Ingor, der Enkel des Schamanen, 03. Bis 23. September 2009: Die vertauschten Seelen!

Wollmammut, Höhlenzeichnung vorgeschichtlicher Menschen, vom Autor abgezeichnet! 

Ingor, der Enkel des Schamanen – die vertauschten Seelen!

Der Mammut-Bulle wandte sich wieder der Felswand zu, über der sich einige der Jäger in Sicherheit wähnten. Er marschierte um die Steilwand herum zur sonnenbeschienenen Seite, auf der das Gelände weniger schroff abfiel. Die Männer beobachteten mit Schrecken, aber auch fasziniert, wie sich der Mammut-Bulle dort mit seinen Stoßzähnen einen allmählich ansteigenden Pfad ebnete, auf dem er immer näher an die Männer herankam. Sie warfen mit Steinen nach dem rostroten Riesen und rollten Felsen herab, von denen sich der Angreifer aber nicht beirren ließ.

Die Männer wollten sich schon in unterschiedlichen Richtungen davon machen, damit wenigstens einigen von ihnen die Flucht gelang. Aber das mussten sie vorerst noch nicht, denn plötzlich begann das in der Fallgrube gefangene Mammut ängstlich zu trompeten und der Mammut-Bulle verharrte, nahm mit erhobenem Rüssel Witterung auf und wandte sich um.

Ein Säbelzahn-Tiger war auf den Rücken des eingebrochenen Mammuts gesprungen und versuchte es zu töten. Der Mammut-Bulle stürmte mit hoch erhobenem Rüssel seiner Gefährtin zur Hilfe und die Raubkatze ergriff die Flucht.

Es begann eine Zeit des Wartens, in welcher der Mammut-Bulle die Menschen nicht aus den Augen ließ. Der Kopf des eingebrochenen Mammuts fiel zur Seite und der Gefährte richtete ihn wieder auf. Dies geschah noch einige Male, aber dann verendete das eingebrochene Tier. Der Riese blieb noch eine Weile bei seiner toten Gefährtin, dann wandte er sich ab. Er taumelte und schien angeschlagen. Das Interesse an den Menschen schien er verloren zu haben oder wollte er sie nur in Sicherheit wiegen? Die Jäger rätselten, was seinen Sinneswandel bewirkt haben mochte, nur der Schamane wusste, dass das Gift auf der Speerspitze zu wirken begann, die er in den Rüssel des Mammuts gestoßen hatte.

Der Schamane zog die beiden Gefährten, welche das Mammut mit seinem Rüssel die Felswand herab geschleudert hatte, aus der Felsspalte und spritzte ihnen Wasser ins Gesicht. Als sie den Schamanen sahen, kletterten die anderen mit zitternden Knien die Felsen hinunter. Die Gesichter der beiden Verletzten waren bleich wie die von Toten, doch ein schwacher Pulsschlag verriet, dass sie noch lebten.

Mark, so hieß einer der beiden Zwillinge, erwachte als erster aus seiner Bewusstlosigkeit. Die Gefährten wussten, dass es Mark war, weil ihm der Zeigefinger der rechten Hand fehlte. Seinem Zwillings-Bruder fehlte der Zeigefinger der linken Hand. Ansonsten konnten sie die beiden Zwillinge kaum von einander unterscheiden. Die Zwillinge hatten die Finger innerhalb eines Jahres nacheinander verloren. Der Schamane wusste, dass der gleiche Unfall, den ein Zwilling erlitt, leicht auch den anderen treffen konnte.

Mark begann zu schluchzen, als er seinen Bruder am Boden liegen sah. Eine Blutspur lief aus seinem Mund.

Ist Mark tot?“ fragte er immer wieder. Der Schamane beruhigte ihn. „Er wird gleich erwachen.“ Und kurz darauf schlug der andere Zwilling auch die Augen auf und blickte etwas benommen von einem zum anderen.

Seltsam war, dass Mark immer wieder gefragt hatte, ob Mark tot sein, obwohl er doch selber Mark war, wie alle an dem fehlenden Zeigefinger seiner rechten Hand erkennen konnten. Er ist noch verwirrt, dachten die Gefährten, aber als er seinen Bruder, nachdem dieser auch aus seiner Ohnmacht erwacht war, weiterhin mit Mark anredet, wurde es ihnen zu viel. Sein Bruder schien übrigens nichts dabei zu finden, mit Mark angeredet zu werden.

„Du bist doch selber Mark“ sagte jemand, „sieh doch mal zu deiner rechten Hand hin“.

„Was ist denn das?“ rief Mark erschrocken. „Jetzt fehlt mir auch noch der Zeigefinger der rechten Hand und ich habe überhaupt nicht bemerkt wie ich ihn verloren habe.“

„Dafür fehlt dir aber jetzt an deiner linken Hand kein Finger mehr“, sagte einer etwas sarkastisch.

Mark warf einen Blick auf seine Linke und es verschlug ihm die Sprache. Auch sein Zwillingsbruder blickte verwirrt von einer Hand zur anderen und begann sogar seine Finger zu zählen.

„Ihre Seelen sind vertauscht“, sagte der Schamane, der als erster begriff, was geschehen war. „Mark ist jetzt Teja und Teja Mark. Als sie bewusstlos waren, sind ihre Seelen in die falschen Körper geschlüpft. Ihre Körper sind ja auch nicht so leicht zu unterscheiden. Aber ihre Frauen werden den Unterschied kennen. Sie werden denken, die Zwillinge wollten sie tauschen und protestieren.“ Er würde sich um die Frauen der Zwillinge kümmern müssen. Sie mussten begreifen, dass es nicht der Körper ist, der einen Menschen ausmacht, sondern seine Seele.

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