
Skulptur Tiger von Philipp Harth (1885-1968), Gruga (eigenes Foto)
Der Säbelzahn-Tiger will Ingor die Beute abnehmen!
Die Wölfe liefen schnurstracks auf Ingor und das von ihm erlegte Wollnashorn zu. Ingor Gedanken jagten sich. Wie konnte er verhindern, dass die Wolfs-Meute über das Wollnashorn herfiel? Dafür hatte er das Wollnashorn nicht erlegt, dass es jetzt die Wölfe fraßen. Sie sollten es nicht haben. Aber wie konnte er das verhindern? Mit seinen Waffen allein würde er gegen ihre spitzen Fänge nicht ankommen. Wenn er das Nashorn mit Speer und Knochendolch verteidigte, würde er einigen Wölfen schwere Verletzungen zufügen, aber sie ihm wahrscheinlich auch. Er musste verhindern, dass er in die Reichweite ihrer Fangzähne kam. Das war vielleicht mit Hilfe von Feuer möglich. Ein Feuer würde ihnen Angst einflössen. Aber blieb ihm noch soviel Zeit, dass er ein Feuer anzünden konnte? Die Wölfe kamen immer näher. Bald würden sie in die Reichweite seiner Wurfspeere gelangen. Mit zitternden Händen begann Ingor verdorrtes Reisig von den Büschen abzubrechen und Birkenrinde zu sammeln. Auch unter dem Schnee zog er Äste hervor. Feuerstein, Eisenerz und Zunder verwahrte er eingewickelt in seiner Felltasche. Er trampelte den Schnee neben dem Wollnashorn fest, legte ein paar Äste als Unterlage darauf und begann mit dem Feuerstein aus dem goldglänzenden Pyrit Funken zu schlagen, bis einige von ihnen in den Zunder gefallen waren und ihn entflammt hatten. Währenddessen trabten die Wölfe schnell und lautlos heran. Magere Tage lagen hinter ihnen, in denen nach oft langer Hetze nur kärglicher Fang eingekommen war. Sie hatten die Spur des einsamen Jägers gefunden und sahen jetzt den großen Fleischberg vor sich. Je näher die Wölfe kamen, umso nervöser wurde Ingor. Erst nach einer Reihe vergeblicher Versuche gelang es ihm, eine kleine Flamme an zu blasen. Behutsam legte er Birkenrinde und Reisig darauf. Er war in Schweiß gebadet, als das Feuer endlich richtig brannte. Die Wölfe waren jetzt auf Speerwurfweite herangekommen, hatten sich dort in einer Reihe in den Schnee gesetzt und beobachteten ihn aufmerksam, sechs ruppige magere Gestalten, die nur aus Fell, Sehnen und glühenden Augen zu bestehen schienen. Die Mitte nahm der Leitwolf ein, ein mächtiges Tier, groß und hager, das Fell struppig und zerzaust, blickte er mit schräg gestellten, grüngelben Lichtern zu dem Menschen herüber. Ingor war sich nicht sicher, ob die Wölfe mit ihm an der Spitze nicht trotz des Feuers über ihn herfallen würden. Die Witterung von Fleisch und Blut zog sie mächtig an, aber das Feuer flößte ihnen Furcht ein. Flammen und Rauch waren der Schrecken der Wildnis, der gefahrlose Umgang damit allein dem Menschen vorbehalten. Das Feuer brannte jedoch herab. Ingor beobachtete es mit Sorge. Er hatte nur einen geringen Vorrat an trockenen Ästen. Die Glut war noch nicht heiß genug, um auch feuchtes Holz nachlegen zu können. Ingor wandte sich dem Wollnashorn zu, schnitt schweren Herzens ein Stück fettes Fleisch aus seinem Körper und warf es in die Glut. Das Feuer knisterte und prasselte. Es brannte nun heißer und Ingor konnte feuchteres Holz nachlegen. Qualm-Wolken stiegen in den Himmel. Ingor bemerkte es mit Genugtuung. Der Rauch würde den Gefährten zeigen, wo er war. Ingor musste sich neues Brennholz beschaffen, aber die nächsten Sträucher standen eine Strecke entfernt. Er wollte nicht das halbe Wollnashorn verbrennen, dann konnte er es auch gleich den Wölfen überlassen. Aber vielleicht gelang es ihm ja, die Wölfe mit seiner Stimme einzuschüchtern: Wagt euch ja nicht näher heran, drohte er, sonst ergeht es euch schlecht und mit gespieltem Grimm schüttelte er die Faust und stach mit dem Speer in ihre Richtung, riss auch einen brennenden Ast aus dem Feuer, schwenkte ihn durch die Luft und schrie: Hiermit werden ich euch das Fell vesengen! Aber der Wind stand auf die Wölfe zu und sie witterten, dass er nur bluffte und anstatt sich abschrecken zu lassen, setzte sie sich wieder in Bewegung und kamen ein Stück weiter auf den Menschen zu, als Ingor den Ast zurück ins Feuer warf. Außerhalb der Reichweite seines normalen Speers verharrten sie jedoch wieder. Ingor lächelte, als ihm das klar wurde. Die Wölfe kannten die größere Reichweite seiner neuen Waffe noch nicht. Gut, dann würde er sie jetzt an ihnen erproben! Er nahm die Speerschleuder aus seiner Felltasche, legte einen Wurfspeer auf den Dorn seiner Schleuder und wählte den Wolf am linken Ende der Reihe als Ziel, da dieser seiner Wurf-Hand die Seite zuwandte, blickte dabei jedoch nicht zu den Wölfen hin. Erst als etwas hinter den Körper des Wollnashorns zurück getreten war, holte er sorgfältig zielend zum Wurf aus. Sich auf und ab biegend flog der Wurfspeer im Bogen durch die Luft, senkte sich und bohrte sich in den Körper des Wolfes. Der Wolf sprang auf allen Vieren in die Luft, fiel auf die Seite und biss wütend in splitternden Speer. Sein buschiger Schwanz peitschte den Schnee. Ein wilder Tumult entstand: Mit Knurren und Schnappen drangen die anderen Wölfe auf den Verwundeten ein. Sie leckten das frische Blut und wurden zu rasenden Bestien. Ihre Zähne gruben sich in den Hals des verwundeten Tieres und bald lag es mit durchbissener Kehle am Boden. Reißen und Krachen von Knochen waren zuhören, Schmatzen und gieriges Hecheln und als die Wölfe wieder aus einander liefen, lagen nur noch die Reste des zerfetzten Balges im Schnee. Um zu verhindern, dass ihn das gleiche Schicksal ereilte, hatte Ingor das Feuer verlassen, um Brennholz zu sammeln. Dabei ließ er die Wölfe zu lange aus den Augen. Plötzlich hatte er ihren scharfen Raubtier-Geruch in der Nase. Als er sich umwandte, waren sie schon dabei, ihn zu umschleichen und vom Feuer abzuschneiden. Er lief zum Feuer zurück, riss brennende Äste aus dem Feuer und schleuderte sie auf die heranstürmende Meute. Ein Funken sprühender Knüppel traf einen der Wölfe. Es roch nach angesengtem Fell und der Getroffene wälzte sich im Schnee. Die anderen wichen knurrend zurück. Ingor betete: Herr der Tiere, hilf mir, dass ich das Wollnashorn nicht den Wölfen überlassen muss! Ingors Feuer war fast erloschen. Behutsam legte er dürres Astwerk nach, die Wölfe dabei aus den Augenwinkeln beobachtend. Auf einmal veränderte sich etwas bei den Wölfen. Ihre Aufmerksamkeit war nun nicht mehr nur auf ihn gerichtet. Ah, meine Gefährten kommen, dachte Ingor. Sie wittern Menschen. Und plötzlich liefen die Wölfe davon. Ingor spähte in die Richtung, aus der seine Gefährten kommen mussten. Das Feuer war jetzt nicht mehr wichtig. Es war auch schon fast erloschen. Und dann kam auch jemand über den Hügel, aber keine Menschen, sondern der Säbelzahn-Tiger. Ingor erschrak bis ins Mark. Der Säbelzahn-Tiger war der Herr des Landes, derjenige, dessen Namen die Menschen nicht einmal auszusprechen wagten, aus Furcht ihn damit zu rufen. Sich seines Königtums bewusst, schritt er majestätisch und unaufhaltsam heran. Den Menschen und sein kleines Feuer schien er nicht einmal zu bemerken. Ingor floh. Nun war alles verloren. Alle Anstrengungen waren umsonst. Sein Stamm würde verhungern. Das Wollnashorn gehörte nun dieser fürchterlichen Bestie. Seine Gefährten würden nicht wagen, ihn anzugreifen und das gewaltige Raubtier würde sich auch gar nicht vertreiben lassen. Ingor war in die Richtung der Gefährten des erlegten Wollnashorns geflohen und hatte nun plötzlich ihren Geruch in der Nase. Erst jetzt erinnerte er sich wieder an sie. Und als er weiter lief, standen sie plötzlich vor ihm. Der Wind wehte von ihnen herüber und sie konnten ihn nicht wittern, auch nicht das Blut ihres Gefährten. Aber sie spürten, dass etwas nicht in Ordnung war. Hoch aufgerichtet standen sie da, stapften unruhig hin und her und wippten mit ihrem langen spitzen Horn. In Ingors immer noch von Panik überflutete Gehirn drängte sich wie von außen kommend ein Gedanke: Mit diesen beiden gewaltigen Kämpfern an seiner Seite war er dem Säbelzahn-Tiger ebenbürtig. Wenn sie ihren toten Gefährten fanden, würden sie ihn bewachen. Von dem Säbelzahn-Tiger würden sie sich nicht vertreiben lassen. Sie würden den Kampf mit ihm aufnehmen, falls er sie angriff. Jedenfalls hoffte Ingor das. Ingor schlug auf das Gebüsch und die beiden Giganten warfen sich herum und spähten in seine Richtung. Langsam ging er auf sie zu. Sie wippten mit ihrem Horn. Ingor begann mit seinen Armen zu fuchteln. Die beiden Riesen setzten sich in Bewegung, um den Menschen zu vertreiben. Langsam wich Ingor zurück. Die beiden Hornträger folgten. Der erste beschleunigte seinen Gang und Ingor ging etwas schneller rückwärts. Als aber dann das Wollnashorn stehen blieb, verharrte auch Ingor, begann wieder mit seinen Armen zu fuchteln und ging erneut auf das Wollnashorn zu. Das setzte sich nun in in Trab und Ingor lief in Richtung des erlegten Tieres davon. Das Wollnashorn holte rasch auf, aber nun tauchten sie auch schon in den Dunstkreis des toten Wollnashorns und des Säbelzahn-Tigers ein. Ingor sprang zu der Seite, in welche der Wind blies und ließ sich hinter einem Strauch zu Boden gleiten. Damit hatte ihn das Wollnashorn aus seiner Wahrnehmung verloren. Aber der Hornträger hatte nun auch ein anderes Ziel. Neben seinem toten Gefährten blieb er stehen, senkte den Kopf und schnupperte an dem toten Tier. Auch das andere Wollnashorn kam nun heran. Der Säbelzahn-Tiger hatte sich etwas zurückgezogen. Er konnte warten. Irgendwann würde der Hunger die Hornträger weitertreiben. Aber da war auch noch Ingor. Der Säbelzahn-Tiger beachtete ihn gar nicht. Er war es gewohnt, dass sich ihm die Menschen unterwarfen. Ein einzelner Mensch hatte sich ihm noch niemals entgegen gestellt. Er war eine leichte Beute. In der Nähe der beiden Hornträger war der Mensch vorübergehend auch in einer gewissen Sicherheit. Wenn der Säbelzahn-Tiger jetzt versuchen sollte, ihn sich zu greifen sozusagen als Vorspeise zu dem gewaltigen Mahl, das ihm sicher schien, würden ihn die beiden Hornträger aufzuspießen versuchen. Also tat er so, als sähe er den Menschen überhaupt nicht und schenkte ihm auch tatsächlich keine Aufmerksamkeit. Das sollte sich als Fehler erweisen. Ingor zitterte zwar vor Angst, aber in einer gewissen Weise hatte er es geschafft, dass die beiden Hornträger jetzt seine Verbündeten waren. Und er besaß auch noch seine Speerschleuder und zwei seiner besten Wurfspeere und ebenso wie die Wölfe kannte auch der Säbelzahn-Tiger nicht die größere Reichweite seiner neuen Waffe. Etwas wie eine Wesenheit in ihm flößte ihm Vertrauen ein. Diese Wesenheit war wie ein Freund. Ihr schien daran gelegen, dass der Mensch Sieger blieb und die Herrschaft des Säbelzahn-Tigers abschüttelte. Gleichzeitig gab er Ingor aber auch das Gefühl, dass es eigentlich nicht wichtig sei, wie dieses Drama endete. Dadurch beruhigte sich Ingor und seine Glieder hörten sogar auf zu zittern. Langsam richtete Ingor sich auf und legte einen seiner beiden Wurfspeere auf das Wurfholz. Der Säbelzahn-Tiger lagerte innerhalb der Reichweite seiner neuen Waffe, ebenso wie die Wölfe es getan hatten.