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Ingor, der Enkel des Schamanen, 23. Juli bis 12. August 2009: Die vertauschten Seelen!

Donnerstag, Juli 23rd, 2009

Mammut-Zeichnung auf einer Höhlenwand von Font-de-Gaume, Dordogne, Frankreich

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Von Vorzeit-Menschen auf eine Felswand in einer Höhle gezeichnete Mammuts! (vom Verfasser abgezeichnet)

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Die vertauschten Seelen!

Als Ingor und Kalla von einem Besuch bei Kallas Vater zurückkehrten, waren die Männer des Stammes dabei, eine Fanggrube in den Hangschutt vor einer Felswand zu graben. In der Nähe verlief ein Wechsel, auf dem Rentiere und Wisente ihren Weg zum Wasser und wieder zurück zu ihren Weidegebieten nahmen. Von Zeit zu Zeit zogen dort auch Mammut-Herden entlang.

Die Männer hatten alle überflüssigen Kleidungsstücke abgelegt; halbnackt hoben sie mit Rentier-Schulterblättern die Erde aus. Sie schwitzten vor Anstrengung. Ein Regenguss ging nieder, aber dadurch ließen sie sich bei ihrer Arbeit nicht stören. Sie gruben weiter und schaufelten Erde nach oben. Als die Sonne wieder durchbrach, begannen ihre muskulösen Körper zu dampfen. In Hüfttiefe stießen sie in dem ungeschichteten Schuttboden auf große Steinblöcke. Der Mut wollte ihnen sinken, weil sie annahmen, sie wären auf unverwitterten Fels gestoßen. Sie verdoppelten ihre Anstrengungen, gruben die Felsblöcke aus und wuchteten sie über den Rand der Grube. Zu ihrer Erleichterung fand sich darunter aber wieder Schuttboden.

Als Ingor die Männer bei der Arbeit sah, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Es war die Felswand im Hintergrund, die er in seinen Träumen gesehen hatte. Wenn sein Gesicht in Erfüllung ging, würde sich hier ein zorniger Mammut-Bulle auf den Hinterbeinen aufrichten, um sie mit den gewaltigen Schlägen seines Rüssels von der Felsleiste zu fegen und mit seinen Hufen zu zerstampfen. Gebannt blieb er stehen.

„Hilf uns!“ rief Bär „oder bist du dir zu fein für diese Arbeit!“

„Für wen ist die Fanggrube denn bestimmt?“ wollte Ingor wissen. „Das wird sich zeigen“, antwortete Bär, jedenfalls für etwas Größeres als Rentiere.“

Bär musste seinen Arm, den ihm der Tiger zerschmettert hatte, immer noch schonen.

Ingor half mit, die heraus gewuchteten Felsblöcke weg zu transportieren.  Sie trugen und rollten sie auf den Wild-Pfad zwischen Berg und sumpfiger  Fluss-Niederung, damit die Tiere ihren Weg an der Felswand vorbei nahmen, wo sie dabei waren, die Fanggrube aus zu heben.

Ingor hatte die großen Rüsselträger ununterbrochen vor Augen. Stark und gefährlich füllten sie sein Bewusstsein aus. Gleichzeitig dachte er aber auch an ihr Fleisch, das Fell, die Sehnen und ihre Stoßzähne. Eine erfolgreiche Jagd auf das Mammut bedeutete Nahrung für Wochen. Dann wollte Ingor auf die Suche nach gerade gewachsenen Stämmchen gehen, um sie zu fällen und Speerschäfte daraus zu schnitzen. Außerdem würde er versuchen, aus dem Elfenbein eines Stoßzahnes ein kleines Mammut zu schnitzen oder – vielleicht eine Frau mit einem schönen Busen, wie Kalla ihn besaß.

Sie hoben die Erde aus, bis die Fallgrube anderthalb Speerlängen lang, breit und tief war. Die Wände liefen schräg nach unten zu. In die Bodenfläche gruben sie noch einen mit der Spitze nach oben weisenden mächtigen Spieß ein. Die Spitze hatten sie im Feuer angekohlt, um sie auf diese Weise zu härten. Zum Schluss verblendeten sie die Fallgrube mit Astwerk, legten alte Felle darüber und auf die Felle Rasenstücke, die sie an einer anderen Stelle aushoben. Sie verwischten die Spuren ihrer Erdarbeiten, so gut sie konnten und streuten frischen Tier-Dung darüber, den sie vorher zerrieben, um den Menschen-Geruch zu überdecken.

Ingor fasste die Felswand ins Auge. In einiger Höhe verlief eine Felsleiste, ein Absatz, etwas breiter als die Füße eines Menschen. Er war leicht zu erreichen, darüber fehlten jedoch auf zwei Speerlängen alle Vertiefungen und Vorsprünge, die einem Kletterer hätten Halt bieten können. Mit ein paar Sprüngen über schräg abfallendes Gelände erreichte Ingor die Steilwand. Seinen Speer ließ er dort zurück. Einige Klimmzüge und er stand auf der Felsleiste. Ein Stein brach unter einem seiner Füße weg. Instinktiv hielt er sich an einem Felsvorsprung fest. Der Ruck schoss ihm in die Sehnen, dann ins Herz. Er suchte das Gelände oberhalb der glatten Felswand nach etwas ab, um das er seine Wurfschlinge werfen konnte. Schließlich warf er sie um ein Birkenstämmchen, das ausreichend Halt zu bieten schien, zog die Schlinge fest und hangelte sich hinauf, dabei mit den Füßen in der Felswand jeden Halt nutzend. Von der kleinen Birke aus war der weitere Aufstieg wieder leichter. Ingor kletterte bis zum höchsten Punkt und blickte sich um. Von hier aus hatte er eine weite Aussicht. In den Dickichten der Fluss-Aue zu seinen Füßen brüteten Wasservögel. Allerdings war es schwierig durch den Sumpf an sie heran zu kommen. In der Luft kreisten Greifvögel, darunter auch ein Adler. Als sein Blick stromaufwärts ging, sah er, dass sich in der Ferne zwischen Fluss und Tal-Hang etwas Dunkles, Graubraunes bewegte. Er beschattete seine Augen. Es konnten Rentiere sein, vielleicht auch eine Wisent-Herde. Was es auch immer war, es schien näher zu kommen. Es dauerte nicht lange, dann konnte er Einzelheiten wahrnehmen. Dies waren weder Rentiere noch Wisente. Ihr Fell war anders gefärbt und ihr Körper war stärker gegliedert. Dann glaubte Ingor zu erkennen, wie eines dieser Tiere einen Baum niederbrach und mit einem Male wurde ihm klar, dass sich ihnen eine Mammut-Herde näherte. Rasch begann er, wieder nach unten zu klettern. Als er sich an seiner Wurfschlinge herabließ, sah er unten seinen Großvater, den Schamanen. Dieser hatte die Fanggrube begutachtet und schien nun auf ihn zu warten. Ingor winkte ihm zu.

„Lass die Wurfschlinge hängen!“ rief ihm sein Großvater zu. Ingor wollte das aber schon von sich aus tun. Noch bevor er unten angekommen war, rief er: „Mammuts, ich habe eine Mammut-Herde gesehen!“

Als Ingor den Boden erreichte, umringten ihn die Gefährten, die seinen Ruf „Mammuts!“ gehört hatten. In welcher Richtung sie zögen, wollten sie wissen und wie weit sie noch entfernt wären. Ingor beantwortete ihre Fragen, so gut er konnte. Nicht wenige wollten die Rüsselträger auch selber sehen und kletterten ebenfalls die Felswand empor bis zum Gipfelpunkt. Eine große Aufregung hatte sich der Männer bemächtigt.

„Wie wollt ihr erreichen, dass die Tiere ihren Weg an der Felswand vorbei nehmen, wo ihr die Fanggrube ausgehoben habt?“ fragte der Schamane.

„Wir haben ihnen ihren Wechsel mit Felsblöcken und Gestrüpp versperrt“, antwortete Bär.

„Das ist nicht genug“, sagte der Schamane und schüttelte den Kopf. „Einige von euch müssen den Weg der großen Tiere zusätzlich noch mit Feuer versperren. Feuer ist das einzige, was diese Rüsselträger wirklich fürchten. Ihr müsst eure Fackeln anzünden und sie schwingen, wenn sie ihren alten Weg nehmen wollen. Die Funken müssen sprühen.“

„Wir sind zu weit von zu Hause entfernt. Die Zeit reicht nicht, um unsere Fackeln zu holen, bevor die Mammut-Herde hier ist“, entgegnete Bär. „Wir werden in der Nähe ihres Wechsels Feuer anzünden und brennende Äste wie Fackeln schwingen.“

Nachdem sie Feuer-Holz gesammelt hatten, warteten sie auf die Mammut-Herde, die meisten Männer in der Nähe des Wechsels, wo sie an drei Stellen ein Feuer entzünden wollten. Zwei der Männer, diejenigen mit den schärfsten Augen, aber beobachteten vom Fels-Massiv aus, von dort, wo Ingor die arktischen Elefanten zuerst gesichtet hatte, das Näherkommen der Mammut-Herde.

Immer wieder prüften sie durch Hochwerfen von trockenen Moosstückchen die Windrichtung und blickten zu den ziehenden Wolken am Himmel empor, ob nicht Regen ihre Feuer auslöschte, wenn es soweit war.

Die Zeit wurde ihnen lang, aber schließlich kam die Mammut-Herde auch in Sichtweite der Männer am Boden:

Der erste der arktischen Elefanten war die Leit-Kuh mit langen scharf nach oben und rückwärts gebogenen Stoßzähnen. Dann folgten die anderen Rüsselträger, sieben an der Zahl, die meisten kleiner als die Leit-Kuh. Es waren auch zwei Junge dabei. Die Jäger nahmen die Tiere mit allen ihren Sinnen in sich auf, mit dem Gesichts-, dem Gehör- und da der Wind von ihnen herüber wehte, von Zeit zu Zeit auch mit dem Geruchssinn. Sie betrachteten aufmerksam die hohen, schmal zulaufenden Schädel, die großen Buckel über den Schultern, hinter denen die Körper wie beim Wisent steil abfielen. Sie vermerkten die kleinen behaarten Ohren, begutachteten den dicken Pelz gelbbrauner Wolle, der den Körper bedeckte, sowie die langen schwarzen Haare, die von den Kinnbacken und Flanken bis fast auf den Erdboden herunterhingen.

Die Jäger hatten die Feuer entzündet. Noch ließen sie sie mit kleiner Flamme brennen. Die Herde war noch nicht nahe genug, um sie mit Feuerbränden zu dem Felsen und ihrer Fanggrube hin zu treiben.  

Aber als dann die Herde immer näher kam, begann es heftig zu regnen und die Jäger mussten hilflos mit ansehen, wie ihre Feuer verlöschten. Die Mammut-Herde kam zu der Stelle, an der ihr Wechsel mit Steinen und Felsgestrüpp versperrt war. Die Leit-Kuh verharrte und blickte in der Richtung der Felswand und fast sah es so aus, als sie ihren Weg in die Richtung der Fanggrube nehmen würde. Aber das tat sie nicht. Es geschah vielmehr etwas Seltsames, das Ingor vorher noch nie vorher beobachtet hatte: Der Geist der Leit-Kuh löste sich von ihrem Körper, schwebte zu der Fanggrube hin und schien sie zu inspizieren. Ingo konnte es deutlich wahrnehmen und sein Großvater, der Schamane,  auch. Dann kehrte der Geist der Leitkuh wieder in den Körper zurück. Die Prüfung der Fanggrube hatte offensichtlich ergeben, dass es nicht ratsam war, diesen Weg zu nehmen, denn nun begann die Leit-Kuh die auf dem Wechsel liegenden Hindernisse, Felsblöcke und Gestrüpp, mit ihrem Rüssel beiseite zu räumen. Als die Arbeit getan war, setzten sich die Tiere wieder in Bewegung und zogen nacheinander an der Fanggrube vorbei –  bis auf eine Nachzüglerin. Die Jäger, die ohne Feuer waren, sahen zu, ohne etwas machen zu können. Allerdings nicht alle. Eines der drei Feuer brannte wieder. Und nun stürzte einer der Jäger mit einem brennenden Ast auf die Nachzüglerin los. Das Tier wich in Richtung der Fanggrube aus. Die Jäger hielten den Atem an. Plötzlich sahen sie, wie das Mammut einbrach. Sie hörten Krachen und Brechen von Ästen und dann ein lautes Trompeten. Zwei oder drei der Tiere setzten zur Flucht an, um gleich darauf aber wieder Halt zu machen. Das gefangene Tier trompetete und klagte. Auch die Artgenossen schrieen. In wenigen Augenblicken bildete die Herde um die Fanggrube eine Versammlung von maßlos erregten Tieren. Einige der erwachsenen Tiere stürzten davon, so als ob sie einen vermuteten Feind suchten, die anderen bemühten sich, die Verunglückte zu befreien. Sie brachen mit ihren Stoßzähnen und Füßen Erdschollen von den Rändern der Fanggrube und schoben sie in die Grube hinein. Dabei schnauften sie und brüllten. Trotz der Erregung und des Gebrülls arbeiteten sie in gegenseitigem Einvernehmen, ohne sich gegenseitig zu stören. Endlich hatten sie eine Wand der Grube in einen schrägen Anstieg verwandelt, auf dem die Eingestürzte empor klettern sollte. Mit dem Rüssel ziehend, versuchte die Leit-Kuh der Eingestürzten aus der Grube heraus zu helfen – jedoch vergeblich. Der Spieß am Boden der Fanggrube war in den Körper des Mammuts eingedrungen. Durch Blutverlust geschwächt, hatte es schon nicht mehr die Kraft, sich aus der Fanggrube zu befreien.

Als die Mammuts losstürmten, um nach Feinden zu suchen, wurde das Gefühl nahenden Unheils in Ingor übermächtig. Auch die Gefährten witterten jetzt Unheil. Plötzlich sahen sie die Felswand mit anderen Augen an. Sie schien ihnen der rettende Ausweg, falls die wütenden Tiere sie entdeckten. Aber Ingor wusste, dass die Felswand für die Jäger zur Falle werden konnte. Einige der Männer waren schon in sie hineingeklettert und standen nun auf der Felsleiste, von der sie ein zorniger Mammut-Bulle mit seinem Rüssel herunter fegte, wie Ingor in seinen „Wahr“-Träumen gesehen hatte. Höher hinauf zu fliehen war nur mit Hilfe der von der Birke herab hängenden Wurfschlinge möglich. Die aber konnte immer nur einer benutzen.

Ein in der Musth befindlicher Mammut-Bulle, gefährlicher als ein Säbelzahn-Tiger auf Menschen-Jagd, war der Herde gefolgt, anscheinend der Nachzüglerin, die jetzt in der Grube gefangen saß. Als Ingor ihn sah, wusste er, dass es dieser anscheinend brunftiger Bulle war, der in seinen Träumen Stammes-Mitglieder getötet hatte. Als er dann auch noch den strengen Geruch des Bullen auffing, hielt es ihn nicht länger in seinem Versteck. „Folgt mir!“ schrie er und floh. Dicht an der Leit-Kuh und den anderen Rüsselträgern vorbei rannte und kroch er auf allen Vieren den Tal-Hang hinauf. Die Felswand ließ er hinter sich. Ein Teil der Gefährten folgte ihm, darunter auch sein Vater. Seinen Großvater konnte Ingor allerdings nirgends entdecken.   

Ingor, der Enkel des Schamanen, 01. bis 21. Juli 2009: Ingor lernt von seinem Großvater, wie sich „Schicksal“ abändern lässt!

Mittwoch, Juli 1st, 2009

Zeichnung auf einer Schamanen-Trommel!

Zeichnung auf einer Schamanen-Trommel ! (eigene Abbildung)

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Ingor lernt von seinem Großvater, wie sich „Schicksal“ abändern lässt!

In der folgenden Nacht sah Ingor im Traum wiederum voller Schrecken, wie sich das Mammut auf den Hinterbeinen aufrichtete und mit dem Rüssel nach den Männern auf der Felsleiste schlug. Allerdings stand er selber jetzt nicht mehr oben auf der Felsleiste, sondern nahm die Attacken des Mammuts von der Seite her wahr. Die Felsleiste hatten auch nur zwei oder drei der Gefährten erklettert, er selber und die anderen waren den Tal-Hang hinauf geflohen und hofften, dass ihnen das Mammut dort hinauf nicht folgen konnte oder wollte.

Zwei der Männer auf der Felsleiste wurden von einem Schlag des Mammut-Rüssels gegen den Fels geschleudert und stürzten in die Tiefe. Dem dritten aber gelang es im letzten Augenblick, sich an einem Seil den Felsen höher hinauf zu hangeln, wo ihn das Mammut mit seinem Rüssel nicht mehr erreichen konnte. Ingor wunderte sich, wo das Seil plötzlich her kam. In seinen früheren Träumen hatte dort kein Seil gehangen. Nun schien alles etwas weniger schlimm. Der Stamm würde nicht auf die Hälfte dezimiert werden. Doch die beiden, die hinab geschleudert worden waren, schienen des Todes.  

Am nächsten Morgen sprach Ingor mit Kalla über seinen Traum in der Nacht und dass nun für die meisten der Gefährten und ihn selber anscheinend die Gefahr gebannt war.

“Das hat anscheinend dein Beten bewirkt“, sagte er. Kalla nickte: „Du und deine Freunde sind jetzt außer Gefahr.“

„Und die beiden, die von dem Rüssel des Mammuts getroffen wurden. Kannst du nicht noch einmal für sie beten?“ bat Ingor. „Das Mammut wird sie sonst wahrscheinlich töten.“

„Ich werde noch einmal für sie beten“, versprach Kalla. „Aber…“ Sie sprach nicht weiter, sondern zuckte die Achseln.

Kalla sprach noch einmal ihre Gebete. Aber als Ingor nach einigen Tagen erneut von dem angreifenden Mammut träumte, hatte er den gleichen Traum wie das letzte Mal. Es hatte sich nichts verändert. Wiederum stürzten zwei der Gefährten, von dem Rüssel des Mammuts getroffen, in die Tiefe.  Dem dritten aber gelang die Flucht mit Hilfe eines Seils, das über ihm herabhing. Die übrigen Gefährten und er selber schienen in Sicherheit.

Als Ingor mit Kalla über diesen letzten Traum sprach, in dem sich gegenüber dem davor nichts verändert zu haben schien, schüttelte Kalla den Kopf. „Weiter kann ich nichts tun“, sagte sie. „Meine Gebete bewirken hier nichts mehr. Sprich mit deinem Großvater, dem Schamanen, darüber! Vielleicht kann er den beiden helfen.“

Ingor nickte und ging noch am gleichen Morgen zu ihm hin. „Ich brauche deinen Rat“, sagte er. „Ein schlimmer Traum quält mich. Ich träume immer das gleiche oder fast das gleiche. Ein wütendes Mammut tötet die Gefährten. Kalla hat höhere Mächte angerufen und um Hilfe gebeten. Sie hat lange gebetet. Jetzt sind meine Träume weniger schlimm, aber zwei der Männer reißt das Mammut immer noch mit seinem Rüssel in die Tiefe.“

„Ja, das gibt es“, sagte der Schamane. „Mammut-Bullen  werden von Zeit zu Zeit sehr aggressiv. Selbst stärkere Artgenossen gehen einem solchen Mammut aus dem Weg. Es ist dann das gefährlichste Tier auf der Erde, gefährlicher als ein Säbelzahn-Tiger.“

Der Schamane versank in Schweigen. „Ich könnte die Geister anrufen“, sagte er nach einer Weile, „aber es ist besser, du lernst selber, mit solchen Dingen umzugehen. Ich werde dir erklären, wie das, was in Träumen vorher gesehen wird, abgeändert werden kann, jedenfalls mitunter, ja, sogar ziemlich oft.

Der Mensch ist aus mehreren Seelen zusammen gesetzt“, begann der Schamane. „Eine davon ist unmittelbar göttlichen Ursprungs. Sie ist weise und verfügt über mehr Macht als die anderen. Bitte sie, das Unheil abzuwenden, das du im Traum vorher gesehen hast. Bitte sie, dass sie mit ihren Helfern dafür sorgt, dass niemand von dem Mammut getötet wird, sofern es ihr möglich ist. Damit sie dies bewirken kann, musst du ihr Kraft zur Verfügung stellen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Eine der Möglichkeiten, ihr Kraft zu geben, ist zu beten, so wie Kalla das getan hat, eine andere zu trommeln und zu tanzen, so wie ich bei einem schamanischen Ritual. Und du kannst ihr auch Kraft durch Atmen geben. Atme tief aus und ein und sage, diese Kraft, die ich jetzt durch meine tiefen Atemzüge ansammele, ist für dich, die höhere Seele in mir, damit du mit deinen Helfern das von mir Vorhergesehene abwendest, so dass niemand von dem Mammut getötet wird. Beginne mit tiefem Ausatmen und nachdem du anschließend tief eingeatmet hast, sprichst du diese Bitte aus. Dann atmest du wiederum tief aus und tief ein und wieder und wieder und nachdem du das eine Zeitlang getan hast, bittest du erneut deine höhere Seele, dass sie die durch dein Atmen angesammelte  Kraft dazu verwendet, mit ihren Helfern den Tod der Gefährten abzuwenden, wie du es vorhergesehen hast, vorausgesetzt, es ist ihr möglich ist. Nach einiger Zeit wirst du das Gefühl haben, dass jetzt genügend Kraft dafür da ist. Dann bittest du deine höhere Seele, nun zu handeln und zu versuchen, das Vorhergesehene abzuändern. Eventuell musst du alles, insbesondere das tiefe Atmen, noch ein oder zweimal für einige Zeit wiederholen. Aber bald wirst du wissen, dass die Kraft ausreicht, um das Vorhergesehene abzuändern, so dass niemand sterben wird oder aber du spürst, dass du das Vorhergesehene nicht abwenden, sondern vielleicht nur mildern kannst.“

Der Schamane sah Ingor an. Hast du verstanden, was du tun sollst?“ fragte er. Ingor nickte. „Danke, vielen Dank! Ich werde sofort damit anfangen“, sagte er und wandte sich zum Gehen.

„Bleib noch“, sagte der Schamane, „und beginne hier in meiner Gegenwart damit. Nicht jeder besitzt diese höhere Seele und viele können sie auch nicht sofort erreichen.“

„Höhere Seele in mir“, begann Ingor, „wirst du mir helfen, zu verhindern, dass das Mammut unsere Männer tötet?“

„Die höhere Seele in dir reagiert nicht“, sagte der Schamane ein wenig später.

„Ich weiߓ erwiderte Ingor, schloss die Augen und wiederholte seine Frage. Als er sie zum dritten Mal stellte, sagte Ingor: „Jetzt ist dieser höhere Seelenteil aber aktiviert, meine ich.“

Der Schamane nickte. „Die höhere Seele ist bereit“, sagte er. „Ich sehe, dass du dich schon mit ihr bekannt gemacht hast. Ihre Aufmerksamkeit ist jetzt auf das gerichtet, um was du sie bitten möchtest.“

Ingor trug der höheren Seele in sich seine Bitte vor, dann begann er tief zu atmen und ihr die durch seine tiefen Atemzüge angesammelte Kraft zur Verfügung zu stellen.  

„Mach bitte weiter“, forderte ihn der Schamane auf. „Wenn du glaubst, genügend Kraft angesammelt zu haben, dann sag mir Bescheid!“ Ingor nickte.

„Jetzt!“ sagte Ingor nach einer Weile. Der Schamane schüttelte den Kopf: „Du hast Kraft angesammelt. Aber die Menge ist noch zu gering. Fahr bitte fort, tief zu atmen und die Kraft der höheren Seele in dir zu geben.“

Es verging einige Zeit. Dann sagte Ingor. „Jetzt sollte die Kraft aber ausreichen.“

Der Schamane nickte. „Bitte jetzt die höhere Seele in dir, damit zu beginnen, das von dir in deinem Traum Gesehene mit seinen Helfern so zu verändern, dass niemand getötet wird. Atme weiterhin tief ein und aus und stelle der Wesenheit alle deine Kräfte zur Verfügung, die für sie dabei von Nutzen sind. Dann werden deine anderen Seelenteile zu ihren Helfern.“

Ingor nickte. Dann warteten sie, während der höhere Seelenanteil unterwegs war, um das zu tun, worum Ingor ihn gebeten hatte. Es dauerte nicht lange, da kehrte er wieder zurück. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt.

„In einem weiteren Traum in der folgenden Nacht oder später wirst du sehen, ob sich etwas verändert hat und Hoffnung für die beiden besteht, die abstürzen“, sagte der Schamane. Erzähle mir morgen früh, was du in der Nacht geträumt hast!“

Ingor stimmte zu und ging zurück zu Kalla. Von seinen tiefen Atemzügen war er etwas benommen.

In der Nacht träumte Ingor fast das gleiche wie in den Nächten zuvor. Wiederum fegte der Rüssel des Mammuts die beiden Gefährten von der Felsleiste. Es gab allerdings einen Unterschied. Ingor sah jetzt, wie die beiden in ein Gebüsch am Fuße des Felsens stürzten und dort, von den Ästen abgelenkt, unter einem niedrigen Felsvorsprung seinen Blicken entschwanden. Das Mammut würde sie vielleicht dort auch nicht mehr wahrnehmen. In Ingors Traum versuchte das Mammut dann, sich weiter aufzurichten und das Bein des Mannes mit seinem Rüssel zu umschlingen, der sich das Seil hinauf hangelte. Aber das gelang ihm nicht.

Ingor berichtete seinem Großvater und natürlich auch Kalla, wie sich sein Traum anscheinend zum Besseren verändert hatte, wenn auch nur geringfügig. Der Schamane nickte. „Die höhere Seele in dir hat etwas ausrichten können“, sagte er. „Wir werden sehen, was geschehen wird. Es wird schon bald sein.“