Archive for April, 2009

Ingor, der Enkel des Schamanen, 29. April bis 12. Mai 2009: Ingor lernt die Liebe kennen!

Mittwoch, April 29th, 2009

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind, Lehmbruck Museum Duisburg

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind, Lehmbruck Museum Duisburg (eigenes Foto)

I

Ingor lernt die Liebe kennen!

Ingor betrachtete die Ankömmlinge neugierig. Zwei der Alten Menschen wichen in ihrem Aussehen von den anderen ab, wenn sie auch die gleiche Kleidung trugen. Insbesondere der ältere der beiden sah den  Leuten aus Ingors Stamm ähnlich. Es war dieser Mann, der nun einen Schritt vortrat und zu sprechen begann. Er suchte dabei nach Worten und sprach stockend, aber man konnte ihn verstehen, wenn seine Aussprache auch etwas seltsam klang. „Ich bin von Eurem Volk“, sagte er. „Die Alten Menschen haben mich aufgenommen, sonst wäre ich verhungert. Alle meine Stammes-Angehörigen waren schon den Hunger-Tod gestorben.“

„Er lügt“, flüsterte Bär. „Er ist ein Ausgestoßener, der bei diesen Leuten Zuflucht gefunden hat. Wir dürfen seinen Worten nicht trauen.“

Der Mann fuhr fort, ohne darauf einzugehen, was Bär gesagt hatte. Vielleicht hatte er dessen Flüstern auch nicht verstanden.

„Du, der du jetzt gegen mich geredet hast“, sagte er, „wirst sterben, wenn dir unser Schamane nicht hilft. Das Gift in deinem Blut entfaltet schon seine Wirkung.“

Der Mann wandte sich Ingor zu: „Der Schamane sagt, dass ein mächtiger Folge-Geist über dir wacht. Dieser Folge-Geist war es, der mit deiner Hilfe zuerst das Nashorn und dann den Tiger getötet hat. Wir wenden uns deshalb an dich, auch wenn du noch sehr jung scheinst. Deine Gefährten werden tun, was du ihnen vorschlägst.

Ihr müsst auch wissen, dass dies hier unser Jagd-Gebiet ist. Die Leute, zu denen ich jetzt gehöre, und ihre Vorfahren haben seit vielen, nicht zählbaren Generationen alle vertrieben, die hier her gekommen sind, um zu jagen. In Zukunft solltet ihr das berücksichtigen.

Wir möchten jetzt nur, dass ihr uns die Knochen und das Gerippe des Wollnashorns überlasst, so wie sie dort liegen. Seid ihr damit einverstanden?“

Ingor wandte sich an die Gefährten: „Was meint ihr dazu?“ fragte er. Bär sagte: „An dem Wollnashorn ist noch viel Fleisch dran. Außerdem kriegen sie dann alle Markknochen, wenn wir es ihnen überlassen.“ Ein anderer sagte: „Wir müssen damit einverstanden sein; sie sind in der Überzahl.“ Alle nickten, nur Bär nicht.

„Wir sind mit deinem Vorschlag einverstanden“, wandte Ingor sich an den Sprecher der Alten Menschen. Mit einem Seitenblick auf Bär, sagte er: „Wir bitten euren Schamanen auch, dass er unseren Gefährten heilt, dessen Arm die Pranke des Tigers aufgerissen hat. Außerdem möchten wir euch einladen, von der nahrhaften Suppe dort zu trinken. Sie ist noch heiß.

Unsere Leute werden bald kommen und uns beim Transport des Fleisches helfen“, fügte er noch hinzu. „Dann verlassen wir euer Land wieder.“

Der Sprecher der Alten Menschen nickte: „Danke, dass ihr einverstanden seid“, sagte er „und auch danke für die Einladung. Es ist gut, dass ihr unser Land wieder verlassen werdet.“

Dann wandte er sich an seine Leute. Es waren ungewohnte Laute die sie jetzt zu hören bekamen. Sie hätten nicht gedacht, dass dies die Sprache von Menschen war. Eher schien es ihnen wie Naturgeräusche, wie das Knacken von Ästen und das Murmeln von Wasser. Aber als die Alten Menschen von der Suppe tranken, waren sie wiederum überrascht, wie sehr ihre Becher aus Birkenrinde den ihren glichen. Als die Alten Menschen Äste sammelten und ein Feuer anzünden wollten, brachte Ingor ihnen einen brennenden Äst mit viel Glut daran. Der Jüngste bedankte sich mit einem freundlich klingenden Gurren. „Seine Haut ist zart und ohne Bartwuchs“, dachte Ingor und betrachtete ihn. Dieser warf ihm einen fragenden Blick zu und lächelte. Dann begann er an seiner Felljacke zu ziehen und sich die Haare aus der Stirn zu streichen. Als Ingor diese Bewegungen sah, wurde ihm klar, dass es eine Frau war. Und nun sah er auch, dass sich unter ihrem Fellkleid ihr Busen abzeichnete. Ingor erwiderte ihr Lächeln und ging zu seinen Leuten zurück.

Dort sagte er leise: „Es ist möglich, dass wir ihnen tatsächlich nicht trauen dürfen. Wir wissen nicht, welche Erfahrungen sie mit Menschen, wie wir es sind, gemacht haben. Diese könnten sehr schlecht sein. Es muss deshalb wenigstens einer von uns immer wach bleiben. Außerdem müssen wir unsere Leute durch Rauchsignale verständigen. Sie sollten wissen, dass die Alten Menschen hier sind. Ich werde jetzt Holz sammeln, das qualmt, wenn wir es auf das Feuer legen. Es reicht auch schon, wenn die Alten Menschen annehmen, dass unsere Gefährten informiert sind. Dann sind wir sicherer.“

Ingor stapfte in Richtung einiger Fichten, um von ihnen grüne Zweige abzubrechen. Er stieg einen Steilhang hinauf und blieb plötzlich verdutzt stehen. Auf halbem Weg erwartete ihn eine der Alten Menschen. Es war die Frau, deren Lächeln er erwidert hatte. Sie hatte ihr Haar gelöst. Hellblond quoll es unter ihrer Mütze aus Wolfsfell hervor. Als er sie erreichte, zeigte sie auf sich und sagte „Kalla!“. Dies war wohl ihr Name. In Ingors Ohren klang er undeutlich, er konnte das Wort kaum verstehen. Er wollte sich überlegen vorkommen, unterdrückte aber diese Anwandlung und wiederholte ihren Namen: „Kalla!“ Sie schien verwundert und beeindruckt. Aus seinem Mund klang ihr Name wohl artikulierter. So hatte sie ihn vorher vielleicht noch nie gehört. Ingor zeigte auf sich und nannte seinen Namen „Ingor!“. Sie wollte ihn wiederholen, konnte es aber kaum. Es kam nur so etwas wie „Iikoo“ heraus. Ingor sagte ihr noch ein paarmal seinen Namen langsam und mit Betonung vor und sie versuchte ihn nachzusprechen, was ihr allmählich besser gelang. Schließlich wollte Ingor weitergehen. Sie blieb jedoch in seinem Weg stehen. Er hätte schon um sie herumgehen müssen. So unhöflich wollte er aber nicht sein. Er wusste nicht, was er tun sollte. Sie nahm etwas Schnee in den Mund und als er geschmolzen war, schluckte sie die Flüssigkeit hinunter und sagte „Yak“. Ingor verstand, dass sie mit dem Wort „Yak“ nicht den Schnee, sondern das trinkbare Wasser meinte. Er übersetzte „Wasser“. Sie wiederholte das Wort „Wasser“, aber es klang so, dass er es kaum wieder erkannte. Ingor wiederholte lächelnd ihren Namen Kalla, nahm dann selber etwas Schnee in den Mund. Als der Schnee geschmolzen war, spuckte er die Flüssigkeit aus und sagte „Yak“. Kalla nickte und strahlte über das ganze Gesicht. Ingor sah jetzt, dass sie auf ihre Art schön war, jedenfalls solange sie ihm nicht das Profil ihres Gesichtes zuwandte. Ihre zurückweichendes Kinn und ihre zurückweichende Stirn gefielen ihm weniger. Sie zeigten noch auf dieses und jenes und tauschten noch eine Reihe von Begriffen aus, wobei er über ihre Versuche lachen musste, seine Worte nachzusprechen. Sie hingegen schien verwundert und beeindruckt darüber, dass sein Mund so schwierige Klanggebilde hervorbringen konnte. Zumindest tat sie so. Bei ihrem Radebrechen erschien sie ihm wunderschön, jedenfalls solange er sie nicht von der Seite ansah. Sie lachten zusammen und Ingor dachte, dass sie sich gut verstanden. Schließlich sagte sie einen Satz und nannte ein Wort, ohne dabei auf einen Gegenstand zu zeigen. Ingor zuckte die Achseln. Da hob sie die Arme und machte die Bewegung des Kinderwiegens, wobei sie ihn bittend und etwas verlegen ansah. Ingor schüttelte den Kopf. Er konnte sich keinen Reim darauf machen und wollte schließlich weitergehen. Da nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn in das Fichtenwäldchen hinein. Ingor war so verblüfft, dass er überhaupt nicht an Widerstand dachte. Vielleicht wollte sie ihm etwas zeigen. Dann fiel ihm ein, dass sie sich vielleicht ein Kind von ihm wünschte, so wie damals diese andere Frau aus seinem Stamm. Da begann sein Herz heftig zu pochen. Unter einer Kiefer mit tief herabhängenden schneebedeckten Zweigen blieb sie stehen. Sie sah ihn schelmisch an, schüttelte dann plötzlich an den Ästen, so dass eine Menge Schnee auf Ingor herabfiel. Dann floh sie und Ingor lief ihr nach. Sie ließ sich fangen, aber als Ingor sie dann gepackt hatte, wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. Halbherzig versuchte sie, sich ihm zu entziehen. Da legte er seine Arme um sie. Als sie sich weiter wehrte, verstärkte er seinen Druck und presste sie an sich. Er spürte ihren weichen Busen und begann tief zu atmen. Sein Herz klopfte und seine Brust hob und senkte sich und er vergaß völlig, dass sie eine Angehörige der Alten Menschen war, auf die sie gewöhnlich etwas herabsahen. In diesem Augenblick verblasste selbst sein Triumph über den Tiger. Sie schnupperte an seiner Wange und auch er war eingetaucht in ihren Dunstkreis. Ihr Geruch war schwer und süß und erinnerte ihn an den Milch-Geruch stillender Tiermütter. Nach einer Weile glitt seine Hand unter ihren Pelz und begann ihre Brust zu betasten. Sie ließ es geschehen, aber als er ihre Brustwarzen streichelte, begann sie plötzlich zu keuchen und ließ sich rückwärts in den Schnee fallen. Mit zitternden Händen streifte er alle hindernden Kleidungsstücke beiseite und sein  Glied drang in sie ein. Ihre Lippen verbanden sich zu einem leidenschaftlichen Kuss. Er spürte die Enge aufgrund ihrer Erregung und geriet außer sich. Sie zuckte und wand sich unter seinen Stößen und schließlich kam sein Samenerguss. Da stieß er sein Glied tief in ihre Scheide und verharrte so, bis die Sameneruptionen zu Ende waren. Währenddessen hielt sie ihn fest und presste ihm ihren Unterleib entgegen. Als es vorbei war, ließ er sie los und sie standen auf und brachten ihre Kleider wieder in Ordnung. Dabei sah sie ihn unverwandt an. Ihr Gesicht glühte. Es war, als ob sie sich sein Bild für immer einprägen wollte. Ingor fand, dass ihre Augen so blau waren wie der Himmel.

„Wir müssen zurück zu unseren Leuten“, sagte er und wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Er begann Fichten-Äste abzubrechen und Kalla half ihm dabei. Dann machten sie sich auf den Rückweg. Bevor sie aus dem Fichtenwäldchen heraustraten, umarmten und küssten sie sich noch einmal. Zärtlich flüsterte sie seinen Namen, so gut sie konnte, legte ihren Kopf an seine Schultern und sah ihn mit ihren großen blauen Augen an. Ingor aber streichelte ihr Haar und küsste sie auf die Wange. Fast gewaltsam löste er sich schließlich aus ihrer Umarmung. Es war nicht gut, wenn sie beide zusammen zu lange weg waren. Er wusste nicht, wie die Alten Menschen reagieren würden, wenn sie sie beide in trauter Zweisamkeit zusammen sahen, wie seine Gefährten sich verhalten würden, konnte er sich jedoch lebhaft ausmalen. Bei jeder Gelegenheit würden sie ihn damit aufziehen, dass ihn eine dieser Troll-Frauen verführt hatte. Es tat ihm leid, dass sie nicht zusammen bleiben konnten. Aber das war unmöglich. Hand in Hand gingen sie zurück. Als sie um ein Weidengebüsch bogen, hatten sie freien Blick auf das Lager und er ließ sie los. Mit Erschrecken sahen sie, dass ein Kampf entbrannt war. Einer der Alten Menschen stieß Bär vor die Brust, dass er zurücktaumelte und in den Schnee stürzte.

Ingor, der Enkel des Schamanen, 15. bis 28. April 2009: Begegnung mit den Alten Menschen!

Mittwoch, April 15th, 2009

Mensch der Urzeit aus dem Neanderthal Museum!

Mensch der Urzeit aus dem Neanderthal Museum! (eigenes Foto)

Begegnung mit den Alten Menschen!

Ingor wandte sich dem Tiger zu. Er musste ihn häuten. Das Fell wollte er seinem Großvater schenken; die weiß schimmernden Reißzähne des Tigers aber für sich behalten. Er würde sie zu einer Kette zusammen fügen.

Sein Vater kam ihm zu Hilfe.

„Das Fell werde ich Großvater schenken“, sagte Ingor.

„Ja, das solltest du tun“, stimmte sein Vater zu. „Er wird es in sein Zauberzelt hängen und alle werden es sehen und sich daran erinnern, dass ein einzelner Mensch fähig ist, diese übermächtige Raubkatze zu besiegen. Es wird ihnen Mut machen und sie werden sich auch daran erinnern, dass du es bist, der ihnen dies gezeigt hat.“

Ingor nickte überrascht. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Ihm wurde mit einmal klar, dass er einer derjenigen war, mit dem der Weg des Menschen als dem Herrn über die Erde begann.

„Ich werde dir helfen, ihm den Pelz abzuziehen“, fuhr sein Vater fort. „Wir dürfen immer nur kleine Schnitte machen, damit das Fell unversehrt bleibt.“

Die anderen fuhren fort, das Wollnashorn zu zerlegen. Zum Teil häuteten sie das Urtier auch. Mit Boxen und Zerren rissen sie die Decke herunter. Ihre Feuerstein-Klingen traten dabei nur ab und zu in Aktion. Zwischendurch steckten sie sich Fleisch- und Fettstücke in den Mund. Lange bevor sie mit dem Zerlegen der Beute fertig waren, loderte ein Feuer empor und sie begannen zu kochen und zu braten. Nachdem sie viel rohes Fleisch verzehrt hatten, verlangte es sie nun nach Gesottenem und Gebratenem, vor allem aber auch nach Flüssigkeit. Alle verspürten einen gewaltigen Durst. Sie spannten ein großes Stück Nashornfell zwischen mehreren Stöcken auf, stopften es voll mit Schnee und gefrorenem Blut. Dann legten sie heiße Steine dazu, die sie rotglühend aus dem Feuer holten. Immer noch mehr Schnee häuften sie in ihrem „Felltopf“ auf. Der Schnee schmolz, Flüssigkeit sammelte sich an, lief in der Mitte zusammen und begann über den heißen Steinen zu blubbern. Da legten sie auch fettes Fleisch und lange Markknochen hinzu, die über den Rand des Fells hinaus lugten. Sie sammelten auch essbare Pflanzen sowie die inneren Schichten von Baumrinde und warfen sie in das kochende Wasser. Braten- und Kochdüfte erfüllten die Luft und das Wasser lief ihnen im Mund zusammen. Mit Bechern aus Birkenrinde schöpften sie immer wieder von der nahrhaften Suppe und tranken sie andächtig in kleinen Schlucken. Dann schlugen sie wieder ihre Zähne in gebratenes Fleisch und säbelten die Bissen mit ihren Feuerstein-Klingen dicht vor ihren Lippen ab. Das Fett tropfte ihnen dabei aus den Mundwinkeln. Und dann zertrümmerten sie auch die Knochen, von denen sie das Fleisch abgenagt hatten, mit der stumpfen Seite ihrer Steinwerkzeuge und schlürften das heiße Mark.  

Eine Zeitlang stopften sie noch Fleisch, Fett und Knochenmark in sich hinein, dann brachen Ingors Vater und der Haupttrupp der Gefährten mit einem Teil der Beute auf. „Passt gut auf, dass euch niemand das Fleisch fortschnappt“, rief noch jemand von ihnen, dann verschwanden sie im Schnee-Gestöber. Ingor konnte ihre Freude spüren, mit reicher Beute nach Hause zurück zu kehren. Voll gepfropft stand er mit dem Rücken zum Feuer und winkte ihnen nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Dann richteten sich die Zurückbleibenden am Feuer ein. Sie legten Fichtenzweige in mehreren Schichten übereinander und ließen sich darauf nieder. Es wehte ein kalter Wind, so dass sie immer näher an die Glut heran rückten, bis  ihnen die Flammen den Pelz ansengten. Da sie im Rücken immer noch froren, begannen sie aus Kiefernzweigen und Stangen einen zum Feuer geneigten Windschirm zu errichten. Die Kiefernzweige reflektierten die Wärmestrahlen und hielt die Warmluft gefangen. Die Nahrung wärmte sie von innen her und es wurde ihnen seit langer Zeit zum ersten mal wieder richtig warm. Nach den Anstrengungen und Aufregungen des Tages und dem üppigen Mahl konnte Ingor kaum noch die Augen offen halten. Er war noch dabei, das Fell des Tigers von den letzten Fleisch- und Fettresten zu säubern. Aber jetzt zog er sich den schweren Pelz des Tigers über seinen Körper. Seine Hände tasteten noch einmal über das lange Horn des Wollnashorns, dann begann er mit offenen Augen zu träumen und war bald in einen tiefen Schlaf gefallen.

Im Traum begegnete er dem toten Wollnashorn. Es sprang aus dem Gerippe heraus und griff ihn mit gesenktem Haupt an. Bevor Ingor ausweichen konnte, hatte ihn das Horn des Geister-Nashorns durchbohrt. In diesem Augenblick drang der Ruf „Die Alten Menschen!“ an sein Ohr und er wurde aus seinem Traum heraus gerissen. Sich die Stelle reibend, an der ihn das Geister-Nashorn getroffen hatte, blinzelte er in die Sonne und wusste eine Zeitlang nicht, ob er wachte oder träumte.

Mit ihren Nasen in der Luft schnüffelnd, kamen nämlich fünf zottige Gestalten heran. Ingor sprang auf und griff zu seinem Speer. Die anderen standen schon kampfbereit. Untersetzt und muskulös stapften die Fremden auf Schneeschuhen weiter auf sie zu, blieben aber dann stehen und legten ihre Waffen, Speere und Keulen, vor sich in den Schnee. „Ich hatte sie für größer gehalten“, murmelte Bär. „Aber das einzige, was bei ihnen groß ist, sind ihre Nasen.“ „Und ihre langen starken Arme“, ergänzte ein anderer. „Sie sind bärenstark!“

Ingor, der Enkel des Schamanen, 31. März bis 12. April 2009: Ingor tötet den Tiger!

Mittwoch, April 1st, 2009

Sibirischer Tiger!

Sibirischer Tiger! (Eigenes Foto)

Ingor tötet den Tiger!

Ingor richtete sich vorsichtig auf, wobei er Finger, Hände, Knie und Füße in den Gelenken bewegte, bis sie ihm wieder einigermaßen gehorchten, dann legte er einen Wurfspeer auf seine Speerschleuder. Er segnete die Wesenheit, die mit der Waffe verbunden war und begann auf eine Wurf-Gelegenheit zu warten. Der Tiger blickte zu Ingor herüber, wich jedoch nicht zurück, sondern schritt auf seinen gewaltigen Pranken nur geschmeidig hin und her. Er hielt sich gerade außerhalb der Reichweite eines ohne Speerschleuder geworfenen Speeres auf. Ingor schien er etwas ungeduldig. Es passte ihm wohl nicht, dass er weder an den Fleischberg, noch an das Menschlein herankam. Warten war er in so einer Situation nicht gewohnt. Der Tiger bewegte sich so schnell, dass Ingor keine Gelegenheit fand, den Speer auf ihn zu schleudern. Endlich blieb er einmal stehen, wandte Ingor jedoch sein Haupt zu. So bot er kein gutes Ziel. Ingor hätte allenfalls versuchen können, ihm den Speer in den Hals zu werfen. Er wollte aber lieber auf eine bessere Gelegenheit warten. Vor allem sollte der Tiger auch nicht sehen, wie der Speer auf ihn zuflog. Nach einer Weile blieb die große Katze wieder stehen und spähte in das Land hinaus, nach etwas, das Ingor nicht wahrnahm. Doch nicht etwa nach seiner Gefährtin? Diesmal wandte er Ingor die gefleckte Seite zu. Und dann stapfte er noch ein wenig weiter und hob sein Haupt. Etwas da draußen erregte seine Aufmerksamkeit. Er schien etwas zu wittern. Ein besseres Ziel als jetzt konnte er Ingor nicht bieten. Aber in dem Augenblick, da Ingor seinen Speer schleudern wollte, begann der Tiger wieder unruhig auf und ab zu traben. Ingor ließ seinen Wurf-Arm wieder sinken. Wenig später blieb der Tiger an der gleichen Stelle stehen, um erneut in das Land hinaus zu wittern. Diesmal reagierte Ingor sofort. Er schleuderte seinen Speer in Richtung des Punktes über und hinter dem Vorderlauf der großen Raubkatze, hinter der ihr Herz schlug. Der Wurfspeer, der durch das Wurfholz einen zusätzlichen Impuls von Ingors Muskelkraft erhielt, flog in hohem Bogen durch die Luft. Angespannt verfolgte Ingor seinen Flug. Dann senkte sich der Speer und bohrte sich durch das gefleckte Fell in den Körper der Bestie. Die Großkatze stieß ein lautes Gebrüll aus, sprang auf allen Vieren hoch in die Luft, fiel zurück zur Erde und biss in das Holz des Wurfspeeres, dass es zersplitterte. Die Spitze des Speeres mit der scharfen Feuerstein-Klinge aber haftete im Körper der Großkatze und dann sah Ingor auch das Blut des Tigers in den Schnee strömen. Es schien ihm helles Herzblut. Die Glieder der Bestie zuckten. Ingor ließ sich in den Schnee gleiten, denn einer der beiden Hornträger in seiner Nähe war auf ihn aufmerksam geworden. Er zitterte vor Aufregung. Er hütete sich, näher heran zu gehen, denn er wusste, dass der Tiger noch lange nicht tot war. Katzen haben sieben Leben, hatte ihm sein Großvater eingeschärft und Ingor blieb, wo er war. An der Seite der Hornträger fühlte er sich sicher. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn sich der Tiger davon geschlichen hätte. Wölfe hätten ihm dann wahrscheinlich den Garaus gemacht. Ingor konnte es zwar kaum glauben, aber es hatte sich ergeben, dass er das gewaltige Raubtier besiegt hatte. Irgendwie schien es ihm unwirklich. Das hatte es noch nicht gegeben. Davon hatte noch nie jemand berichtet, dass ein einzelner Mensch den Säbelzahn-Tiger gespeert hatte. Aber als er sich dann in seinen Triumph hinein steigern wollte, vernahm er ein Hecheln und sah, dass die Wölfe zurück kamen. Aus Ingors Brust rang sich ein Stöhnen. Verzweifelt spähte er in die Richtung, aus der er seine Gefährten erwartete. Da – sich nähernde Gestalten auf einer benachbarten Hügelkuppe, die dann in einer Senke verschwanden. Sorgenvoll wartete Ingor, bis sie wieder auftauchten. Nach und nach konnte er Einzelheiten ausmachen. Als er die Männer schließlich an ihrem Gang erkannte, lachte er laut auf, dass die Wölfe, die sich am nächsten heranschlichen hatten, erschrocken aufsprangen. „Das sind nicht eure, sondern meine Brüder“, rief er. „Aber sorgt euch nicht, es wird genug Fleisch für euch übrig bleiben.“

Als sich die Männer näherten, spürte Ingor schon von weitem ihre Freude. Stumm betraten sie den Kampfplatz. „Da sind wir ja noch rechtzeitig gekommen“, rief Bär, „sonst hätten dich die Wölfe noch…  Aha, der Tiger hat das Wollnashorn getötet und das Wollnashorn den Tiger.“ Bär ging auf den Tiger zu. „Vorsicht!“ schrie Ingor, „er ist vielleicht noch nicht ganz tot.“ Aber Bär ließ sich nicht aufhalten. Als er den Tiger mit seinem Speer anstieß, kam dieser noch einmal auf die Beine und schlug mit einem bösen Knurren blitzschnell nach dem Arm des Menschen. Bär sprang zurück, aber der Tiger hatte ihm bereits den Arm mit seiner Pranke bis auf die Knochen aufgerissen und auch gebrochen. 

Bär bemerkte Ingors Speer in der Seite des Tigers und das verschlug ihm noch mehr die Sprache als seine Verletzung. Auch die anderen sahen Ingors Wurfspeer in der Seite des Tigers und auch die tödliche Wunde hinter dem Vorderlauf des Wollnashorns, die von Ingors Lanze herrührte. Hoch aufgerichtet stand Ingor da und blickte die Männer an. Dies war der Moment seines Triumphes. Sein Vater ging auf Ingor zu, schloss ihn in die Arme und sagte: „Du hast beide getötet, das Wollnashorn und den mächtigen Tiger!“ Ingor nickte. „Ja!“ sagte er leise, „das habe ich“. Alle hörten es und sie riefen: „Ingor hat das Wollnashorn und den Tiger getötet; Ingor hat das Wollnashorn und den Tiger getötet!“ Es war wie ein Jubelschrei, bei dem sich ihre Anspannung löste. Sie drängten sich an Ingor heran und, berührten und umarmten ihn. Nur Bär blieb schweigend an seinem Platz und stöhnte leise. Der Gehilfe des Schamanen ging zu ihm hin und begann, seine Verletzung zu behandeln.

Als die Männer sich daran machten, das Wollnashorn aufzubrechen, ließ der Gehilfe des Schamanen Bär allein, ging zu den Gefährten und sagte: „Wir müssen ein Gebet sprechen: Herr der Tiere“, rief er und hob die Arme zum Himmel: „Wir danken dir, dass du das Wollnashorn in unsere Hand gegeben hast! Und du, Tapferer“, wandte er sich an das Wollnashorn, strich ihm über das Horn und schob ihm einen gefrorenen Weidenzweig als letzte Äsung ins Maul. „Verzeih, dass wir dich getötet haben. Wir mussten es tun, sonst wäre unser Stamm verhungert. Du bist es, der uns im Auftrag des Herrn der Tiere jetzt unser Leben schenkt. Dafür danken wir dir.“ Dann segnete er das Wollnashorn und er segnete auch den toten Tiger.

Durch das Ritual, insbesondere die beiden Segnungen, trat eine Veränderung ein. Es geschah etwas Heiliges und die Dinge wurden irgendwie leicht. Ingor bemerkte es mit Erstaunen.

Einige der Männer spalteten noch Feuerstein-Klingen von mitgebrachten Feuerstein-Knollen ab, dann begannen sie den Körper des Tieres aufzuschärfen. Die rote Arbeit musste getan werden. Ein schwerer Brodem von Blut und Innereien erfüllte die Luft, als sie die Bauchhöhle geöffnet hatten. Zwei in der Luft kreisende Raben schrieen aufgeregt und landeten in der Nähe und auch die Wölfe schoben sich ein Stück näher heran und starrten hungrig herüber. Die Männer schnitten und rissen die Eingeweide heraus. Herz, Nieren und die gewaltige Leber wurden gesondert gelegt. Der Herz-Muskel war so groß wie ein Männerkopf. Lunge und Eingeweide warf Ingor den Raben und Wölfen zu, die gierig danach schnappten und sie im Nu verschlungen hatten. Nachdem der Gehilfe des Schamanen Bärs Arm geschient und verbunden hatte, sagte er zu Ingor gewandt: „Verteile die Leber!“ Ingor schnitt die blutige, noch warme Leber in Stücke und verteilte sie an die Männer. Bär riss ihm seinen Anteil beinahe unwillig aus der Hand. Ingor ließ sich nichts anmerken. Als der Imbiss roh verzehrt war, arbeiteten die Männer wieder halb gebückt in dem geöffneten Leib der Beute. In großen Stücken schnitten und rissen sie das leuchtendrote Fleisch heraus und warfen es den Gefährten zu, die es im Schnee aufstapelten. Das Schneiden, Reißen und Zerren nahm kein Ende. Die Fleischmenge schien unerschöpflich.

Als Ingor sich dem Tiger zuwandte, um ihn zu häuten und sein Fleisch an die Raben und Wölfe zu verteilen, hielt ihn der Gehilfe des Schamanen zurück. „Opfere das Herz des Wollnashorns dem Herrn der Tiere“, forderte er Ingor auf, „und anschließend verteile es unter den Gefährten, aber erst wenn ich es sage.“ Ingor hatte schon einige Male an einem solchen Ritual teilgenommen, doch dies war das erstemal, dass er selber das Herz der Beute dem Herrn der Tiere darbringen durfte. Er war sehr bewegt und stolz. Er nahm das Herz des Wollnashorns in seine Hand, segnete es und sprach: „Herr der Tiere, wir bringen dir dieses Herz als Opfer dar. Nimm es aus unseren Händen an!“

Mit Erstaunen bemerkte Ingor, was darauf hin geschah: Eine Wesenheit senkte sich herab, die ein Engel des Herrn der Tiere war und begann die feinstoffliche Lebenskraft  des Herzens in sich aufzunehmen. Gleichzeitig legte dieser Engel eine himmlische Kraft in das Herz des Wollnashorns hinein, die für die Menschen von Nutzen war. Wie Ingor später herausfand, verringerte diese himmlische Kraft seine Schuldgefühle. Ingor legte das Herz vor sich auf den Boden und trat zwei Schritte zurück in den Bereich außerhalb der Reichweite der starken Strahlkraft des Engels. Seine Handflächen hatte er in Richtung des Boten des Herrn der Tiere gewandt. Über seine Hände spürte er, wie der Engel nach und nach alle Lebenskraft aus dem Herzen des Wollnashorns in sich aufnahm und sie durch seine himmlische Kraft ersetzte. Als der Austausch durchgeführt war, legte Ingor seine Hände zusammen und dankte dem Herrn der Tiere, dass er das Opfer angenommen hatte. Der Gehilfe des Schamanen sagte: „Jetzt kannst du das Herz des Wollnashorns aufteilen.“ Ingor zerteilte das Herz mit seiner Feuerstein-Klinge und gab jedem der Gefährten seinen Anteil. Er selber verzehrte sein Stück mit großer Andacht und die Gefährten und Bär auch.