Ingor, der Enkel des Schamanen, 15. bis 28. April 2009: Begegnung mit den Alten Menschen!

Mensch der Urzeit aus dem Neanderthal Museum!

Mensch der Urzeit aus dem Neanderthal Museum! (eigenes Foto)

Begegnung mit den Alten Menschen!

Ingor wandte sich dem Tiger zu. Er musste ihn häuten. Das Fell wollte er seinem Großvater schenken; die weiß schimmernden Reißzähne des Tigers aber für sich behalten. Er würde sie zu einer Kette zusammen fügen.

Sein Vater kam ihm zu Hilfe.

„Das Fell werde ich Großvater schenken“, sagte Ingor.

„Ja, das solltest du tun“, stimmte sein Vater zu. „Er wird es in sein Zauberzelt hängen und alle werden es sehen und sich daran erinnern, dass ein einzelner Mensch fähig ist, diese übermächtige Raubkatze zu besiegen. Es wird ihnen Mut machen und sie werden sich auch daran erinnern, dass du es bist, der ihnen dies gezeigt hat.“

Ingor nickte überrascht. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Ihm wurde mit einmal klar, dass er einer derjenigen war, mit dem der Weg des Menschen als dem Herrn über die Erde begann.

„Ich werde dir helfen, ihm den Pelz abzuziehen“, fuhr sein Vater fort. „Wir dürfen immer nur kleine Schnitte machen, damit das Fell unversehrt bleibt.“

Die anderen fuhren fort, das Wollnashorn zu zerlegen. Zum Teil häuteten sie das Urtier auch. Mit Boxen und Zerren rissen sie die Decke herunter. Ihre Feuerstein-Klingen traten dabei nur ab und zu in Aktion. Zwischendurch steckten sie sich Fleisch- und Fettstücke in den Mund. Lange bevor sie mit dem Zerlegen der Beute fertig waren, loderte ein Feuer empor und sie begannen zu kochen und zu braten. Nachdem sie viel rohes Fleisch verzehrt hatten, verlangte es sie nun nach Gesottenem und Gebratenem, vor allem aber auch nach Flüssigkeit. Alle verspürten einen gewaltigen Durst. Sie spannten ein großes Stück Nashornfell zwischen mehreren Stöcken auf, stopften es voll mit Schnee und gefrorenem Blut. Dann legten sie heiße Steine dazu, die sie rotglühend aus dem Feuer holten. Immer noch mehr Schnee häuften sie in ihrem „Felltopf“ auf. Der Schnee schmolz, Flüssigkeit sammelte sich an, lief in der Mitte zusammen und begann über den heißen Steinen zu blubbern. Da legten sie auch fettes Fleisch und lange Markknochen hinzu, die über den Rand des Fells hinaus lugten. Sie sammelten auch essbare Pflanzen sowie die inneren Schichten von Baumrinde und warfen sie in das kochende Wasser. Braten- und Kochdüfte erfüllten die Luft und das Wasser lief ihnen im Mund zusammen. Mit Bechern aus Birkenrinde schöpften sie immer wieder von der nahrhaften Suppe und tranken sie andächtig in kleinen Schlucken. Dann schlugen sie wieder ihre Zähne in gebratenes Fleisch und säbelten die Bissen mit ihren Feuerstein-Klingen dicht vor ihren Lippen ab. Das Fett tropfte ihnen dabei aus den Mundwinkeln. Und dann zertrümmerten sie auch die Knochen, von denen sie das Fleisch abgenagt hatten, mit der stumpfen Seite ihrer Steinwerkzeuge und schlürften das heiße Mark.  

Eine Zeitlang stopften sie noch Fleisch, Fett und Knochenmark in sich hinein, dann brachen Ingors Vater und der Haupttrupp der Gefährten mit einem Teil der Beute auf. „Passt gut auf, dass euch niemand das Fleisch fortschnappt“, rief noch jemand von ihnen, dann verschwanden sie im Schnee-Gestöber. Ingor konnte ihre Freude spüren, mit reicher Beute nach Hause zurück zu kehren. Voll gepfropft stand er mit dem Rücken zum Feuer und winkte ihnen nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Dann richteten sich die Zurückbleibenden am Feuer ein. Sie legten Fichtenzweige in mehreren Schichten übereinander und ließen sich darauf nieder. Es wehte ein kalter Wind, so dass sie immer näher an die Glut heran rückten, bis  ihnen die Flammen den Pelz ansengten. Da sie im Rücken immer noch froren, begannen sie aus Kiefernzweigen und Stangen einen zum Feuer geneigten Windschirm zu errichten. Die Kiefernzweige reflektierten die Wärmestrahlen und hielt die Warmluft gefangen. Die Nahrung wärmte sie von innen her und es wurde ihnen seit langer Zeit zum ersten mal wieder richtig warm. Nach den Anstrengungen und Aufregungen des Tages und dem üppigen Mahl konnte Ingor kaum noch die Augen offen halten. Er war noch dabei, das Fell des Tigers von den letzten Fleisch- und Fettresten zu säubern. Aber jetzt zog er sich den schweren Pelz des Tigers über seinen Körper. Seine Hände tasteten noch einmal über das lange Horn des Wollnashorns, dann begann er mit offenen Augen zu träumen und war bald in einen tiefen Schlaf gefallen.

Im Traum begegnete er dem toten Wollnashorn. Es sprang aus dem Gerippe heraus und griff ihn mit gesenktem Haupt an. Bevor Ingor ausweichen konnte, hatte ihn das Horn des Geister-Nashorns durchbohrt. In diesem Augenblick drang der Ruf „Die Alten Menschen!“ an sein Ohr und er wurde aus seinem Traum heraus gerissen. Sich die Stelle reibend, an der ihn das Geister-Nashorn getroffen hatte, blinzelte er in die Sonne und wusste eine Zeitlang nicht, ob er wachte oder träumte.

Mit ihren Nasen in der Luft schnüffelnd, kamen nämlich fünf zottige Gestalten heran. Ingor sprang auf und griff zu seinem Speer. Die anderen standen schon kampfbereit. Untersetzt und muskulös stapften die Fremden auf Schneeschuhen weiter auf sie zu, blieben aber dann stehen und legten ihre Waffen, Speere und Keulen, vor sich in den Schnee. „Ich hatte sie für größer gehalten“, murmelte Bär. „Aber das einzige, was bei ihnen groß ist, sind ihre Nasen.“ „Und ihre langen starken Arme“, ergänzte ein anderer. „Sie sind bärenstark!“

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