
Fische im Fluss! (eigenes Foto)
Ingor, der Enkel des Schamanen Die fliegende Schlange!
Der große Fisch, den sie verzehrt hatten, wärmte sie eine Zeitlang von innen her und sie fühlten sich besser. Wieder flogen drei Raben mit langsamen Flügelschlägen in niedriger Höhe über sie hinweg. Da blieben alle stehen und sahen ihnen nach und einige warfen sogar ihre Speere nach ihnen. Soweit trieben sie die Hungerstiche in ihren Mägen, dachte Ingor. Aber dann legte er selber einen Wurfspeer mit einer Knochenspitze auf den Dorn seines Wurfholzes, holte aus und schleuderte ihn hinter den schwarzen Vögeln her. Doch der Speer brach aus und flog in Richtung der Gefährten, wobei er sich wie eine Schlange auf und ab bewegte. Ingor blickte dem Speer enttäuscht nach; doch Trost erhielt er dadurch, dass sein Geschoss bis über die Flugbahn der Raben hinaus gelangte, während die Speere der anderen schon vorher ihren Umkehrpunkt erreichten und zu Boden fielen. Die Raben flogen ihnen flussaufwärts voraus. Ob das etwas zu bedeuten hatte?
Wohin dein Kinder-Speer fliegt, bestimmt wohl irgend ein Geistwesen, über das du keine Macht hast! Die Stimme Ebers, der nicht gerade sein Freund war, schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Sag ihm, dass wir sehr böse werden, wenn es den Speer in unsere Richtung lenkt.
Ingor fand es nicht notwendig zu antworten. Er spürte Ebers Neid, weil er ihm den großen Fisch sozusagen vor den Füßen weggeschnappt hatte. Aber er fühlte sich auch plötzlich in Zweifel gestürzt. Wenn der Speer immer wieder von dem Dorn des Wurfholzes abglitt, dann würde er nie eine größere Treffsicherheit erlangen und die Waffe war nutzlos und tatsächlich nicht mehr als ein Spielzeug und vielleicht sogar gefährlich. Aber er musste auch innerlich lächeln. Seine Wurf-Geschosse waren dünner als normale Wurf-Speere. Das mussten sie auch sein, wie er bei vielen Würfen herausgefunden hatte. Nur dann konnte er ihnen mit dem Wurfholz eine solche Wucht verleihen, so dass sie bis in vorher nie erreichte Entfernungen flogen. Kinderspeere waren seine Wurfgeschosse nur dann, wenn man sie mit der Hand warf. Aber dazu hatte er sie nicht angefertigt.
Als Ingor seinen Wurfspeer wieder einsammelte, sah er, warum er von dem Dorn des Wurfholzes abgeglitten und ausgebrochen war. Er musste nur die Einkerbung am unteren Ende des Wurfspeeres etwas vertiefen. Das tat er mit der Feuersteinspitze einer seiner anderen Wurfspeere und warf ihn erneut. Diesmal brach der Speer nicht aus. Sich wie eine Schlange auf und abwindend und zischend, fuhr er mit großer Durchschlagskraft in einen weit entfernten Weidenstrauch, den Ingor sich als Ziel ausgesucht hatte.
Einigen der Gefährten, die zum ersten Mal sahen, wie sich der lange dünne Wurfspeer während des Fluges wie ein Lebewesen zischend auf und ab bewegte, war diese fliegende Schlange unheimlich. Sie beruhigten sich damit, dass Ingor der Enkel des Schamanen war, sich gut mit ihm stand und ihm wahrscheinlich sogar einmal im Amt nachfolgen würde. Sie dachten auch an den Fisch, den Ingor unter sie verteilt hatte. Vielleicht half ihnen diese fliegende Schlange ja dabei, Beute zu machen, so dass sie nicht mehr hungern mussten. Dann war die fliegende Schlange ihr Verbündeter und willkommen. Aber wenn sich die fliegende Schlange gegen die Menschen wendete, dann mussten sie gegen sie vorgehen.
Lange marschierten sie auf dem zugefrorenen Fluss dahin. Die Sonne erreichte ihren Gipfelpunkt und sank wieder tiefer. Schließlich erschöpfte auch das Schreiten auf der ebenen Fläche des Fluss-Eises ihre Kräfte immer mehr. Immer öfter kam es vor, dass ihre Füße und Beine sich ineinander verhedderten und sie stolperten. Ingor überkamen Schwäche-Zustände, bei denen es ihm schwarz vor Augen wurde. Am liebsten hätte er sich auf das Eis gelegt und wäre nicht mehr aufgestanden. Aber er sagte sich, bis zur nächsten Fluss-Biegung halte ich noch durch, nur bis dahin noch, und er erreichte sie auch nur mit Mühe. Aber als sie dort ankamen, sagte er sich, nur bis zu diesen Bäumen dort gehe ich noch. Aber nachdem er auch diese Strecke dann geschafft hatte, nahm er sich ein neues Ziel vor und so schleppte er sich von einem Ziel, das er sich setzte, bis zum nächsten. So betrog er sich selber und wunderte sich, wie lange er auf diese Weise durchhalten konnte.
Die Gefährten wurden ebenfalls von Schwäche Anfällen heim gesucht. Ingor bemerkte, dass sie beim Gehen nicht die Richtung hielten, sondern einmal nach der einen, dann nach der anderen Seite taumelten. Er selber schritt aus wie im Traum. An seine Speerschleuder dachte er schon lange nicht mehr und er hielt auch nicht mehr nach Wild Ausschau. Er bemerkte jedoch, dass sein Vater, der an der Spitze ging und das Tempo bestimmte, noch nicht das Interesse an seiner Umgebung verloren hatte. Das beruhigte ihn.
Er träumte jetzt mit offenen Augen. Unter den graublauen blanken Stellen der Eisdecke vermeinte er Fische zu sehen. Aber wenn er die Augen aufriss und in seinen normalen Bewusstseinszustand zurückkehrte, waren die Flossenträger wieder verschwunden. Ingor konnte nicht mehr zwischen innerem und äußerem Geschehen unterscheiden. Traumhaft sah er seine Schwester Nija beim Sammeln gefrorener Pflanzen-Nahrung ausgleiten und spannte unwillkürlich die Armmuskeln, um den Sturz abzufangen. Ingor schüttelte über sich selber den Kopf.
Plötzlich lief ein blutiges Geschehen vor seinem inneren Auge ab: Vor ihm im Schnee stand ein zottiges urwelthaftes Tier. Tief in seiner Seite steckte ein Speer und heraus schoss rotes Blut in pulsierenden Stößen, strömte in das dichte Fell und tropfte in den weißen Schnee. Vor dem Tier, das mit gesenktem Kopf dastand, aber krümmte sich ein Mensch am Boden. Angst überflutete Ingor, aber dann verdrängte Triumpf und das Bewusstsein von Sieg die Angst. Für Sekunden verspürte er sich von einer solchen Kraft durchströmt, dass er sich unbesiegbar wähnte. Es schien ihm, als ob er Kraft aus dem rauchenden Blut des Tieres söge. Der Spuk war rasch vorüber; die Gefühle, die ihn überwältigt hatten, zogen ihn in das normale Sein zurück.
Es war wieder kälter geworden. Die niedrig stehende Sonne schien wie durch einen Nebelschleier hindurch. Um das Tagesgestirn herum hatte sich ein Ring gebildet. Es standen auch mehrere Neben-Sonnen am Himmel. Es wurde eine Rast vereinbart. Sie gingen zum Ufer und ließen sich im Schnee nieder. Eine dichtbehaarte Fellkleidung hätte sie gegen die Schneekälte isoliert. Aber jetzt trugen die Männer Pelze, die kaum noch Haare hatten. Die Fell-Hosen, die im Herbst hätten erneuert werden müssen, waren sowohl an den Schenkeln als auch am Sitz zerschlissen. Aber sie froren nicht nur wegen ihrer mangelhaften Kleidung, sondern mehr noch, weil sie nichts zu essen hatten. Das schien Ingor nun das Schlimmste an einer Hungersnot, dass sie immerfort froren.
Während sie sich ausruhten und einen Teil ihrer dürftigen Wegzehrung aßen, erholten sie sich allmählich. Ingor zählte die Haselnüsse, die er in seiner Felltasche hatte und knackte die Hälfte davon zwischen seinem Feuerstein-Messer und dem Fluss-Eis. Andächtig kaute er lange die Kerne, bevor er die ölhaltige Masse hinunter schluckte. Als er sie gegessen hatte, musste er sich zurückhalten, um nicht auch noch über den Rest herzufallen. Da er durstig war, aß er Schnee, den er mit den Händen zusammen presste. Aber Schnee ergibt nur wenig Flüssigkeit und er sehnte den Abend herbei. Dann würden sie ein Feuer anzünden und Schnee schmelzen und er konnte soviel trinken, wie er wollte. Später schlug er noch Splitter aus der Eisdecke des Flusses. Bevor er sie sich in den Mund steckte, hielt er sie eine Weile unter dem Pelz, damit sie sich erwärmten. Eis ergab mehr Flüssigkeit als zusammengepresster Schnee. Allmählich spürte er, wie ihm Flüssigkeit und Nahrung Kraft gaben.
Als sie aufbrachen, kam Gru nur schwer wieder auf die Beine. Ingor reichte ihm die Hand und zog ihn hoch. Er erschrak vor dem knochigen Gesicht und den tief in ihren Höhlen liegenden Augen. Dein Speer, sagte Ingor. Ich lasse ihn hier, murmelte Gru. Ich brauche nur einen, um mich darauf zu stützen.
Das war ein schlechtes Zeichen. Gru wird sterben, hörte Ingor eine Stimme in sich sprechen.
Das rote Blut in diesem Körper wird gefrieren, murmelte Gru überhaupt alles, was man an diesem Körper anfassen kann, wird zu Eis erstarren. Aber zu diesem Körper gehört auch etwas, das kann der Frost nicht in Fesseln schlagen und das können auch die Wölfe und Hyänen nicht fressen. Es ist das, was ich eigentlich bin. Es wird in seine Heimat zu seinen Eltern zurückkehren und irgendwann wenn es wärmer ist – wiederkehren!
Ingor wandte sich ab. Es war traurig, aber er konnte Gru nicht helfen. Er hatte mehr als genug mit sich selber zu tun. Kurze Zeit später erreichten sie einen Bereich, in dem sie hätten umkehren müssen, wenn sie nicht die Nacht im Freien verbringen wollten. Aber von Umkehr sprach niemand, wenn auch alle daran dachten.
Auf einmal wich das Ufer zurück und sie kamen an die Einmündung eines Flusses, über dessen Eisfläche sich Eisschollen auftürmten. Das musste der Gebirgsstrom sein, von dem der Schamane auf seiner Reise zu den Seelenplätzen der Tiere gesprochen hatte. Zögernd überquerten sie die weite Eisfläche, unter der sich die beiden Flüsse vereinigten und bogen in das Seitental ein. Der Anblick der veränderten Landschaft riss sie aus ihrer Lethargie. Ingor hatte das unbehagliche Gefühl, dass sie in fremdes Jagdgebiet eindrangen, denn im Sommer hatten sie aus dem Land hier Rauch aufsteigen sehen. Aber was spielte das jetzt noch für eine Rolle?