
Sibirischer Tiger! (Eigenes Foto)
Ingor tötet den Tiger!
Ingor richtete sich vorsichtig auf, wobei er Finger, Hände, Knie und Füße in den Gelenken bewegte, bis sie ihm wieder einigermaßen gehorchten, dann legte er einen Wurfspeer auf seine Speerschleuder. Er segnete die Wesenheit, die mit der Waffe verbunden war und begann auf eine Wurf-Gelegenheit zu warten. Der Tiger blickte zu Ingor herüber, wich jedoch nicht zurück, sondern schritt auf seinen gewaltigen Pranken nur geschmeidig hin und her. Er hielt sich gerade außerhalb der Reichweite eines ohne Speerschleuder geworfenen Speeres auf. Ingor schien er etwas ungeduldig. Es passte ihm wohl nicht, dass er weder an den Fleischberg, noch an das Menschlein herankam. Warten war er in so einer Situation nicht gewohnt. Der Tiger bewegte sich so schnell, dass Ingor keine Gelegenheit fand, den Speer auf ihn zu schleudern. Endlich blieb er einmal stehen, wandte Ingor jedoch sein Haupt zu. So bot er kein gutes Ziel. Ingor hätte allenfalls versuchen können, ihm den Speer in den Hals zu werfen. Er wollte aber lieber auf eine bessere Gelegenheit warten. Vor allem sollte der Tiger auch nicht sehen, wie der Speer auf ihn zuflog. Nach einer Weile blieb die große Katze wieder stehen und spähte in das Land hinaus, nach etwas, das Ingor nicht wahrnahm. Doch nicht etwa nach seiner Gefährtin? Diesmal wandte er Ingor die gefleckte Seite zu. Und dann stapfte er noch ein wenig weiter und hob sein Haupt. Etwas da draußen erregte seine Aufmerksamkeit. Er schien etwas zu wittern. Ein besseres Ziel als jetzt konnte er Ingor nicht bieten. Aber in dem Augenblick, da Ingor seinen Speer schleudern wollte, begann der Tiger wieder unruhig auf und ab zu traben. Ingor ließ seinen Wurf-Arm wieder sinken. Wenig später blieb der Tiger an der gleichen Stelle stehen, um erneut in das Land hinaus zu wittern. Diesmal reagierte Ingor sofort. Er schleuderte seinen Speer in Richtung des Punktes über und hinter dem Vorderlauf der großen Raubkatze, hinter der ihr Herz schlug. Der Wurfspeer, der durch das Wurfholz einen zusätzlichen Impuls von Ingors Muskelkraft erhielt, flog in hohem Bogen durch die Luft. Angespannt verfolgte Ingor seinen Flug. Dann senkte sich der Speer und bohrte sich durch das gefleckte Fell in den Körper der Bestie. Die Großkatze stieß ein lautes Gebrüll aus, sprang auf allen Vieren hoch in die Luft, fiel zurück zur Erde und biss in das Holz des Wurfspeeres, dass es zersplitterte. Die Spitze des Speeres mit der scharfen Feuerstein-Klinge aber haftete im Körper der Großkatze und dann sah Ingor auch das Blut des Tigers in den Schnee strömen. Es schien ihm helles Herzblut. Die Glieder der Bestie zuckten. Ingor ließ sich in den Schnee gleiten, denn einer der beiden Hornträger in seiner Nähe war auf ihn aufmerksam geworden. Er zitterte vor Aufregung. Er hütete sich, näher heran zu gehen, denn er wusste, dass der Tiger noch lange nicht tot war. Katzen haben sieben Leben, hatte ihm sein Großvater eingeschärft und Ingor blieb, wo er war. An der Seite der Hornträger fühlte er sich sicher. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn sich der Tiger davon geschlichen hätte. Wölfe hätten ihm dann wahrscheinlich den Garaus gemacht. Ingor konnte es zwar kaum glauben, aber es hatte sich ergeben, dass er das gewaltige Raubtier besiegt hatte. Irgendwie schien es ihm unwirklich. Das hatte es noch nicht gegeben. Davon hatte noch nie jemand berichtet, dass ein einzelner Mensch den Säbelzahn-Tiger gespeert hatte. Aber als er sich dann in seinen Triumph hinein steigern wollte, vernahm er ein Hecheln und sah, dass die Wölfe zurück kamen. Aus Ingors Brust rang sich ein Stöhnen. Verzweifelt spähte er in die Richtung, aus der er seine Gefährten erwartete. Da sich nähernde Gestalten auf einer benachbarten Hügelkuppe, die dann in einer Senke verschwanden. Sorgenvoll wartete Ingor, bis sie wieder auftauchten. Nach und nach konnte er Einzelheiten ausmachen. Als er die Männer schließlich an ihrem Gang erkannte, lachte er laut auf, dass die Wölfe, die sich am nächsten heranschlichen hatten, erschrocken aufsprangen. Das sind nicht eure, sondern meine Brüder, rief er. Aber sorgt euch nicht, es wird genug Fleisch für euch übrig bleiben.
Als sich die Männer näherten, spürte Ingor schon von weitem ihre Freude. Stumm betraten sie den Kampfplatz. Da sind wir ja noch rechtzeitig gekommen, rief Bär, sonst hätten dich die Wölfe noch Aha, der Tiger hat das Wollnashorn getötet und das Wollnashorn den Tiger. Bär ging auf den Tiger zu. Vorsicht! schrie Ingor, er ist vielleicht noch nicht ganz tot. Aber Bär ließ sich nicht aufhalten. Als er den Tiger mit seinem Speer anstieß, kam dieser noch einmal auf die Beine und schlug mit einem bösen Knurren blitzschnell nach dem Arm des Menschen. Bär sprang zurück, aber der Tiger hatte ihm bereits den Arm mit seiner Pranke bis auf die Knochen aufgerissen und auch gebrochen.
Bär bemerkte Ingors Speer in der Seite des Tigers und das verschlug ihm noch mehr die Sprache als seine Verletzung. Auch die anderen sahen Ingors Wurfspeer in der Seite des Tigers und auch die tödliche Wunde hinter dem Vorderlauf des Wollnashorns, die von Ingors Lanze herrührte. Hoch aufgerichtet stand Ingor da und blickte die Männer an. Dies war der Moment seines Triumphes. Sein Vater ging auf Ingor zu, schloss ihn in die Arme und sagte: Du hast beide getötet, das Wollnashorn und den mächtigen Tiger! Ingor nickte. Ja! sagte er leise, das habe ich. Alle hörten es und sie riefen: Ingor hat das Wollnashorn und den Tiger getötet; Ingor hat das Wollnashorn und den Tiger getötet! Es war wie ein Jubelschrei, bei dem sich ihre Anspannung löste. Sie drängten sich an Ingor heran und, berührten und umarmten ihn. Nur Bär blieb schweigend an seinem Platz und stöhnte leise. Der Gehilfe des Schamanen ging zu ihm hin und begann, seine Verletzung zu behandeln.
Als die Männer sich daran machten, das Wollnashorn aufzubrechen, ließ der Gehilfe des Schamanen Bär allein, ging zu den Gefährten und sagte: Wir müssen ein Gebet sprechen: Herr der Tiere, rief er und hob die Arme zum Himmel: Wir danken dir, dass du das Wollnashorn in unsere Hand gegeben hast! Und du, Tapferer, wandte er sich an das Wollnashorn, strich ihm über das Horn und schob ihm einen gefrorenen Weidenzweig als letzte Äsung ins Maul. Verzeih, dass wir dich getötet haben. Wir mussten es tun, sonst wäre unser Stamm verhungert. Du bist es, der uns im Auftrag des Herrn der Tiere jetzt unser Leben schenkt. Dafür danken wir dir. Dann segnete er das Wollnashorn und er segnete auch den toten Tiger.
Durch das Ritual, insbesondere die beiden Segnungen, trat eine Veränderung ein. Es geschah etwas Heiliges und die Dinge wurden irgendwie leicht. Ingor bemerkte es mit Erstaunen.
Einige der Männer spalteten noch Feuerstein-Klingen von mitgebrachten Feuerstein-Knollen ab, dann begannen sie den Körper des Tieres aufzuschärfen. Die rote Arbeit musste getan werden. Ein schwerer Brodem von Blut und Innereien erfüllte die Luft, als sie die Bauchhöhle geöffnet hatten. Zwei in der Luft kreisende Raben schrieen aufgeregt und landeten in der Nähe und auch die Wölfe schoben sich ein Stück näher heran und starrten hungrig herüber. Die Männer schnitten und rissen die Eingeweide heraus. Herz, Nieren und die gewaltige Leber wurden gesondert gelegt. Der Herz-Muskel war so groß wie ein Männerkopf. Lunge und Eingeweide warf Ingor den Raben und Wölfen zu, die gierig danach schnappten und sie im Nu verschlungen hatten. Nachdem der Gehilfe des Schamanen Bärs Arm geschient und verbunden hatte, sagte er zu Ingor gewandt: Verteile die Leber! Ingor schnitt die blutige, noch warme Leber in Stücke und verteilte sie an die Männer. Bär riss ihm seinen Anteil beinahe unwillig aus der Hand. Ingor ließ sich nichts anmerken. Als der Imbiss roh verzehrt war, arbeiteten die Männer wieder halb gebückt in dem geöffneten Leib der Beute. In großen Stücken schnitten und rissen sie das leuchtendrote Fleisch heraus und warfen es den Gefährten zu, die es im Schnee aufstapelten. Das Schneiden, Reißen und Zerren nahm kein Ende. Die Fleischmenge schien unerschöpflich.
Als Ingor sich dem Tiger zuwandte, um ihn zu häuten und sein Fleisch an die Raben und Wölfe zu verteilen, hielt ihn der Gehilfe des Schamanen zurück. Opfere das Herz des Wollnashorns dem Herrn der Tiere, forderte er Ingor auf, und anschließend verteile es unter den Gefährten, aber erst wenn ich es sage. Ingor hatte schon einige Male an einem solchen Ritual teilgenommen, doch dies war das erstemal, dass er selber das Herz der Beute dem Herrn der Tiere darbringen durfte. Er war sehr bewegt und stolz. Er nahm das Herz des Wollnashorns in seine Hand, segnete es und sprach: Herr der Tiere, wir bringen dir dieses Herz als Opfer dar. Nimm es aus unseren Händen an!
Mit Erstaunen bemerkte Ingor, was darauf hin geschah: Eine Wesenheit senkte sich herab, die ein Engel des Herrn der Tiere war und begann die feinstoffliche Lebenskraft des Herzens in sich aufzunehmen. Gleichzeitig legte dieser Engel eine himmlische Kraft in das Herz des Wollnashorns hinein, die für die Menschen von Nutzen war. Wie Ingor später herausfand, verringerte diese himmlische Kraft seine Schuldgefühle. Ingor legte das Herz vor sich auf den Boden und trat zwei Schritte zurück in den Bereich außerhalb der Reichweite der starken Strahlkraft des Engels. Seine Handflächen hatte er in Richtung des Boten des Herrn der Tiere gewandt. Über seine Hände spürte er, wie der Engel nach und nach alle Lebenskraft aus dem Herzen des Wollnashorns in sich aufnahm und sie durch seine himmlische Kraft ersetzte. Als der Austausch durchgeführt war, legte Ingor seine Hände zusammen und dankte dem Herrn der Tiere, dass er das Opfer angenommen hatte. Der Gehilfe des Schamanen sagte: Jetzt kannst du das Herz des Wollnashorns aufteilen. Ingor zerteilte das Herz mit seiner Feuerstein-Klinge und gab jedem der Gefährten seinen Anteil. Er selber verzehrte sein Stück mit großer Andacht und die Gefährten und Bär auch.