Ingor, der Enkel des Schamanen, 29. April bis 12. Mai 2009: Ingor lernt die Liebe kennen!

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind, Lehmbruck Museum Duisburg

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind, Lehmbruck Museum Duisburg (eigenes Foto)

I

Ingor lernt die Liebe kennen!

Ingor betrachtete die Ankömmlinge neugierig. Zwei der Alten Menschen wichen in ihrem Aussehen von den anderen ab, wenn sie auch die gleiche Kleidung trugen. Insbesondere der ältere der beiden sah den  Leuten aus Ingors Stamm ähnlich. Es war dieser Mann, der nun einen Schritt vortrat und zu sprechen begann. Er suchte dabei nach Worten und sprach stockend, aber man konnte ihn verstehen, wenn seine Aussprache auch etwas seltsam klang. „Ich bin von Eurem Volk“, sagte er. „Die Alten Menschen haben mich aufgenommen, sonst wäre ich verhungert. Alle meine Stammes-Angehörigen waren schon den Hunger-Tod gestorben.“

„Er lügt“, flüsterte Bär. „Er ist ein Ausgestoßener, der bei diesen Leuten Zuflucht gefunden hat. Wir dürfen seinen Worten nicht trauen.“

Der Mann fuhr fort, ohne darauf einzugehen, was Bär gesagt hatte. Vielleicht hatte er dessen Flüstern auch nicht verstanden.

„Du, der du jetzt gegen mich geredet hast“, sagte er, „wirst sterben, wenn dir unser Schamane nicht hilft. Das Gift in deinem Blut entfaltet schon seine Wirkung.“

Der Mann wandte sich Ingor zu: „Der Schamane sagt, dass ein mächtiger Folge-Geist über dir wacht. Dieser Folge-Geist war es, der mit deiner Hilfe zuerst das Nashorn und dann den Tiger getötet hat. Wir wenden uns deshalb an dich, auch wenn du noch sehr jung scheinst. Deine Gefährten werden tun, was du ihnen vorschlägst.

Ihr müsst auch wissen, dass dies hier unser Jagd-Gebiet ist. Die Leute, zu denen ich jetzt gehöre, und ihre Vorfahren haben seit vielen, nicht zählbaren Generationen alle vertrieben, die hier her gekommen sind, um zu jagen. In Zukunft solltet ihr das berücksichtigen.

Wir möchten jetzt nur, dass ihr uns die Knochen und das Gerippe des Wollnashorns überlasst, so wie sie dort liegen. Seid ihr damit einverstanden?“

Ingor wandte sich an die Gefährten: „Was meint ihr dazu?“ fragte er. Bär sagte: „An dem Wollnashorn ist noch viel Fleisch dran. Außerdem kriegen sie dann alle Markknochen, wenn wir es ihnen überlassen.“ Ein anderer sagte: „Wir müssen damit einverstanden sein; sie sind in der Überzahl.“ Alle nickten, nur Bär nicht.

„Wir sind mit deinem Vorschlag einverstanden“, wandte Ingor sich an den Sprecher der Alten Menschen. Mit einem Seitenblick auf Bär, sagte er: „Wir bitten euren Schamanen auch, dass er unseren Gefährten heilt, dessen Arm die Pranke des Tigers aufgerissen hat. Außerdem möchten wir euch einladen, von der nahrhaften Suppe dort zu trinken. Sie ist noch heiß.

Unsere Leute werden bald kommen und uns beim Transport des Fleisches helfen“, fügte er noch hinzu. „Dann verlassen wir euer Land wieder.“

Der Sprecher der Alten Menschen nickte: „Danke, dass ihr einverstanden seid“, sagte er „und auch danke für die Einladung. Es ist gut, dass ihr unser Land wieder verlassen werdet.“

Dann wandte er sich an seine Leute. Es waren ungewohnte Laute die sie jetzt zu hören bekamen. Sie hätten nicht gedacht, dass dies die Sprache von Menschen war. Eher schien es ihnen wie Naturgeräusche, wie das Knacken von Ästen und das Murmeln von Wasser. Aber als die Alten Menschen von der Suppe tranken, waren sie wiederum überrascht, wie sehr ihre Becher aus Birkenrinde den ihren glichen. Als die Alten Menschen Äste sammelten und ein Feuer anzünden wollten, brachte Ingor ihnen einen brennenden Äst mit viel Glut daran. Der Jüngste bedankte sich mit einem freundlich klingenden Gurren. „Seine Haut ist zart und ohne Bartwuchs“, dachte Ingor und betrachtete ihn. Dieser warf ihm einen fragenden Blick zu und lächelte. Dann begann er an seiner Felljacke zu ziehen und sich die Haare aus der Stirn zu streichen. Als Ingor diese Bewegungen sah, wurde ihm klar, dass es eine Frau war. Und nun sah er auch, dass sich unter ihrem Fellkleid ihr Busen abzeichnete. Ingor erwiderte ihr Lächeln und ging zu seinen Leuten zurück.

Dort sagte er leise: „Es ist möglich, dass wir ihnen tatsächlich nicht trauen dürfen. Wir wissen nicht, welche Erfahrungen sie mit Menschen, wie wir es sind, gemacht haben. Diese könnten sehr schlecht sein. Es muss deshalb wenigstens einer von uns immer wach bleiben. Außerdem müssen wir unsere Leute durch Rauchsignale verständigen. Sie sollten wissen, dass die Alten Menschen hier sind. Ich werde jetzt Holz sammeln, das qualmt, wenn wir es auf das Feuer legen. Es reicht auch schon, wenn die Alten Menschen annehmen, dass unsere Gefährten informiert sind. Dann sind wir sicherer.“

Ingor stapfte in Richtung einiger Fichten, um von ihnen grüne Zweige abzubrechen. Er stieg einen Steilhang hinauf und blieb plötzlich verdutzt stehen. Auf halbem Weg erwartete ihn eine der Alten Menschen. Es war die Frau, deren Lächeln er erwidert hatte. Sie hatte ihr Haar gelöst. Hellblond quoll es unter ihrer Mütze aus Wolfsfell hervor. Als er sie erreichte, zeigte sie auf sich und sagte „Kalla!“. Dies war wohl ihr Name. In Ingors Ohren klang er undeutlich, er konnte das Wort kaum verstehen. Er wollte sich überlegen vorkommen, unterdrückte aber diese Anwandlung und wiederholte ihren Namen: „Kalla!“ Sie schien verwundert und beeindruckt. Aus seinem Mund klang ihr Name wohl artikulierter. So hatte sie ihn vorher vielleicht noch nie gehört. Ingor zeigte auf sich und nannte seinen Namen „Ingor!“. Sie wollte ihn wiederholen, konnte es aber kaum. Es kam nur so etwas wie „Iikoo“ heraus. Ingor sagte ihr noch ein paarmal seinen Namen langsam und mit Betonung vor und sie versuchte ihn nachzusprechen, was ihr allmählich besser gelang. Schließlich wollte Ingor weitergehen. Sie blieb jedoch in seinem Weg stehen. Er hätte schon um sie herumgehen müssen. So unhöflich wollte er aber nicht sein. Er wusste nicht, was er tun sollte. Sie nahm etwas Schnee in den Mund und als er geschmolzen war, schluckte sie die Flüssigkeit hinunter und sagte „Yak“. Ingor verstand, dass sie mit dem Wort „Yak“ nicht den Schnee, sondern das trinkbare Wasser meinte. Er übersetzte „Wasser“. Sie wiederholte das Wort „Wasser“, aber es klang so, dass er es kaum wieder erkannte. Ingor wiederholte lächelnd ihren Namen Kalla, nahm dann selber etwas Schnee in den Mund. Als der Schnee geschmolzen war, spuckte er die Flüssigkeit aus und sagte „Yak“. Kalla nickte und strahlte über das ganze Gesicht. Ingor sah jetzt, dass sie auf ihre Art schön war, jedenfalls solange sie ihm nicht das Profil ihres Gesichtes zuwandte. Ihre zurückweichendes Kinn und ihre zurückweichende Stirn gefielen ihm weniger. Sie zeigten noch auf dieses und jenes und tauschten noch eine Reihe von Begriffen aus, wobei er über ihre Versuche lachen musste, seine Worte nachzusprechen. Sie hingegen schien verwundert und beeindruckt darüber, dass sein Mund so schwierige Klanggebilde hervorbringen konnte. Zumindest tat sie so. Bei ihrem Radebrechen erschien sie ihm wunderschön, jedenfalls solange er sie nicht von der Seite ansah. Sie lachten zusammen und Ingor dachte, dass sie sich gut verstanden. Schließlich sagte sie einen Satz und nannte ein Wort, ohne dabei auf einen Gegenstand zu zeigen. Ingor zuckte die Achseln. Da hob sie die Arme und machte die Bewegung des Kinderwiegens, wobei sie ihn bittend und etwas verlegen ansah. Ingor schüttelte den Kopf. Er konnte sich keinen Reim darauf machen und wollte schließlich weitergehen. Da nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn in das Fichtenwäldchen hinein. Ingor war so verblüfft, dass er überhaupt nicht an Widerstand dachte. Vielleicht wollte sie ihm etwas zeigen. Dann fiel ihm ein, dass sie sich vielleicht ein Kind von ihm wünschte, so wie damals diese andere Frau aus seinem Stamm. Da begann sein Herz heftig zu pochen. Unter einer Kiefer mit tief herabhängenden schneebedeckten Zweigen blieb sie stehen. Sie sah ihn schelmisch an, schüttelte dann plötzlich an den Ästen, so dass eine Menge Schnee auf Ingor herabfiel. Dann floh sie und Ingor lief ihr nach. Sie ließ sich fangen, aber als Ingor sie dann gepackt hatte, wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. Halbherzig versuchte sie, sich ihm zu entziehen. Da legte er seine Arme um sie. Als sie sich weiter wehrte, verstärkte er seinen Druck und presste sie an sich. Er spürte ihren weichen Busen und begann tief zu atmen. Sein Herz klopfte und seine Brust hob und senkte sich und er vergaß völlig, dass sie eine Angehörige der Alten Menschen war, auf die sie gewöhnlich etwas herabsahen. In diesem Augenblick verblasste selbst sein Triumph über den Tiger. Sie schnupperte an seiner Wange und auch er war eingetaucht in ihren Dunstkreis. Ihr Geruch war schwer und süß und erinnerte ihn an den Milch-Geruch stillender Tiermütter. Nach einer Weile glitt seine Hand unter ihren Pelz und begann ihre Brust zu betasten. Sie ließ es geschehen, aber als er ihre Brustwarzen streichelte, begann sie plötzlich zu keuchen und ließ sich rückwärts in den Schnee fallen. Mit zitternden Händen streifte er alle hindernden Kleidungsstücke beiseite und sein  Glied drang in sie ein. Ihre Lippen verbanden sich zu einem leidenschaftlichen Kuss. Er spürte die Enge aufgrund ihrer Erregung und geriet außer sich. Sie zuckte und wand sich unter seinen Stößen und schließlich kam sein Samenerguss. Da stieß er sein Glied tief in ihre Scheide und verharrte so, bis die Sameneruptionen zu Ende waren. Währenddessen hielt sie ihn fest und presste ihm ihren Unterleib entgegen. Als es vorbei war, ließ er sie los und sie standen auf und brachten ihre Kleider wieder in Ordnung. Dabei sah sie ihn unverwandt an. Ihr Gesicht glühte. Es war, als ob sie sich sein Bild für immer einprägen wollte. Ingor fand, dass ihre Augen so blau waren wie der Himmel.

„Wir müssen zurück zu unseren Leuten“, sagte er und wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Er begann Fichten-Äste abzubrechen und Kalla half ihm dabei. Dann machten sie sich auf den Rückweg. Bevor sie aus dem Fichtenwäldchen heraustraten, umarmten und küssten sie sich noch einmal. Zärtlich flüsterte sie seinen Namen, so gut sie konnte, legte ihren Kopf an seine Schultern und sah ihn mit ihren großen blauen Augen an. Ingor aber streichelte ihr Haar und küsste sie auf die Wange. Fast gewaltsam löste er sich schließlich aus ihrer Umarmung. Es war nicht gut, wenn sie beide zusammen zu lange weg waren. Er wusste nicht, wie die Alten Menschen reagieren würden, wenn sie sie beide in trauter Zweisamkeit zusammen sahen, wie seine Gefährten sich verhalten würden, konnte er sich jedoch lebhaft ausmalen. Bei jeder Gelegenheit würden sie ihn damit aufziehen, dass ihn eine dieser Troll-Frauen verführt hatte. Es tat ihm leid, dass sie nicht zusammen bleiben konnten. Aber das war unmöglich. Hand in Hand gingen sie zurück. Als sie um ein Weidengebüsch bogen, hatten sie freien Blick auf das Lager und er ließ sie los. Mit Erschrecken sahen sie, dass ein Kampf entbrannt war. Einer der Alten Menschen stieß Bär vor die Brust, dass er zurücktaumelte und in den Schnee stürzte.

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