abgesetzten Mantel aus Wisentfell. Eine steile Falte erschien auf Ingors Stirn. Sein Schritt stockte. Aber das konnte doch nicht sein. Gru lag gleichzeitig doch auch tot auf der Bahre. Die Männer trugen schwer an seiner Leiche. Ingor wurde irre an sich selbst. Sein Blick glitt erneut über die Gefährten. Aber diesmal war der Platz neben Bär wieder leer und er konnte Gru außer auf der Bahre auch nirgends sonst entdecken. Hatten ihm seine Sinne etwas vorgegaukelt oder war Gru nicht wirklich tot? Als Ingor über diese zweite Möglichkeit nachsann, erfüllte ihn nach und nach die Gewissheit, dass Grus Geist die Zerstörung seines Körpers überlebt hatte. Er ging immer noch hinter der Bahre her und wenn Ingor ihn zu sehen wünschte, erblickte er ihn zwar nicht mit seinen leiblichen Augen, wohl aber mit seinem inneren Auge. Er wusste genau, an welcher Stelle Gru ging.

Ingor beeilte sich, Gru in seiner neuen Gestalt einzuholen. Er wollte ihn berühren. Verstohlen streckte er seine Hand aus. Dort, wo Grus zweiter Körper begann, verspürte er Wärme und ein leichtes Vibrieren seiner Hand. Gru wandte sich um. „Ach, du bist es“, sagte er. Ingor konnte seine Stimme deutlich in seinem Kopf vernehmen. „Ich verstehe meinen Bruder nicht“, fuhr Gru fort und gesellte sich zu Ingor. „So komisch war er noch nie. Er meint, ich sei tot. Sag ihm, dass das Unsinn ist.“

Der Gehilfe des Schamanen war herangekommen. „Warum hast du Grus Geist berührt und mit ihm gesprochen“? fragte er. Ingor sah ihn erstaunt an. „Hast du mich sprechen hören“? entgegnete er. Der Gehilfe des Schamanen schüttelte den Kopf und sagte nur: „Es ist besser, wenn man die Toten ihre eigenen Wege gehen lässt.“

Über tiefe Schneewehen, in denen ihre Speerschäfte keinen Grund fanden, schritten sie mit ihren Schneeschuhen zur Talsohle hinunter. In der Nähe einer Dickung legten sie Grus Körper in den Schnee. Ingor bemerkte, dass der Geist von Gru in der Nähe seines Körpers blieb. Der Gehilfe des Schamanen ging zu dem Toten hin und schien sich in ein Gebet zu vertiefen. Noch während der Gehilfe des Schamanen betete, erhielt Grus Geist Gesellschaft. Es kamen zwei in einem Körper, in dem sich jetzt auch Gru befand. Sie schwebten neben Gru und schienen ihm irgendwie zu helfen.  

 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 03. Febr. bis 16. Febr. 2009: Das Wollnashorn bekommt Ingor zu packen!

Dienstag, Februar 3rd, 2009

Aufgehender Mond über Birken-Dickicht!

Aufgehender Mond über Birken-Dickicht! (eigenes Foto)

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Ingor, der Enkel des Schamanen: Das Woll-Nashorn bekommt Ingor mit seinem langen Horn zu packen!

Ingor glaubte zu wissen, was auf sie zukam, wenn sie eine Fallgrube aushoben. Aus seiner Brust rang sich ein Stöhnen. Es musste ein großes Loch in die von Schnee bedeckte hart gefrorene Erde gegraben werden. Schicht für Schicht musste die Erde mit Hilfe eines Feuers aufgetaut und dann mit den Händen oder mit der Hilfe von Steinwerkzeugen aufgebrochen und fortgeräumt werden. Die Werkzeuge in ihren klammen Fingern haltend, würden sie sich nur allmählich tiefer und tiefer in die Erde hinein wühlen. Ihre Augen würden vom Rauch des Feuers tränen. Sie würden abwechselnd schwitzen und frieren und vor Erschöpfung die Arme nicht mehr heben können. Und am Ende würde doch alles umsonst gewesen sein. Seine Phantasie ließ ein Bild in ihm aufsteigen, wie sein Vater, die Gefährten und er erfroren und von Eis und Schnee bedeckt um ein erloschenes Feuer kauerten. Ingor schien es wie etwas, das Wirklichkeit werden könnte.

Während sie der Fährte folgten, glaubte Ingor plötzlich, die Tiere zu wittern. Er hob den Kopf und sog die Luft in kurzen Stößen ein. Wieder hatte er den strengen Geruch der Tiere in der Nase. Sein Vater hob die Hand. „Ich rieche sie“, flüsterte er, „sie müssen ganz in der Nähe sein!“ Auch die anderen hatten mit ihren Nasen die Witterung aufgefangen. Mit gestrafften Körpern blieben sie stehen, schnüffelten in der Luft und spähten nach vorn. Aber sie konnten die Tiere in dem Buschwerk vor ihnen nicht entdecken. Sie sahen, dass die Fährte um einen Bergvorsprung herum lief, der ihnen die Sicht nahm. So leise es in dem knirschenden Schnee ging, bewegten sie sich auf die Felsnase zu.

Ingors Vater, der vorne ging, blieb mit einmal ruckartig stehen. Warnend hob er die Hand. Langsam rückten die anderen auf. Deutlich vernahmen sie das Anstreichen mächtiger Wildkörper an Büschen und Zweigen. Gebannt verharrten die Männer. Plötzlich trat einer der Kolosse aus dem Unterholz und streckte witternd das mit einem mächtigen Horn bewehrte Haupt in den Wind. Der Schnee reichte ihm beinahe bis zum Bauch. Eiszapfen hingen in den langen Zotteln der Kehlhaare. Die zottigen Körperhaare waren schneeverkrustet.

In den Muskeln der Männer zuckte es. Sie wollten vorspringen und ihre Speere schleudern. Ingor gewann nur mit Mühe die Kontrolle über sich zurück. Er konnte sich nicht sattsehen an dem gewaltigen Schädel, dem aufragenden langen Horn, dem kleineren darüber und dem wuchtigen mit brauner Wolle bedeckten Körper. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass es nur ein halbwüchsiger Bulle war, der da in halber Reichweite seiner Wurfspeere vor ihm stand. Sein gerade mühsam unterdrückter Gefühlssturm entbrannte aufs Neue. Mit allen Fasern drängte es ihn, seine neue Waffe zu erproben. Mit dem Wurfholz musste es möglich sein, seinem Speer die Wucht zu verleihen, dass dieser die Schwarte des jungen Bullen durchdrang und sich in Herz oder Lunge biss. Das traute er seiner Waffe zu und darum musste er es wagen, wenn er dies eigentlich auch nicht durfte. Es konnte die Rettung des Stammes bedeuten. Aber was war, wenn er die tödliche Stelle verfehlte. Würde der aufgebrachte Dickhäuter sie niedertrampeln? War dann die Jagd verpatzt? Ein Scheitern würde ihn von den Gefährten trennen, ihn vielleicht zum Außenseiter verdammen. Kleinmut wollte ihn befallen. Aber dann hörte er wieder das wuchtige Singen, mit dem der Speer aus dem Wurfholz fuhr und Hochmut stieg in ihm auf. Angst, gleichgültig vor wem oder was, hatte ihn noch nie von etwas zurückgehalten, das er als richtig erkannt zu haben glaubte. Mit einem heftigen Ruck warf er den Kopf zurück und entschloss sich, das Wollnashorn anzugreifen. Da hatte er für einen Augenblick das Gefühl von Unheil und es schien ihm, als ob sich eine Felswand zwischen ihn und das Tier schöbe. Ingor Gesichtszüge verhärteten sich. Gefühle konnten ihn jetzt nicht mehr zurückhalten und während er starr in die Ferne blickte, schien sich die jetzt weiter entfernte Felswand zu öffnen und jenseits von Abgründen und Klippen, die Schwierigkeiten und Fehlschläge darstellten, vermeinte er über das gewaltige Tier triumphieren zu können. Das Hochgefühl, das in ihm aufstieg, machte es ihm leicht, den Angriff zu wagen. In ein paar Sprüngen würde er bei dem Strauch da vorne sein. Der Wind stand günstig. In Gedanken hatte er den Platz bereits eingenommen. Da wurde er aus seinem Planen aufgeschreckt. Das Wollnashorn wanderte weiter. Er musste sich beeilen. Sie waren in einem Gebiet, in dem die Kolosse tief in den Schnee einsanken. Das würde es leichter machen, ihren Angriffen auszuweichen. Er ergriff seine Speerschleuder, seine besten mit scharfen Feuerstein-Spitzen bewehrten Speere, ließ Jagdtasche und alles andere in den Schnee gleiten und ging zum Angriff über. Sein Vater flüsterte ihm mit scharfer Stimme etwas zu, aber Ingor verstand den Sinn seiner Worte nicht. Für ihn gab es in diesem Moment nur noch den gewaltigen Hornträger und sein Wille ihn zu töten. Einige rasche Sprünge auf seinen Schneeschuhen, dann hatte er den Strauch erreicht, von dem er den Speer schleudern wollte. Aber das war nun nicht mehr nahe genug. Ingor lief weiter. Da warf sich der Bulle herum, den gehörnten Kopf zum Angriff gesenkt. Seine Ohren spielten. Ingor stoppte. Seine Brust hob und senkte sich und er spürte seinen Herzschlag im Halse. Mit einem kurzen Ruck warf der Bulle den hornbewehrten Kopf hoch – die Blicke von Mensch und Tier begegneten sich -, dann begann er wütend mit den Hufen zu scharren, das spitze Horn auf den Menschen gerichtet.

Ingor schien der Abstand zwischen sich und dem Wollnashorn plötzlich sehr kurz. Jäh wurde er sich der Kraft und Wucht des massigen Körpers bewusst, die alles überrannte, was sich ihm in den Weg stellte. Es blieb nur wenig Zeit, sich zu beruhigen und das Ziel ins Auge zu fassen. Er musste all seine Geschicklichkeit zusammen nehmen und den Speer sofort werfen. Die Chance, den Bullen von vorne zu töten, war allerdings gering. Er konnte nur versuchen, Hals oder Maul zu treffen. Da hörte er rechts von sich ein Geräusch. Sein Vater war ihm zu Hilfe gekommen. Dieser klatschte in die Hände und der Bulle wirbelte herum, bereit den neuen Gegner anzugreifen. Ingor aber war für einen Augenblick außer Gefahr und konnte  die Flanke des Bullen zum Ziel nehmen.  Instinktiv suchten seine Füße nach Halt, während er das eingekerbte Ende seines Speeres auf den Dorn des Wurfholzes schob. Sich rückwärts beugend, holte er zum Wurf aus. Singend fuhr der Speer mit großer Wucht aus dem Wurfholz. Ingor verfolgte ihn mit angehaltenem Atem. Für einen kurzen Augenblick schien es, als ob er das Blatt treffen würde, die Stelle seitlich hinter dem Vorderlauf, hinter der sich das Herz verbarg. Aber dann sah er, dass die Flugbahn zu hoch verlief. Der Bulle begann wieder zu scharren und sank mit einem Ruck tiefer in den Schnee ein. In diesem Augenblick erreichte der Speer sein Ziel. Es gab einen dumpfen Schlag und die Feuerstein-Spitze fuhr dem Wollnashorn in den Rücken, riss die Haut auf und prallte gegen die Wirbelsäule. Der Hornträger zuckte zusammen, kippte um und fiel mit zuckenden Läufen in den Schnee.

Ingor erstarrte. Das Bild des hilflos im Schnee zappelnden Tieres steigerte seinen Beute-Instinkt ins Maßlose. Er wusste aber, dass sich das Tier nicht in ihrer Gewalt befand. Mit zitternden Händen legte er einen neuen Speer auf das Wurfholz. Ehe er jedoch zum Wurf ausholen konnte, war der Bulle wieder auf den Beinen, sichtete den Menschen und griff mit unglaublicher Schnelligkeit an.

Speerschwingend kamen ihm die Gefährten zu Hilfe. Die Notwendigkeit, den Kampf zu führen, enthob sie der Verpflichtung, seine Gefahren und Risiken zu bedenken. Das Geschehen, in das sie hinein gerissen wurden, erfüllte ihr Bewusstsein mit brennender Intensität. Sie fühlten sich der Herausforderung gewachsen und genossen die spannungsgeladene Situation mit allen Fasern ihres Seins. Es war wie ein Spiel. Der Einsatz war ihr Leben, der Gewinn Fleisch, ihren Hunger zu stillen, um weiter leben zu können.

„Auf die Lichter zielen!“ schrie Ingors Vater. Aber die Männer konnten ihre Speere nicht schleudern. Sie hätten sonst zu leicht Ingor und seinen Vater getroffen. Voller Zerstörungswut wuchtete der Koloss heran, den gehörnten Schädel zum Stoß gesenkt. Ingor stand bewegungslos, wie erstarrt, aber es waren nicht Furcht oder Ratlosigkeit, die ihn mit gespannten Muskeln auf der Stelle verharren ließen. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte zu fliehen. Dennoch gelang es ihm nur mit Mühe, eine aufkommende Panik zu unterdrücken und nicht blind und planlos davon zu laufen. Erst als ihm das mit gesenktem Horn heranstürmende Urtier fast seinen weißen Atem ins Gesicht blies und sein Vater einen Warnruf ausstieß, sprang er mit einem gewaltigen Satz zur Seite. Der Schädel des Wollnashorns fuhr hinter ihm her, das lange Horn streifte seinen Rücken und er erhielt einen Stoß, der ihn kopfüber in den Schnee schleuderte. Der Koloss stoppte seinen Ansturm, wandte sich um und stürmte erneut auf Ingor los, um seinen Gegner nun endgültig zu vernichten, ihn nieder zu trampeln und in einen roten Fleck im Schnee zu verwandeln.