Ingor, der Enkel des Schamanen, 03. Febr. bis 16. Febr. 2009: Das Wollnashorn bekommt Ingor zu packen!

Aufgehender Mond über Birken-Dickicht!

Aufgehender Mond über Birken-Dickicht! (eigenes Foto)

I

Ingor, der Enkel des Schamanen: Das Woll-Nashorn bekommt Ingor mit seinem langen Horn zu packen!

Ingor glaubte zu wissen, was auf sie zukam, wenn sie eine Fallgrube aushoben. Aus seiner Brust rang sich ein Stöhnen. Es musste ein großes Loch in die von Schnee bedeckte hart gefrorene Erde gegraben werden. Schicht für Schicht musste die Erde mit Hilfe eines Feuers aufgetaut und dann mit den Händen oder mit der Hilfe von Steinwerkzeugen aufgebrochen und fortgeräumt werden. Die Werkzeuge in ihren klammen Fingern haltend, würden sie sich nur allmählich tiefer und tiefer in die Erde hinein wühlen. Ihre Augen würden vom Rauch des Feuers tränen. Sie würden abwechselnd schwitzen und frieren und vor Erschöpfung die Arme nicht mehr heben können. Und am Ende würde doch alles umsonst gewesen sein. Seine Phantasie ließ ein Bild in ihm aufsteigen, wie sein Vater, die Gefährten und er erfroren und von Eis und Schnee bedeckt um ein erloschenes Feuer kauerten. Ingor schien es wie etwas, das Wirklichkeit werden könnte.

Während sie der Fährte folgten, glaubte Ingor plötzlich, die Tiere zu wittern. Er hob den Kopf und sog die Luft in kurzen Stößen ein. Wieder hatte er den strengen Geruch der Tiere in der Nase. Sein Vater hob die Hand. „Ich rieche sie“, flüsterte er, „sie müssen ganz in der Nähe sein!“ Auch die anderen hatten mit ihren Nasen die Witterung aufgefangen. Mit gestrafften Körpern blieben sie stehen, schnüffelten in der Luft und spähten nach vorn. Aber sie konnten die Tiere in dem Buschwerk vor ihnen nicht entdecken. Sie sahen, dass die Fährte um einen Bergvorsprung herum lief, der ihnen die Sicht nahm. So leise es in dem knirschenden Schnee ging, bewegten sie sich auf die Felsnase zu.

Ingors Vater, der vorne ging, blieb mit einmal ruckartig stehen. Warnend hob er die Hand. Langsam rückten die anderen auf. Deutlich vernahmen sie das Anstreichen mächtiger Wildkörper an Büschen und Zweigen. Gebannt verharrten die Männer. Plötzlich trat einer der Kolosse aus dem Unterholz und streckte witternd das mit einem mächtigen Horn bewehrte Haupt in den Wind. Der Schnee reichte ihm beinahe bis zum Bauch. Eiszapfen hingen in den langen Zotteln der Kehlhaare. Die zottigen Körperhaare waren schneeverkrustet.

In den Muskeln der Männer zuckte es. Sie wollten vorspringen und ihre Speere schleudern. Ingor gewann nur mit Mühe die Kontrolle über sich zurück. Er konnte sich nicht sattsehen an dem gewaltigen Schädel, dem aufragenden langen Horn, dem kleineren darüber und dem wuchtigen mit brauner Wolle bedeckten Körper. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass es nur ein halbwüchsiger Bulle war, der da in halber Reichweite seiner Wurfspeere vor ihm stand. Sein gerade mühsam unterdrückter Gefühlssturm entbrannte aufs Neue. Mit allen Fasern drängte es ihn, seine neue Waffe zu erproben. Mit dem Wurfholz musste es möglich sein, seinem Speer die Wucht zu verleihen, dass dieser die Schwarte des jungen Bullen durchdrang und sich in Herz oder Lunge biss. Das traute er seiner Waffe zu und darum musste er es wagen, wenn er dies eigentlich auch nicht durfte. Es konnte die Rettung des Stammes bedeuten. Aber was war, wenn er die tödliche Stelle verfehlte. Würde der aufgebrachte Dickhäuter sie niedertrampeln? War dann die Jagd verpatzt? Ein Scheitern würde ihn von den Gefährten trennen, ihn vielleicht zum Außenseiter verdammen. Kleinmut wollte ihn befallen. Aber dann hörte er wieder das wuchtige Singen, mit dem der Speer aus dem Wurfholz fuhr und Hochmut stieg in ihm auf. Angst, gleichgültig vor wem oder was, hatte ihn noch nie von etwas zurückgehalten, das er als richtig erkannt zu haben glaubte. Mit einem heftigen Ruck warf er den Kopf zurück und entschloss sich, das Wollnashorn anzugreifen. Da hatte er für einen Augenblick das Gefühl von Unheil und es schien ihm, als ob sich eine Felswand zwischen ihn und das Tier schöbe. Ingor Gesichtszüge verhärteten sich. Gefühle konnten ihn jetzt nicht mehr zurückhalten und während er starr in die Ferne blickte, schien sich die jetzt weiter entfernte Felswand zu öffnen und jenseits von Abgründen und Klippen, die Schwierigkeiten und Fehlschläge darstellten, vermeinte er über das gewaltige Tier triumphieren zu können. Das Hochgefühl, das in ihm aufstieg, machte es ihm leicht, den Angriff zu wagen. In ein paar Sprüngen würde er bei dem Strauch da vorne sein. Der Wind stand günstig. In Gedanken hatte er den Platz bereits eingenommen. Da wurde er aus seinem Planen aufgeschreckt. Das Wollnashorn wanderte weiter. Er musste sich beeilen. Sie waren in einem Gebiet, in dem die Kolosse tief in den Schnee einsanken. Das würde es leichter machen, ihren Angriffen auszuweichen. Er ergriff seine Speerschleuder, seine besten mit scharfen Feuerstein-Spitzen bewehrten Speere, ließ Jagdtasche und alles andere in den Schnee gleiten und ging zum Angriff über. Sein Vater flüsterte ihm mit scharfer Stimme etwas zu, aber Ingor verstand den Sinn seiner Worte nicht. Für ihn gab es in diesem Moment nur noch den gewaltigen Hornträger und sein Wille ihn zu töten. Einige rasche Sprünge auf seinen Schneeschuhen, dann hatte er den Strauch erreicht, von dem er den Speer schleudern wollte. Aber das war nun nicht mehr nahe genug. Ingor lief weiter. Da warf sich der Bulle herum, den gehörnten Kopf zum Angriff gesenkt. Seine Ohren spielten. Ingor stoppte. Seine Brust hob und senkte sich und er spürte seinen Herzschlag im Halse. Mit einem kurzen Ruck warf der Bulle den hornbewehrten Kopf hoch – die Blicke von Mensch und Tier begegneten sich -, dann begann er wütend mit den Hufen zu scharren, das spitze Horn auf den Menschen gerichtet.

Ingor schien der Abstand zwischen sich und dem Wollnashorn plötzlich sehr kurz. Jäh wurde er sich der Kraft und Wucht des massigen Körpers bewusst, die alles überrannte, was sich ihm in den Weg stellte. Es blieb nur wenig Zeit, sich zu beruhigen und das Ziel ins Auge zu fassen. Er musste all seine Geschicklichkeit zusammen nehmen und den Speer sofort werfen. Die Chance, den Bullen von vorne zu töten, war allerdings gering. Er konnte nur versuchen, Hals oder Maul zu treffen. Da hörte er rechts von sich ein Geräusch. Sein Vater war ihm zu Hilfe gekommen. Dieser klatschte in die Hände und der Bulle wirbelte herum, bereit den neuen Gegner anzugreifen. Ingor aber war für einen Augenblick außer Gefahr und konnte  die Flanke des Bullen zum Ziel nehmen.  Instinktiv suchten seine Füße nach Halt, während er das eingekerbte Ende seines Speeres auf den Dorn des Wurfholzes schob. Sich rückwärts beugend, holte er zum Wurf aus. Singend fuhr der Speer mit großer Wucht aus dem Wurfholz. Ingor verfolgte ihn mit angehaltenem Atem. Für einen kurzen Augenblick schien es, als ob er das Blatt treffen würde, die Stelle seitlich hinter dem Vorderlauf, hinter der sich das Herz verbarg. Aber dann sah er, dass die Flugbahn zu hoch verlief. Der Bulle begann wieder zu scharren und sank mit einem Ruck tiefer in den Schnee ein. In diesem Augenblick erreichte der Speer sein Ziel. Es gab einen dumpfen Schlag und die Feuerstein-Spitze fuhr dem Wollnashorn in den Rücken, riss die Haut auf und prallte gegen die Wirbelsäule. Der Hornträger zuckte zusammen, kippte um und fiel mit zuckenden Läufen in den Schnee.

Ingor erstarrte. Das Bild des hilflos im Schnee zappelnden Tieres steigerte seinen Beute-Instinkt ins Maßlose. Er wusste aber, dass sich das Tier nicht in ihrer Gewalt befand. Mit zitternden Händen legte er einen neuen Speer auf das Wurfholz. Ehe er jedoch zum Wurf ausholen konnte, war der Bulle wieder auf den Beinen, sichtete den Menschen und griff mit unglaublicher Schnelligkeit an.

Speerschwingend kamen ihm die Gefährten zu Hilfe. Die Notwendigkeit, den Kampf zu führen, enthob sie der Verpflichtung, seine Gefahren und Risiken zu bedenken. Das Geschehen, in das sie hinein gerissen wurden, erfüllte ihr Bewusstsein mit brennender Intensität. Sie fühlten sich der Herausforderung gewachsen und genossen die spannungsgeladene Situation mit allen Fasern ihres Seins. Es war wie ein Spiel. Der Einsatz war ihr Leben, der Gewinn Fleisch, ihren Hunger zu stillen, um weiter leben zu können.

„Auf die Lichter zielen!“ schrie Ingors Vater. Aber die Männer konnten ihre Speere nicht schleudern. Sie hätten sonst zu leicht Ingor und seinen Vater getroffen. Voller Zerstörungswut wuchtete der Koloss heran, den gehörnten Schädel zum Stoß gesenkt. Ingor stand bewegungslos, wie erstarrt, aber es waren nicht Furcht oder Ratlosigkeit, die ihn mit gespannten Muskeln auf der Stelle verharren ließen. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte zu fliehen. Dennoch gelang es ihm nur mit Mühe, eine aufkommende Panik zu unterdrücken und nicht blind und planlos davon zu laufen. Erst als ihm das mit gesenktem Horn heranstürmende Urtier fast seinen weißen Atem ins Gesicht blies und sein Vater einen Warnruf ausstieß, sprang er mit einem gewaltigen Satz zur Seite. Der Schädel des Wollnashorns fuhr hinter ihm her, das lange Horn streifte seinen Rücken und er erhielt einen Stoß, der ihn kopfüber in den Schnee schleuderte. Der Koloss stoppte seinen Ansturm, wandte sich um und stürmte erneut auf Ingor los, um seinen Gegner nun endgültig zu vernichten, ihn nieder zu trampeln und in einen roten Fleck im Schnee zu verwandeln. 

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