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Ingor, der Enkel des Schamanen, 17. März bis 30. März 2009: Der Säbelzahn-Tiger will Ingor die Beute abnehmen!

Dienstag, März 17th, 2009

 Der Säbelzahn-Tiger will Ingor die Beute abnehmen!

Skulptur „Tiger“ von Philipp Harth (1885-1968), Gruga (eigenes Foto)

Der Säbelzahn-Tiger will Ingor die Beute abnehmen!

Die Wölfe liefen schnurstracks auf Ingor und das von ihm erlegte Wollnashorn zu. Ingor Gedanken jagten sich. Wie konnte er verhindern, dass die Wolfs-Meute über das Wollnashorn herfiel? Dafür hatte er das Wollnashorn nicht erlegt, dass es jetzt die Wölfe fraßen. Sie sollten es nicht haben. Aber wie konnte er das verhindern? Mit seinen Waffen allein würde er gegen ihre spitzen Fänge nicht ankommen. Wenn er das Nashorn mit Speer und Knochendolch verteidigte, würde er einigen Wölfen schwere Verletzungen zufügen, aber sie ihm wahrscheinlich auch. Er musste verhindern, dass er in die Reichweite ihrer Fangzähne kam. Das war vielleicht mit Hilfe von Feuer möglich. Ein Feuer würde ihnen Angst einflössen. Aber blieb ihm noch soviel Zeit, dass er ein Feuer anzünden konnte? Die Wölfe kamen immer näher. Bald würden sie in die Reichweite seiner Wurfspeere gelangen. Mit zitternden Händen begann Ingor verdorrtes Reisig von den Büschen abzubrechen und Birkenrinde zu sammeln. Auch unter dem Schnee zog er Äste hervor. Feuerstein, Eisenerz und Zunder verwahrte er eingewickelt in seiner Felltasche. Er trampelte den Schnee neben dem Wollnashorn fest, legte ein paar Äste als Unterlage darauf und begann mit dem Feuerstein aus dem goldglänzenden Pyrit Funken zu schlagen, bis einige von ihnen in den Zunder gefallen waren und ihn entflammt hatten. Währenddessen trabten die Wölfe schnell und lautlos heran. Magere Tage lagen hinter ihnen, in denen nach oft langer Hetze nur kärglicher Fang eingekommen war. Sie hatten die Spur des einsamen Jägers gefunden und sahen jetzt den großen Fleischberg vor sich. Je näher die Wölfe kamen, umso nervöser wurde Ingor. Erst nach einer Reihe vergeblicher Versuche gelang es ihm, eine kleine Flamme an zu blasen. Behutsam legte er Birkenrinde und Reisig darauf. Er war in Schweiß gebadet, als das Feuer endlich richtig brannte. Die Wölfe waren jetzt auf Speerwurfweite herangekommen, hatten sich dort in einer Reihe in den Schnee gesetzt und beobachteten ihn aufmerksam, sechs ruppige magere Gestalten, die nur aus Fell, Sehnen und glühenden Augen zu bestehen schienen. Die Mitte nahm der Leitwolf ein, ein mächtiges Tier, groß und hager, das Fell struppig und zerzaust, blickte er mit schräg gestellten, grüngelben Lichtern zu dem Menschen herüber. Ingor war sich nicht sicher, ob die Wölfe mit ihm an der Spitze nicht trotz des Feuers über ihn herfallen würden. Die Witterung von Fleisch und Blut zog sie mächtig an, aber das Feuer flößte ihnen Furcht ein. Flammen und Rauch waren der Schrecken der Wildnis, der gefahrlose Umgang damit allein dem Menschen vorbehalten. Das Feuer brannte jedoch herab. Ingor beobachtete es mit Sorge. Er hatte nur einen geringen Vorrat an trockenen Ästen. Die Glut war noch nicht heiß genug, um auch feuchtes Holz nachlegen zu können. Ingor wandte sich dem Wollnashorn zu, schnitt schweren Herzens ein Stück fettes Fleisch aus seinem Körper und warf es in die Glut. Das Feuer knisterte und prasselte. Es brannte nun heißer und Ingor konnte feuchteres Holz nachlegen. Qualm-Wolken stiegen in den Himmel. Ingor bemerkte es mit Genugtuung. Der Rauch würde den Gefährten zeigen, wo er war. Ingor musste sich neues Brennholz beschaffen, aber die nächsten Sträucher standen eine Strecke entfernt. Er wollte nicht das halbe Wollnashorn verbrennen, dann konnte er es auch gleich den Wölfen überlassen. Aber vielleicht gelang es ihm ja, die Wölfe mit seiner Stimme einzuschüchtern: „Wagt euch ja nicht näher heran“, drohte er, “sonst ergeht es euch schlecht“ und mit gespieltem Grimm schüttelte er die Faust und stach mit dem Speer in ihre Richtung, riss auch einen brennenden Ast aus dem Feuer, schwenkte ihn durch die Luft und schrie: „Hiermit werden ich euch das Fell vesengen“! Aber der Wind stand auf die Wölfe zu und sie witterten, dass er nur bluffte und anstatt sich abschrecken zu lassen, setzte sie sich wieder in Bewegung  und kamen ein Stück weiter auf den Menschen zu, als Ingor den Ast zurück ins Feuer warf. Außerhalb der Reichweite seines normalen Speers verharrten sie jedoch wieder. Ingor lächelte, als ihm das klar wurde. Die Wölfe kannten die größere Reichweite seiner neuen Waffe noch nicht. Gut, dann würde er sie jetzt an ihnen erproben! Er nahm die Speerschleuder aus seiner Felltasche, legte einen Wurfspeer auf den Dorn seiner Schleuder und wählte den Wolf am linken Ende der Reihe als Ziel, da dieser seiner Wurf-Hand die Seite zuwandte, blickte dabei jedoch nicht zu den Wölfen hin. Erst als etwas hinter den Körper des Wollnashorns zurück getreten war, holte er sorgfältig zielend zum Wurf aus. Sich auf und ab biegend flog der Wurfspeer im Bogen durch die Luft, senkte sich und bohrte sich in den Körper des Wolfes. Der Wolf sprang auf allen Vieren in die Luft, fiel auf die Seite und biss wütend in splitternden Speer. Sein buschiger Schwanz peitschte den Schnee. Ein wilder Tumult entstand: Mit Knurren und Schnappen drangen die anderen Wölfe auf den Verwundeten ein. Sie leckten das frische Blut und wurden zu rasenden Bestien. Ihre Zähne gruben sich in den Hals des verwundeten Tieres und bald lag es mit durchbissener Kehle am Boden. Reißen und Krachen von Knochen waren zuhören, Schmatzen und gieriges Hecheln und als die Wölfe wieder aus einander liefen, lagen nur noch die Reste des zerfetzten Balges im Schnee. Um zu verhindern, dass ihn das gleiche Schicksal ereilte, hatte Ingor das Feuer verlassen, um Brennholz zu sammeln. Dabei ließ er die Wölfe zu lange aus den Augen. Plötzlich hatte er ihren scharfen Raubtier-Geruch in der Nase. Als er sich umwandte, waren sie schon dabei, ihn zu umschleichen und vom Feuer abzuschneiden. Er lief zum Feuer zurück, riss brennende Äste aus dem Feuer und schleuderte sie auf die heranstürmende Meute. Ein Funken sprühender Knüppel traf einen der Wölfe. Es roch nach angesengtem Fell und der Getroffene wälzte sich im Schnee. Die anderen wichen knurrend zurück. Ingor betete: „Herr der Tiere, hilf mir, dass ich das Wollnashorn nicht den Wölfen überlassen muss!“ Ingors Feuer war fast erloschen. Behutsam legte er dürres Astwerk nach, die Wölfe dabei aus den Augenwinkeln beobachtend. Auf einmal veränderte sich etwas bei den Wölfen. Ihre Aufmerksamkeit war nun nicht mehr nur auf ihn gerichtet. „Ah, meine Gefährten kommen“, dachte Ingor. „Sie wittern Menschen.“ Und plötzlich liefen die Wölfe davon. Ingor spähte in die Richtung, aus der seine Gefährten kommen mussten. Das Feuer war jetzt nicht mehr wichtig. Es war auch schon fast erloschen. Und dann kam auch jemand über den Hügel, aber keine Menschen, sondern der Säbelzahn-Tiger. Ingor erschrak bis ins Mark. Der Säbelzahn-Tiger war der Herr des Landes, derjenige, dessen Namen die Menschen nicht einmal auszusprechen wagten, aus Furcht ihn damit zu rufen. Sich seines Königtums bewusst, schritt er majestätisch und unaufhaltsam heran. Den Menschen und sein kleines Feuer schien er nicht einmal zu bemerken. Ingor floh. Nun war alles verloren. Alle Anstrengungen waren umsonst. Sein Stamm würde verhungern. Das Wollnashorn gehörte nun dieser fürchterlichen Bestie. Seine Gefährten würden nicht wagen, ihn anzugreifen und das gewaltige Raubtier würde sich auch gar nicht vertreiben lassen. Ingor war in die Richtung der Gefährten des erlegten Wollnashorns geflohen und hatte nun plötzlich ihren Geruch in der Nase. Erst jetzt erinnerte er sich wieder an sie. Und als er weiter lief, standen sie plötzlich vor ihm. Der Wind wehte von ihnen herüber und sie konnten ihn nicht wittern, auch nicht das Blut ihres Gefährten. Aber sie spürten, dass etwas nicht in Ordnung war. Hoch aufgerichtet standen sie da, stapften unruhig hin und her und wippten mit ihrem langen spitzen Horn. In Ingors immer noch von Panik überflutete Gehirn drängte sich wie von außen kommend ein Gedanke: „Mit diesen beiden gewaltigen Kämpfern an seiner Seite war er dem Säbelzahn-Tiger ebenbürtig. Wenn sie ihren toten Gefährten fanden, würden sie ihn bewachen. Von dem Säbelzahn-Tiger würden sie sich nicht vertreiben lassen. Sie würden den Kampf mit ihm aufnehmen, falls er sie angriff.“ Jedenfalls hoffte Ingor das. Ingor schlug auf das Gebüsch und die beiden Giganten warfen sich herum und spähten in seine Richtung. Langsam ging er auf sie zu. Sie wippten mit ihrem Horn. Ingor begann mit seinen Armen zu fuchteln. Die beiden Riesen setzten sich in Bewegung, um den Menschen zu vertreiben. Langsam wich Ingor zurück. Die beiden Hornträger folgten. Der erste beschleunigte seinen Gang und Ingor ging etwas schneller rückwärts. Als aber dann das Wollnashorn stehen blieb, verharrte auch Ingor,  begann wieder mit seinen Armen zu fuchteln und ging erneut auf das Wollnashorn zu. Das setzte sich nun in in Trab und Ingor lief in Richtung des erlegten Tieres davon. Das Wollnashorn holte rasch auf, aber nun tauchten sie auch schon in den Dunstkreis des toten Wollnashorns und des Säbelzahn-Tigers ein. Ingor sprang zu der Seite, in welche der Wind blies und ließ sich hinter einem Strauch zu Boden gleiten. Damit hatte ihn das Wollnashorn aus seiner Wahrnehmung verloren. Aber der Hornträger hatte nun auch ein anderes Ziel. Neben seinem toten Gefährten blieb er stehen, senkte den Kopf und schnupperte an dem toten Tier. Auch das andere Wollnashorn kam nun heran. Der Säbelzahn-Tiger hatte sich etwas zurückgezogen. Er konnte warten. Irgendwann würde der Hunger die Hornträger weitertreiben. Aber da war auch noch Ingor. Der Säbelzahn-Tiger beachtete ihn gar nicht. Er war es gewohnt, dass sich ihm die Menschen unterwarfen. Ein einzelner Mensch hatte sich ihm noch niemals entgegen gestellt. Er war eine leichte Beute. In der Nähe der beiden Hornträger war der Mensch vorübergehend auch in einer gewissen Sicherheit. Wenn der Säbelzahn-Tiger jetzt versuchen sollte, ihn sich zu greifen sozusagen als  Vorspeise zu dem gewaltigen Mahl, das ihm sicher schien, würden ihn die beiden Hornträger aufzuspießen versuchen. Also tat er so, als sähe er den Menschen überhaupt nicht und schenkte ihm auch tatsächlich keine Aufmerksamkeit. Das sollte sich als Fehler erweisen. Ingor zitterte zwar vor Angst, aber in einer gewissen Weise hatte er es geschafft, dass die beiden Hornträger jetzt seine Verbündeten waren. Und er besaß auch noch seine Speerschleuder und zwei seiner besten Wurfspeere und ebenso wie die Wölfe kannte auch der Säbelzahn-Tiger nicht die größere Reichweite seiner neuen Waffe. Etwas wie eine Wesenheit in ihm flößte ihm Vertrauen ein. Diese Wesenheit war wie ein Freund. Ihr schien daran gelegen, dass der Mensch Sieger blieb und die Herrschaft des Säbelzahn-Tigers abschüttelte. Gleichzeitig gab er Ingor aber auch das Gefühl, dass es eigentlich nicht wichtig sei, wie dieses Drama endete. Dadurch beruhigte sich Ingor und seine Glieder hörten sogar auf zu zittern. Langsam richtete Ingor sich auf und legte einen seiner beiden Wurfspeere auf das Wurfholz. Der Säbelzahn-Tiger lagerte innerhalb der Reichweite seiner neuen Waffe, ebenso wie die Wölfe es getan hatten.   

Ingor, der Enkel des Schamanen, 03. bis 16. März 2009: Die Stunde des Jägers!

Dienstag, März 3rd, 2009

Die Stunde des Jägers!

Die Stunde des Jägers! (eigenes Foto)

Die Stunde des Jägers!

Auf einer freien Stelle zwischen Gehölz und Bach wählten sie einen Platz für ihr Nachtlager. Sie räumten den Schnee beiseite, brachen Äste von den Bäumen und schlugen mit Steinen ein Loch in das Eis des Baches, um daraus zu trinken. Ingor stürzte mehrere dürre Bäume. Er versetzte sie in Schwingungen, bis sie umbrachen. Dann schleppte er sie zum Lagerplatz. Als er sah, dass das Brennholz für die Nacht ausreichte, brach er Fichten- und Birkenzweige für sein Bett. Danach trieb ihn der Durst zum Bach. Er zerbrach die dünne Eisschicht, die sich wieder über dem Eisloch gebildet hatte und trank in kleinen Schlückchen von dem eiskalten Wasser, bis er seinen Durst gestillt hatte. Die Dämmerung kroch aus den Mulden und Tälern und das Land begann in der Nacht zu versinken. Ingor verspürte Heimweh. Rote Flammen züngelten empor und die Jäger ließen sich neben dem Feuer nieder, um sich zu wärmen und auszuruhen. Sie starrten in die Flammen und gewannen wieder Mut. Als Ingor ans Feuer trat, wandten die Männer ihr Gesicht ab. Ingor fühlte sich elend. Er ließ sich in einer Lücke nieder, die sein Vater für ihn freigelassen hatte. Als ihm die rote Glut ins Gesicht strahlte, vergaß er für einen Augenblick sein Unglück. Auch Grus Geist hatte sich zu ihnen gesellt. Er saß neben seinem Bruder. Aber dann sah Ingor, dass es Gru wieder zu seinem toten Körper zurück trieb. Ob er annahm, dass er wieder hineinschlüpfen und sein altes Leben als Mensch fortführen könnte. Ingor schüttelte den Kopf. Da war keine Hoffnung. Der tote Körper war jetzt schon zu Eis erstarrt.

Nach einer Weile begannen die Männer auf der Seite des Feuers, von der der Wind kam, einen Schneeberg aufzutürmen. Sie benutzten dazu die zackenlosen Schaufeln von Elchgeweihen. Als der Schneeberg etwas mehr als mannshoch war, gruben sie von der Seite her ein Loch hinein und erweiterten es im Innern zu einer kleinen Höhle. Sie stießen ein Rauchloch in die Decke und trugen Feuer in die Höhle, in der es blendend hell wurde. Als der Schnee zu schmelzen und zu schrumpfen begann, löschten sie das Feuer wieder und der Nassschnee gefror zu Eis. Von außen besprengten sie die Schneehöhle mit Wasser, das sofort zu einer harten Eisschicht erstarrte. Die Eishöhle konnte ihnen jetzt als Unterschlupf für die Nacht dienen. Ingor mochte sich nicht zu den Gefährten begeben. Er sah, dass vom Berg herunter ein von Tierherden  ausgetretener Hohlweg lief, der mit Schnee zugeweht war. Mit der Geweihschaufel eines Elches, die am Feuer lag, wühlte und grub er sich in den Schnee hinein. Als er sich bis zur Brusthöhe hinein gearbeitet hatte, begann er leicht bergan einen Gang zu schaufeln, den er hinter dem Eingang etwas erweiterte, so dass zum Schlafen ausreichend Platz war. Er klopfte die Decke fest und bedeckte den Boden mit Fichtenzweigen, die natürliche Biegung nach oben. Darüber legte er Birkenreisig mit den Astenden zum Eingang hin. Schließlich erschien ihm sein Bett hoch genug. Es federte sogar. Darauf würde er nicht frieren. Er stieß mit seinem Speer noch ein Luftloch in die Decke und ließ den Speer gleich darin stehen. Dann kroch er noch einmal nach draußen und presste am Feuer einen großen Schneeball zusammen, um damit den Eingang zu verschließen.

Ingors Vater kam heran: „Willst du nicht lieber mit uns zusammen schlafen“? fragte er. „Es wird kalt. Wir müssen uns gegenseitig wärmen.“ Ingor schüttelte den Kopf.

„Dann ist vielleicht noch Platz bei dir?“

„Nein“, murmelte Ingor. „Ich kann allein auf mich aufpassen. Es gibt nichts, das ich fürchte. Auch nicht Grus Geist dort.“

„Ja“, klagte sein Vater bitter, „du fürchtest dich nicht, aber wir tun es. Deine Mutter und ich sorgen sich um dich.“

„Ihr müsst mich schon meinen Weg gehen lassen“, entgegnete Ingor, „wenn er dann vielleicht auch nicht sehr lang ist.“ Ingor versuchte ein Lächeln.

Sein Vater sah Ingor stumm an. Dann nickte er. „Schlaf gut!“, wünschte er und ging zum Feuer zurück.

Ingor verschloss den Eingang, legte sich eingewickelt in seinen Fellmantel auf das Reisig-Polster und lag ganz still. Sein Gesicht brannte. Die Sonne hatte schon wieder Kraft, doch fehlte es an Fett, die Haut damit einzureiben. Der Hunger begann ihn zu quälen und er fühlte sich schlapp und elend. Gewissensbisse quälten ihn. Er fügte den Gefährten nur Schaden zu. Nicht einmal sein Vater konnte zu ihm halten. Er begann in dem Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen zu treiben und wurde nur wieder etwas wacher, als sein Vater draußen fragte: „Ist alles in Ordnung?“

„Ja“, antwortete Ingor und war plötzlich dem Weinen nahe.

„Wenn es dir zu kalt wird, geh ans Feuer oder komm zu uns“, sagte er noch und ging wieder.

Als Ingor sich auf die Seite legte, störte ihn etwas in einer seiner Manteltaschen und er griff hinein. Es waren Haselnüsse, von denen er nichts gewusst hatte. Die hatte ihm wohl seine Mutter mit gegeben. Das war gut. Er begann ihre Schalen zwischen zwei Feuerstein-Klingen zu knacken und die ölhaltigen Früchte zu essen. Als er sich etwas gesättigt fühlte, sprach er ein Gebet:

„Herr der Tiere, gib das Wollnashorn in unsere Hand“, bat er, „Es wird von seinen Schmerzen erlöst und unsere Sippe hat wieder etwas zu essen und muss nicht verhungern. Schließlich sind wir doch auch deine Geschöpfe!. Lass mich das Richtige tun, damit es so eintrifft.“

Ingor wiederholte seine Bitte so lange, bis er eingeschlafen war. Die Nacht war noch nicht weit fortgeschritten, als sich er unruhig hin und her zu wälzen begann. Seine Glieder zuckten. Im Traum hörte er das verwundete Nashorn schreien. Es raste auf ihn zu und er war wie gelähmt und konnte ihm nicht ausweichen. Der Speer, in den er es fast lächerlicherweise hineinlaufen ließ, zersplitterte und er wurde durch die Luft geschleudert und befand sich plötzlich neben seinem Körper. Ingor erschrak. Wurde ihm hier sein bevorstehendes Schicksal enthüllt?

Nein, jetzt sah er, dass es Grus Körper war, der blutend im Schnee lag. Ingor schien, dass er vorübergehend in Grus Haut geschlüpft war und wie dieser empfunden hatte. Ganz sicher war sich allerdings nicht. Allerdings hatte er etwas Ähnliches schon einige Male erlebt.

Der Traum erregte ihn. Er hatte ein starkes Bedürfnis nach frischer Luft und rüttelte an dem Speer, der in dem Luftloch stand. Während er den fast handgelenk-dicken Speerschaft mit der scharfen Feuerstein-Spitze umklammerte und eiskalte Schneeluft in seine Schlafhöhle strömte, flößte ihm die Wesenheit, die mit der Waffe verbunden war, Zuversicht ein. Sie sagte ihm: Sie würde ihm helfen, zu seinen Gefährten zurückzufinden. Ingor vermerkte es mit Genugtuung, ohne sich groß darüber zu wundern, dass der Speer mit ihm gesprochen hatte. Wie er von seinem Großvater, dem Schamanen, wusste, war es wohl der Geist des Fürsten-Baumes, von dem der Schaft stammte, dessen „Stimme“ er vernommen hatte.

Ingor spähte durch das Luftloch und sah den Mond hoch am Himmel stehen. Das Land war in sein silbriges Licht getaucht. Er  fragte sich noch, warum er im Traum mitunter ein anderer war. Dann schlief er wieder ein. Später gewahrte er im Schlaf, dass ein Tier über sein Höhle tapste und an seinem Luftloch schnüffelte. Die Geräusche weckten ihn aus einem Traum, in dem er wild kämpfend mit dem Jagd-Beil um sich hieb. Im Halbschlaf stieß Ingor den Speerschaft nach oben und traf auf ein Tier, das davon sprang. Obwohl er fror, schlief er wieder ein und hatte einen farbenprächtigen Traum, in dem die Sonne leuchtend am Himmel stand. Rings um ihn her tobten vernichtende Kräfte. Er schleuderte seinen Speer mit großer Kraft und er selber und der Speer flogen zwischen Himmel und Erde geradewegs auf das Herz des Wollnashorns zu und die scharfe Feuerstein-Klinge an der Spitze durchbohrte das zuckende Herz des Tieres. Anschließend sah er sich und die Gefährten im Traum um ein hell loderndes Feuer sitzen und große Fleischstücke braten und verzehren. Seine Mutter und seine Schwester und sein Großvater waren auch dabei. Die Freude darüber weckte ihn. Der Traum erschien ihm sehr bedeutungsvoll und erregte ihn derart, dass er nicht mehr schlafen konnte. Wenn er das Wollnashorn erlegte, konnte er seine Schmach tilgen. Er konnte es plötzlich nicht mehr abwarten, dies zu tun. Außerdem war sein Körper ausgekühlt und fror zu sehr, als dass er hätte weiter schlafen können. Ingor kroch ins Freie und nahm seine Waffen mit. Er ging zum Feuer und legte Holz in die Aschen-Glut, bis Flammen emporschlugen. Sein Körper erwärmte sich allmählich. Es war noch Nacht. Am Himmel funkelten noch alle Sterne, doch der fast volle Mond neigte sich bereits dem westlichen Horizont zu. Ingor warf auch einen scheuen Blick auf Grus Leiche, die Bär ans Feuer herangezogen hatte. Grus Geist schwebte darüber und er war nicht allein. Es ist gut, dass er nicht allein ist, dachte Ingor und machte sich auf den Weg.

Auf seinen Schneeschuhen und mit den Waffen über seinen Schultern stieg er, so rasch er konnte, den Berg hinauf. Die Luft war beißend kalt und es knisterte in den Zweigen. Bald stieß er auf Blutspuren. Er aß von dem blutgetränkten Schnee und spürte, wie er Kraft daraus gewann. Die Frage beunruhigte ihn, ob das verwundete Wollnashorn nicht neben seiner Fährte im Hinterhalt lag. Er musste auf der Hut sein. Ein Marsch begann, der ihm schier endlos vorkam. Die Tiere waren während der Nacht weiter gewandert. Irgendwann mussten sie sich jedoch wieder der Nahrungs-Aufnahme widmen. Dann konnte er sie einholen. Mechanisch verspürten seine Füße hier Moos unter dem Schnee, hier Steingeröll, hier eisverkrusteten Sumpf oder aber es ging über tiefe Schneewehen. Sein Kopf wurde schwer zwischen seinen Schultern, sein Gehirn war jeden Gedankens bar. Aber plötzlich fuhr er aus seiner Teilnahmslosigkeit auf. Er vermeinte das Brüllen des verwundeten Wollnashorns zu hören oder war es nur das Donnern einer fernen Schneelawine? Hellwach blieb er stehen und lauschte in das Land hinaus. Es war kurz vor Sonnen-Aufgang. Im Osten rötete sich bereits der Himmel. Der Fährte folgend, taumelte er weiter in ein Tal hinunter. Birken und Fichten zogen sich weit den Südhang hinauf und am Tal-Grund breitete sich ein Weiden-Dschungel aus. Plötzlich entdeckte Ingor die Kolosse im Morgenlicht. Gebannt nahm der das Bild auf, das sich ihm bot: die massigen Silhouetten der Urtiere – Rücken, Haupt und Horn schwarz gegen das Himmelsrot. Und dann vermeinte er auch die Klagelaute des verwundeten Tieres zu vernehmen.

„Herr der Tiere“, betete er, „gib das verwundete Nashorn in meine Hand!“

In Ingors Kopf formte sich ein Plan. Er wich von seiner bisherigen Richtung ab, bis er den Wind im Gesicht verspürte und ein Gebüsch und eine Bodenerhebung zwischen ihm und den äsenden Tieren lag. Unterwegs kreuzte er die Fährte von Wölfen. Ihre Pfoten-Abdrücke waren noch ganz frisch. Einer war hinter dem anderen getrabt, jeder genau in der Spur des Vorgängers, und Ingor konnte nicht erkennen, wie viele es waren. Die Wölfe waren so große Meister im Einfährten, dass die Spur eines ganzen Rudels kaum von der eines einzelnen Wolfes zu unterscheiden war. Ingor folgte den Pfoten-Abdrücken eine Strecke und fand eine Stelle, wo der Bahnbrecher ermüdet und die Führung dem nächsten übergeben hatte. Und dann heulte es in der Ferne auf, wild und hungrig, dass es Ingor schaurig kalt über den Rücken fuhr. Er fuhr hoch, lauschte und spähte über das schneebedeckte Land und dann sah er sie mit gestrecktem Kopf und Schweif über die Kuppe des nächsten Bergzuges traben. Drei, vier, fünf Wölfe und dann noch ein Nachzügler – ein großes Rudel. Ingor erschrak. Was würde geschehen, wenn sie auf seine Spur stießen. Er würde kämpfen, dachte er grimmig. Auch von Wolfsfleisch konnte man satt werden.

Allmählich kam er immer näher an die Urtiere heran. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, ohne dass er es verhindern konnte. An der Regelmäßigkeit  menschlicher Schritte merkt das Wild, dass sich ein gefährlicher Zweibeiner nähert. Das musste er verhindern. So begann er eine alte List anzuwenden. Die Gangart eines Hirsches nachahmend, lief er eine Strecke vorwärts, um dann wieder auf der Stelle zu verharren, wobei er auf den Boden stampfte oder mit der Hand aufs Gebüsch schlug. Er machte Wiedergänge und bewegte sich in weit ausholenden Schlangenlinien auf die Herde zu, immer darauf bedacht, dass er durch Gebüsch oder Gelände Sichtschutz hatte und der Wind in seine Richtung blies. Als er sich dann vergewissern wollte, wo sich die Herde jetzt aufhielt, konnte er sie zuerst nicht entdecken. Hastig taumelte er vorwärts. Dann sah er sie wieder. Die doppelt gehörnten Riesen standen am Rand eines Abhangs und es schien ihm fast, als ob sie ihn entdeckt hätten. Er ließ sich in den Schnee gleiten und robbte am Boden weiter auf die Kolosse zu. Der Wind stand immer noch günstig. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr richtig. Seine Hände waren klamm und kalt und er befürchtete, die Kontrolle über sie zu verlieren und den Speer nicht mehr richtig werfen zu können.

Plötzlich traten die am Rand eines steilen Abhanges äsenden Tiere eine Schneelawine los. Es rumpelte und eine mächtige Schneelast löste sich und glitt ins Tal hinunter. Ein dumpfes Grollen ertönte, das immer mehr anschwoll. Schneestaub wirbelte bis zu den Tieren herauf und nahm ihnen die Sicht.

„Jetzt“, durchfährt es Ingor. Er springt auf und stürmt auf die Herde zu. Das verwundete Nashorn wendet ihm seine blinde Seite zu. Es sieht, hört und wittert den heran taumelnden Menschen nicht. Ingor taucht in die strenge Geruchswolke der Nashörner ein, fasst seinen Speer mit beiden Händen so gut er kann und stößt ihn dem Nashorn hinter dem Vorderlauf in die Seite. Er legt sein ganzes Körper-Gewicht in den Stoß. Die scharfe Feuerstein-Spitze durchbohrt die Lederhaut des Tieres und dringt weiter  bis zum zuckende Herzen vor. Das Wollnashorn stürmt vorwärts, stolpert und stürzt in den Schnee. Wie von Sinnen rennt Ingor hinter dem Riesen her, zieht seinen Speer aus dem Körper des Tieres  und stößt ihn erneut in die Flanke des Wollnashorns in Richtung des Herzens. Und diesmal spürt Ingor, wie die scharfe Feuerstein-Spitze das zuckende Herz des Wollnashorns durchbohrt. Ein tiefes Grunzen ertönt aus der Brust des Riesen, als er vergeblich versucht, wieder auf die Beine zu gelangen. Die Vorderläufe knicken jedoch immer wieder ein und schließlich fällt der Koloss zur Seite. Das lange Horn auf dem mächtigen Haupt forkelt durch den Schnee, die Vorderbeine beginnen unkontrolliert zu schlagen. Ingor zieht seinen langen Knochendolch mit der Blutrinne und stößt ihn in den mähnigen Hals, springt dann zurück. Das gesunde Auge des Wollnashorns ist starr auf den Menschen gerichtet, während ihm unter langsamer werdenden Zuckungen das Blut aus der Kehle strömt, die dichten Haare mit Schweiß verklebend.

Der Blick des sterbenden Wollnashorns ging Ingor nahe. Es war dem Menschen unterlegen. Die Muskeln gehorchten ihm nicht mehr, Angriff oder Flucht waren nicht mehr möglich. Es gab nur noch das Sterben. Ingor empfand plötzlich großes Mitgefühl mit dem sterbenden Riesen. „Du bist mutig“, sagte er, „du hast gut gekämpft. Wenn du wiederkommst, könntest du mein Bruder sein.“ Dann fügte er noch hinzu: „Wir ehren dich, dein Fleisch ist für uns von großem Nutzen. Ohne dich würde mein Stamm verhungern.“

Dann bemächtigte sich Ingor ein Siegesrausch. Er sprang und tanzte im Schnee umher und stieß laute Triumph-Schreie aus. Diese letzte Anstrengung erschöpfte ihn so sehr, dass er ganz kraftlos wurde und sich kaum noch bewegen konnte. Ein unwiderstehliches Verlangen nach dem warmen kräftigenden Blut des Wollnashorns packte ihn. Er presste seinen Mund an die Halsschlag-Ader, die sein Knochendolch geöffnet hatte und trank das herausströmende Blut. Wie ein heißer Strom rann es seine Kehle hinunter, bespritzte sein Gesicht und seine Kleidung. Er fühlte, wie er sich Kraft antrank. Nun war alles gut. Jetzt musste er nur noch auf die Gefährten warten. Sie würden kommen, an der Spitze sein Vater. Das Hunger-Gespenst war gebannt. Ingor hob den Kopf und blickte in die Richtung, aus der seine Leute kommen mussten. Da kam auch jemand. Aber es waren keine Menschen, es waren die Wölfe, sechs an der Zahl. Wo waren die Gefährten des Wollnashorns? Wenn sie sich in der Nähe aufhielten, würden sich die Wölfe vielleicht nicht heran wagen. Aber Ingor konnte die beiden anderen Tiere nicht entdecken.