Ingor, der Enkel des Schamanen, 13. Mai bis 26. Mai 2009: Der magische Faustkeil des Schamanen der Alten Menschen!

Das Geister-Nashorn als Totem-Tier aus dem Faustkeil! 

Wollnashorn aus dem Neanderthal-Museum; Kopie eines fein gearbeiteten Faustkeiles (des Archäologen Holger Junker) mit – wie der Autor festzustellen glaubt – magischer Ausstrahlung. Das Original sollte von einem Kultplatz von Steinzeit-Menschen stammen. (eigene Fotos)

I

Ingor, der Enkel des Schamanen – Der magische Faustkeil des Schamanen der Alten Menschen!

Als Kalla und Ingor um ein Weidengebüsch herum bogen, hatten sie freien Blick auf das Lager und er ließ sie los. Mit Erschrecken sahen sie, dass ein Kampf entbrannt war. Einer der Alten Menschen stieß Bär vor die Brust, dass er zurücktaumelte und in den Schnee stürzte. Bär war sofort wieder auf den Beinen, entriss einem Gefährten die Harpune und schleuderte sie, ohne jedoch zu treffen.

Die Alten Menschen waren aufgesprungen. Einen großen Knochen wie eine Keule schwingend, stürzte einer von ihnen auf Bär los. Bär flüchtete auf die andere Seite des Feuers hinter seine Gefährten. Diese griffen zu ihren Speeren.

Ingor und Kalla liefen, so schnell sie konnten, auf den Kampfplatz zu. „Nicht werfen!“ schrie Ingor und Kalla rief etwas mit bebender Stimme, das er nicht verstand. Da senkten die Kontrahenten ihre Waffen ein wenig. Mit angespannten Muskeln standen sich die beiden Parteien gegenüber.

„Worauf  wartet ihr noch!“ schrie Bär. „Tötet sie!“

Ingor stellte sich zwischen seine Gefährten und die Alten Menschen und Kalla ging mit ausgebreiteten Armen und beschwichtigender Stimme auf ihre Leute zu.

„Was ist geschehen?“ fragte Ingor.

„Ich stehe ganz friedlich am Feuer, da greift mich dieses Ungeheuer an“, begann Bär zu schimpfen. „Das ist alles deine Schuld. Wenn du den Alten Menschen nicht das Wollnashorn überlassen hättest, wäre das nicht passiert.“

Der Dolmetscher der Alten Menschen mischte sich ein:

„Dein Gefährte hat sich nicht an die Abmachung gehalten, die wir getroffen hatten, nämlich dass uns das Gerippe und die Überreste des Wollnashorns gehören, wie sie da liegen. Er hat sich noch weitere Knochen geholt, um sie zu zertrümmern. Das konnten wir nicht zulassen. Das Wollnashorn ist unser Totemtier. Wir brauchen die Knochen, damit es wieder auferstehen kann. So glauben das meine Gefährten.“

„Nein“, so war das nicht“, widersprach Bär, „diese Markknochen besaß ich schon, noch bevor ihr eure Abmachung getroffen hattet, mit der ich sowieso nicht einverstanden bin. Ich wollte sie meinem toten Bruder mit ins Grab geben. Er hat das Mark darin so gerne gegessen.“

„Stimmt das“ fragte Ingor die anderen, „besaß er die Markknochen schon?“. Einer schüttelte den Kopf: „Nur einen Teil davon. Er hat sich noch welche dazu geholt.“ Die anderen sagten nichts.

„Nimm alle Knochen!“ wandte Ingor sich an den Dolmetscher „und ihr sollt auch das Horn des Wollnashorns haben“, sagte er, einem Impuls folgend und Ingor ging und holte das lange schwarze Horn des Wollnashorns, das er in ein Fell gewickelt hatte, und reichte es Kalla. Kalla strahlte über das ganze Gesicht, doch ihre großen Augen schimmerten feucht, als sie es entgegennahm.

„Es ist gut, dass du das Horn meiner Tochter gibst“, sagte der Dolmetscher, nachdem er die Knochen eingesammelt hatte. „Kalla wird deine Gabe dem Schamanen als ein Zeichen des Friedens überreichen. Es wird ihn freundlich stimmen.“

Ingor reichte dem Dolmetscher, Kallas Vater, wie er nun wusste, die Hand und dann auch Kalla. Kallas Augen hafteten an Ingors Gesicht und Ingor konnte nicht anderes und presste sie an sich. Dann schieden sie. Ingor blickte ihr nach. Bevor sie dem Schamanen das Horn des Wollnashorns überreichte, wandte sie sich noch einmal nach Ingor um und hob ihre Hand und auch Ingor winkte ihr zu.

Die Alten Menschen fuhren fort, Fleisch von den Knochen abzulösen. Die Knochen trugen sie anschließend an einer Stelle zusammen.

„Es scheint, dass sie die Knochen des Wollnashorns begraben wollen“, dachte Ingor sich und Bär spottete:

„Das Wollnashorn ist ihr hoch verehrtes Totemtier, ihr lieber Freund und Bruder, dem sie die letzte Ehre erweisen. Dieses urtümliche Tier passt ganz gut zu ihnen, hässlich, aber leider auch stark. Jetzt sammeln sie die Knochen, damit es wieder auferstehen kann. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie sie auch noch rot anmalen oder rote Erde darauf streuen. Was für ein dummer Aberglaube! Aber das Wollnashorn kann ja gar nicht mehr vollständig auferstehen“, fuhr er hämisch fort. „Einige seiner Knochen sind schon hier im Feuer verbrannt. Da werden sie sich aber sehr grämen, wenn es dann lahmt. Ob sie Ingor je verzeihen  können, was er ihrem Freund und Bruder angetan hat?

Zu seinem Glück wird Kalla, so hieß doch diese gewöhnungsbedürftige Schöne, für ihn sprechen. Habt ihr gesehen, wie sie Händchen hielten, als sie aus dem Fichtenwäldchen heraus kamen. Was mag dort wohl geschehen sein? Sie waren lange fort. Ihr hat er ja auch das Horn des Wollnashorns geschenkt.“

Ingor hielt es nicht für notwendig, auf Bärs Schmähreden zu antworten. Er blickte zu den Alten Menschen hinüber und beobachtete, wie der Schamane einen größeren Fellstreifen über die Knochen ausbreitete – anscheinend ein Stück Fell des Wollnashorns. Darauf legte er etwas, das wie ein feingearbeiteter Faustkeil aussah. Das lange schwarze Horn des Wollnashorns legte er daneben, wie Ingor mit Wohlgefallen bemerkte. Die Gefährten des Schamanen, darunter auch Kalla, standen um ihn herum. Ingor stellte sich auf die Zehenspitzen, um dem Geschehen besser folgen zu können. Der Schamane erhob seine beiden Arme zum Himmel. Er schien die Geister anzurufen. Seine Beschwörungen, die der Wind herübertrug, konnte Ingor nicht einmal als die Worte von Menschen verstehen. Sie schienen ihm wie Naturgeräusche von großer magischer Kraft. Und dann sah Ingor mit großem Erstaunen, wie in dem Faustkeil eine Kraft zu rotieren begann und einen Wirbel bildete, wie er ihn aus rasch fließendem Wasser kannte. Der Wirbel färbte sich rot und dehnte sich aus und dann formte sich in dem magischen Wirbel ein Gebilde mit großem Kopf und langem Horn und wuchs allmählich zu voller Größe heran – ein Geister-Nashorn, das Totem-Tier der Alten Menschen – der Geist des von ihm erlegten Woll-Nashorns, wie Ingor plötzlich bewusst wurde.  

 

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