Archive for Mai, 2009

Ingor, der Enkel des Schamanen, 27. Mai bis 09. Juni 2009: Der Schamane der Alten Menschen heilt Bär, dem der Prankenhieb des Tigers den Arm aufgerissen hat!

Mittwoch, Mai 27th, 2009

Die Energien des rituell verwendeten Faustkeils! 

Der Schamane der Alten Menschen heilt Bär, dem der Prankenhieb des Tigers den Arm aufgerissen hat!

Ingor beobachtete das Ritual der Alten Menschen und verlor dabei jedes Zeitgefühl. Als er sich einmal umwandte, sah er, dass ihr eigenes Feuer herab gebrannt war. Es musste viel mehr Zeit vergangen sein, als er geglaubt hatte. Bär legte eine dicke Schicht Äste auf die Glut. Er schien zu frieren. Ingor wandte sich wieder dem Ritual der Alten Menschen zu. Ein starkes Kraftfeld war dort entstanden. Ingors Aufmerksamkeit ging dort hin und Ingors Seele folgte seiner Aufmerksamkeit und tauchte in das Kraftfeld der Alten Menschen ein. Die Kraft ging von dem Totem-Tier der Alten Menschen aus. Es hatte die Gestalt des von Ingor erlegten Wollnashorns angenommen und schwebte über dem Feuer der Alten Menschen. So etwas wie ein Schlauch hatte sich auf das Geister-Nashorn herab gesenkt und durch diesen Schlauch floss ihm Energie von einer höheren mächtigeren Wesenheit zu. Das Geister-Nashorn, das Totem-Tier der Alten Menschen, aber verteilte diese Energie an diejenigen, die an dem Ritual teilnahmen, und auch Ingor erhielt seinen Anteil, dessen Geist anwesend war. Immer mehr floss ihm von der Energie des Geister-Nashorns zu und stärkte ihn. Ingor fühlte sich über alle Maßen stark, so stark, dass er glaubte, jeder Gefahr entgegen treten zu können. Noch viel stärker aber war er, wenn die Gefährten ihm halfen und sie alle zusammen hielten.  

Einer der Gefährten berührte Ingor an der Schulter und zeigte auf Bär. Ingor wandte sich um. Bär war gerade dabei, sich seiner Fellkleidung zu entledigen. Auch den Verband riss er sich von seinem Arm herunter und legte ein Stück Fleisch von dem Wollnashorn auf seine Verletzung.

„Er tut und sagt seltsame Dinge“, sagte der Mann, ein Freund Bärs, der Ingor auf das Verhalten Bärs aufmerksam gemacht hatte. Er schien sehr besorgt. „Einmal glaubt er zu Erfrieren und verlangt immer mehr Felle, mit denen wir ihn zudecken sollen und kriecht damit fast in das Feuer hinein, das nicht hoch genug brennen kann. Dann wieder glaubt er zu verbrennen und zieht sich aus und wälzt sich mit nacktem Körper im Schnee. Er glaubt auch, dass ihm nur das tote Wollnashorn helfen kann. Deshalb legt er sich auch das Fleisch das Wollnashorns auf seine Verletzung. Auf seinem Arm war übrigens ein roter Strich zu sehen.“

Als sie näherkamen, begann Bär wieder zu frieren. Er zitterte am ganzen Körper und klapperte so laut mit den Zähnen, dass es alle hören konnten.  

Ingor sagte: „Ich werde den Schamanen der Alten Menschen bitten, dass er Bär hilft.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er zu ihm hin. Er war besorgt um Bär. Jetzt wo es für Bär um Leben oder Tod ging, verblasste der Streit, den sie miteinander hatten. Bär durfte nicht sterben. Er war ein guter Jäger, der den Stamm schon oft mit Jagdbeute versorgt hatte. Sein Tod würde eine Lücke reißen. Es war schon schlimm genug, dass Bärs Bruder Gru vor der Zeit auf die andere Seite gegangen war.

Ingor fragte sich, ob der Schamane der Alten Menschen Bär auch wirklich helfen konnte und blickte zu ihm herüber. Da „sah“ Ingor das Zeichen der Heilung über dem Kopf der Schamanen, wie er es auch von seinem Großvater, dem Schamanen seines Stammes, her kannte. Es war ein „Licht“ mit einem hellen inneren Kern. Wenn sein Großvater heilte, dann vergrößerte sich dieser Kern um mehr als das Hundertfache und „erstrahlte in einem gleißend hellen Licht“.

Ehrerbietig blieb Ingor in einiger Entfernung vor dem Lagerplatz der Alten Menschen stehen, dort, wo er spürte, dass das Kraftfeld ihres Totem-Tieres begann. Der Schamane blickte zu Ingor herüber und Ingor wies zurück auf Bär, der sich frierend unter seine Felle neben dem Feuer verkrochen hatte. Der Schamane richtete seinen Blick auf den Mann, der Ingors Sprache verstand. „Bring den Mann her, den der Tiger mit seiner Pranke verletzt hat!“ sagte dieser. „ Der Schamane will ihm helfen.“

Ingor dankte und sagte: „Wir werden ihn herbringen!“ Dann ging er zu seinen Leuten zurück. „Der Schamane der Alten Menschen will dir helfen“, sagte er zu Bär, der immer noch mit den Zähnen klapperte. „Wir sollen dich zu ihm hinbringen.“ Er reichte Bär die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Doch dieser stieß seine Hand zurück. Ingor wandte sich an die Gefährten. „Bringt ihn zu dem Schamanen der Alten Menschen“, sagte er, „sonst wird er vielleicht sterben. Was auch immer zwischen ihm und mir vorgefallen ist, Bär war und bleibt einer unserer klügsten und besten Jäger. Unser Stamm kann nicht auf ihn verzichten.“

Bär schien doch noch nicht ganz verwirrt zu sein, denn er stieß hervor:„Auf eine Lobrede von dir aber kann ich verzichten“, sagte er und murmelte zusätzlich noch etwas Unverständliches, auf das aber niemand achtete. Alle wussten, dass Bär sehr krank war und ihm geholfen werden musste. Andernfalls konnte er vielleicht sterben.

Zwei seiner stärksten Freunde nahmen Bär denn auch in ihre Mitte und brachten ihn zum Lagerplatz der Alten Menschen. Bär wollte sich dagegen wehren, am ganzen Körper zitternd, hatte er jedoch nicht die Kraft dazu. Ingor ging voran. Der Schamane der Alten Menschen wies ihnen einen Platz am Feuer zu. Bärs Atem ging schnell und er zitterte wie Espenlaub. Der Schamane aber begann mit seinem Heilungs-Ritual. Er nahm den Faustkeil, dem das Nashorn entstiegen war und bewegte seine Rechte darüber. Es war immer die gleiche Figur, die seine Hand beschrieb. Ingor spürte eine große Kraft in den Bewegungen der Hand des Schamanen und als er einmal hochblickte, sah er, dass das „Licht“ der Heilung über dem Kopf des Schamanen in großer Stärke „entflammt“ war. Nach und nach erkannte er auch die Figur, welche der Schamane mit seiner Rechten über dem heiligen Faustkeil zeichnete. Es war eine sich nach innen drehende Spirale, die in einem Kreis endete. Diesen Kreis am Ende der Spirale umfuhr die Hand des Schamanen jedesmal mehrere Male.

Nach innen sich windende Spirale, die in einem Kreis endet, von der Heilkraft ausgeht!

Zu seiner Verwunderung spürte Ingor, dass die Figur Heil-Energie ausstrahlte, die sich allmählich verstärkte. Der Schamane ging zu Bär und schlug das Fell über Bärs verletztem Arm zurück. Dort, wo die Pranke des Tigers Bärs Arm aufgerissen hatte, war das Fleisch rot und geschwollen. Der Schamane blickte darauf, dann beschrieb seine Rechte darüber immer wieder eine sich nach außen drehende Spirale. Von Zeit zu Zeit schleuderte er etwas ins Feuer, von dem Ingor nur soviel wahrnehmen konnte, dass es etwas Negatives war, das sich in Bärs Körper ausgebreitet hatte. Nach einer Weile folgte der spiralförmigen Bewegung des Schamanen plötzlich eine schemenhafte Gestalt, die etwas Lebendiges war. Ingor schrak auf. Dieses Wesen ließ sich nicht ins Feuer schleudern, sondern war sofort verschwunden. Es war der Krankheitsgeist, der von Bär Besitz ergriffen hatte und nun von dem Schamanen hinaus geworfen worden war. Bär wurde im gleichen Augenblick ruhiger. Es schien, als ob er von einer Last befreit worden sei. Anscheinend ging es ihm nun besser. Der Schamane zog noch längere Zeit negative Energien aus Bärs Körper und schleuderte sie in die Flammen. Schließlich reinigte er mit seiner linken Hand auch seine Rechte, mit welcher er die negativen Energien aus Bärs Körper hinaus gezogen hatte. Dann ging der Schamane zum zweiten Teil der Heilung über. Seine Rechte beschrieb jetzt über Bärs Körper und den Spuren des Prankenhiebs die Figur, die er auch über dem heiligen Faustkeil gezeichnet hatte, nämlich nun eine sich nach innen drehende, in einem großen Kreis endende Spirale.

Ingor „sah“, dass das „Licht“ der Heilkraft über dem Kopf des Schamanen zu noch größerer „Helligkeit“ und Ausdehnung entflammt war und er spürte auch  die Heilkraft, die von der sich nach innen windenden in einem Kreis endenden Spirale ausging und nun Bär, ihrem Gefährten, zugute kam. Bär war ganz ruhig geworden. Er schien sich zu entspannen. Es ging ihm offensichtlich besser. Seine Freunde, die ihn in ihre Mitte genommen und zu dem Schamanen gebracht hatten, wirkten nun weniger besorgt. Sie sahen Ingor dankbar lächelnd an. Auch Ingor fühlte sich erleichtert. Er war dem Schamanen  dankbar, dass er einen ihrer  Jäger anscheinend vor dem Tod bewahrt hatte.

Der Schamane hielt noch eine ganze Weile seine Hand über Bärs Verletzung und ließ Heilkraft in Bärs Körper strömen, die ihm eine höhere Wesenheit zukommen ließ. Der Schamane war der Kanal für die Heilkräfte dieser höheren Wesenheit. Seine Hand bewegte der Schamane jetzt nicht mehr.

Es hatte sich jemand hinter Ingor gestellt. Als er eine Bewegung machte, berührte er diese Person und Ingor wandte ihr den Kopf zu. Es war Kalla. Er hatte während der Heilung von Bär durch den Schamanen nicht an sie gedacht. Als er sie nun hinter sich stehen sah und sie ihm in die Augen blickte, gab es ihm einen Stich ins Herz. Er würde sie nicht so leicht vergessen können. Aber das musste er auch nicht. Es geschah nämlich etwas, das er nicht im Geringsten erwartet hatte.  

 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 13. Mai bis 26. Mai 2009: Der magische Faustkeil des Schamanen der Alten Menschen!

Dienstag, Mai 12th, 2009

Das Geister-Nashorn als Totem-Tier aus dem Faustkeil! 

Wollnashorn aus dem Neanderthal-Museum; Kopie eines fein gearbeiteten Faustkeiles (des Archäologen Holger Junker) mit – wie der Autor festzustellen glaubt – magischer Ausstrahlung. Das Original sollte von einem Kultplatz von Steinzeit-Menschen stammen. (eigene Fotos)

I

Ingor, der Enkel des Schamanen – Der magische Faustkeil des Schamanen der Alten Menschen!

Als Kalla und Ingor um ein Weidengebüsch herum bogen, hatten sie freien Blick auf das Lager und er ließ sie los. Mit Erschrecken sahen sie, dass ein Kampf entbrannt war. Einer der Alten Menschen stieß Bär vor die Brust, dass er zurücktaumelte und in den Schnee stürzte. Bär war sofort wieder auf den Beinen, entriss einem Gefährten die Harpune und schleuderte sie, ohne jedoch zu treffen.

Die Alten Menschen waren aufgesprungen. Einen großen Knochen wie eine Keule schwingend, stürzte einer von ihnen auf Bär los. Bär flüchtete auf die andere Seite des Feuers hinter seine Gefährten. Diese griffen zu ihren Speeren.

Ingor und Kalla liefen, so schnell sie konnten, auf den Kampfplatz zu. „Nicht werfen!“ schrie Ingor und Kalla rief etwas mit bebender Stimme, das er nicht verstand. Da senkten die Kontrahenten ihre Waffen ein wenig. Mit angespannten Muskeln standen sich die beiden Parteien gegenüber.

„Worauf  wartet ihr noch!“ schrie Bär. „Tötet sie!“

Ingor stellte sich zwischen seine Gefährten und die Alten Menschen und Kalla ging mit ausgebreiteten Armen und beschwichtigender Stimme auf ihre Leute zu.

„Was ist geschehen?“ fragte Ingor.

„Ich stehe ganz friedlich am Feuer, da greift mich dieses Ungeheuer an“, begann Bär zu schimpfen. „Das ist alles deine Schuld. Wenn du den Alten Menschen nicht das Wollnashorn überlassen hättest, wäre das nicht passiert.“

Der Dolmetscher der Alten Menschen mischte sich ein:

„Dein Gefährte hat sich nicht an die Abmachung gehalten, die wir getroffen hatten, nämlich dass uns das Gerippe und die Überreste des Wollnashorns gehören, wie sie da liegen. Er hat sich noch weitere Knochen geholt, um sie zu zertrümmern. Das konnten wir nicht zulassen. Das Wollnashorn ist unser Totemtier. Wir brauchen die Knochen, damit es wieder auferstehen kann. So glauben das meine Gefährten.“

„Nein“, so war das nicht“, widersprach Bär, „diese Markknochen besaß ich schon, noch bevor ihr eure Abmachung getroffen hattet, mit der ich sowieso nicht einverstanden bin. Ich wollte sie meinem toten Bruder mit ins Grab geben. Er hat das Mark darin so gerne gegessen.“

„Stimmt das“ fragte Ingor die anderen, „besaß er die Markknochen schon?“. Einer schüttelte den Kopf: „Nur einen Teil davon. Er hat sich noch welche dazu geholt.“ Die anderen sagten nichts.

„Nimm alle Knochen!“ wandte Ingor sich an den Dolmetscher „und ihr sollt auch das Horn des Wollnashorns haben“, sagte er, einem Impuls folgend und Ingor ging und holte das lange schwarze Horn des Wollnashorns, das er in ein Fell gewickelt hatte, und reichte es Kalla. Kalla strahlte über das ganze Gesicht, doch ihre großen Augen schimmerten feucht, als sie es entgegennahm.

„Es ist gut, dass du das Horn meiner Tochter gibst“, sagte der Dolmetscher, nachdem er die Knochen eingesammelt hatte. „Kalla wird deine Gabe dem Schamanen als ein Zeichen des Friedens überreichen. Es wird ihn freundlich stimmen.“

Ingor reichte dem Dolmetscher, Kallas Vater, wie er nun wusste, die Hand und dann auch Kalla. Kallas Augen hafteten an Ingors Gesicht und Ingor konnte nicht anderes und presste sie an sich. Dann schieden sie. Ingor blickte ihr nach. Bevor sie dem Schamanen das Horn des Wollnashorns überreichte, wandte sie sich noch einmal nach Ingor um und hob ihre Hand und auch Ingor winkte ihr zu.

Die Alten Menschen fuhren fort, Fleisch von den Knochen abzulösen. Die Knochen trugen sie anschließend an einer Stelle zusammen.

„Es scheint, dass sie die Knochen des Wollnashorns begraben wollen“, dachte Ingor sich und Bär spottete:

„Das Wollnashorn ist ihr hoch verehrtes Totemtier, ihr lieber Freund und Bruder, dem sie die letzte Ehre erweisen. Dieses urtümliche Tier passt ganz gut zu ihnen, hässlich, aber leider auch stark. Jetzt sammeln sie die Knochen, damit es wieder auferstehen kann. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie sie auch noch rot anmalen oder rote Erde darauf streuen. Was für ein dummer Aberglaube! Aber das Wollnashorn kann ja gar nicht mehr vollständig auferstehen“, fuhr er hämisch fort. „Einige seiner Knochen sind schon hier im Feuer verbrannt. Da werden sie sich aber sehr grämen, wenn es dann lahmt. Ob sie Ingor je verzeihen  können, was er ihrem Freund und Bruder angetan hat?

Zu seinem Glück wird Kalla, so hieß doch diese gewöhnungsbedürftige Schöne, für ihn sprechen. Habt ihr gesehen, wie sie Händchen hielten, als sie aus dem Fichtenwäldchen heraus kamen. Was mag dort wohl geschehen sein? Sie waren lange fort. Ihr hat er ja auch das Horn des Wollnashorns geschenkt.“

Ingor hielt es nicht für notwendig, auf Bärs Schmähreden zu antworten. Er blickte zu den Alten Menschen hinüber und beobachtete, wie der Schamane einen größeren Fellstreifen über die Knochen ausbreitete – anscheinend ein Stück Fell des Wollnashorns. Darauf legte er etwas, das wie ein feingearbeiteter Faustkeil aussah. Das lange schwarze Horn des Wollnashorns legte er daneben, wie Ingor mit Wohlgefallen bemerkte. Die Gefährten des Schamanen, darunter auch Kalla, standen um ihn herum. Ingor stellte sich auf die Zehenspitzen, um dem Geschehen besser folgen zu können. Der Schamane erhob seine beiden Arme zum Himmel. Er schien die Geister anzurufen. Seine Beschwörungen, die der Wind herübertrug, konnte Ingor nicht einmal als die Worte von Menschen verstehen. Sie schienen ihm wie Naturgeräusche von großer magischer Kraft. Und dann sah Ingor mit großem Erstaunen, wie in dem Faustkeil eine Kraft zu rotieren begann und einen Wirbel bildete, wie er ihn aus rasch fließendem Wasser kannte. Der Wirbel färbte sich rot und dehnte sich aus und dann formte sich in dem magischen Wirbel ein Gebilde mit großem Kopf und langem Horn und wuchs allmählich zu voller Größe heran – ein Geister-Nashorn, das Totem-Tier der Alten Menschen – der Geist des von ihm erlegten Woll-Nashorns, wie Ingor plötzlich bewusst wurde.