Kalla folgt Ingor, um (eine Zeitlang) mit ihm zu leben!
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Wildgänse auf dem Flug nach Norden! (eigenes Foto)
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Prolog
Vögel und Pferde springen aus meiner Brust. In den Ohren Wiehern und das Stampfen von Hufen, greife ich in die strähnige Mähne eines Tarpans, spüre das warme pulsierende Leben unter der feuchten Haut. Der fliehende Hengst reißt mich mit sich. Äste peitschen meinen Körper. Raben spreizen die Flügel und fliegen krächzend in die Höhe. Ihre Schwingen streifen mein Gesicht; ich atme den Geruch von Federn und Mähne.
Von einer Klippe herab spähe ich in die Morgendämmerung, hinweg über das mit gelbem Staub bedeckte Land, im Gesicht den schneidenden Wind von den Gletscherströmen und endlosen Firnebenen im Norden.
Nebelschwaden treiben im Tal und über den Fluss schwimmt mit fein geästelten Geweihen ein Rudel Rentiere. Wild und mit heißem Herzen führt meine Faust die geschärfte Feuerstein-Klinge. In der Linken die forkelnde Geweihstange, stoße ich die Silex-Klinge in die Kehle des am Boden liegenden Hirsches. Die weiße Mähne färbt sich rot und die braunen Läufe zucken. Mein Mund saugt das hervorsprudelnde rauchende Blut.
Der Frühling zieht ins Land ein!
Kalla war Ingor gefolgt. Sie hatte ihm durch ihren Vater sagen lassen, dass sie gerne bei ihm bleiben möchte, solange, bis man sie wegschicke oder sie selber zu gehen wünsche. Ingor hatte geantwortet, dass er das nicht alleine entscheiden könne. Er müsse den Schamanen, seinen Großvater, fragen. Kalla war aber gleich schon mit gekommen. Sie hatte sie einen viel einfacheren Weg geführt, als sie ihn genommen hätten. Da war Ingor klar geworden, dass er viele Dinge von ihr lernen konnte. Als sie in ihr Dorf zurück kehrten, wusste der Schamane schon, dass eine Frau der Alten Menschen Ingor gefolgt war. Es ist gut so, sagte er. Durch sie werden mehr von unseren Leuten leben. Ingor sollte von ihr die Sprache der Alten Menschen lernen. Das sei wichtig für den Stamm. Kalla zeigte den Frauen essbare Pflanzen, die sie noch nicht kannten.
Ingor und Kalla wohnten in ihrer eigenen Hütte. Seine Eltern, der Großvater und Freunde hatten Felle dazu beigesteuert und beim Bau geholfen. Ihre Schlaffelle hatte Kalla gleich mit gebracht. Ingor lernte Kallas Sprache und Kalla die von Ingor. Kalla lernte viel rascher als Ingor. Ingor tröstete sich damit, dass ihr Vater sie ja wahrscheinlich schon etwas von seiner Sprache gelehrt hatte.
Wenn sie nicht zusammen unterwegs waren, brachte Ingor ihr von seinen Streifzügen oft etwas mit, eine breite Feder aus dem Stoß eines Adlers, goldglänzendes schweres Erz, Steine, die im Sonnenlicht in allen Farben glitzerten, aber auch nützliche Dinge wie Feuersteine, von denen sie scharfe Klingen abspaltete, indem sie mit einem anderen Stein schräg dagegen schlug. Darin war sie sehr geschickt. Ingor fertigte auch eine Speerschleuder mit den zugehörigen Speeren für sie an. Wenn sie allein war, übte sie sich im Werfen damit. Ihre Speere flogen immer weiter und wichen auch immer weniger vom Ziel ab. Eines Tages brachte Ingor ihr eine große Muschel mit. Er hatte sie gegen einen seiner Faustkeile eingetauscht. Die Muschel stamme von einem unermesslich großen See, dessen Wasser salzig schmeckte, dem Meer, wurde gesagt. Wenn man sie an das Ohr hielt, war ein Rauschen zu hören. War dies das Rauschen des Meeres, aus dem die Muschel stammte? Ingor hielt die Muschel Kalla ans Ohr. Kalla lächelte, als sie das Rauschen hörte. Es erinnerte sie an daheim. Auch ihr Volk kannte dieses Rauschen. Es kam aus dem eigenen Körper. Kalla zeigte Ingor ihre Zuneigung auf vielerlei Weise. Am liebsten mochte er, wenn sie ihren Kopf an seine Schulter schmiegte.
Bei den Versammlungen trug Ingor seine Kette mit den Zähnen des Tigers, den er erlegt hatte. Groß, gelb und gebogen lagen die Reißzähne auf seiner Felljacke und die Gefährten und Frauen warfen einen scheuen Blick darauf. Ingor schritt dann stolzer aus und wähnte sich mitunter sogar unbesiegbar. Er konnte zwar vernichtet, aber niemals besiegt werden. Aber Ingor ahnte auch, dass dies vielleicht eine Illusion war.
Von Tag zu Tag mehr Kraft schöpfend, kehrte die Sonne in Waldland und Tundra zurück. Zwar rasten von Zeit zu Zeit noch Schneestürme über das Land, vor denen die Jäger, wenn sie unterwegs waren im Dickicht und unter überragenden Felswänden Schutz suchten, doch warme Westwinde und die Mittagssonne knabberten ununterbrochen an der Schneedecke und schon lugten an den Südhängen Flecken von Moos- und Flechten-Polstern aus der Schneedecke hervor. Dann strömte tagelang der Regen herab und Eis und Schnee tauten mächtig. In den Mulden mit Dauerfrost-Boden sammelten sich die Schmelzwasser und bildeten Tümpel, deren Ränder bald Wollgras mit seinen weißen Flughaaren säumen würde. Große Teile des Landes versanken in unwegsamem Morast.
Bevor jedoch alle Gräser, Kräuter, Büsche und Bäume saftig wurden, brach das Eis des Flusses. Der Fluss brauste unter der Eisdecke und stöhnend und ächzend hob sich die Eisfläche; Sprünge liefen durch das Eis und Wasser spritzte aus den Rissen. Tag und Nacht donnerte das Eis und wurde immer grauer, bis schließlich die Eisdecke von der Wasserfülle in Stücke gerissen wurde. Aber die Eisschollen kamen erst in Fahrt, als einige Tage später die Eissperre am unteren Flusslauf brach. Mit gewaltigem Getöse wurden da die Eisschollen von den Fluten stromabwärts geschoben. Dunstschwaden trieben über die erwachende Erde, doch die Sonne am blassblauen Himmel schaffte sich Bahn.
Die Luft war erfüllt von den Rufen nordwärts reisender Vogelschwärme. Auch die Rentiere kehrten zurück, viele schon mit neuen samtenen Geweihen. In kleinen Rudeln zerstreuten sie sich über die Weite des Landes. Den Bären lief das Schmelzwasser in die Winterhöhlen. Sie erwachten, reckten und streckten die eingerosteten Glieder und krochen abgemagert und schlotterndem Fell ans Tageslicht.
Eine Mammut-Herde wurde gesichtet. Ingor erschrak bis ins Mark, als er die gewaltigen Tiere mit ihrem im Profil deutlich sichtbaren Rückenhöcker, ihren gebogenen Stoßzähnen und hin und her schwankenden Rüssel in der Ferne erblickte. Sie erinnerten ihn an einen Traum, in dem die Jagd auf das Mammut in einer Katastrophe endete.
Der Männer im Lager bemächtigte sich eine große Aufregung. Die jungen Männer wollten sich an eines der Tiere heranschleichen und ihm von unten den Speer in die Eingeweide rammen. Auf Können und Glück eines Jägers allein kommt es dann an. Er allein folgt der Herde, nur in Gedanken sind die Gefährten bei ihm. Wenn die Kolosse um die Mitte des Tages dahin dösen und ausruhen, gleitet er an eines der Tiere heran, gegen den Wind und geräuschlos, den Körper mit den Exkrementen der Dickhäuter eingeschmiert, das Pochen des Herzens in der Halsschlag-Ader. Wenn er zustößt und in den Augenblicken, die folgen, bewegt er sich im Schatten des Todes. Nicht immer stürzt das überrumpelte Mammut brüllend davon und seine Gefährten mit ihm. Wird der Angreifer bemerkt, so ist kein Platz mehr für ihn unter den Lebenden. Ein Rüsselschlag schmettert ihn zu Boden, die gewaltigen Füße zermalmen ihn zu einem roten Fleck. Das Mammut mit dem Speer in den Eingeweiden aber verblutet.
Ingor sagte, es sei genug anderes Wild da, sie sollten die großen weisen Tiere in Frieden ihre Wege ziehen lassen. Aber darauf hörten die jungen Männer nicht. Sie wollten sich vor den Frauen hervor tun.
Wiederholt hörte Ingor in Träumen die Gefährten in Todesnot schreien. Von Entsetzen gepackt, fuhr er dann aus dem Schlaf hoch, die Schreie im Ohr und die sich im Todeskampf krümmenden Leiber der Gefährten vor Augen.
Ingor ließ die Träume über sich ergehen wie Rentiere einen Schneesturm, stillhaltend und abwartend. Sie strahlten noch eine Zeitlang in sein Tages-Bewusstsein, dann vergaß er sie halbwegs. Eine Woche später träumte er wieder von den großen Tieren mit den nach rückwärts gekrümmten Stoßzähnen. Er und seine Gefährten standen auf dem schmalen Sims einer Felswand und der Rüssel eines zornigen Mammut-Bullen langte hinauf und packte einen Gefährten nach dem anderen. Sie stachen mit ihren Speeren nach dem Mammut, aber sein Rüssel umschlang ihre Beine und zog sie herunter, zerschmetterte und zerstampfte sie. Vor ohnmächtiger Wut und Entsetzen geriet Ingor außer sich. Hätte er nur seine Wurfschlinge dabei. Mit der Wurfschlinge hätten sie sich retten können. Er musste sie nur über einen der Felsen über ihnen werfen. Sich an den geflochtenen Leder-Riemen hochziehend, hätten sie die Felswand ganz erklettern und aus dem Bereich des Mammut-Rüssels fliehen können.
Ingor sprach mit Kalla über seine Träume. Ach deshalb schläfst du in letzter Zeit so unruhig, sagte sie. Wir müssen beten, dass es nicht so kommt. Durch Beten lässt sich Unheil abwenden. Außerdem musst du immer deine Wurfschlinge dabei haben, wenn dir dies mitunter auch unsinnig erscheint. Ingor nickte und warf einen Blick auf seine Wurfschlinge, die aufgewickelt an einer Zeltstange hing. Er machte sich daran, ihre Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Kalla aber versenkte sich in ein Gebet.