Ingor, der Enkel des Schamanen, 12.11. bis 25.11.08: Der Schamane reist zum Herrn der Tiere!

Kosmos der Samen auf einer Schamanen-Trommel!

Heilige Symbole und Tiere auf einer Schamanen-Trommel der Samen aus dem 17. Jahrhundert im Nordischen Museum Stockholm  (Ausschnitt)

I

Der Schamane reist zum Herrn der Tiere!

Zusammen stapften sie wenig später durch den knirschenden Schnee zum Versammlungszelt des Schamanen. Die Landschaft war in das zauberische Licht des Mondes eingehüllt, der im Osten hinter den Fluss-Bergen aufgegangen war und sich immer mehr rundete.

Eine unwirkliche Stimmung erfasste Ingor, als sie in das Zelt eintraten. Das Zelt und die Dinge darin waren erfüllt von dem Geist vergangener Beschwörungen. In dem Raum pulsierten starke Kraftfelder. Ingor konnte sie körperlich spüren. Stumm ließen sie sich auf den Rentierfellen nieder, die sie mitgebracht hatten. Der Gehilfe des Schamanen füllte gerade Glut aus dem Feuer in eine Tonschale, die wie ein Vogel geformt war. Ihre Augen folgten seinen Handbewegungen. Nach und nach füllte sich das Zelt mit anderen Mitgliedern des kleinen Stammes.

Ingors Augen wanderten wie jedesmal, wenn er hier war, von einem Gegenstand zum andern. Sein Blick wurde angezogen von Tierkrallen, gebleichten Knochen und Tier-Totenschädeln. Über ihm baumelten Eulenflügel und an den Wänden hingen Tierfelle mit ungewöhnlichen Farben und Zeichnungen. In einer Ecke hing auch ein menschlicher Totenschädel.

Ingor betrachtete ihn und überlegte, ob nicht letzten Endes doch alles menschliche Tun vergebens sei. Dem Tod konnte niemand entrinnen. Er wollte schon mutlos werden. Aber dann gingen ihm die Worte seines Großvaters, des Schamanen, durch den Kopf, der sich mit diesen Dingen auskannte: Wer auf der Erde als Mensch geboren wurde, hatte eine Aufgabe zu erfüllen, wenn er sie meist auch nicht kannte.

Als die letzten kamen die schwangere Hanna und ihr Mann. Einige der Anwesenden wandten sich um und blickten ihn an. Sein Gesicht war bleich und er schien etwas nervös.

Aus der Tonschale, die der Gehilfe des Schamanen mit Glut gefüllt hatte, stieg der Rauch darauf liegender Kräuter auf. Ihr aromatischer Geruch erfüllte das Zelt. Als Ingor den Rauch einatmete kam ihm alles noch unwirklicher vor.

Plötzlich wurde das Fell am Eingang mit einem Ruck zur Seite geschoben. In phantastischer Tier-Verkleidung glitt der Schamane herein. Ingor gelang es kaum, in ihm seinen Großvater zu erkennen. Auf dem Kopf trug er Geweihstangen und um seinen Hals baumelten die Krallen und Reißzähne von Bären. In der Hand hielt er eine Trommel und den mit Fell umwickelten Schlegel. Seine Bewegungen waren kraftvoll, sein Blick zwingend. Er strömte Kraft aus und diese Kraft übertrug sich auch auf die Anwesenden. Auch Ingor gewann wieder mehr Lebensmut.

Als der Schamane an Ingor vorbeischritt, begann er leise die Trommel zu schlagen. Ingors Blick wurde von den roten und schwarzen Zeichen auf der Trommelhaut angezogen. Sonne und Mond waren zu erkennen und ein Regenbogen. Eine Grenzlinie trennte Himmel und Erde, diesseitige und jenseitige Welt. Sie wurde aber von dem Regenbogen und einer Opferbirke durchbrochen, den Symbolen für die geheimen Verbindungen zwischen Diesseits und Jenseits. Auch sein Großvater würde heute diese Grenze für kurze Zeit überschreiten. Hannas Schwager, den ein Speer getötet hatte, aber hatte diese Grenze für immer oder jedoch für längere Zeit überschritten. 

Welchen Sinn konnte sein kurzes Erden-Leben gehabt haben? Auf welche Weise konnten überhaupt die  Bemühungen und Erfahrungen des Menschen während seines Erden-Lebens seinem Leben auf der anderen Seite dienen? überlegte Ingor. Das alles war ein großes Rätsel!

Ingor betrachtete die Trommel mit Respekt und Scheu. Er erkannte sie als den mächtigen Helfer des Schamanen, der ihm half, die Grenzlinie zwischen Diesseits und Jenseits zu überschreiten. Ihr zauberisches Dröhnen rief die Geister herbei und begleitete den Schamanen auf seinen Reisen in die unsichtbare Welt. Die Seelenplätze der Tiere waren sein bevorzugtes Reiseziel. Jedes Lebewesen hatte seinen eigenen Geist, seine eigene Seele und der Schamane konnte sie alle herbeirufen: die Seelen von Pflanzen, Tieren und Menschen,  aber auch die von Bewohnern anderer Welten. Der Schamane konnte sie herbeirufen und auch wieder fortschicken. Aber auch die Steine und andere angeblich tote Gegenstände waren beseelt und der Schamane konnte auch sie dazu bewegen, ihm und dem Stamm zu helfen.

Eine der Aufgaben des Schamanen war es, die Seelen von Verstorbenen auf die andere Seite zu geleiten, wenn sie den Wohnplatz nicht verlassen wollten. Insbesondere verstorbenen Müttern fiel es schwer, sich von Hütte und Wohnplatz zu trennen, wenn sie kleine Kinder zurücklassen mussten. Zu fürchten aber waren vor allem diejenigen, die durch Gewalttaten ums Leben gekommen waren und sich zu rächen suchten.

Die Trommel schlagend und singend begann der Schamane in rhythmischen Bewegungen das Feuer zu umkreisen und seine wohltätige Macht zu preisen. Der Gehilfe des Schamanen aber blies auf einer Beinflöte. Gesang und Musik brachten verschüttete Seiten in den Anwesenden zum Klingen, so dass sich bei ihnen wieder ein hoffnungsvolleres Lebensgefühl einstellte.

Ununterbrochen dröhnte die Trommel! Nach und nach stellten sich Hilfs- und Schutzgeister des Schamanen und des Stammes ein. Ingor spürte, wenn die mächtigen unter ihnen kamen.

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