
Mammut-Zeichnung auf einer Höhlenwand von Font-de-Gaume, Dordogne, Frankreich (abgezeichnet)
Die Mammut-Jagd der Aufbruch!
Im Halbschlaf vor dem Aufbruch am nächsten Morgen lastete noch Müdigkeit schwer auf den Männern. Nur widerwillig warfen sie die wärmenden Schlaffelle zur Seite, als die Trommel des Schamanen zum Aufbruch rief.
Mit einem Stück Holz schlugen sie das Eis aus der steif gefrorenen Winterkleidung, deren Haare sich in starre Eisstacheln verwandelt hatten. Die erste Kleidungsschicht trugen sie mit dem Fell auf dem Körper, die zweite mit dem Fell nach außen. Während sie sich ankleideten, verspürten sie allmählich wieder Kraft, den neuen Tag zu überstehen. Sie streichelten ihre schlafenden Kinder, drückten ihre Frauen zum Abschied an sich und stapften durch tiefe Schneewehen zum Fluss hinunter, dabei in tiefen Zügen die kalte Luft atmend.
Bevor das Dorf ihrem Blick entschwand, sahen sie sich noch einmal um und winkten ein letztes Mal ihren Frauen zu. Sie spürten deren bangen Wunsch, dass es ihnen auf diesem Jagd-Zug endlich gelingen möge, Beute zu machen. Aber sie wussten nicht, ob sie Erfolg haben würden. Für diese Frage konnte nicht einmal der Schamane ein gutes Gespür entwickeln, denn von ihr hing jetzt fast ihr Leben ab. Um sie kreisten ihre Hoffnungen und Wünsche zu sehr, als dass sie eine negative Antwort akzeptiert hätten. Die Zeit der kargen Bissen hielt schon zu lange an. Wenn es ihnen diesmal nicht gelang, Beute zu machen, würden sie sich kaum noch einmal zu einer größeren Jagd-Unternehmung aufraffen. Sie würden hungernd und frierend in ihren Hütten hocken und auf das Frühjahr warten und es würden Krankheit und Tod einziehen. Sie würden das letzte Fett aus den Fellen kauen und schließlich die Haare von den Fellen kratzen und die Felle selber kochen und hinunterwürgen. Die Winter-Kälte würde immer unerträglicher werden. Mit zitternden Händen würden sie versuchen, das Feuer am Leben zu erhalten, bis sie dann schließlich zu schwach waren, um für Brennmaterial zu sorgen.
Ihre Lebensflamme würde ebenfalls immer schwächer brennen. Und wenn sie dann Rentier, Wisent und Mammut wieder über die Hügel kommen sahen, waren sie vielleicht schon zu hinfällig, um überhaupt auf die Beine zu kommen. Und das war vielleicht das schrecklichste: Unfähig aufzustehen, würden sie in ihren Hütten liegen und sterben, während sich draußen das Land begrünte und das Wild in Reichweite ihrer Speere äste.
Einige riefen sich die Träume der vergangenen Nächte ins Gedächtnis zurück und prüften, ob sie nicht Dinge ankündigten, die auf ein baldiges Beute-Machen hinwiesen. Das hatten sie schon viele Male getan. Wenn sie ihre Ahnungen und Träume richtig deuteten, würde auch diese Notzeit vorübergehen, ohne dass es sie das Leben kostete. Es schien ihnen jetzt sogar so, dass sie schon bald wieder reichlich zu essen haben würden. In ihrer Vorstellung hieben einige von ihnen sogar schon ihre Zähne in rotes saftiges Fleisch und fette Bratenstücke und säbelten sie dicht vor den Lippen mit ihren Feuerstein-Klingen ab. Aber ob es wirklich so sein würde, wussten sie nicht. Es konnten Wunsch-Vorstellungen sein. Wahrscheinlich würden sie bald wieder Beute machen, aber so recht daran glauben konnte niemand. In einem Tagtraum hielt Ingor plötzlich ein Stück Fleisch mit langen zottigen Haaren in der Hand. Verblüfft registrierte er es, konnte sich aber keinen Reim darauf machen.
Wenn sie in die Gesichter der Gefährten blickten, glaubten sie ein Zeichen zu erhalten. Noch bevor sich ihre Blicke kreuzten, spürten sie die neue Hoffnung, die in die Herzen der meisten eingekehrt war. Aus den eingefallenen Gesichtern, die sie nur grau und hoffnungslos in Erinnerung hatten, vermeinten sie eine Wendung zum besseren herauslesen zu können. Aber vielleicht war es auch nur die Hoffnung, die der Schamane in ihnen geweckt hatte.
Sie erreichten das dunkle Eis des Flusses, von dem der Wind den Schnee an den meisten Stellen fortgeweht hatte. Auf dem Eis am Rand des Stromes, wo es weniger glatt war, marschierten sie stromaufwärts. Hier kamen sie voran, ohne ihre Kräfte und geringen Energie-Reserven zu sehr zu erschöpfen. Die Hänge lagen tief unter Schnee begraben. Ohne Schneeschuhe konnten sie dort nirgendwo mehr hin gelangen. Hier im Westen zum Meer hin fiel mehr Schnee als in dem Land zur Morgen-Sonne hin, aus dem sie vor einigen Jahren gekommen waren. Die Kälte kannten sie, aber sie hatten nicht gewusst, was es bedeutete, wenn soviel Schnee fiel.
Jetzt kurz vor Sonnenaufgang war die Kälte am größten. Sie biss ihnen in das hohlwangige Gesicht und die Hände in den Pelzhandschuhen wurden kalt und klamm. Ihr Atem stand weiß in der Luft und ihre Köpfe bedeckten sich vom Atem mit Raureif. Sie rieben sich die Nasenspitzen, damit sie nicht erfror, und sie bewegten ununterbrochen die Finger in ihren Handschuhen, um sie geschmeidig zu halten. Mit klammen halberfrorenen Händen konnten sie keine Speere werfen. Wenn sie genug zu essen hätten, würden sie nicht so unter der Kälte leiden.
Ihre Blicke wanderten immer wieder nach Osten, wo die Dämmerungsstreifen am Himmel immer breiter und heller wurden und das Licht der Sterne überstrahlten. Sie sehnten die Sonne herbei, ihre Wärme, damit sie weniger froren und ihr Licht, um die Fährten im Schnee lesen zu können. Es war gut, dass die Sonne nun mit jedem Tag wieder früher aufging. Der Mond der langen Nächte lag schon hinter ihnen. Ingor versuchte die Tage zu zählen, bis die Sonne wieder soviel Kraft gewonnen hatte, Eis und Schnee zu schmelzen und das Eis des Flusses bersten zu lassen. Die Finger seiner beiden Hände reichten jedoch hierfür nicht aus. So lange konnten sie nicht ohne Nahrung auskommen.
Als die Sonne aufging, reflektierte und zerstreute der weiße Schnee das einfallende Licht und nach einer Weile erfüllte blendende Helligkeit selbst die Schluchten und Senken. Die Eiskristalle des Pulverschnees glitzerten. Wenn die Sonne auch nur wenig Wärme spendete, so wandten die Männer ihr doch so oft wie möglich das Gesicht zu. Sein Vater mahnte Ingor, die Schneebrille aufzusetzen, sonst mache ihn das vom Schnee reflektierte Sonnenlicht blind. Ingor folgte dem Rat. Er hatte selber schon daran gedacht. Die Schneebrille hatte ihm sein Großvater aus Holz geschnitzt. Sie war rußgeschwärzt und ließ nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen frei.
Wenig später hörten sie einen vom Wind verzerrten Laut, von dem sie nicht wussten, wie sie ihn einordnen sollten. War es der Todesschrei eines Tieres oder doch nur das Ächzen und Kreischen des Eises?
Ingor kamen Wölfe in den Sinn, die auf dem schlüpfrigen Eis des Flusses vielleicht ein Ren gestellt hatten.
Als die Laute verstummt waren, gingen die Männer schneller. Sie teilten sich auch in zwei Gruppen, von denen die eine am rechten und die andere am linken Ufer entlang zog. Bevor sie Wild erlegen konnten, mussten sie es ausfindig machen. Und wenn sie es schon nicht selber erspähten, fanden sie im Schnee vielleicht doch seine Spuren.
Die Blicke der Männer schweiften ununterbrochen über das Land. Der zugefrorene Fluss wandte sich durch Sumpfgebiete, die sie im Sommer mieden, da sie sonst dort versunken wären.
Plötzlich ertönte vom anderen Ufer her lautes Geschrei. Ingor und die Männer um ihn erstarrten. Das klang nach etwas besonderem. Vielleicht hatten sie das Atemloch eines Bären über seiner Schlafhöhle am Hang entdeckt. Aber es waren nur drei erfrorene Vögel, die sie gefunden hatten. Gänse? fragte jemand. Nein, Schneehühner, hieß es.
Über drei magere Schneehühner freuen die sich so, als ob sie einen Bären erlegt hätten, dachte Ingor. Das war nicht normal. Es musste ihr Hungern sein, das sie so reagieren ließ.
In diesem Augenblick erspähte Ingor den Schatten eines großen Fisches, der unter dem Eis zu seinen Füßen vorbeiglitt. Bei diesem Anblick war es Ingor, der außer sich geriet. Einen Augenblick lang wollte er sich schon auf das Eis stürzen und mit seinem Faustkeil ein Loch hinein hacken. Aber das Eis war viel zu dick. Ingor kannte sich selber nicht mehr. Er konnte sich nicht beruhigen. Der Fluss solle ihm den Fisch geben, ließ ihn der Hunger fordern und in seiner Vorstellung gab der Fluss den großen Fisch auch heraus. Immer wieder gab der Fluss den Fisch in seinem Kopf heraus und irgendwie schien diese Vorstellung eine große Kraft zu entfalten.
Plötzlich zog ein polterndes Dröhnen und Knattern über die Eisfläche. Das Eis des Flusses vor ihnen bäumte sich auf und erstarrte danach sofort wieder. Zurück blieben scharf gezackte Eisklippen. Ingor lief sofort hin. Neben den Eisklippen zappelte ein großer Fisch auf dem Eis. Ingor schlug ihm seinen Faustkeil an den Kopf und packte ihn sich unter den Arm. Den werden wir sofort unter uns aufteilen, sagte er, ehe er zu Eis gefriert. Das ist unser Frühstück. Die Gefährten sahen ihn erstaunt an, aber es gab keine Einwände. Sie zerteilten den Fisch, klopften ihn mürbe und aßen ihn roh. Es war fast zu viel für sie. Den langen fetten Fischschwanz aber steckte Ingor in seine Jagdtasche, wies zum anderen Ufer hin und sagte: Für die da drüben, damit ihnen die mageren Hühnchen besser bekommen!