
Zeichnung auf einer Schamanen-Trommel ! (eigene Abbildung)
I
Ingor lernt von seinem Großvater, wie sich Schicksal abändern lässt!
In der folgenden Nacht sah Ingor im Traum wiederum voller Schrecken, wie sich das Mammut auf den Hinterbeinen aufrichtete und mit dem Rüssel nach den Männern auf der Felsleiste schlug. Allerdings stand er selber jetzt nicht mehr oben auf der Felsleiste, sondern nahm die Attacken des Mammuts von der Seite her wahr. Die Felsleiste hatten auch nur zwei oder drei der Gefährten erklettert, er selber und die anderen waren den Tal-Hang hinauf geflohen und hofften, dass ihnen das Mammut dort hinauf nicht folgen konnte oder wollte.
Zwei der Männer auf der Felsleiste wurden von einem Schlag des Mammut-Rüssels gegen den Fels geschleudert und stürzten in die Tiefe. Dem dritten aber gelang es im letzten Augenblick, sich an einem Seil den Felsen höher hinauf zu hangeln, wo ihn das Mammut mit seinem Rüssel nicht mehr erreichen konnte. Ingor wunderte sich, wo das Seil plötzlich her kam. In seinen früheren Träumen hatte dort kein Seil gehangen. Nun schien alles etwas weniger schlimm. Der Stamm würde nicht auf die Hälfte dezimiert werden. Doch die beiden, die hinab geschleudert worden waren, schienen des Todes.
Am nächsten Morgen sprach Ingor mit Kalla über seinen Traum in der Nacht und dass nun für die meisten der Gefährten und ihn selber anscheinend die Gefahr gebannt war.
Das hat anscheinend dein Beten bewirkt, sagte er. Kalla nickte: Du und deine Freunde sind jetzt außer Gefahr.
Und die beiden, die von dem Rüssel des Mammuts getroffen wurden. Kannst du nicht noch einmal für sie beten? bat Ingor. Das Mammut wird sie sonst wahrscheinlich töten.
Ich werde noch einmal für sie beten, versprach Kalla. Aber Sie sprach nicht weiter, sondern zuckte die Achseln.
Kalla sprach noch einmal ihre Gebete. Aber als Ingor nach einigen Tagen erneut von dem angreifenden Mammut träumte, hatte er den gleichen Traum wie das letzte Mal. Es hatte sich nichts verändert. Wiederum stürzten zwei der Gefährten, von dem Rüssel des Mammuts getroffen, in die Tiefe. Dem dritten aber gelang die Flucht mit Hilfe eines Seils, das über ihm herabhing. Die übrigen Gefährten und er selber schienen in Sicherheit.
Als Ingor mit Kalla über diesen letzten Traum sprach, in dem sich gegenüber dem davor nichts verändert zu haben schien, schüttelte Kalla den Kopf. Weiter kann ich nichts tun, sagte sie. Meine Gebete bewirken hier nichts mehr. Sprich mit deinem Großvater, dem Schamanen, darüber! Vielleicht kann er den beiden helfen.
Ingor nickte und ging noch am gleichen Morgen zu ihm hin. Ich brauche deinen Rat, sagte er. Ein schlimmer Traum quält mich. Ich träume immer das gleiche oder fast das gleiche. Ein wütendes Mammut tötet die Gefährten. Kalla hat höhere Mächte angerufen und um Hilfe gebeten. Sie hat lange gebetet. Jetzt sind meine Träume weniger schlimm, aber zwei der Männer reißt das Mammut immer noch mit seinem Rüssel in die Tiefe.
Ja, das gibt es, sagte der Schamane. Mammut-Bullen werden von Zeit zu Zeit sehr aggressiv. Selbst stärkere Artgenossen gehen einem solchen Mammut aus dem Weg. Es ist dann das gefährlichste Tier auf der Erde, gefährlicher als ein Säbelzahn-Tiger.
Der Schamane versank in Schweigen. Ich könnte die Geister anrufen, sagte er nach einer Weile, aber es ist besser, du lernst selber, mit solchen Dingen umzugehen. Ich werde dir erklären, wie das, was in Träumen vorher gesehen wird, abgeändert werden kann, jedenfalls mitunter, ja, sogar ziemlich oft.
Der Mensch ist aus mehreren Seelen zusammen gesetzt, begann der Schamane. Eine davon ist unmittelbar göttlichen Ursprungs. Sie ist weise und verfügt über mehr Macht als die anderen. Bitte sie, das Unheil abzuwenden, das du im Traum vorher gesehen hast. Bitte sie, dass sie mit ihren Helfern dafür sorgt, dass niemand von dem Mammut getötet wird, sofern es ihr möglich ist. Damit sie dies bewirken kann, musst du ihr Kraft zur Verfügung stellen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Eine der Möglichkeiten, ihr Kraft zu geben, ist zu beten, so wie Kalla das getan hat, eine andere zu trommeln und zu tanzen, so wie ich bei einem schamanischen Ritual. Und du kannst ihr auch Kraft durch Atmen geben. Atme tief aus und ein und sage, diese Kraft, die ich jetzt durch meine tiefen Atemzüge ansammele, ist für dich, die höhere Seele in mir, damit du mit deinen Helfern das von mir Vorhergesehene abwendest, so dass niemand von dem Mammut getötet wird. Beginne mit tiefem Ausatmen und nachdem du anschließend tief eingeatmet hast, sprichst du diese Bitte aus. Dann atmest du wiederum tief aus und tief ein und wieder und wieder und nachdem du das eine Zeitlang getan hast, bittest du erneut deine höhere Seele, dass sie die durch dein Atmen angesammelte Kraft dazu verwendet, mit ihren Helfern den Tod der Gefährten abzuwenden, wie du es vorhergesehen hast, vorausgesetzt, es ist ihr möglich ist. Nach einiger Zeit wirst du das Gefühl haben, dass jetzt genügend Kraft dafür da ist. Dann bittest du deine höhere Seele, nun zu handeln und zu versuchen, das Vorhergesehene abzuändern. Eventuell musst du alles, insbesondere das tiefe Atmen, noch ein oder zweimal für einige Zeit wiederholen. Aber bald wirst du wissen, dass die Kraft ausreicht, um das Vorhergesehene abzuändern, so dass niemand sterben wird oder aber du spürst, dass du das Vorhergesehene nicht abwenden, sondern vielleicht nur mildern kannst.
Der Schamane sah Ingor an. Hast du verstanden, was du tun sollst? fragte er. Ingor nickte. Danke, vielen Dank! Ich werde sofort damit anfangen, sagte er und wandte sich zum Gehen.
Bleib noch, sagte der Schamane, und beginne hier in meiner Gegenwart damit. Nicht jeder besitzt diese höhere Seele und viele können sie auch nicht sofort erreichen.
Höhere Seele in mir, begann Ingor, wirst du mir helfen, zu verhindern, dass das Mammut unsere Männer tötet?
Die höhere Seele in dir reagiert nicht, sagte der Schamane ein wenig später.
Ich weiߓ erwiderte Ingor, schloss die Augen und wiederholte seine Frage. Als er sie zum dritten Mal stellte, sagte Ingor: Jetzt ist dieser höhere Seelenteil aber aktiviert, meine ich.
Der Schamane nickte. Die höhere Seele ist bereit, sagte er. Ich sehe, dass du dich schon mit ihr bekannt gemacht hast. Ihre Aufmerksamkeit ist jetzt auf das gerichtet, um was du sie bitten möchtest.
Ingor trug der höheren Seele in sich seine Bitte vor, dann begann er tief zu atmen und ihr die durch seine tiefen Atemzüge angesammelte Kraft zur Verfügung zu stellen.
Mach bitte weiter, forderte ihn der Schamane auf. Wenn du glaubst, genügend Kraft angesammelt zu haben, dann sag mir Bescheid! Ingor nickte.
Jetzt! sagte Ingor nach einer Weile. Der Schamane schüttelte den Kopf: Du hast Kraft angesammelt. Aber die Menge ist noch zu gering. Fahr bitte fort, tief zu atmen und die Kraft der höheren Seele in dir zu geben.
Es verging einige Zeit. Dann sagte Ingor. Jetzt sollte die Kraft aber ausreichen.
Der Schamane nickte. Bitte jetzt die höhere Seele in dir, damit zu beginnen, das von dir in deinem Traum Gesehene mit seinen Helfern so zu verändern, dass niemand getötet wird. Atme weiterhin tief ein und aus und stelle der Wesenheit alle deine Kräfte zur Verfügung, die für sie dabei von Nutzen sind. Dann werden deine anderen Seelenteile zu ihren Helfern.
Ingor nickte. Dann warteten sie, während der höhere Seelenanteil unterwegs war, um das zu tun, worum Ingor ihn gebeten hatte. Es dauerte nicht lange, da kehrte er wieder zurück. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt.
In einem weiteren Traum in der folgenden Nacht oder später wirst du sehen, ob sich etwas verändert hat und Hoffnung für die beiden besteht, die abstürzen, sagte der Schamane. Erzähle mir morgen früh, was du in der Nacht geträumt hast!
Ingor stimmte zu und ging zurück zu Kalla. Von seinen tiefen Atemzügen war er etwas benommen.
In der Nacht träumte Ingor fast das gleiche wie in den Nächten zuvor. Wiederum fegte der Rüssel des Mammuts die beiden Gefährten von der Felsleiste. Es gab allerdings einen Unterschied. Ingor sah jetzt, wie die beiden in ein Gebüsch am Fuße des Felsens stürzten und dort, von den Ästen abgelenkt, unter einem niedrigen Felsvorsprung seinen Blicken entschwanden. Das Mammut würde sie vielleicht dort auch nicht mehr wahrnehmen. In Ingors Traum versuchte das Mammut dann, sich weiter aufzurichten und das Bein des Mannes mit seinem Rüssel zu umschlingen, der sich das Seil hinauf hangelte. Aber das gelang ihm nicht.
Ingor berichtete seinem Großvater und natürlich auch Kalla, wie sich sein Traum anscheinend zum Besseren verändert hatte, wenn auch nur geringfügig. Der Schamane nickte. Die höhere Seele in dir hat etwas ausrichten können, sagte er. Wir werden sehen, was geschehen wird. Es wird schon bald sein.