Ingor, der Enkel des Schamanen, 17. März bis 30. März 2009: Der Säbelzahn-Tiger will Ingor die Beute abnehmen!

März 17th, 2009

 Der Säbelzahn-Tiger will Ingor die Beute abnehmen!

Skulptur „Tiger“ von Philipp Harth (1885-1968), Gruga (eigenes Foto)

Der Säbelzahn-Tiger will Ingor die Beute abnehmen!

Die Wölfe liefen schnurstracks auf Ingor und das von ihm erlegte Wollnashorn zu. Ingor Gedanken jagten sich. Wie konnte er verhindern, dass die Wolfs-Meute über das Wollnashorn herfiel? Dafür hatte er das Wollnashorn nicht erlegt, dass es jetzt die Wölfe fraßen. Sie sollten es nicht haben. Aber wie konnte er das verhindern? Mit seinen Waffen allein würde er gegen ihre spitzen Fänge nicht ankommen. Wenn er das Nashorn mit Speer und Knochendolch verteidigte, würde er einigen Wölfen schwere Verletzungen zufügen, aber sie ihm wahrscheinlich auch. Er musste verhindern, dass er in die Reichweite ihrer Fangzähne kam. Das war vielleicht mit Hilfe von Feuer möglich. Ein Feuer würde ihnen Angst einflössen. Aber blieb ihm noch soviel Zeit, dass er ein Feuer anzünden konnte? Die Wölfe kamen immer näher. Bald würden sie in die Reichweite seiner Wurfspeere gelangen. Mit zitternden Händen begann Ingor verdorrtes Reisig von den Büschen abzubrechen und Birkenrinde zu sammeln. Auch unter dem Schnee zog er Äste hervor. Feuerstein, Eisenerz und Zunder verwahrte er eingewickelt in seiner Felltasche. Er trampelte den Schnee neben dem Wollnashorn fest, legte ein paar Äste als Unterlage darauf und begann mit dem Feuerstein aus dem goldglänzenden Pyrit Funken zu schlagen, bis einige von ihnen in den Zunder gefallen waren und ihn entflammt hatten. Währenddessen trabten die Wölfe schnell und lautlos heran. Magere Tage lagen hinter ihnen, in denen nach oft langer Hetze nur kärglicher Fang eingekommen war. Sie hatten die Spur des einsamen Jägers gefunden und sahen jetzt den großen Fleischberg vor sich. Je näher die Wölfe kamen, umso nervöser wurde Ingor. Erst nach einer Reihe vergeblicher Versuche gelang es ihm, eine kleine Flamme an zu blasen. Behutsam legte er Birkenrinde und Reisig darauf. Er war in Schweiß gebadet, als das Feuer endlich richtig brannte. Die Wölfe waren jetzt auf Speerwurfweite herangekommen, hatten sich dort in einer Reihe in den Schnee gesetzt und beobachteten ihn aufmerksam, sechs ruppige magere Gestalten, die nur aus Fell, Sehnen und glühenden Augen zu bestehen schienen. Die Mitte nahm der Leitwolf ein, ein mächtiges Tier, groß und hager, das Fell struppig und zerzaust, blickte er mit schräg gestellten, grüngelben Lichtern zu dem Menschen herüber. Ingor war sich nicht sicher, ob die Wölfe mit ihm an der Spitze nicht trotz des Feuers über ihn herfallen würden. Die Witterung von Fleisch und Blut zog sie mächtig an, aber das Feuer flößte ihnen Furcht ein. Flammen und Rauch waren der Schrecken der Wildnis, der gefahrlose Umgang damit allein dem Menschen vorbehalten. Das Feuer brannte jedoch herab. Ingor beobachtete es mit Sorge. Er hatte nur einen geringen Vorrat an trockenen Ästen. Die Glut war noch nicht heiß genug, um auch feuchtes Holz nachlegen zu können. Ingor wandte sich dem Wollnashorn zu, schnitt schweren Herzens ein Stück fettes Fleisch aus seinem Körper und warf es in die Glut. Das Feuer knisterte und prasselte. Es brannte nun heißer und Ingor konnte feuchteres Holz nachlegen. Qualm-Wolken stiegen in den Himmel. Ingor bemerkte es mit Genugtuung. Der Rauch würde den Gefährten zeigen, wo er war. Ingor musste sich neues Brennholz beschaffen, aber die nächsten Sträucher standen eine Strecke entfernt. Er wollte nicht das halbe Wollnashorn verbrennen, dann konnte er es auch gleich den Wölfen überlassen. Aber vielleicht gelang es ihm ja, die Wölfe mit seiner Stimme einzuschüchtern: „Wagt euch ja nicht näher heran“, drohte er, “sonst ergeht es euch schlecht“ und mit gespieltem Grimm schüttelte er die Faust und stach mit dem Speer in ihre Richtung, riss auch einen brennenden Ast aus dem Feuer, schwenkte ihn durch die Luft und schrie: „Hiermit werden ich euch das Fell vesengen“! Aber der Wind stand auf die Wölfe zu und sie witterten, dass er nur bluffte und anstatt sich abschrecken zu lassen, setzte sie sich wieder in Bewegung  und kamen ein Stück weiter auf den Menschen zu, als Ingor den Ast zurück ins Feuer warf. Außerhalb der Reichweite seines normalen Speers verharrten sie jedoch wieder. Ingor lächelte, als ihm das klar wurde. Die Wölfe kannten die größere Reichweite seiner neuen Waffe noch nicht. Gut, dann würde er sie jetzt an ihnen erproben! Er nahm die Speerschleuder aus seiner Felltasche, legte einen Wurfspeer auf den Dorn seiner Schleuder und wählte den Wolf am linken Ende der Reihe als Ziel, da dieser seiner Wurf-Hand die Seite zuwandte, blickte dabei jedoch nicht zu den Wölfen hin. Erst als etwas hinter den Körper des Wollnashorns zurück getreten war, holte er sorgfältig zielend zum Wurf aus. Sich auf und ab biegend flog der Wurfspeer im Bogen durch die Luft, senkte sich und bohrte sich in den Körper des Wolfes. Der Wolf sprang auf allen Vieren in die Luft, fiel auf die Seite und biss wütend in splitternden Speer. Sein buschiger Schwanz peitschte den Schnee. Ein wilder Tumult entstand: Mit Knurren und Schnappen drangen die anderen Wölfe auf den Verwundeten ein. Sie leckten das frische Blut und wurden zu rasenden Bestien. Ihre Zähne gruben sich in den Hals des verwundeten Tieres und bald lag es mit durchbissener Kehle am Boden. Reißen und Krachen von Knochen waren zuhören, Schmatzen und gieriges Hecheln und als die Wölfe wieder aus einander liefen, lagen nur noch die Reste des zerfetzten Balges im Schnee. Um zu verhindern, dass ihn das gleiche Schicksal ereilte, hatte Ingor das Feuer verlassen, um Brennholz zu sammeln. Dabei ließ er die Wölfe zu lange aus den Augen. Plötzlich hatte er ihren scharfen Raubtier-Geruch in der Nase. Als er sich umwandte, waren sie schon dabei, ihn zu umschleichen und vom Feuer abzuschneiden. Er lief zum Feuer zurück, riss brennende Äste aus dem Feuer und schleuderte sie auf die heranstürmende Meute. Ein Funken sprühender Knüppel traf einen der Wölfe. Es roch nach angesengtem Fell und der Getroffene wälzte sich im Schnee. Die anderen wichen knurrend zurück. Ingor betete: „Herr der Tiere, hilf mir, dass ich das Wollnashorn nicht den Wölfen überlassen muss!“ Ingors Feuer war fast erloschen. Behutsam legte er dürres Astwerk nach, die Wölfe dabei aus den Augenwinkeln beobachtend. Auf einmal veränderte sich etwas bei den Wölfen. Ihre Aufmerksamkeit war nun nicht mehr nur auf ihn gerichtet. „Ah, meine Gefährten kommen“, dachte Ingor. „Sie wittern Menschen.“ Und plötzlich liefen die Wölfe davon. Ingor spähte in die Richtung, aus der seine Gefährten kommen mussten. Das Feuer war jetzt nicht mehr wichtig. Es war auch schon fast erloschen. Und dann kam auch jemand über den Hügel, aber keine Menschen, sondern der Säbelzahn-Tiger. Ingor erschrak bis ins Mark. Der Säbelzahn-Tiger war der Herr des Landes, derjenige, dessen Namen die Menschen nicht einmal auszusprechen wagten, aus Furcht ihn damit zu rufen. Sich seines Königtums bewusst, schritt er majestätisch und unaufhaltsam heran. Den Menschen und sein kleines Feuer schien er nicht einmal zu bemerken. Ingor floh. Nun war alles verloren. Alle Anstrengungen waren umsonst. Sein Stamm würde verhungern. Das Wollnashorn gehörte nun dieser fürchterlichen Bestie. Seine Gefährten würden nicht wagen, ihn anzugreifen und das gewaltige Raubtier würde sich auch gar nicht vertreiben lassen. Ingor war in die Richtung der Gefährten des erlegten Wollnashorns geflohen und hatte nun plötzlich ihren Geruch in der Nase. Erst jetzt erinnerte er sich wieder an sie. Und als er weiter lief, standen sie plötzlich vor ihm. Der Wind wehte von ihnen herüber und sie konnten ihn nicht wittern, auch nicht das Blut ihres Gefährten. Aber sie spürten, dass etwas nicht in Ordnung war. Hoch aufgerichtet standen sie da, stapften unruhig hin und her und wippten mit ihrem langen spitzen Horn. In Ingors immer noch von Panik überflutete Gehirn drängte sich wie von außen kommend ein Gedanke: „Mit diesen beiden gewaltigen Kämpfern an seiner Seite war er dem Säbelzahn-Tiger ebenbürtig. Wenn sie ihren toten Gefährten fanden, würden sie ihn bewachen. Von dem Säbelzahn-Tiger würden sie sich nicht vertreiben lassen. Sie würden den Kampf mit ihm aufnehmen, falls er sie angriff.“ Jedenfalls hoffte Ingor das. Ingor schlug auf das Gebüsch und die beiden Giganten warfen sich herum und spähten in seine Richtung. Langsam ging er auf sie zu. Sie wippten mit ihrem Horn. Ingor begann mit seinen Armen zu fuchteln. Die beiden Riesen setzten sich in Bewegung, um den Menschen zu vertreiben. Langsam wich Ingor zurück. Die beiden Hornträger folgten. Der erste beschleunigte seinen Gang und Ingor ging etwas schneller rückwärts. Als aber dann das Wollnashorn stehen blieb, verharrte auch Ingor,  begann wieder mit seinen Armen zu fuchteln und ging erneut auf das Wollnashorn zu. Das setzte sich nun in in Trab und Ingor lief in Richtung des erlegten Tieres davon. Das Wollnashorn holte rasch auf, aber nun tauchten sie auch schon in den Dunstkreis des toten Wollnashorns und des Säbelzahn-Tigers ein. Ingor sprang zu der Seite, in welche der Wind blies und ließ sich hinter einem Strauch zu Boden gleiten. Damit hatte ihn das Wollnashorn aus seiner Wahrnehmung verloren. Aber der Hornträger hatte nun auch ein anderes Ziel. Neben seinem toten Gefährten blieb er stehen, senkte den Kopf und schnupperte an dem toten Tier. Auch das andere Wollnashorn kam nun heran. Der Säbelzahn-Tiger hatte sich etwas zurückgezogen. Er konnte warten. Irgendwann würde der Hunger die Hornträger weitertreiben. Aber da war auch noch Ingor. Der Säbelzahn-Tiger beachtete ihn gar nicht. Er war es gewohnt, dass sich ihm die Menschen unterwarfen. Ein einzelner Mensch hatte sich ihm noch niemals entgegen gestellt. Er war eine leichte Beute. In der Nähe der beiden Hornträger war der Mensch vorübergehend auch in einer gewissen Sicherheit. Wenn der Säbelzahn-Tiger jetzt versuchen sollte, ihn sich zu greifen sozusagen als  Vorspeise zu dem gewaltigen Mahl, das ihm sicher schien, würden ihn die beiden Hornträger aufzuspießen versuchen. Also tat er so, als sähe er den Menschen überhaupt nicht und schenkte ihm auch tatsächlich keine Aufmerksamkeit. Das sollte sich als Fehler erweisen. Ingor zitterte zwar vor Angst, aber in einer gewissen Weise hatte er es geschafft, dass die beiden Hornträger jetzt seine Verbündeten waren. Und er besaß auch noch seine Speerschleuder und zwei seiner besten Wurfspeere und ebenso wie die Wölfe kannte auch der Säbelzahn-Tiger nicht die größere Reichweite seiner neuen Waffe. Etwas wie eine Wesenheit in ihm flößte ihm Vertrauen ein. Diese Wesenheit war wie ein Freund. Ihr schien daran gelegen, dass der Mensch Sieger blieb und die Herrschaft des Säbelzahn-Tigers abschüttelte. Gleichzeitig gab er Ingor aber auch das Gefühl, dass es eigentlich nicht wichtig sei, wie dieses Drama endete. Dadurch beruhigte sich Ingor und seine Glieder hörten sogar auf zu zittern. Langsam richtete Ingor sich auf und legte einen seiner beiden Wurfspeere auf das Wurfholz. Der Säbelzahn-Tiger lagerte innerhalb der Reichweite seiner neuen Waffe, ebenso wie die Wölfe es getan hatten.   

Ingor, der Enkel des Schamanen, 03. bis 16. März 2009: Die Stunde des Jägers!

März 3rd, 2009

Die Stunde des Jägers!

Die Stunde des Jägers! (eigenes Foto)

Die Stunde des Jägers!

Auf einer freien Stelle zwischen Gehölz und Bach wählten sie einen Platz für ihr Nachtlager. Sie räumten den Schnee beiseite, brachen Äste von den Bäumen und schlugen mit Steinen ein Loch in das Eis des Baches, um daraus zu trinken. Ingor stürzte mehrere dürre Bäume. Er versetzte sie in Schwingungen, bis sie umbrachen. Dann schleppte er sie zum Lagerplatz. Als er sah, dass das Brennholz für die Nacht ausreichte, brach er Fichten- und Birkenzweige für sein Bett. Danach trieb ihn der Durst zum Bach. Er zerbrach die dünne Eisschicht, die sich wieder über dem Eisloch gebildet hatte und trank in kleinen Schlückchen von dem eiskalten Wasser, bis er seinen Durst gestillt hatte. Die Dämmerung kroch aus den Mulden und Tälern und das Land begann in der Nacht zu versinken. Ingor verspürte Heimweh. Rote Flammen züngelten empor und die Jäger ließen sich neben dem Feuer nieder, um sich zu wärmen und auszuruhen. Sie starrten in die Flammen und gewannen wieder Mut. Als Ingor ans Feuer trat, wandten die Männer ihr Gesicht ab. Ingor fühlte sich elend. Er ließ sich in einer Lücke nieder, die sein Vater für ihn freigelassen hatte. Als ihm die rote Glut ins Gesicht strahlte, vergaß er für einen Augenblick sein Unglück. Auch Grus Geist hatte sich zu ihnen gesellt. Er saß neben seinem Bruder. Aber dann sah Ingor, dass es Gru wieder zu seinem toten Körper zurück trieb. Ob er annahm, dass er wieder hineinschlüpfen und sein altes Leben als Mensch fortführen könnte. Ingor schüttelte den Kopf. Da war keine Hoffnung. Der tote Körper war jetzt schon zu Eis erstarrt.

Nach einer Weile begannen die Männer auf der Seite des Feuers, von der der Wind kam, einen Schneeberg aufzutürmen. Sie benutzten dazu die zackenlosen Schaufeln von Elchgeweihen. Als der Schneeberg etwas mehr als mannshoch war, gruben sie von der Seite her ein Loch hinein und erweiterten es im Innern zu einer kleinen Höhle. Sie stießen ein Rauchloch in die Decke und trugen Feuer in die Höhle, in der es blendend hell wurde. Als der Schnee zu schmelzen und zu schrumpfen begann, löschten sie das Feuer wieder und der Nassschnee gefror zu Eis. Von außen besprengten sie die Schneehöhle mit Wasser, das sofort zu einer harten Eisschicht erstarrte. Die Eishöhle konnte ihnen jetzt als Unterschlupf für die Nacht dienen. Ingor mochte sich nicht zu den Gefährten begeben. Er sah, dass vom Berg herunter ein von Tierherden  ausgetretener Hohlweg lief, der mit Schnee zugeweht war. Mit der Geweihschaufel eines Elches, die am Feuer lag, wühlte und grub er sich in den Schnee hinein. Als er sich bis zur Brusthöhe hinein gearbeitet hatte, begann er leicht bergan einen Gang zu schaufeln, den er hinter dem Eingang etwas erweiterte, so dass zum Schlafen ausreichend Platz war. Er klopfte die Decke fest und bedeckte den Boden mit Fichtenzweigen, die natürliche Biegung nach oben. Darüber legte er Birkenreisig mit den Astenden zum Eingang hin. Schließlich erschien ihm sein Bett hoch genug. Es federte sogar. Darauf würde er nicht frieren. Er stieß mit seinem Speer noch ein Luftloch in die Decke und ließ den Speer gleich darin stehen. Dann kroch er noch einmal nach draußen und presste am Feuer einen großen Schneeball zusammen, um damit den Eingang zu verschließen.

Ingors Vater kam heran: „Willst du nicht lieber mit uns zusammen schlafen“? fragte er. „Es wird kalt. Wir müssen uns gegenseitig wärmen.“ Ingor schüttelte den Kopf.

„Dann ist vielleicht noch Platz bei dir?“

„Nein“, murmelte Ingor. „Ich kann allein auf mich aufpassen. Es gibt nichts, das ich fürchte. Auch nicht Grus Geist dort.“

„Ja“, klagte sein Vater bitter, „du fürchtest dich nicht, aber wir tun es. Deine Mutter und ich sorgen sich um dich.“

„Ihr müsst mich schon meinen Weg gehen lassen“, entgegnete Ingor, „wenn er dann vielleicht auch nicht sehr lang ist.“ Ingor versuchte ein Lächeln.

Sein Vater sah Ingor stumm an. Dann nickte er. „Schlaf gut!“, wünschte er und ging zum Feuer zurück.

Ingor verschloss den Eingang, legte sich eingewickelt in seinen Fellmantel auf das Reisig-Polster und lag ganz still. Sein Gesicht brannte. Die Sonne hatte schon wieder Kraft, doch fehlte es an Fett, die Haut damit einzureiben. Der Hunger begann ihn zu quälen und er fühlte sich schlapp und elend. Gewissensbisse quälten ihn. Er fügte den Gefährten nur Schaden zu. Nicht einmal sein Vater konnte zu ihm halten. Er begann in dem Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen zu treiben und wurde nur wieder etwas wacher, als sein Vater draußen fragte: „Ist alles in Ordnung?“

„Ja“, antwortete Ingor und war plötzlich dem Weinen nahe.

„Wenn es dir zu kalt wird, geh ans Feuer oder komm zu uns“, sagte er noch und ging wieder.

Als Ingor sich auf die Seite legte, störte ihn etwas in einer seiner Manteltaschen und er griff hinein. Es waren Haselnüsse, von denen er nichts gewusst hatte. Die hatte ihm wohl seine Mutter mit gegeben. Das war gut. Er begann ihre Schalen zwischen zwei Feuerstein-Klingen zu knacken und die ölhaltigen Früchte zu essen. Als er sich etwas gesättigt fühlte, sprach er ein Gebet:

„Herr der Tiere, gib das Wollnashorn in unsere Hand“, bat er, „Es wird von seinen Schmerzen erlöst und unsere Sippe hat wieder etwas zu essen und muss nicht verhungern. Schließlich sind wir doch auch deine Geschöpfe!. Lass mich das Richtige tun, damit es so eintrifft.“

Ingor wiederholte seine Bitte so lange, bis er eingeschlafen war. Die Nacht war noch nicht weit fortgeschritten, als sich er unruhig hin und her zu wälzen begann. Seine Glieder zuckten. Im Traum hörte er das verwundete Nashorn schreien. Es raste auf ihn zu und er war wie gelähmt und konnte ihm nicht ausweichen. Der Speer, in den er es fast lächerlicherweise hineinlaufen ließ, zersplitterte und er wurde durch die Luft geschleudert und befand sich plötzlich neben seinem Körper. Ingor erschrak. Wurde ihm hier sein bevorstehendes Schicksal enthüllt?

Nein, jetzt sah er, dass es Grus Körper war, der blutend im Schnee lag. Ingor schien, dass er vorübergehend in Grus Haut geschlüpft war und wie dieser empfunden hatte. Ganz sicher war sich allerdings nicht. Allerdings hatte er etwas Ähnliches schon einige Male erlebt.

Der Traum erregte ihn. Er hatte ein starkes Bedürfnis nach frischer Luft und rüttelte an dem Speer, der in dem Luftloch stand. Während er den fast handgelenk-dicken Speerschaft mit der scharfen Feuerstein-Spitze umklammerte und eiskalte Schneeluft in seine Schlafhöhle strömte, flößte ihm die Wesenheit, die mit der Waffe verbunden war, Zuversicht ein. Sie sagte ihm: Sie würde ihm helfen, zu seinen Gefährten zurückzufinden. Ingor vermerkte es mit Genugtuung, ohne sich groß darüber zu wundern, dass der Speer mit ihm gesprochen hatte. Wie er von seinem Großvater, dem Schamanen, wusste, war es wohl der Geist des Fürsten-Baumes, von dem der Schaft stammte, dessen „Stimme“ er vernommen hatte.

Ingor spähte durch das Luftloch und sah den Mond hoch am Himmel stehen. Das Land war in sein silbriges Licht getaucht. Er  fragte sich noch, warum er im Traum mitunter ein anderer war. Dann schlief er wieder ein. Später gewahrte er im Schlaf, dass ein Tier über sein Höhle tapste und an seinem Luftloch schnüffelte. Die Geräusche weckten ihn aus einem Traum, in dem er wild kämpfend mit dem Jagd-Beil um sich hieb. Im Halbschlaf stieß Ingor den Speerschaft nach oben und traf auf ein Tier, das davon sprang. Obwohl er fror, schlief er wieder ein und hatte einen farbenprächtigen Traum, in dem die Sonne leuchtend am Himmel stand. Rings um ihn her tobten vernichtende Kräfte. Er schleuderte seinen Speer mit großer Kraft und er selber und der Speer flogen zwischen Himmel und Erde geradewegs auf das Herz des Wollnashorns zu und die scharfe Feuerstein-Klinge an der Spitze durchbohrte das zuckende Herz des Tieres. Anschließend sah er sich und die Gefährten im Traum um ein hell loderndes Feuer sitzen und große Fleischstücke braten und verzehren. Seine Mutter und seine Schwester und sein Großvater waren auch dabei. Die Freude darüber weckte ihn. Der Traum erschien ihm sehr bedeutungsvoll und erregte ihn derart, dass er nicht mehr schlafen konnte. Wenn er das Wollnashorn erlegte, konnte er seine Schmach tilgen. Er konnte es plötzlich nicht mehr abwarten, dies zu tun. Außerdem war sein Körper ausgekühlt und fror zu sehr, als dass er hätte weiter schlafen können. Ingor kroch ins Freie und nahm seine Waffen mit. Er ging zum Feuer und legte Holz in die Aschen-Glut, bis Flammen emporschlugen. Sein Körper erwärmte sich allmählich. Es war noch Nacht. Am Himmel funkelten noch alle Sterne, doch der fast volle Mond neigte sich bereits dem westlichen Horizont zu. Ingor warf auch einen scheuen Blick auf Grus Leiche, die Bär ans Feuer herangezogen hatte. Grus Geist schwebte darüber und er war nicht allein. Es ist gut, dass er nicht allein ist, dachte Ingor und machte sich auf den Weg.

Auf seinen Schneeschuhen und mit den Waffen über seinen Schultern stieg er, so rasch er konnte, den Berg hinauf. Die Luft war beißend kalt und es knisterte in den Zweigen. Bald stieß er auf Blutspuren. Er aß von dem blutgetränkten Schnee und spürte, wie er Kraft daraus gewann. Die Frage beunruhigte ihn, ob das verwundete Wollnashorn nicht neben seiner Fährte im Hinterhalt lag. Er musste auf der Hut sein. Ein Marsch begann, der ihm schier endlos vorkam. Die Tiere waren während der Nacht weiter gewandert. Irgendwann mussten sie sich jedoch wieder der Nahrungs-Aufnahme widmen. Dann konnte er sie einholen. Mechanisch verspürten seine Füße hier Moos unter dem Schnee, hier Steingeröll, hier eisverkrusteten Sumpf oder aber es ging über tiefe Schneewehen. Sein Kopf wurde schwer zwischen seinen Schultern, sein Gehirn war jeden Gedankens bar. Aber plötzlich fuhr er aus seiner Teilnahmslosigkeit auf. Er vermeinte das Brüllen des verwundeten Wollnashorns zu hören oder war es nur das Donnern einer fernen Schneelawine? Hellwach blieb er stehen und lauschte in das Land hinaus. Es war kurz vor Sonnen-Aufgang. Im Osten rötete sich bereits der Himmel. Der Fährte folgend, taumelte er weiter in ein Tal hinunter. Birken und Fichten zogen sich weit den Südhang hinauf und am Tal-Grund breitete sich ein Weiden-Dschungel aus. Plötzlich entdeckte Ingor die Kolosse im Morgenlicht. Gebannt nahm der das Bild auf, das sich ihm bot: die massigen Silhouetten der Urtiere – Rücken, Haupt und Horn schwarz gegen das Himmelsrot. Und dann vermeinte er auch die Klagelaute des verwundeten Tieres zu vernehmen.

„Herr der Tiere“, betete er, „gib das verwundete Nashorn in meine Hand!“

In Ingors Kopf formte sich ein Plan. Er wich von seiner bisherigen Richtung ab, bis er den Wind im Gesicht verspürte und ein Gebüsch und eine Bodenerhebung zwischen ihm und den äsenden Tieren lag. Unterwegs kreuzte er die Fährte von Wölfen. Ihre Pfoten-Abdrücke waren noch ganz frisch. Einer war hinter dem anderen getrabt, jeder genau in der Spur des Vorgängers, und Ingor konnte nicht erkennen, wie viele es waren. Die Wölfe waren so große Meister im Einfährten, dass die Spur eines ganzen Rudels kaum von der eines einzelnen Wolfes zu unterscheiden war. Ingor folgte den Pfoten-Abdrücken eine Strecke und fand eine Stelle, wo der Bahnbrecher ermüdet und die Führung dem nächsten übergeben hatte. Und dann heulte es in der Ferne auf, wild und hungrig, dass es Ingor schaurig kalt über den Rücken fuhr. Er fuhr hoch, lauschte und spähte über das schneebedeckte Land und dann sah er sie mit gestrecktem Kopf und Schweif über die Kuppe des nächsten Bergzuges traben. Drei, vier, fünf Wölfe und dann noch ein Nachzügler – ein großes Rudel. Ingor erschrak. Was würde geschehen, wenn sie auf seine Spur stießen. Er würde kämpfen, dachte er grimmig. Auch von Wolfsfleisch konnte man satt werden.

Allmählich kam er immer näher an die Urtiere heran. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, ohne dass er es verhindern konnte. An der Regelmäßigkeit  menschlicher Schritte merkt das Wild, dass sich ein gefährlicher Zweibeiner nähert. Das musste er verhindern. So begann er eine alte List anzuwenden. Die Gangart eines Hirsches nachahmend, lief er eine Strecke vorwärts, um dann wieder auf der Stelle zu verharren, wobei er auf den Boden stampfte oder mit der Hand aufs Gebüsch schlug. Er machte Wiedergänge und bewegte sich in weit ausholenden Schlangenlinien auf die Herde zu, immer darauf bedacht, dass er durch Gebüsch oder Gelände Sichtschutz hatte und der Wind in seine Richtung blies. Als er sich dann vergewissern wollte, wo sich die Herde jetzt aufhielt, konnte er sie zuerst nicht entdecken. Hastig taumelte er vorwärts. Dann sah er sie wieder. Die doppelt gehörnten Riesen standen am Rand eines Abhangs und es schien ihm fast, als ob sie ihn entdeckt hätten. Er ließ sich in den Schnee gleiten und robbte am Boden weiter auf die Kolosse zu. Der Wind stand immer noch günstig. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr richtig. Seine Hände waren klamm und kalt und er befürchtete, die Kontrolle über sie zu verlieren und den Speer nicht mehr richtig werfen zu können.

Plötzlich traten die am Rand eines steilen Abhanges äsenden Tiere eine Schneelawine los. Es rumpelte und eine mächtige Schneelast löste sich und glitt ins Tal hinunter. Ein dumpfes Grollen ertönte, das immer mehr anschwoll. Schneestaub wirbelte bis zu den Tieren herauf und nahm ihnen die Sicht.

„Jetzt“, durchfährt es Ingor. Er springt auf und stürmt auf die Herde zu. Das verwundete Nashorn wendet ihm seine blinde Seite zu. Es sieht, hört und wittert den heran taumelnden Menschen nicht. Ingor taucht in die strenge Geruchswolke der Nashörner ein, fasst seinen Speer mit beiden Händen so gut er kann und stößt ihn dem Nashorn hinter dem Vorderlauf in die Seite. Er legt sein ganzes Körper-Gewicht in den Stoß. Die scharfe Feuerstein-Spitze durchbohrt die Lederhaut des Tieres und dringt weiter  bis zum zuckende Herzen vor. Das Wollnashorn stürmt vorwärts, stolpert und stürzt in den Schnee. Wie von Sinnen rennt Ingor hinter dem Riesen her, zieht seinen Speer aus dem Körper des Tieres  und stößt ihn erneut in die Flanke des Wollnashorns in Richtung des Herzens. Und diesmal spürt Ingor, wie die scharfe Feuerstein-Spitze das zuckende Herz des Wollnashorns durchbohrt. Ein tiefes Grunzen ertönt aus der Brust des Riesen, als er vergeblich versucht, wieder auf die Beine zu gelangen. Die Vorderläufe knicken jedoch immer wieder ein und schließlich fällt der Koloss zur Seite. Das lange Horn auf dem mächtigen Haupt forkelt durch den Schnee, die Vorderbeine beginnen unkontrolliert zu schlagen. Ingor zieht seinen langen Knochendolch mit der Blutrinne und stößt ihn in den mähnigen Hals, springt dann zurück. Das gesunde Auge des Wollnashorns ist starr auf den Menschen gerichtet, während ihm unter langsamer werdenden Zuckungen das Blut aus der Kehle strömt, die dichten Haare mit Schweiß verklebend.

Der Blick des sterbenden Wollnashorns ging Ingor nahe. Es war dem Menschen unterlegen. Die Muskeln gehorchten ihm nicht mehr, Angriff oder Flucht waren nicht mehr möglich. Es gab nur noch das Sterben. Ingor empfand plötzlich großes Mitgefühl mit dem sterbenden Riesen. „Du bist mutig“, sagte er, „du hast gut gekämpft. Wenn du wiederkommst, könntest du mein Bruder sein.“ Dann fügte er noch hinzu: „Wir ehren dich, dein Fleisch ist für uns von großem Nutzen. Ohne dich würde mein Stamm verhungern.“

Dann bemächtigte sich Ingor ein Siegesrausch. Er sprang und tanzte im Schnee umher und stieß laute Triumph-Schreie aus. Diese letzte Anstrengung erschöpfte ihn so sehr, dass er ganz kraftlos wurde und sich kaum noch bewegen konnte. Ein unwiderstehliches Verlangen nach dem warmen kräftigenden Blut des Wollnashorns packte ihn. Er presste seinen Mund an die Halsschlag-Ader, die sein Knochendolch geöffnet hatte und trank das herausströmende Blut. Wie ein heißer Strom rann es seine Kehle hinunter, bespritzte sein Gesicht und seine Kleidung. Er fühlte, wie er sich Kraft antrank. Nun war alles gut. Jetzt musste er nur noch auf die Gefährten warten. Sie würden kommen, an der Spitze sein Vater. Das Hunger-Gespenst war gebannt. Ingor hob den Kopf und blickte in die Richtung, aus der seine Leute kommen mussten. Da kam auch jemand. Aber es waren keine Menschen, es waren die Wölfe, sechs an der Zahl. Wo waren die Gefährten des Wollnashorns? Wenn sie sich in der Nähe aufhielten, würden sich die Wölfe vielleicht nicht heran wagen. Aber Ingor konnte die beiden anderen Tiere nicht entdecken.     

Ingor der Enkel des Schamanen, 17. Febr. bis 02. März 2009:Ingor, der Enkel des Schamanen – Das Wollnashorn tötet Gru, doch dessen Geist weiß noch nichts davon!

Februar 17th, 2009

Ein Falke schwebt über dem Land!

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Ein Falke schwebt über dem Land! (eigenes Foto)

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Ingor, der Enkel des Schamanen – Das Wollnashorn tötet Gru, doch dessen Geist weiß noch nichts davon!

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Ehe der Koloss seinen Ansturm stoppen und Ingor erneut annehmen konnte, hatten die Gefährten das Tier im Halbkreis umringt und schleuderten ihre Speere und Harpunen. Die Wurfgeschosse zischten durch die Luft. Fast alle prallten gegen den Schädel und rissen die Haut auf, ohne das Tier jedoch ernsthaft zu verletzen. Die Feuerstein-Spitzen drangen nicht tief genug ein und die gezackten, aus Ren-Geweih geschnitzten Harpunen-Spitzen fanden erst recht keinen Halt und fielen mit ihren Schäften zu Boden. Eine der Harpunen aber durchschlug das Auge des Tieres. Triumph-Geschrei der Menschen brandete auf, um gleich darauf wieder zu verstummen, als der Wutschrei des Wollnashorns die Luft zerriss. Das mächtige Tier schwankte, brüllte und schleuderte den Kopf, um das Blut aus dem Auge zu schütteln und sich von dem Fremdkörper zu befreien. Das Horn zum Töten gesenkt, krachte es donnernd durch das Gestrüpp. Schnaufend und schnaubend stürmte es in gewaltiger Fahrt durch den Schnee. In mordgieriger Wut wollte es aufs Horn nehmen, aufspießen und zerstampfen. Wieder schüttelte es den Schädel, um sich von dem Wurfgeschoss zu befreien, und der Schaft löste sich von der aus dem Auge ragenden Spitze und fiel zu Boden, sprang dann jedoch, weil durch einen Riemen mit der Spitze verbunden, hinter dem Tier her, bis er sich in den Ästen eines Strauches quer stellte. Da wurde die Harpunen-Spitze aus der Augenhöhle heraus gerissen. Ein Blutstrahl spritzte hervor und das Wollnashorn schrie wieder, und es war jetzt kein Brüllen vor Wut, sondern ein Schreien vor Schmerz. Ingors Vater schien von dem Wollnashorn überrannte zu werden. Erst im letzten Augenblick sprang er zur Seite und das Urtier schoss vorbei, bremste ab und verhoffte. Einseitig geblendet und ohne Witterung hatte es den Menschen aus seinem Wahrnehmungsfeld verloren. Aber dann stampfte es wieder los, keuchend und schnaubend, eine mörderische Masse aus geballter Kraft und Wut, die in dem tiefen Schnee jedoch nur allmählich wieder in Fahrt kam. Der Angriff galt diesmal dem weiter entfernt stehenden Gru, von dem ihm der Wind die Witterung herübertrug. Eine Ahnung von Unheil befiel Ingor. Er wollte seinen Speer schleudern. Es zuckte in seinen Arm-Muskeln. Aber er traute sich nicht. Zu leicht konnte er einen der Gefährten treffen. Das Nashorn wuchtete heran und Gru wandte sich um und floh. Er sank ein paarmal tief im Schnee ein und das tobende Urtier holte rasch auf. Die Männer hielten den Atem an. Der Abstand zwischen dem rasenden Tier und dem Menschen verringerte sich immer mehr. „Zur Seite springen“! schrie Ingors Vater. Seine Stimme überschlug sich. Aber Gru reagierte nicht. Im nächsten Augenblick stampfte das Wollnashorn den Menschen nieder. Dann war es zwanzig Schritt weiter, aber es hatte immer noch die Witterung des Menschen. Während es wendete, rappelte Gru sich wieder auf die Beine. Ungläubig sahen sie ihn mit dem Speer in der Faust den Angriff erwarten. Einen Augenblick später erfolgte der Zusammenprall. Der Speer zersplitterte, die Bruchstücke flogen durch die Luft und dann nahm der Koloss den Menschen auf sein Mörderhorn. Gru wurde durch die Luft geschleudert, stürzte in den Schnee. Halb aufgerichtet saß er da, eine Hand gegen die Brust gepresst, aus der es rot hervorquoll. Wieder attackierte das Nashorn den Menschen, stampfte ihn in den Schnee und schleuderte ihn anschließend in hohem Bogen über den Rücken. Dann verlor es seine Witterung. Während es den verschwundenen Gegner suchte, erblickte es die verstreut am Boden liegenden Speere. Es schien zu begreifen, dass dies die Dinge waren, mit denen ihm die Mensch Schmerzen zufügten, stampfte hin und zerstampfte und zerbrach sie. Plötzlich hörten die Menschen hinter sich Schnauben und das Stampfen schwerer Hufe. Die beiden anderen Tiere kamen dem Verwundeten zu Hilfe. Sie witterten das Blut ihres Gefährten und das Blut des Menschen, den dieser in den Schnee gestampft hatte und zornig brüllend griffen sie ihre Feinde an. Jemand stieß einen Warnschrei aus und alle flohen den Hang hinunter. Ingor machte erst Halt, als ihm ein Weiden-Dschungel den Weg versperrte. Schwer atmend wandte er sich um. Die Silhouetten der Urtiere ragten schwarz gegen den Abendhimmel. Unaufhörlich schleuderte das verwundete Wollnashorn sein Haupt hin und her und dröhnte seinen Hass hinaus. Vor ihm lag ein schwarzes Bündel im Schnee: Gru. Der Anblick gab Ingor einen Stich ins Herz. Wie Wellen schlug ihm etwas Undefinierbares entgegen, das seinen Atem stocken machte. Instinktiv wusste er, das war der Tod. Er meinte ihn zu wittern, obwohl kein Geruch seine Nase erreichte. Langsam ging er auf die Gefährten zu. Ihm war elend zumute. Als er näher kam, spürte er, wie ihm eine Welle der Ablehnung und des Hasses entgegenschlug. Grus Bruder hob drohend die Faust: „Mörder“! Das Wort traf Ingor wie ein Keulenschlag.

„Das stimmt nicht“, stellte Ingors Vater richtig.

„Weil er dein Sohn ist?“ fragte Bär höhnisch.

„Das Wollnashorn hat deinen Bruder getötet, weil er ihm nicht rechtzeitig ausgewichen ist. Er hat seinen Tod selber zu verantworten.“

„Selber zu verantworten?“ wiederholte Bär tonlos. „Das glaubst du doch nicht im Ernst. Dein Sohn hat den Kampf gegen alle Abmachung und Vernunft begonnen; deshalb musste Gru sterben.“ Tränen erstickten seine Stimme.

„Nein“, wiederholte Ingors Vater. „Das ist nicht so. Ich hätte den Kampf auch begonnen.“

Bär konnte zuerst nicht sprechen, doch dann stieß er noch hervor: „Du hattest das Recht dazu, nicht jedoch dein Sohn.“

Ingor sah seinen Vater dankbar an und wollte etwas sagen, brachte aber nur ein Stottern hervor. „Halte den Mund!“ zischte Ingors Vater. Verzweiflung und Zorn stiegen in Ingor hoch. Wortlos wandte er sich um und stieg wieder den Berg hinauf, die von den wütenden Kolossen drohende Gefahr missachtend. Ingors Vater und Bär folgten. Die Urtiere wichen zurück, als sie sahen, dass die Menschen wieder auf sie zukamen. Ingors Knie zitterten, als er sich dem stummen, im Schnee liegenden Menschen näherte. Sein Blick haftete auf dem rot gefärbten Schnee und er wusste nicht, war es Tier- oder Menschenblut. Grus Körper lag inmitten seines zerbrochenen Speeres seltsam verrenkt auf der Erde. Aus dem verzerrten, bleichen Gesicht starrten die Augen reglos in den Abendhimmel. Die mit hellrotem Herzblut bespritzte Rechte hielt er gegen die Brust gepresst. Sie verdeckte eine große Wunde, aus der immer noch Blut sickerte. Gru war tot. Ihm konnte niemand mehr helfen. Bär schluchzte laut auf, als er sich bückte, um Gru die Augen zuzudrücken. Ingor stand neben der Leiche und war unfähig, sich zu bewegen. Eine Art Bann lag über ihm. Er fühlte sich schuldig und dies schien ihm der einzige Ort, an dem er Verzeihung erhoffen konnte. Inzwischen waren auch die anderen herangekommen. Nachdem sie eine Weile schweigend dagestanden und auf den Toten herab geblickt hatten, wandten sie sich ab und begannen ihre zerbrochenen Speere und sonstigen Dinge einzusammeln, die von dem Kampf her noch verstreut im Schnee umherlagen. Mutlos und niedergeschlagen stapften sie auf dem Kampfplatz umher. Einige begannen wie in Gedanken von dem blutgetränkten Schnee zu essen. Sie hatten einen Mann verloren und keine Beute gemacht. Das ließ sie ihre Schwäche doppelt spüren. Der Tote erinnerte sie daran, dass auch sie eines Tages kalt und stumm daliegen würden. Dieser Gedanke raubte ihnen ihre letzte Kraft. Was war das Leben? Ingor schien es aus eine Kette ähnlicher Unternehmungen zusammen gesetzt wie diese Jagd. Endlose Mühsalen und Anstrengungen, bei denen Enttäuschungen und Anstrengungen die Erfolge überwogen. Glück verwandelte sich in Unglück und am Ende stand unausweichlich der Tod. Der Erfolgreiche reichte das Leben weiter und überlebte mit seinem Lieben und Hassen und seinem Stolz in seinen Kindern. Worin lag der Sinn? Warum existierten Menschen, Tiere und Pflanzen? Warum war Leben? Woher kamen Erde, Himmel und die Sterne und warum waren die Menschen gezwungen, die Tiere zu töten, die doch ihre Brüder mit dem gleichen roten Blut waren und Schmerzen fühlten wie sie. Die Schreie des Wollnashorns erinnerten ihn unablässig daran. Woher stammte er, Ingor, und zu welchem Zweck lebte er? Wer bin ich? dachte er, wer? wer? wer?

Seine Schuld am Tod von Gru fiel ihm wieder ein und Trostlosigkeit und Jammer verzerrten sein Gesicht und ein krampfhaftes Schluchzen schüttelte ihn. Einige der Männer hatten Speerschäfte zu einer Tragbahre zusammen gebunden. Sie legten den Toten darauf und trugen ihn stumm in ein kleines Tal hinunter. Ingor sammelte seine Waffen ein oder was davon übrig geblieben war und stolperte schwankenden Schrittes hinter ihnen her. Sein Bewusstsein trieb in einem Dämmerzustand. Verwirrt schüttelte er den Kopf, als sein Blick über die Gefährten glitt. Sie waren ja alle noch da, noch alle lebend und in Bewegung. Es fehlte keiner. Zumindest stimmte die Anzahl. Und nun sah Ingor auch, dass Gru neben Bär hinter der Bahre her schritt. Es war zweifellos Gru. Ingor erkannte ihn an seinem leicht hinkenden Gang und an seinem mit Wolfsfell abgesetzten Mantel aus Wisentfell. Eine steile Falte erschien auf Ingors Stirn. Sein Schritt stockte. Aber das konnte doch nicht sein. Gru lag gleichzeitig doch auch tot auf der Bahre. Die Männer trugen schwer an seiner Leiche. Ingor wurde irre an sich selbst. Sein Blick glitt erneut über die Gefährten. Aber diesmal war der Platz neben Bär wieder leer und er konnte Gru außer auf der Bahre auch nirgends sonst entdecken. Hatten ihm seine Sinne etwas vorgegaukelt oder war Gru nicht wirklich tot? Als Ingor über diese zweite Möglichkeit nachsann, erfüllte ihn nach und nach die Gewissheit, dass Grus Geist die Zerstörung seines Körpers überlebt hatte. Er ging immer noch hinter der Bahre her und wenn Ingor ihn zu sehen wünschte, erblickte er ihn zwar nicht mit seinen leiblichen Augen, wohl aber mit seinem inneren Auge. Er wusste genau, an welcher Stelle Gru ging.

Ingor beeilte sich, Gru in seiner neuen Gestalt einzuholen. Er wollte ihn berühren. Verstohlen streckte er seine Hand aus. Dort, wo Grus zweiter Körper begann, verspürte er Wärme und ein leichtes Vibrieren seiner Hand. Gru wandte sich um. „Ach, du bist es“, sagte er. Ingor konnte seine Stimme deutlich in seinem Kopf vernehmen. „Ich verstehe meinen Bruder nicht“, fuhr Gru fort und gesellte sich zu Ingor. „So komisch war er noch nie. Er meint, ich sei tot. Sag ihm, dass das Unsinn ist.“

Der Gehilfe des Schamanen war herangekommen. „Warum hast du Grus Geist berührt und mit ihm gesprochen“? fragte er. Ingor sah ihn erstaunt an. „Hast du mich sprechen hören“? entgegnete er. Der Gehilfe des Schamanen schüttelte den Kopf und sagte nur: „Es ist besser, wenn man die Toten ihre eigenen Wege gehen lässt.“

Über tiefe Schneewehen, in denen ihre Speerschäfte keinen Grund fanden, schritten sie mit ihren Schneeschuhen zur Talsohle hinunter. In der Nähe einer Dickung legten sie Grus Körper in den Schnee. Ingor bemerkte, dass der Geist von Gru in der Nähe seines Körpers blieb. Der Gehilfe des Schamanen ging zu dem Toten hin und schien sich in ein Gebet zu vertiefen. Noch während der Gehilfe des Schamanen betete, erhielt Grus Geist Gesellschaft. Es kamen zwei in einem Körper, in dem sich jetzt auch Gru befand. Sie schwebten neben Gru und schienen ihm irgendwie zu helfen.  

 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 03. Febr. bis 16. Febr. 2009: Das Wollnashorn bekommt Ingor zu packen!

Februar 3rd, 2009

Aufgehender Mond über Birken-Dickicht!

Aufgehender Mond über Birken-Dickicht! (eigenes Foto)

I

Ingor, der Enkel des Schamanen: Das Woll-Nashorn bekommt Ingor mit seinem langen Horn zu packen!

Ingor glaubte zu wissen, was auf sie zukam, wenn sie eine Fallgrube aushoben. Aus seiner Brust rang sich ein Stöhnen. Es musste ein großes Loch in die von Schnee bedeckte hart gefrorene Erde gegraben werden. Schicht für Schicht musste die Erde mit Hilfe eines Feuers aufgetaut und dann mit den Händen oder mit der Hilfe von Steinwerkzeugen aufgebrochen und fortgeräumt werden. Die Werkzeuge in ihren klammen Fingern haltend, würden sie sich nur allmählich tiefer und tiefer in die Erde hinein wühlen. Ihre Augen würden vom Rauch des Feuers tränen. Sie würden abwechselnd schwitzen und frieren und vor Erschöpfung die Arme nicht mehr heben können. Und am Ende würde doch alles umsonst gewesen sein. Seine Phantasie ließ ein Bild in ihm aufsteigen, wie sein Vater, die Gefährten und er erfroren und von Eis und Schnee bedeckt um ein erloschenes Feuer kauerten. Ingor schien es wie etwas, das Wirklichkeit werden könnte.

Während sie der Fährte folgten, glaubte Ingor plötzlich, die Tiere zu wittern. Er hob den Kopf und sog die Luft in kurzen Stößen ein. Wieder hatte er den strengen Geruch der Tiere in der Nase. Sein Vater hob die Hand. „Ich rieche sie“, flüsterte er, „sie müssen ganz in der Nähe sein!“ Auch die anderen hatten mit ihren Nasen die Witterung aufgefangen. Mit gestrafften Körpern blieben sie stehen, schnüffelten in der Luft und spähten nach vorn. Aber sie konnten die Tiere in dem Buschwerk vor ihnen nicht entdecken. Sie sahen, dass die Fährte um einen Bergvorsprung herum lief, der ihnen die Sicht nahm. So leise es in dem knirschenden Schnee ging, bewegten sie sich auf die Felsnase zu.

Ingors Vater, der vorne ging, blieb mit einmal ruckartig stehen. Warnend hob er die Hand. Langsam rückten die anderen auf. Deutlich vernahmen sie das Anstreichen mächtiger Wildkörper an Büschen und Zweigen. Gebannt verharrten die Männer. Plötzlich trat einer der Kolosse aus dem Unterholz und streckte witternd das mit einem mächtigen Horn bewehrte Haupt in den Wind. Der Schnee reichte ihm beinahe bis zum Bauch. Eiszapfen hingen in den langen Zotteln der Kehlhaare. Die zottigen Körperhaare waren schneeverkrustet.

In den Muskeln der Männer zuckte es. Sie wollten vorspringen und ihre Speere schleudern. Ingor gewann nur mit Mühe die Kontrolle über sich zurück. Er konnte sich nicht sattsehen an dem gewaltigen Schädel, dem aufragenden langen Horn, dem kleineren darüber und dem wuchtigen mit brauner Wolle bedeckten Körper. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass es nur ein halbwüchsiger Bulle war, der da in halber Reichweite seiner Wurfspeere vor ihm stand. Sein gerade mühsam unterdrückter Gefühlssturm entbrannte aufs Neue. Mit allen Fasern drängte es ihn, seine neue Waffe zu erproben. Mit dem Wurfholz musste es möglich sein, seinem Speer die Wucht zu verleihen, dass dieser die Schwarte des jungen Bullen durchdrang und sich in Herz oder Lunge biss. Das traute er seiner Waffe zu und darum musste er es wagen, wenn er dies eigentlich auch nicht durfte. Es konnte die Rettung des Stammes bedeuten. Aber was war, wenn er die tödliche Stelle verfehlte. Würde der aufgebrachte Dickhäuter sie niedertrampeln? War dann die Jagd verpatzt? Ein Scheitern würde ihn von den Gefährten trennen, ihn vielleicht zum Außenseiter verdammen. Kleinmut wollte ihn befallen. Aber dann hörte er wieder das wuchtige Singen, mit dem der Speer aus dem Wurfholz fuhr und Hochmut stieg in ihm auf. Angst, gleichgültig vor wem oder was, hatte ihn noch nie von etwas zurückgehalten, das er als richtig erkannt zu haben glaubte. Mit einem heftigen Ruck warf er den Kopf zurück und entschloss sich, das Wollnashorn anzugreifen. Da hatte er für einen Augenblick das Gefühl von Unheil und es schien ihm, als ob sich eine Felswand zwischen ihn und das Tier schöbe. Ingor Gesichtszüge verhärteten sich. Gefühle konnten ihn jetzt nicht mehr zurückhalten und während er starr in die Ferne blickte, schien sich die jetzt weiter entfernte Felswand zu öffnen und jenseits von Abgründen und Klippen, die Schwierigkeiten und Fehlschläge darstellten, vermeinte er über das gewaltige Tier triumphieren zu können. Das Hochgefühl, das in ihm aufstieg, machte es ihm leicht, den Angriff zu wagen. In ein paar Sprüngen würde er bei dem Strauch da vorne sein. Der Wind stand günstig. In Gedanken hatte er den Platz bereits eingenommen. Da wurde er aus seinem Planen aufgeschreckt. Das Wollnashorn wanderte weiter. Er musste sich beeilen. Sie waren in einem Gebiet, in dem die Kolosse tief in den Schnee einsanken. Das würde es leichter machen, ihren Angriffen auszuweichen. Er ergriff seine Speerschleuder, seine besten mit scharfen Feuerstein-Spitzen bewehrten Speere, ließ Jagdtasche und alles andere in den Schnee gleiten und ging zum Angriff über. Sein Vater flüsterte ihm mit scharfer Stimme etwas zu, aber Ingor verstand den Sinn seiner Worte nicht. Für ihn gab es in diesem Moment nur noch den gewaltigen Hornträger und sein Wille ihn zu töten. Einige rasche Sprünge auf seinen Schneeschuhen, dann hatte er den Strauch erreicht, von dem er den Speer schleudern wollte. Aber das war nun nicht mehr nahe genug. Ingor lief weiter. Da warf sich der Bulle herum, den gehörnten Kopf zum Angriff gesenkt. Seine Ohren spielten. Ingor stoppte. Seine Brust hob und senkte sich und er spürte seinen Herzschlag im Halse. Mit einem kurzen Ruck warf der Bulle den hornbewehrten Kopf hoch – die Blicke von Mensch und Tier begegneten sich -, dann begann er wütend mit den Hufen zu scharren, das spitze Horn auf den Menschen gerichtet.

Ingor schien der Abstand zwischen sich und dem Wollnashorn plötzlich sehr kurz. Jäh wurde er sich der Kraft und Wucht des massigen Körpers bewusst, die alles überrannte, was sich ihm in den Weg stellte. Es blieb nur wenig Zeit, sich zu beruhigen und das Ziel ins Auge zu fassen. Er musste all seine Geschicklichkeit zusammen nehmen und den Speer sofort werfen. Die Chance, den Bullen von vorne zu töten, war allerdings gering. Er konnte nur versuchen, Hals oder Maul zu treffen. Da hörte er rechts von sich ein Geräusch. Sein Vater war ihm zu Hilfe gekommen. Dieser klatschte in die Hände und der Bulle wirbelte herum, bereit den neuen Gegner anzugreifen. Ingor aber war für einen Augenblick außer Gefahr und konnte  die Flanke des Bullen zum Ziel nehmen.  Instinktiv suchten seine Füße nach Halt, während er das eingekerbte Ende seines Speeres auf den Dorn des Wurfholzes schob. Sich rückwärts beugend, holte er zum Wurf aus. Singend fuhr der Speer mit großer Wucht aus dem Wurfholz. Ingor verfolgte ihn mit angehaltenem Atem. Für einen kurzen Augenblick schien es, als ob er das Blatt treffen würde, die Stelle seitlich hinter dem Vorderlauf, hinter der sich das Herz verbarg. Aber dann sah er, dass die Flugbahn zu hoch verlief. Der Bulle begann wieder zu scharren und sank mit einem Ruck tiefer in den Schnee ein. In diesem Augenblick erreichte der Speer sein Ziel. Es gab einen dumpfen Schlag und die Feuerstein-Spitze fuhr dem Wollnashorn in den Rücken, riss die Haut auf und prallte gegen die Wirbelsäule. Der Hornträger zuckte zusammen, kippte um und fiel mit zuckenden Läufen in den Schnee.

Ingor erstarrte. Das Bild des hilflos im Schnee zappelnden Tieres steigerte seinen Beute-Instinkt ins Maßlose. Er wusste aber, dass sich das Tier nicht in ihrer Gewalt befand. Mit zitternden Händen legte er einen neuen Speer auf das Wurfholz. Ehe er jedoch zum Wurf ausholen konnte, war der Bulle wieder auf den Beinen, sichtete den Menschen und griff mit unglaublicher Schnelligkeit an.

Speerschwingend kamen ihm die Gefährten zu Hilfe. Die Notwendigkeit, den Kampf zu führen, enthob sie der Verpflichtung, seine Gefahren und Risiken zu bedenken. Das Geschehen, in das sie hinein gerissen wurden, erfüllte ihr Bewusstsein mit brennender Intensität. Sie fühlten sich der Herausforderung gewachsen und genossen die spannungsgeladene Situation mit allen Fasern ihres Seins. Es war wie ein Spiel. Der Einsatz war ihr Leben, der Gewinn Fleisch, ihren Hunger zu stillen, um weiter leben zu können.

„Auf die Lichter zielen!“ schrie Ingors Vater. Aber die Männer konnten ihre Speere nicht schleudern. Sie hätten sonst zu leicht Ingor und seinen Vater getroffen. Voller Zerstörungswut wuchtete der Koloss heran, den gehörnten Schädel zum Stoß gesenkt. Ingor stand bewegungslos, wie erstarrt, aber es waren nicht Furcht oder Ratlosigkeit, die ihn mit gespannten Muskeln auf der Stelle verharren ließen. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte zu fliehen. Dennoch gelang es ihm nur mit Mühe, eine aufkommende Panik zu unterdrücken und nicht blind und planlos davon zu laufen. Erst als ihm das mit gesenktem Horn heranstürmende Urtier fast seinen weißen Atem ins Gesicht blies und sein Vater einen Warnruf ausstieß, sprang er mit einem gewaltigen Satz zur Seite. Der Schädel des Wollnashorns fuhr hinter ihm her, das lange Horn streifte seinen Rücken und er erhielt einen Stoß, der ihn kopfüber in den Schnee schleuderte. Der Koloss stoppte seinen Ansturm, wandte sich um und stürmte erneut auf Ingor los, um seinen Gegner nun endgültig zu vernichten, ihn nieder zu trampeln und in einen roten Fleck im Schnee zu verwandeln. 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 20. Jan. 09 bis 02. Febr. 09: Die Jagd auf das Wollnashorn!

Januar 20th, 2009

Jagd auf das Wollnashorn!

Jagd auf das Wollnashorn! (eigenes Foto)

I

Ingor, der Enkel des Schamanen: Die Jagd auf das Wollnashorn! 

Als die Männer die Fährte erreichten, sahen sie, dass sie schon halb zugeweht war. Schon bald würde sie gar nicht mehr zu sehen sein, denn der Wind, der auf der Höhe sang, wehte fortwährend Schneestaub in die Trittsiegel hinein. Ingor fand Losung. Sie war außen von einer dünnen Eisschicht umgeben. Als er sie auseinander brach, sah er, dass auch  der Kern gefroren war. Das Großwild war schon vor längerer Zeit hier vorbeigezogen. Aber was waren das für Tiere? Ingor kannte diese Spuren nicht. Die Abdrücke von Mammut-Hufen waren größer. Auf der Fährte erspähte er ein langes braunes Haar und zeigte es seinem Vater. „Das ist vom Wollnashorn“, sagte dieser. Ingor erinnerte sich. Er hatte diese hornbewehrten Tiere einmal von fern gesehen. „Wir werden eines dieser mächtigen Tiere erlegen“, sagte Ingor und warf den Kopf hoch.„Das werden wir!“ entgegnete sein Vater. „Ohne Beute werden wir nicht nach Hause zurückkehren.“„Woher wusste der Schamane, dass wir hier auf Wild stoßen würden?“ Ingor sah seinen Vater fragend an. „War er der Rabe?“„Er könnte die Tiere mit den Augen des Raben gesehen haben“, meinte sein Vater. „Auch der Rabe zählt zu seinen Hilfsgeistern.“Sie warteten, bis auch der letzte ihrer Gefährten – es war Gru – den Hang herauf geklettert war, dann folgten sie dicht zusammen gerückt der Fährte. Mit scharfen Augen lasen sie die Fährten-Zeichen, die Form der Hufabdrücke mit ihren drei Zehen, die Schrittweite, den Abstand der Vorderhufe und wie tief die zottigen Wesen in den Schnee eingesunken waren. Der Anblick der Fährte ließ die Tiere in ihrer wuchtigen Gestalt leibhaftig vor ihnen erstehen.

Immer wieder prüften sie die Windrichtung und ließen ihre Blicke über das Bergland mit seinen kahlen Kuppen und tief verschneiten Täler schweifen, um die mächtigen Tiere zu erspähen. Die Männer hatten sich wieder zur Jagdgemeinschaft zusammen gefunden. Ähnlich wie ein Wolfsrudel wurden sie zu einem vielköpfigen Organismus mit größerer Macht. Das zeigte sich schon an der Vielzahl ihrer Speere, mit der sie selbst einen Höhlenlöwen das Fürchten lehren konnten. Die Muskelkräfte, Ideen und Möglichkeiten des einzelnen Jägers vervielfachten sich. In der Gemeinschaft war die Gefahr geringer, von einem Wisent nieder getrampelt, den Reißzähnen eines Bären zerfleischt oder dem langen Horn eines Wollnashorns aufgespießt zu werden. Wo sich der einzelne vorsichtig zurück hielt, da ging die Gruppe jedoch tollkühn zum Angriff über, wobei einer den anderen zu übertreffen suchte. Hierdurch waren sie in der Gruppe denn doch nicht so sicher. Aber eines hatten sie auf jeden Fall. Sie hatten mehr Erfolg.

Während sie der Fährte folgten, prägten sie sich teils bewusst, teils unbewusst Landschaftsmerkmale ein, aufgrund derer sie zurückfinden konnten. Der wichtigste Anhaltspunkt war der Fluss hinter ihnen. Wenn sie sich auf dem Rückmarsch in Richtung Osten hielten, würden sie irgendwann wieder auf ihn treffen.

Der scharfe Wind, der auf der Höhe pfiff, drang bis unter ihren Pelz. Ihre ausgemergelten Körper kühlten rasch aus, so dass sie vor Kälte zu zittern begannen. Als sie den Bergkamm erreichten, lag vor ihnen ein ausgedehnter Talkessel mit weit nach unten sich ziehenden Süd-Hängen. Aus den Niederungen heraus wuchsen Fichten- und Birkengruppen. Die Männer waren überrascht. Eine derart üppige Vegetation hatten sie hier nicht erwartet. Vor allem des kalten Windes wegen waren sie froh, der Fährte ins Tal hinunter folgen zu können.

Auf halber Höhe fanden sie als Duft-Markierung  in den Boden gestampfte Losung, die außen gefroren war. Um mehr über das Alter der Fährte zu erfahren, brachen sie sie auseinander. Aber die Losung war auch im Kern fest gefroren. Wenig später kamen sie in ein von Büschen und niedrigen Bäumen bewachsenes Gebiet und die Fährte wurde unregelmäßig. Die Spuren liefen auseinander. Die Tiere, es waren drei, hatten Birkenrinde geäst und mit ihrem Horn im Schnee nach Flechten gegraben.

Nachdem die Jäger der Zickzack-Fährte eine Zeitlang gefolgt waren, stießen sie auf Mulden im Schnee, in denen sich die Tiere ausgeruht hatten, der Höhlenlöwen wegen, jedes mit dem Haupt in einer anderen Richtung. Wenig später fanden sie Losung, die noch dampfte, als sie sie auseinander brachen. Die Tiere waren jetzt dicht vor ihnen. Irgendwo in dem Gelände vor ihnen stapften sie durch den Schnee, sofern sie sich nicht schon in einem windgeschützten Winkel für die Nacht eingerichtet hatten.

Im Lee von Klippen hatte der Wind Schneewehen aufgetürmt. Da pflügten die Leiber der schweren Tiere durch den Schnee. Windböen wirbelten Pulverschnee vor den Jägern auf. Da vermeinten diese die zottigen Kolosse schon daraus hervorbrechen zu sehen. Für einen Moment überkam sie eine zauberische Siegesgewissheit, dass sie am liebsten ihre Freude laut hinausgeschrien hätten. Sie dachten an ihre Angehörigen und von denen wussten viele im gleichen Augenblick ebenfalls, dass es ans Beute machen ging.

In ihren Köpfen arbeitete es. Ihr Verstand sagte ihnen, dass auch Scheitern möglich sei. Das dämpfte ihre Freude. Daran wollten sie nicht denken. Aber insgeheim sorgten sie sich, dass im letzten Augenblick doch noch etwas dazwischen kam, ein Schneesturm vielleicht oder dichter Schneefall, der die Fährte zudeckte. Um Erfolg zu haben, mobilisierten sie ihre letzten Kräfte und waren wach und aufmerksam, wie lange nicht mehr. Fehler konnten sie sich nicht leisten. Von dem Jagd-Erfolg hing zu viel ab, nämlich ihr Leben und das Leben ihrer Angehörigen.

Ingors Vater machte sich Gedanken darüber, wie sie vorgehen sollten, nachdem sie die Tiere eingeholt hatten. Sie mussten all ihre List einsetzen. Sich heranschleichen und dem wehrhaften Wild den Speer in die Seite rammen, war zu gefährlich. Ja, wenn sie die Herde auf glattes Eis treiben könnten, dann konnten sie so etwas wagen. Am sichersten war es, eines der mächtigen Tiere in eine Fallgrube stürzen zu lassen. Aber dazu mussten sie vorher die Wechsel und Gewohnheiten der Tiere auskundschaften, damit sie das Fall-Loch nicht an der falschen Stelle gruben. Dann kam die mühevolle und langwierige Aufgabe, die tiefgefrorene Erde aufzutauen und die Fanggrube auszuheben. Normalerweise hätten die Fähigkeiten der Gruppe ausgereicht, eines der Urtiere zu erlegen. Mut und Witz besaßen sie auch jetzt noch genug. Vor allem das Denken fiel ihnen leicht in ihrer hungrigen Begier, Beute zu machen. Ihre leeren Bäuche zogen kein Blut vom Gehirn ab. Es mangelte ihnen jedoch an Energie für ihre Muskeln. Den Strapazen einer längeren Jagd waren sie nicht mehr gewachsen. Sie hatten schon zu lange gehungert und fühlten ihre Kräfte immer mehr schwinden. Zwischen Haut und Muskeln war das Fett unaufhörlich verbrannt, ohne ersetzt zu werden. Ihre Reserven reichten nicht aus, der Kälte noch lange zu widerstehen.

Als sie in den Windschutz einer Felsklippe kamen, verlangsamte Ingors Vater seinen Schritt. Er wischte sich den Schneestaub aus den Augenbrauen, sah den Gefährten einem nach dem anderen in das knochige abgemagerte Gesicht und sagte:

„Die Fährte verspricht Fleisch, viel Fleisch, unseren Hunger zu stillen. Wir können die Tiere mit unseren Speeren angreifen. Aber um einen der Kolosse zu erlegen, müssen wir schon neben ihm stehen und ihm den Speer ins Herz rammen. Den Speer zu werfen, reicht bei ihrer Lederhaut nicht aus. Das sind keine Wisente oder Tarpane. Selbst das Mammut ist dünnhäutiger. Wir werden vielleicht Erfolg haben, aber wer den Speer führt, ist wahrscheinlich des Todes.“

„Und wenn ihm alle zu Hilfe kommen“, warf jemand ein.

Ingors Vater fuhr fort, ohne auf den Einwand einzugehen: „Diese zottigen Ungetüme sind stark und gefährlich. Selbst der Höhlenlöwe fürchtet ihr langes schwarzes Horn.“

„Wenn wir nicht bald etwas zu essen haben, werden wir sowieso sterben“, sagte jemand.

Ingor wurde aus seinen Gedanken herausgerissen: Ein Bild stand plötzlich in einem Winkel seines Bewusstseins, herausgelöst aus seinem Gedankenstrom. Er sah einen Menschen durch die Luft fliegen und von dem Horn des Nashorns durchbohrt in den Schnee stürzen. Das blutige Geschehen schwang in Ingor nach; wie im Traum vernahm er die Stimme seines Vaters:

„Wer das Wollnashorn jagen will, sollte seine Gewohnheiten kennen. Es rennt immer in die Richtung, in der es den Feind wittert oder hört und trampelt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Vor ihm davon laufen, kann man nicht. Dazu ist es zu schnell. Man muss zur Seite springen, wenn man seinen Atem im Rücken spürt, dann rast es vorbei. Stoppt es dann oberhalb des Windes, so kann es den Jäger oft nicht mehr finden, weil es seine Witterung nicht mehr hat. Die einzigen Stellen, an denen wir es mit unseren Wurfgeschossen verwunden können, sind seine Augen und – sein Maul. Wir könnten es blenden und dann mit unseren Speeren töten.“

Da fiel Gru Ingors Vater ins Wort: „Wenn wir das tun, wird das Brüllen des Hornträgers ununterbrochen in unseren Ohren erklingen. Es wird bis zum Herrn der Tiere dringen und seinen Zorn erwecken. Selbst die Raubtiere töten ihre Beute schnell und schmerzlos. Wir wären weniger als sie.“

Ingor sah das abgemagerte Gesicht seiner Schwester Nija vor sich und schüttelte den Kopf: Wie konnte Gru vom Zorn des Herrn der Tiere reden, dachte er. War der Schamane nicht zum Herrn der Tiere gereist und hatte ihn um Herausgabe von Tieren gebeten, damit sie nicht verhungerten. Und es stimmte auch nicht, dass die Raubtiere ihre Beute immer schnell und schmerzlos töten.

Ingors Vater schien die gleichen Gedanken zu hegen: „Die Raubtiere töten ihr Jagdwild, wie sie es am besten können, sagte er. Einem Wisent springt der Höhlenlöwe ins Genick und schlägt ihm mit seiner Pranke das Hirndach ein. Einen fliehenden Tarpan packt er an der Kehle und reißt ihm den Kopf nach unten, so dass er sich überschlägt und das Genick bricht. Bei einem solchen Tod leiden die Tiere nicht lange. Das ist richtig. Aber manchmal zerschlagen die Höhlenlöwen einem Fohlen auch nur die Hinterläufe und beginnen gleich darauf zu fressen. Und einen Bären tötet der Höhlenlöwe, indem er ihm mit einem schnellen Hieb seiner furchtbaren Pranke  den Bauch aufschlitzt. Ihr habt alle schon sein jammervolles Geschrei gehört.“

Einige der Männer nickten. Gru konnte hierauf nichts erwidern. Aber dann sagte er noch: „Das Brüllen des Nashorns könnte die Alten Menschen herbeirufen. Das Wollnashorn ist ihr heiliges Tier.“

„Ich meine, dass wir ebenso wie Bär und Höhlenlöwe unsere Beute so töten sollten, wie wir es am besten können“, fuhr Ingors Vater fort. „Der Hornträger sieht schlecht und da er beim Äsen und Zermalmen von Ästen viel Lärm in seinem Kopf macht, kann man sich gegen den Wind bis auf wenige Speerlängen heranschleichen. Wenn er dann den Feind wittert, greift er ihn an und verlässt sich dabei ganz auf seine Nase. Deshalb ist es nicht schwer, den Hornträger bei günstigem Wind in eine Fallgrube zu locken. Wir müssen vorher allerdings die Pfade erkunden, die sie immer wieder benutzen. Die Frage ist, ob wir noch genügend Zeit dazu haben und uns Hunger und Kälte nicht vorher sterben lassen. Die andere Möglichkeit ist, dass wir uns heranschleichen, das Wollnashorn blenden und es dann mit unseren Speeren töten. Dabei sterben vielleicht weniger von uns. Sagt, was wir tun sollen! Wir stimmen ab.“

„Entscheide du, wenn es soweit ist“, sagte einer und die meisten stimmten zu. Ingors Vater zögerte etwas, aber dann nickte er. „Kommt“, sagte er. „Wir müssen der Fährte folgen, so lange es noch hell ist.“ 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 06.01. bis 19.01.09: Der Schamane im Raben?

Januar 7th, 2009

Ingor, der Enkel des Schamanen – Der Schamane im Raben?

Der Schamane im Raben?

Der Schamane im Raben?

I

Wenig später entdeckten sie die Spuren von Wölfen, die in breiter Front Wild über das Eis gejagt hatte. Erregt beugten sie sich über die Pfoten-Abdrücke der Wölfe und noch mehr zogen sie die gespreizten Trittsiegel des gehetzten Tieres an. Nach den breiten Schalenabdrücken zu urteilen, war es ein vom Rudel abgeschlagener Hirsch, den die Wölfe verfolgt hatten. Beute schien in greifbare Nähe gerückt. Aber während sie der Fährte folgten, wurde ihnen klar, dass diese Hoffnung trog. Die Wölfe hatten den Hirsch in zwei Gruppen gejagt. Auf diese Weise konnten sie ihm den Weg abschneiden, wenn er einen Bogen schlug. Die geringe Weite der Fluchten verriet ihnen die Schwäche des Hirsches. Die Ränder der Schalenabdrücke waren außerdem nicht mehr scharf. Die Wölfe hatten den Hirsch längst gerissen und bis auf den letzten Bissen verspeist. Die Grauen haben selbst die Schädeldecke geknackt und das Gehirn heraus geholt, dachte Ingor. Mehr als Wedel, Hinterläufe und zerbissene Knochen haben sie nicht übrig gelassen. Die Männer, die noch Kraft hatten, hielten dennoch weiter Ausschau nach der Fährte und verfolgten sie eine Strecke rückwärts. Die Hetzjagd war hangabwärts verlaufen.

Sie kamen nun noch langsamer voran als zuvor. Der aus den Bergen herabströmende Fluss hatte ein starkes Gefälle und sein Eis war schwierig zu begehen. Immer wieder versperrten ihnen übereinander getürmte und zusammengefrorene Eisschollen den Weg, denen sie oft kaum ausweichen konnten. Keuchend kletterten sie über sie hinweg.

Von Zeit zu Zeit lief ein furchterregendes Krachen durch die Eisdecke, vor dem sie anfangs heftig erschraken. Wollte jemand nicht, dass sie diesen Weg gingen? Die Alten Menschen, in deren Gebiet sie eindrangen, waren gewiss dagegen. Aber die hatten ja wohl nicht die Macht, die Eisdecke bersten zu lassen.

Einige der Männer waren dagegen, weiter flussaufwärts zu gehen.  Wenn das Wild schon in der Ebene keine Äsung findet“, sagten sie, „wie soll es dann Äsung im Gebirge finden, wo der Schnee noch viel tiefer liegt. Wenn wir keine Beute machen, wird es uns die Kraft fehlen, zurück zu kehren.“

Ingors Vater schüttelte den Kopf: „Der Schamane ist uns auf seiner Reise zu den Seelenplätzen der Tiere vorausgeeilt“, sagte er. „Er hat in den Bergen die Seelenplätze von Wild gefunden und wird uns nun dabei helfen, es zu erlegen.“ Dann fügte er noch hinzu: 

„Im Gebirge ist es kälter als in der Ebene. Dort kommt Tauwetter gegen den Frost nicht an. Wo aber kein Tauwetter die Oberfläche des Schnees schmilzt, fehlen auch die Eisschichten im Schnee, die verhindern, dass das Wild die Äsung wittert. Es muss seine Weideplätze nicht  verlassen. Der Hirsch, den die Wölfe gejagt haben, ist ein Zeichen dafür. Er kam aus den Bergen.

Wenn es sein muss, werde ich diesem Fluss bis zu seinen Quellen folgen“, sagte er mit fester Stimme und sah die Männer einen nach dem anderen an. „Ich habe ein gutes Gefühl“, schloss er. „Es wird noch einiges geschehen. Aber dann werden wir zu essen haben und mehr Fleisch, als wir tragen können, lange vor den Quellen. Wer kommt mit?“

Ingor hob seine Hand. Die anderen hatten die blassen Gesichter ihrer auf Nahrung wartenden Frauen und Kinder vor Augen und einer nach dem anderen machte eine Geste der Zustimmung.

„Die Raben kommen auch mit“, sagte Ingor und wies in die Höhe. Diesmal flogen sie höher. Jetzt hob auch Gru als letzter seine Hand und wollte mitkommen. Dass die Raben sie begleiteten, war ein gutes Zeichen.

Als Ingor seinen Kopf hob und auf die Raben wies, sah der erste der schwarzen Vögel auf ihn herab. Ingor meinte plötzlich sein Großvater, der Schamane, blicke auf ihn herab. Ingor schüttelte den Kopf. Das konnte ja wohl nicht sein.

Die Männer marschierten weiter flussaufwärts. Zu beiden Seiten des Stromes reckten Berge ihre kahlen Kämme empor. Dazwischen lagen verschneite Täler und Schluchten. Starke Winde hatten den Schnee von den felsigen Kuppen fortgetragen und  an tiefer gelegenen Stellen hoch aufgetürmt. Wie tief der Schnee in den Schluchten lag, konnten sie an manchen Stellen daran erkennen, dass dort nur die Baumwipfel aus dem Schnee herausragten.

Ingor warf einen Blick zum Himmel. Graue Wolken hatten sich zusammen gezogen und Schneeflocken kamen herunter gewirbelt und fielen immer dichter, so dass man kaum noch einen Speerwurf weiter sehen konnte. Gut, dass sie auf dem Fluss gingen, dachte Ingor, da konnten sie einander nicht verlieren und sich auch nicht verirren. Er suchte den Himmel nach den Raben ab, aber in dem Schneegestöber konnte er sie nirgends entdecken.

Der Tag wurde grau und düster. Abendstimmung breitete sich aus und Ingor sorgte sich, wie sie die Nacht überstehen würden, ob sie Brennmaterial für ein Feuer und Zweige für ein Bett fanden. Sich nur in den Schnee einzuwühlen, würde nicht ausreichen, der Kälte der Nacht zu entrinnen.

Der Abstand zwischen den einzelnen Männern hatte sich vergrößert. Ingors Vater ging an der Spitze. Dicht hinter ihm folgten die Männer, die noch über Kraft verfügten und sich keine Schwäche anmerken lassen wollten. Einige der Männer aber waren weit zurück gefallen. Den Schluss bildete Gru. Er war im Schneefall schon gar nicht mehr aus zu machen.

Ingor ging in der Mitte zwischen diesen beiden Gruppen. Mechanisch setzte er einen Schritt vor den anderen. Auf einmal musste Ingor an seinen Großvater denken und wusste plötzlich, dass etwas geschehen würde. Tatsächlich flog wenig später einer der Raben im Tiefflug über ihn hinweg. Er kreiste ein paarmal über Ingor und der Gruppe der Männer an der Spitze und auch über den Männern am Schluss.

Krächzend stieß er auf Ingors Vater herab und flog dann in Richtung Westen davon. Ingor folgte ihm mit den Augen, bis er im Schneegestöber verschwunden war.

Kurze Zeit später war der Rabe wieder da und krächzte diesmal noch lauter. Plötzlich schoss er in steilem Sturzflug auf Ingor herunter und streifte mit seinen schwarzen Schwingen Ingors Gesicht. So etwas hatte Ingor noch nicht erlebt. Dann flog der Rabe wieder davon, das gleiche Ziel wie vorher ansteuernd. Ingor wusste, dass sie dem Raben folgen mussten.  

„Wir müssen dem Raben folgen“, rief nun auch Ingors Vater. Er blieb stehen und wartete, bis die Gefährten einer nach dem anderen aus dem Schneetreiben auftauchten und auch Gru wieder bei ihnen war. Dann verließen sie den Fluss und stapften in die Richtung, in der sie den Raben hatten verschwinden sehen.

Am Berghang versank Ingor bis über den Kopf in einer Schneewehe. Das erste, was er danach wieder sah, war, dass sich ihm die Arme seines Vaters entgegen streckten. Ohne Schneeschuhe kamen sie hier nicht weiter.

Es hörte auf zu schneien, und für einen kurzen Augenblick brach sogar die Sonne durch. Während sie ihre Schneeschuhe festbanden, sahen sie den Raben über einem nahe gelegenen Hang kreisen. Das Schneefeld, über dem der schwarze Vogel schwebte, aber war von einer breiten Fährte durchfurcht. Die Fährte warf in der sinkenden Sonne dunkle Schatten und war gut zu erkennen. Das war die Fährte von Großwild. Ihr Anblick gab ihnen einen Stich ins Herz. Sie mussten der Fährte folgen, bevor sie zuschneite.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 24.12. bis 07.01. 2009: Die fliegende Schlange!

Dezember 24th, 2008

Fische im Fluss!

Fische im Fluss! (eigenes Foto)

Ingor, der Enkel des Schamanen – Die fliegende Schlange!
Der große Fisch, den sie verzehrt hatten, wärmte sie eine Zeitlang von innen her und sie fühlten sich besser. Wieder flogen drei Raben mit langsamen Flügelschlägen in niedriger Höhe über sie hinweg. Da blieben alle stehen und sahen ihnen nach und einige warfen sogar ihre Speere nach ihnen. Soweit trieben sie die Hungerstiche in ihren Mägen, dachte Ingor. Aber dann legte er selber einen Wurfspeer mit einer Knochenspitze auf den Dorn seines Wurfholzes, holte aus und schleuderte ihn hinter den schwarzen Vögeln her. Doch der Speer brach aus und flog in Richtung der Gefährten, wobei er sich wie eine Schlange auf und ab bewegte. Ingor blickte dem Speer enttäuscht nach; doch Trost erhielt er  dadurch, dass sein Geschoss bis über die Flugbahn der Raben hinaus gelangte, während die Speere der anderen schon vorher ihren Umkehrpunkt erreichten und zu Boden fielen. Die Raben flogen ihnen flussaufwärts voraus. Ob das etwas zu bedeuten hatte?

„Wohin dein Kinder-Speer fliegt, bestimmt wohl irgend ein Geistwesen, über das du keine Macht hast!“ Die Stimme Ebers, der nicht gerade sein Freund war, schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. “Sag ihm, dass wir sehr böse werden, wenn es den Speer in unsere Richtung lenkt.“

Ingor fand es nicht notwendig zu antworten. Er spürte Ebers Neid, weil er ihm den großen Fisch sozusagen vor den Füßen weggeschnappt hatte. Aber er fühlte sich auch plötzlich in Zweifel gestürzt. Wenn der Speer immer wieder von dem Dorn des Wurfholzes abglitt, dann würde er nie eine größere Treffsicherheit erlangen und die Waffe war nutzlos und tatsächlich nicht mehr als ein Spielzeug und vielleicht sogar gefährlich. Aber er musste auch innerlich lächeln. Seine Wurf-Geschosse waren dünner als normale Wurf-Speere. Das mussten sie auch sein, wie er bei vielen Würfen herausgefunden hatte. Nur dann konnte er ihnen mit dem Wurfholz eine solche Wucht verleihen, so dass sie bis in vorher nie erreichte Entfernungen flogen. Kinderspeere waren seine Wurfgeschosse nur dann, wenn man sie mit der Hand warf. Aber dazu hatte er sie nicht angefertigt.

Als Ingor seinen Wurfspeer wieder einsammelte, sah er, warum er von dem Dorn des Wurfholzes abgeglitten und ausgebrochen war. Er musste nur die Einkerbung am unteren Ende des Wurfspeeres etwas vertiefen. Das tat er  mit der Feuersteinspitze einer seiner anderen Wurfspeere und warf ihn erneut. Diesmal brach der Speer nicht aus. Sich wie eine Schlange auf und abwindend und zischend, fuhr er mit großer Durchschlagskraft in einen weit entfernten Weidenstrauch, den Ingor sich als Ziel ausgesucht hatte.

Einigen der Gefährten, die zum ersten Mal sahen, wie sich der lange dünne Wurfspeer während des Fluges wie ein Lebewesen zischend auf und ab bewegte, war diese fliegende Schlange unheimlich. Sie beruhigten sich damit, dass Ingor der Enkel des Schamanen war, sich gut mit ihm stand und ihm wahrscheinlich sogar einmal im Amt nachfolgen würde. Sie dachten auch an den Fisch, den Ingor unter sie verteilt hatte. Vielleicht half ihnen diese fliegende Schlange ja dabei, Beute zu machen, so dass sie nicht mehr hungern mussten. Dann war die fliegende Schlange ihr Verbündeter und willkommen. Aber wenn sich die fliegende Schlange gegen die Menschen wendete, dann mussten sie gegen sie vorgehen.

Lange marschierten sie auf dem zugefrorenen Fluss dahin. Die Sonne erreichte ihren Gipfelpunkt und sank wieder tiefer. Schließlich erschöpfte auch das Schreiten auf der ebenen Fläche des Fluss-Eises ihre Kräfte immer mehr. Immer öfter kam es vor, dass ihre Füße und Beine sich ineinander verhedderten und sie stolperten. Ingor überkamen Schwäche-Zustände,  bei denen es ihm schwarz vor Augen wurde. Am liebsten hätte er sich auf das Eis gelegt und wäre nicht mehr aufgestanden. Aber er sagte sich, bis zur nächsten Fluss-Biegung halte ich noch durch, nur bis dahin noch, und er erreichte sie auch nur mit Mühe. Aber als sie dort ankamen, sagte er sich, nur bis zu diesen Bäumen dort gehe ich noch. Aber nachdem er auch diese Strecke dann geschafft hatte, nahm er sich ein neues Ziel vor und so schleppte er sich von einem Ziel, das er sich setzte, bis zum nächsten. So betrog er sich selber und wunderte sich, wie lange er auf diese Weise durchhalten konnte.

Die Gefährten wurden ebenfalls von Schwäche Anfällen heim gesucht. Ingor bemerkte, dass sie beim Gehen nicht die Richtung hielten, sondern einmal nach der einen, dann nach der anderen Seite taumelten. Er selber schritt aus wie im Traum. An seine Speerschleuder dachte er schon lange nicht mehr und er hielt auch nicht mehr nach Wild Ausschau. Er bemerkte jedoch, dass sein Vater, der an der Spitze ging und das Tempo bestimmte, noch nicht das Interesse an seiner Umgebung verloren hatte. Das beruhigte ihn.

Er träumte jetzt mit offenen Augen. Unter den graublauen blanken Stellen der Eisdecke vermeinte er Fische zu sehen. Aber wenn er die Augen aufriss und in seinen normalen Bewusstseinszustand zurückkehrte, waren die Flossenträger wieder verschwunden. Ingor konnte nicht mehr zwischen innerem und äußerem Geschehen unterscheiden. Traumhaft sah er seine Schwester Nija beim Sammeln gefrorener Pflanzen-Nahrung ausgleiten und spannte unwillkürlich die Armmuskeln, um den Sturz abzufangen. Ingor schüttelte über sich selber den Kopf.

Plötzlich lief ein blutiges Geschehen vor seinem inneren Auge ab: Vor ihm im Schnee stand ein zottiges urwelthaftes Tier. Tief in seiner Seite steckte ein Speer und heraus schoss rotes Blut in pulsierenden Stößen, strömte in das dichte Fell und tropfte in den weißen Schnee. Vor dem Tier, das mit gesenktem Kopf dastand, aber krümmte sich ein Mensch am Boden. Angst überflutete Ingor, aber dann verdrängte Triumpf und das Bewusstsein von Sieg die Angst. Für Sekunden verspürte er sich von einer solchen Kraft durchströmt, dass er sich unbesiegbar wähnte. Es schien ihm, als ob er Kraft aus dem rauchenden Blut des Tieres söge. Der Spuk war rasch vorüber; die Gefühle, die ihn überwältigt hatten, zogen ihn in das normale Sein zurück.

Es war wieder kälter geworden. Die niedrig stehende Sonne schien wie durch einen Nebelschleier hindurch. Um das Tagesgestirn herum hatte sich ein Ring gebildet. Es standen auch mehrere Neben-Sonnen am Himmel. Es wurde eine Rast vereinbart. Sie gingen zum Ufer und ließen sich im Schnee nieder. Eine dichtbehaarte Fellkleidung hätte sie gegen die Schneekälte isoliert. Aber jetzt trugen die Männer Pelze, die kaum noch Haare hatten. Die Fell-Hosen, die im Herbst hätten erneuert werden müssen, waren sowohl an den Schenkeln als auch am Sitz zerschlissen. Aber sie froren nicht nur wegen ihrer mangelhaften Kleidung, sondern mehr noch, weil sie nichts zu essen hatten. Das schien Ingor nun das Schlimmste an einer Hungersnot, dass sie immerfort froren.

Während sie sich ausruhten und einen Teil ihrer dürftigen Wegzehrung aßen, erholten sie sich allmählich. Ingor zählte die Haselnüsse, die er in seiner Felltasche hatte und knackte die Hälfte davon zwischen seinem Feuerstein-Messer und dem Fluss-Eis. Andächtig kaute er lange die Kerne, bevor er die ölhaltige Masse hinunter schluckte. Als er sie gegessen hatte, musste er sich zurückhalten, um nicht auch noch über den Rest herzufallen. Da er durstig war, aß er Schnee, den er mit den Händen zusammen presste. Aber Schnee ergibt nur wenig Flüssigkeit und er sehnte den Abend herbei. Dann würden sie ein Feuer anzünden und Schnee schmelzen und er konnte soviel trinken, wie er wollte. Später schlug er noch Splitter aus der Eisdecke des Flusses. Bevor er sie sich in den Mund steckte, hielt er sie eine Weile unter dem Pelz, damit sie sich erwärmten. Eis ergab mehr Flüssigkeit als  zusammengepresster Schnee. Allmählich spürte er, wie ihm Flüssigkeit und Nahrung Kraft gaben.

Als sie aufbrachen, kam Gru nur schwer wieder auf die Beine. Ingor reichte ihm die Hand und zog ihn hoch. Er erschrak vor dem knochigen Gesicht und den tief in ihren Höhlen liegenden Augen. „Dein Speer“, sagte Ingor. „Ich lasse ihn hier“, murmelte Gru. „Ich brauche nur einen, um mich darauf zu stützen.

“Das war ein schlechtes Zeichen. „Gru wird sterben“, hörte Ingor eine Stimme in sich sprechen.

„Das rote Blut in diesem Körper wird gefrieren“, murmelte Gru „überhaupt alles, was man an diesem Körper anfassen kann, wird zu Eis erstarren. Aber zu diesem Körper gehört auch etwas, das kann der Frost nicht in Fesseln schlagen und das können auch die Wölfe und Hyänen nicht fressen. Es ist das, was ich eigentlich bin. Es wird in seine Heimat zu seinen Eltern zurückkehren und irgendwann – wenn es wärmer ist – wiederkehren!

“Ingor wandte sich ab. Es war traurig, aber er konnte Gru nicht helfen. Er hatte mehr als genug mit sich selber zu tun. Kurze Zeit später erreichten sie einen Bereich, in dem sie hätten umkehren müssen, wenn sie nicht die Nacht im Freien verbringen wollten. Aber von Umkehr sprach niemand, wenn auch alle daran dachten.

Auf einmal wich das Ufer zurück und sie kamen an die Einmündung eines Flusses, über dessen Eisfläche sich Eisschollen auftürmten. Das musste der Gebirgsstrom sein, von dem der Schamane auf seiner Reise zu den Seelenplätzen der Tiere gesprochen hatte. Zögernd überquerten sie die weite Eisfläche, unter der sich die beiden Flüsse vereinigten und bogen in das Seitental ein. Der Anblick der veränderten Landschaft riss sie aus ihrer Lethargie. Ingor hatte das unbehagliche Gefühl, dass sie in fremdes Jagdgebiet eindrangen, denn im Sommer hatten sie aus dem Land hier Rauch aufsteigen sehen. Aber was spielte das jetzt noch für eine Rolle? 

Ingor, der Enkel des Schamanen, 10.12. bis 23.12.08: Die Mammut-Jagd – Der Aufbruch!

Dezember 9th, 2008

Mammut-Zeichnung auf einer Höhlenwand von Font-de-Gaume, Dordogne, Frankreich

Mammut-Zeichnung auf einer Höhlenwand von Font-de-Gaume, Dordogne, Frankreich (abgezeichnet)

Die Mammut-Jagd – der Aufbruch!

Im Halbschlaf vor dem Aufbruch am nächsten Morgen lastete noch Müdigkeit schwer auf den Männern. Nur widerwillig warfen sie die wärmenden Schlaffelle zur Seite, als die Trommel des Schamanen zum Aufbruch rief.

Mit einem Stück Holz schlugen sie das Eis aus der steif gefrorenen Winterkleidung, deren Haare sich in starre Eisstacheln verwandelt hatten. Die erste Kleidungsschicht trugen sie mit dem Fell auf dem Körper, die zweite mit dem Fell nach außen. Während sie sich ankleideten, verspürten sie allmählich wieder Kraft, den neuen Tag zu überstehen. Sie streichelten ihre schlafenden Kinder, drückten ihre Frauen zum Abschied an sich und stapften durch tiefe Schneewehen zum Fluss hinunter, dabei in tiefen Zügen die kalte Luft atmend.

Bevor das Dorf ihrem Blick entschwand, sahen sie sich noch einmal um und winkten ein letztes Mal ihren Frauen zu. Sie spürten deren bangen Wunsch, dass es ihnen auf diesem Jagd-Zug endlich gelingen möge, Beute zu machen. Aber sie wussten nicht, ob sie Erfolg haben würden. Für diese Frage konnte nicht einmal der Schamane ein gutes Gespür entwickeln, denn von ihr hing jetzt fast ihr Leben ab. Um sie kreisten ihre Hoffnungen und Wünsche zu sehr, als dass sie eine negative Antwort akzeptiert hätten. Die Zeit der kargen Bissen hielt schon zu lange an. Wenn es ihnen diesmal nicht gelang, Beute zu machen, würden sie sich kaum noch einmal zu einer größeren Jagd-Unternehmung aufraffen. Sie würden hungernd und frierend in ihren Hütten hocken und auf das Frühjahr warten und es würden Krankheit und Tod einziehen. Sie würden das letzte Fett aus den Fellen kauen und schließlich die Haare von den Fellen kratzen und die Felle selber kochen und hinunterwürgen. Die Winter-Kälte würde immer unerträglicher werden. Mit zitternden Händen würden sie versuchen, das Feuer am Leben zu erhalten, bis sie dann schließlich zu schwach waren, um für Brennmaterial zu sorgen.

Ihre Lebensflamme würde ebenfalls immer schwächer brennen. Und wenn sie dann Rentier, Wisent und Mammut wieder über die Hügel kommen sahen, waren sie vielleicht schon zu hinfällig, um überhaupt auf die Beine zu kommen. Und das war vielleicht das schrecklichste: Unfähig aufzustehen, würden sie in ihren Hütten liegen und sterben, während sich draußen das Land begrünte und das Wild in Reichweite ihrer Speere äste.

Einige riefen sich die Träume der vergangenen Nächte ins Gedächtnis zurück und prüften, ob sie nicht Dinge ankündigten, die auf ein baldiges Beute-Machen hinwiesen. Das hatten sie schon viele Male getan. Wenn sie ihre Ahnungen und Träume richtig deuteten, würde auch diese Notzeit vorübergehen, ohne dass es sie das Leben kostete. Es schien ihnen jetzt sogar so, dass sie schon bald wieder reichlich zu essen haben würden. In ihrer Vorstellung hieben einige von ihnen sogar schon ihre Zähne in rotes saftiges Fleisch und fette Bratenstücke und säbelten sie dicht vor den Lippen mit ihren Feuerstein-Klingen ab. Aber ob es wirklich so sein würde, wussten sie nicht. Es konnten Wunsch-Vorstellungen sein. Wahrscheinlich würden sie bald wieder Beute machen, aber so recht daran glauben konnte niemand. In einem Tagtraum hielt Ingor plötzlich ein Stück Fleisch mit langen zottigen Haaren in der Hand. Verblüfft registrierte er es, konnte sich aber keinen Reim darauf machen.

Wenn sie in die Gesichter der Gefährten blickten, glaubten sie ein Zeichen zu erhalten. Noch bevor sich ihre Blicke kreuzten, spürten sie die neue Hoffnung, die in die Herzen der meisten eingekehrt war. Aus den eingefallenen Gesichtern, die sie nur grau und hoffnungslos in Erinnerung hatten, vermeinten sie eine Wendung zum besseren herauslesen zu können. Aber vielleicht war es auch nur die Hoffnung, die der Schamane in ihnen geweckt hatte.

Sie erreichten das dunkle Eis des Flusses, von dem der Wind den Schnee an den meisten Stellen fortgeweht hatte. Auf dem Eis am Rand des Stromes, wo es weniger glatt war, marschierten sie stromaufwärts. Hier kamen sie voran, ohne ihre Kräfte und geringen Energie-Reserven zu sehr zu erschöpfen. Die Hänge lagen tief unter Schnee begraben. Ohne Schneeschuhe konnten sie dort nirgendwo mehr hin gelangen. Hier im Westen zum Meer hin fiel mehr Schnee als in dem Land zur Morgen-Sonne hin, aus dem sie vor einigen Jahren gekommen waren. Die Kälte kannten sie, aber sie hatten nicht gewusst, was es bedeutete, wenn soviel Schnee fiel.

Jetzt kurz vor Sonnenaufgang war die Kälte am größten. Sie biss ihnen in das hohlwangige Gesicht und die Hände in den Pelzhandschuhen wurden kalt und klamm. Ihr Atem stand weiß in der Luft und ihre Köpfe bedeckten sich vom Atem mit Raureif. Sie rieben sich die Nasenspitzen, damit sie nicht erfror, und sie bewegten ununterbrochen die Finger in ihren Handschuhen, um sie geschmeidig zu halten. Mit klammen halberfrorenen Händen konnten sie keine Speere werfen. Wenn sie genug zu essen hätten, würden sie nicht so unter der Kälte leiden.

Ihre Blicke wanderten immer wieder nach Osten, wo die Dämmerungsstreifen am Himmel immer breiter und heller wurden und das Licht der Sterne überstrahlten. Sie sehnten die Sonne herbei, ihre Wärme, damit sie weniger froren und ihr Licht, um die Fährten im Schnee lesen zu können. Es war gut, dass die Sonne nun mit jedem Tag wieder früher aufging. Der Mond der langen Nächte lag schon hinter ihnen. Ingor versuchte die Tage zu zählen, bis die Sonne wieder soviel Kraft gewonnen hatte, Eis und Schnee zu schmelzen und das Eis des Flusses bersten zu lassen. Die Finger seiner beiden Hände reichten jedoch hierfür nicht aus. So lange konnten sie nicht ohne Nahrung auskommen.

Als die Sonne aufging, reflektierte und zerstreute der weiße Schnee das einfallende Licht und nach einer Weile erfüllte blendende Helligkeit selbst die Schluchten und Senken. Die Eiskristalle des Pulverschnees glitzerten. Wenn die Sonne auch nur wenig Wärme spendete, so wandten die Männer ihr doch so oft wie möglich das Gesicht zu. Sein Vater mahnte Ingor, die Schneebrille aufzusetzen, sonst mache ihn das vom Schnee reflektierte Sonnenlicht blind. Ingor folgte dem Rat. Er hatte selber schon daran gedacht. Die Schneebrille hatte ihm sein Großvater aus Holz geschnitzt. Sie war rußgeschwärzt und ließ nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen frei.

Wenig später hörten sie einen vom Wind verzerrten Laut, von dem sie nicht wussten, wie sie ihn einordnen sollten. War es der Todesschrei eines Tieres oder doch nur das Ächzen und Kreischen des Eises?

Ingor kamen Wölfe in den Sinn, die auf dem schlüpfrigen Eis des Flusses vielleicht ein Ren gestellt hatten.

Als die Laute verstummt waren, gingen die Männer schneller. Sie teilten sich auch in zwei Gruppen, von denen die eine am rechten und die andere am linken Ufer entlang zog. Bevor sie Wild erlegen konnten, mussten sie es ausfindig machen. Und wenn sie es schon nicht selber erspähten, fanden sie im Schnee vielleicht doch seine Spuren.

Die Blicke der Männer schweiften ununterbrochen über das Land. Der zugefrorene Fluss wandte sich durch Sumpfgebiete, die sie im Sommer mieden, da sie sonst dort versunken wären.

Plötzlich ertönte vom anderen Ufer her lautes Geschrei. Ingor und die Männer um ihn erstarrten. Das klang nach etwas besonderem. Vielleicht hatten sie das Atemloch eines Bären über seiner Schlafhöhle am Hang entdeckt. Aber es waren nur drei erfrorene Vögel, die sie gefunden hatten. „Gänse“? fragte jemand. „Nein, Schneehühner“, hieß es.

„Über drei magere Schneehühner freuen die sich so, als ob sie einen Bären erlegt hätten“, dachte Ingor. „Das war nicht normal. Es musste ihr Hungern sein, das sie so reagieren ließ.“

In diesem Augenblick erspähte Ingor den Schatten eines großen Fisches, der unter dem Eis zu seinen Füßen vorbeiglitt. Bei diesem Anblick war es Ingor, der außer sich geriet. Einen Augenblick lang wollte er sich schon auf das Eis stürzen und mit seinem Faustkeil ein Loch hinein hacken. Aber das Eis war viel zu dick. Ingor kannte sich selber nicht mehr. Er konnte sich nicht beruhigen. „Der Fluss solle ihm den Fisch geben“, ließ ihn der Hunger fordern und in seiner Vorstellung gab der Fluss den großen Fisch auch heraus. Immer wieder gab der Fluss den Fisch in seinem Kopf heraus und irgendwie schien diese Vorstellung eine große Kraft zu entfalten.  

Plötzlich zog ein polterndes Dröhnen und Knattern über die Eisfläche. Das Eis des Flusses vor ihnen bäumte sich auf und erstarrte danach sofort wieder. Zurück blieben scharf gezackte Eisklippen. Ingor lief sofort hin. Neben den Eisklippen zappelte ein großer Fisch auf dem Eis. Ingor schlug ihm seinen Faustkeil an den Kopf und packte ihn sich unter den Arm. „Den werden wir sofort unter uns aufteilen“, sagte er, „ehe er zu Eis gefriert. Das ist unser Frühstück.“ Die Gefährten sahen ihn erstaunt an, aber es gab keine Einwände. Sie zerteilten den Fisch, klopften ihn mürbe und aßen ihn roh. Es war fast zu viel für sie. Den langen fetten Fischschwanz aber steckte Ingor in seine Jagdtasche, wies zum anderen Ufer hin und sagte: „Für die da drüben, damit ihnen die mageren Hühnchen besser bekommen!“

Ingor, der Enkel des Schamanen, 26.11. bis 09.12.08: Der Schamane reist zum Herrn der Tiere! II

November 25th, 2008

Schamane, Flöte blasend; Höhle Trois Freres, Frankreich

Schamane, Flöte blasend; Höhle Trois Freres, Frankreich, abgezeichnet

Der Schamane reist zum Herrn der Tiere II

Während  der Schamane sang und die Trommel schlug, drehte er sich im Kreise, glitt zur Erde hinunter, um dann wieder in die Höhe zu schnellen und in großen Schritten und Sprüngen das Zelt zu durchmessen. Der Schamane war nicht mehr der Mann, als den ihn alle kannten. Er hatte sich in ein unbekanntes Wesen verwandelt, das eng mit den Geistermächten verbunden war. Durch sein Trommeln und Tanzen sammelte er Energie an und stellte sie den Geistermächten zur Verfügung, damit sie dem Stamm halfen, Nahrung zu finden und zu überleben. 

Lange Zeit währte das Singen und Tanzen, getragen von dem dumpfen Tam, Tam der Trommel. Immer wieder wurde das Dröhnen der Trommel wilder, höher die Sprünge des Schamanen, bis er nach Luft ringend und sich den strömenden Schweiß von der Stirn wischend kaum weniger schnell den Raum durchmaß.

Und immer mehr wurden die Anwesenden von dem Zauber der Musik und der Wildheit des Tanzes in Bann geschlagen. Sie saßen dichtgedrängt, eine dunkle Masse im Widerschein der Flammen. Ihre Seelenkräfte verbanden sich und schweißten sie zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen mit starkem Gemeinschaftsgefühl und hoher Opferbereitschaft. Neue Kraft strömte in ihre Herzen. Sie waren wieder bereit und fähig durchzuhalten, gleichgültig, was kam. Gleichzeitig trugen sie ihren Teil zum Gelingen des Schamanen-Tanzes bei. In den Geistermächten aber sammelte sich die Kraft an, Dinge zu gestalten, die bewirkten, dass der Stamm überlebte.

Ingor hatte Mühe, die Kontrolle über sein Bewusstsein zu behalten. Eine unsichtbare Kraft zerrte daran und er befürchtete, etwas zu tun oder zu sagen, über das er keine Kontrolle hatte.

Plötzlich fuhr ein Windstoß durchs Zelt. Die Flammen des Feuers brannten niedriger und drohten zu erlöschen. Ingor aber wurde von einem eiskalten Hauch angeweht. Er spürte, dass ein Unsichtbarer gekommen war, dem er seinen Körper zur Verfügung stellen sollte und dann hörte er sich auch schon mit fremder Stimme sprechen: 

„Der Speer, der mich getötet hat, wurde gelenkt“, sagte er. „Es war kein Zufall!“

Hannas Mann erkannte die Stimme seines Bruders und ein Stöhnen ging durch seine Brust. „Ich lenkte den Speer“, brach es aus ihm heraus. „Es war meine Schuld!“

„Nein, nicht deine Schuld“, sprach es aus Ingor, „dein Speer wurde von einer Kraft gelenkt, die stärker ist als du oder ich.“

„Ich lenkte den Speer“, wiederholte Hannas Mann dumpf. „Komm!“ sagte die Stimme aus Ingor. „Umarme mich als Zeichen unserer Versöhnung.“ Hannas Mann zögerte, aber da ergriff die Wesenheit in Ingor auch schon die Initiative und ging auf ihren Bruder zu. Beide umarmten sich und Hannas Mann begann zu schluchzen und Ingor bzw. die Wesenheit in Ingor auch. Ingor schossen die Tränen in die Augen und liefen ihm übers Gesicht, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte.  

Als Ingor der Handlung wieder folgen konnte, war der Schamane dabei, nach Geistwesen zu rufen, die noch nicht gekommen waren. „Bär, komm“, rief er immer wieder „und du, starker Adler, lass dich herab und lande und auch du, Wolfwesen Amarok, lenke deine Schritte hierher.“ Je mehr Geister der Schamane versammeln konnte, umso größer war seine Kraft. Aber seine mächtigsten Verbündeten Bär, Adler und Amarok fehlten noch.

 „Wo bist du, Adler?“ rief der Schamane. „Kommt meine Tiere und Geleiter!“ Immer wieder rief er nach seinen Tieren, bis endlich der Ruf eines Adlers zu hören war und ein Rauschen, wie wenn sich ein mächtiger Greifvogel vom Himmel herab auf seine Beute stürzt. Deutlich konnte Ingor Stimme und Flügelschlag vom Klang der Trommel und dem Gesang des Schamanen unterscheiden, aber sehen konnte er den Adler nicht.

„Ah, da bist du ja, Adler“, begrüßte der Schamane den unsichtbaren Ankömmling. Gleich darauf erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm. Das Zelt wurde in seinen Grundfesten erschüttert und für einen Augenblick waren der braune Pelz und die Tatzen eines Bären zu sehen. Die Anwesenden erstarrten vor Schreck. Ein tiefes Brummen ertönte und der Schamane sagte: „Gut, dass du gekommen bist, Honigtatze. Es wird nicht lange dauern, dann kannst du weiter mit deinen Brüdern und Schwestern den Winterschlaf halten. Aber wo bleibt Amarok, das Wolfswesen? Warum kommst du nicht? Was hält dich von hier fern? Nun, wenn du nicht kommen kannst, dann muss das Werk auch ohne dich gelingen.

Herr, des Wildes“, rief der Schamane jetzt, „zeige uns den Weg zu den Seelenplätzen der Jagdtiere. Mein Stamm verhungert. Zeige uns, wo sich deine Geschöpfe aufhalten, die du uns zur Nahrung geben wirst!

Die Knochenschlegel schlagen mit ungeheurer Geschwindigkeit auf das Fell der Trommel. Das Trommeln und Singen steigert sich zu einem letzten unerwarteten Höhepunkt. Die Tanzsprünge des Schamanen wurden so hoch und wild, dass er schließlich strauchelte. Mit letzter Anstrengung gelingt es ihm noch, einige Schritte zu tun. Der Griff, mit dem er die Trommel gefasst hält, erschlafft. Der Schlag des Schlegels klingt schwächer und ferner. Dann sinkt er neben dem Feuer auf Rentierfelle nieder. Die Trommel verstummt, gleitet dem Schamanen aus der erlahmenden Hand. Sein Körper liegt reglos, die Augen geschlossen. Ingor aber sieht seine Seele auf einem Adler durch die Nacht fliegen.

„Ich fliege“, ertönt wenig später die Stimme des Schamanen wieder. „Der Adler trägt mich durch die Lüfte. Ich steige höher und höher. Das Flusstal gleitet unter mir dahin.“ Eine Weile herrscht Schweigen. „Das Land ist leer, klagt die Stimme, „kein Wild, keine Spuren. Nur graue Wölfe mühen sich durch den Schnee. Die Schwingen des Adlers tragen mich bergauf – unter mir das geborstene Eis eines Gebirgsflusses. Schneebedeckte Hänge gleiten unter mir dahin.“ Plötzlich klingt seine Stimme erregt: „Da, im Schnee, die frischen Spuren von Großwild. Die Fährte läuft hinunter in ein weites Tal. Oh, hier ist Nahrung.“

Der Weg, ich muss den Weg kennen. Wo Wölfe über das Eis liefen, zerbissene Ren-Knochen den Beute-Ort anzeigen. Barrieren aus Eisschollen gebirgswärts.“ Die Stimme des Schamanen wird undeutlich, verwandelt sich in ein heiseres Krächzen.

Nach einer Weile erklingt seine Stimme jedoch wieder menschlich. „Zur Seite springen!“ ruft er und dann „zu spät,. Gru“ klingt es bedauernd aus seinem Munde und dann fällt auch Ingors Name. „Nein“, fleht er, es darf niemand mehr sterben. Wir sind nur noch wenige. Anders geht es nicht? Sein Leben gegen viele?“ Eine lange Weile herrscht Schweigen. Dann kommt ein Stöhnen aus der Brust des Schamanen und er murmelt: „Es sei!“

Wenig später schlug der Schamane die Augen auf und erhob sich. Er schien wie von einer weiten Reise zurückgekehrt. „Meine Seele hat euren morgigen Weg und eure Jagd vorweggenommen“, sagte er. „Ich sah mit den Augen des Adlers und ich sah mit den Augen von Gru und Ingor.“ Dann gab er detaillierte Anweisungen: Brecht morgen in aller Frühe auf“, sagte er. Geht flussaufwärts. Ihr müsst sehr weit gehen. Wo Wölfe ein Ren gerissen haben, mündet zur linken Hand ein Fluss. Ihm folgt hinauf ins Gebirge, bis ihr auf die Spuren von Großwild stoßt.“

Zum Schluss wandte sich der Schamane an Ingor: „Tu das, was du tun musst,“ sagte er und sah ihn bedeutungsvoll an. Ingor war seltsam berührt.

In der Nacht hatte er einen Traum, der ihn mit Unbehagen und Grauen, gleichzeitig aber auch mit Ehrfurcht erfüllte. Als er wieder erwachte, erinnerte er sich daran, mit etwas in Berührung gekommen zu sein, das ihm wie eine übermächtige, unerbittliche Macht erschien, gegen die nichts und niemand ankam. An ihr zerschellte alles und wurde völlig zermalmt, gänzlich umgestaltet und neu geformt. Ingor schien es, dass er mit dem Tod in Berührung gekommen war, der unausweichlich am Ende allen Lebens stand. Würde es sein Tod sein? Ingor hatte ein unbehagliches Gefühl; aber dann machte er sich klar, dass alle seine Vorfahren ja schon diesen Weg gegangen waren und er gewann etwas von seinem Gleichmut zurück.

Wenn sich in seinem Traum sein baldiger Tod angekündigt hatte, war er dann diesem Schicksal hilflos ausgeliefert? Ingor knirschte mit den Zähnen. Er wollte diese Schicksalmächte beeinflussen. Zum Sterben war es noch zu früh. Wenn seine Seele ein Ereignis vorausahnen konnte, dann musste es mit Hilfe seelischer Kräfte auch möglich sein, dieses Ereignis abzuändern. Und plötzlich erwuchs in ihm das Gefühl eines gewaltigen Triumphes und einer großen Freude. Für eine kurze Weile fühlte er sich stark wie nie zuvor.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 12.11. bis 25.11.08: Der Schamane reist zum Herrn der Tiere!

November 12th, 2008

Kosmos der Samen auf einer Schamanen-Trommel!

Heilige Symbole und Tiere auf einer Schamanen-Trommel der Samen aus dem 17. Jahrhundert im Nordischen Museum Stockholm  (Ausschnitt)

I

Der Schamane reist zum Herrn der Tiere!

Zusammen stapften sie wenig später durch den knirschenden Schnee zum Versammlungszelt des Schamanen. Die Landschaft war in das zauberische Licht des Mondes eingehüllt, der im Osten hinter den Fluss-Bergen aufgegangen war und sich immer mehr rundete.

Eine unwirkliche Stimmung erfasste Ingor, als sie in das Zelt eintraten. Das Zelt und die Dinge darin waren erfüllt von dem Geist vergangener Beschwörungen. In dem Raum pulsierten starke Kraftfelder. Ingor konnte sie körperlich spüren. Stumm ließen sie sich auf den Rentierfellen nieder, die sie mitgebracht hatten. Der Gehilfe des Schamanen füllte gerade Glut aus dem Feuer in eine Tonschale, die wie ein Vogel geformt war. Ihre Augen folgten seinen Handbewegungen. Nach und nach füllte sich das Zelt mit anderen Mitgliedern des kleinen Stammes.

Ingors Augen wanderten wie jedesmal, wenn er hier war, von einem Gegenstand zum andern. Sein Blick wurde angezogen von Tierkrallen, gebleichten Knochen und Tier-Totenschädeln. Über ihm baumelten Eulenflügel und an den Wänden hingen Tierfelle mit ungewöhnlichen Farben und Zeichnungen. In einer Ecke hing auch ein menschlicher Totenschädel.

Ingor betrachtete ihn und überlegte, ob nicht letzten Endes doch alles menschliche Tun vergebens sei. Dem Tod konnte niemand entrinnen. Er wollte schon mutlos werden. Aber dann gingen ihm die Worte seines Großvaters, des Schamanen, durch den Kopf, der sich mit diesen Dingen auskannte: Wer auf der Erde als Mensch geboren wurde, hatte eine Aufgabe zu erfüllen, wenn er sie meist auch nicht kannte.

Als die letzten kamen die schwangere Hanna und ihr Mann. Einige der Anwesenden wandten sich um und blickten ihn an. Sein Gesicht war bleich und er schien etwas nervös.

Aus der Tonschale, die der Gehilfe des Schamanen mit Glut gefüllt hatte, stieg der Rauch darauf liegender Kräuter auf. Ihr aromatischer Geruch erfüllte das Zelt. Als Ingor den Rauch einatmete kam ihm alles noch unwirklicher vor.

Plötzlich wurde das Fell am Eingang mit einem Ruck zur Seite geschoben. In phantastischer Tier-Verkleidung glitt der Schamane herein. Ingor gelang es kaum, in ihm seinen Großvater zu erkennen. Auf dem Kopf trug er Geweihstangen und um seinen Hals baumelten die Krallen und Reißzähne von Bären. In der Hand hielt er eine Trommel und den mit Fell umwickelten Schlegel. Seine Bewegungen waren kraftvoll, sein Blick zwingend. Er strömte Kraft aus und diese Kraft übertrug sich auch auf die Anwesenden. Auch Ingor gewann wieder mehr Lebensmut.

Als der Schamane an Ingor vorbeischritt, begann er leise die Trommel zu schlagen. Ingors Blick wurde von den roten und schwarzen Zeichen auf der Trommelhaut angezogen. Sonne und Mond waren zu erkennen und ein Regenbogen. Eine Grenzlinie trennte Himmel und Erde, diesseitige und jenseitige Welt. Sie wurde aber von dem Regenbogen und einer Opferbirke durchbrochen, den Symbolen für die geheimen Verbindungen zwischen Diesseits und Jenseits. Auch sein Großvater würde heute diese Grenze für kurze Zeit überschreiten. Hannas Schwager, den ein Speer getötet hatte, aber hatte diese Grenze für immer oder jedoch für längere Zeit überschritten. 

Welchen Sinn konnte sein kurzes Erden-Leben gehabt haben? Auf welche Weise konnten überhaupt die  Bemühungen und Erfahrungen des Menschen während seines Erden-Lebens seinem Leben auf der anderen Seite dienen? überlegte Ingor. Das alles war ein großes Rätsel!

Ingor betrachtete die Trommel mit Respekt und Scheu. Er erkannte sie als den mächtigen Helfer des Schamanen, der ihm half, die Grenzlinie zwischen Diesseits und Jenseits zu überschreiten. Ihr zauberisches Dröhnen rief die Geister herbei und begleitete den Schamanen auf seinen Reisen in die unsichtbare Welt. Die Seelenplätze der Tiere waren sein bevorzugtes Reiseziel. Jedes Lebewesen hatte seinen eigenen Geist, seine eigene Seele und der Schamane konnte sie alle herbeirufen: die Seelen von Pflanzen, Tieren und Menschen,  aber auch die von Bewohnern anderer Welten. Der Schamane konnte sie herbeirufen und auch wieder fortschicken. Aber auch die Steine und andere angeblich tote Gegenstände waren beseelt und der Schamane konnte auch sie dazu bewegen, ihm und dem Stamm zu helfen.

Eine der Aufgaben des Schamanen war es, die Seelen von Verstorbenen auf die andere Seite zu geleiten, wenn sie den Wohnplatz nicht verlassen wollten. Insbesondere verstorbenen Müttern fiel es schwer, sich von Hütte und Wohnplatz zu trennen, wenn sie kleine Kinder zurücklassen mussten. Zu fürchten aber waren vor allem diejenigen, die durch Gewalttaten ums Leben gekommen waren und sich zu rächen suchten.

Die Trommel schlagend und singend begann der Schamane in rhythmischen Bewegungen das Feuer zu umkreisen und seine wohltätige Macht zu preisen. Der Gehilfe des Schamanen aber blies auf einer Beinflöte. Gesang und Musik brachten verschüttete Seiten in den Anwesenden zum Klingen, so dass sich bei ihnen wieder ein hoffnungsvolleres Lebensgefühl einstellte.

Ununterbrochen dröhnte die Trommel! Nach und nach stellten sich Hilfs- und Schutzgeister des Schamanen und des Stammes ein. Ingor spürte, wenn die mächtigen unter ihnen kamen.