Ingor, der Enkel des Schamanen, 29.10 bis 11.11.08: Die Hungersnot!

Oktober 29th, 2008

Eisfläche mit Eisbrocken!

Eisfläche mit Eisbrocken! (eigenes Foto)

Die Hungersnot

Als Ingor in der Dämmerung erschöpft und durchfroren nach Hause kam, lief ihm seine Schwester Nija entgegen. Ihr ausgemergelter Körper zitterte vor Kälte. „Ich wusste, dass du jetzt kommen würdest“, stieß sie atemlos hervor, während sie nach seiner Fell-Tasche spähte, ob er nichts Essbares mitgebracht hatte. „Ich spürte deine Freude, wieder zu Hause zu sein. Die spüre ich fast immer, lange bevor ich dich sehen oder hören kann.“

„Ja“, sagte Ingor und nickte: „Ich freue mich, wieder zu Hause bei euch zu sein.“ Er versuchte zu lächeln. Es wurde aber nur eine Grimasse daraus. Er sah die Enttäuschung in ihrem bleichen Gesicht, dass er außer Birkenrinde nichts mitgebracht hatte. Einen Augenblick lang war er ganz verzweifelt, dass es ihm nicht gelungen war, Beute zu machen.

„Das Wild ist weggezogen“, sagte er. Der Schnee ist von Eisschichten durchzogen. Rentier, Wisent und  Mammut wittern die Äsung nicht mehr.“ „Und die Wildpferde?“ fragte Nija. „Ach“, antwortete Ingor, „die haben uns schon vor langer Zeit verlassen.“

„Aber wenn der Schnee schmilzt, dann kehren sie doch zurück?“ sagte Nija. „Bisher sind sie doch immer noch wieder gekommen.“ Ingor stimmte zu: „Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt und frisches Gras sprießt, kehren sie zurück.“

„Es kann nicht mehr lange bis zum Frühjahr dauern“, fuhr Nija fort. „Jeden Abend geht die Sonne später unter und es bleibt länger hell.“ Sie wies mit der Hand nach Westen, wo noch ein heller Schimmer über dem Horizont lag.

 „Ja“, stimmte Ingor zu, „das Licht kehrt zurück, doch wärmer ist es noch nicht geworden.“ „In der Sonne schmilzt der Schnee schon“, sagte Nija. „Ja, aber nur in der Sonne“, erwiderte Ingor. „An den Nordhängen liegt der Schnee so tief wie keinen Winter zuvor. Flüsse und Bäche sind zugefroren. Die Eisschichten werden immer dicker. Manche Bäche haben sich schon ganz in Eis verwandelt. Bis das Eis bricht und das Frühjahr kommt, dauert es noch“ -Ingor stockte- „eine kleine Weile.“ Nija spürte, dass es länger als eine kleine Weile war.

Sie fasste Ingors Hand und suche ihn zu trösten. „Das Frühjahr wird kommen“, versicherte sie ihm und drückte seine Hand fester. „Wir werden wieder genug zu essen haben. Du wirst für Beute sorgen“, sagte sie und warf einen Blick auf seine Speerschleuder, „ich weiß es.“

Hand in Hand schritten sie zwischen den Hütten her. Es roch nach Holzrauch. Aber in manchen Hütten heizte man auch mit Knochen. Die rochen weniger würzig. Durch die Darmhäute der Fenster fiel gelber Lichtschein, allerdings lagen manche Hütten auch im Dunkeln. Nicht nur die Nahrung, auch das Brennmaterial war knapp geworden und musste aus immer größerer Entfernung  herbei geschafft werden. Einige der Älteren hatten schon nicht mehr die Kraft dazu.

Für die heimkehrenden Jäger waren die Hütten Inseln der Zuflucht und Wärme in der von der Kälte, von Eisriesen beherrschten Welt, auch wenn gerade kein Feuer darin brannte.

Aus der Fluss-Niederung kam das Geheul eines Wolfes. Die beiden Geschwister blieben stehen und lauschten. Es war ein langes zitterndes Heulen, das mit dem tiefsten Ton begann und beim höchsten Ton endete, den ihre Ohren gerade noch wahrnehmen konnten. Es war kaum verklungen, da wurde es von einem Wolf in den Bergen aufgegriffen und auf genau die gleiche Weise weiter gegeben.

„Das war eine Botschaft“, sagte Ingor. „Die Wölfe sprechen miteinander. Sie können sich über große Entfernungen hinweg unterhalten.“

„Ich glaube, er hat Rentiere gesehen“, sagte Nija „Verstehst du etwa die Sprache der Wölfe“? fragte Ingor. Nija schüttelte den Kopf. „Ich ahne nur, was es bedeutet. Er hat auch gesagt, wo sich die Rentiere aufhalten. Aber ich weiß nicht, wo es ist“, fuhr Nija fort, „wahrscheinlich sehr weit von hier.“

„Wenn unser Großvater, der Schamane, den Wolf gehört hat, dann weiß er vielleicht, wo sich die Rentiere aufhalten“, sagte Ingor. „Einer seiner Schutzgeister ist  Amarok, das Wolfswesen.“

Das Halbdunkel und die Wärme der Hütte nahmen sie auf. „Wir haben wieder nichts erlegt“, sagte Ingor. „Ich weiߓ, antwortete seine Mutter. Ingor stellte seine Jagdwaffen und seine Schneeschuhe an ihren Platz. Dann hielt er seine blaugefrorenen Hände über die Flammen des Herdfeuers. Als sie warm wurden, schmerzten sie ihn so sehr, dass er nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken konnte. Unbeholfen zog er seinen Winterpelz aus und ließ sich auf den Rentierfellen in der Nähe des Feuers nieder. Nach einer Weile erhielt er etwas zu essen, gekochte Flechten und Streifen der inneren weißen Schicht von Baumrinde. Dazu gab es Kerne von Fichtenzapfen. Als er etwa die Hälfte davon gegessen hatte, sagte er, „ich habe einen solchen Durst, dass ich einen ganzen Bach leer trinken könnte.“ Seine Mutter brachte ihm in einem großen Wisent-Horn Tee, in dem die Schalen von Hagebutten schwammen. Er trank es gierig leer, anschließend  noch ein zweites, dann lehnte er sich zurück.

„Du musst auch essen“, mahnte seine Mutter. „Von diesem Grünzeug kann man doch nicht satt werden, murmelte Ingor vor sich hin. Aber seine Mutter hatte es gehört. „Du isst nicht genug davon“, erwiderte sie. „Menschen können sich von Pflanzen ernähren, ohne zu hungern. Das geschieht in manchen Wintern. Mammut und Wollnashorn ernähren sich sogar nur von Pflanzen und werden größer und stärker als jedes andere Tier.“

„Ich bin kein Wollnashorn“, sagte Ingor.

„Soll das nicht sehr störrisch und eigensinnig sein“? fragte sein Mutter.

Nija lachte laut auf. „Ingor ist ein Wollnashorn“, rief sie, „Ingor ist ein Wollnashorn“! Aber dann drückte sie ihm verstohlen einige Haselnüsse in die Hand. Ingor nahm nur die Hälfte davon. „Ich habe sie selber gesammelt“, sagte Nija stolz „und für den Winter aufbewahrt.“

Draußen fragte jemand, ob er herein kommen könne und betrat gleich darauf die Hütte. Es war der Gehilfe des Schamanen. „Euer Großvater wird heute Abend zum Herren der Tiere reisen“, sagte er. „Er will ihn bitten, uns eines seiner großen Tiere zu schicken, damit wir wieder etwas zu essen haben. Wir müssen ihm für seine Seelenreise Kraft geben. Kommt alle!“ Die Erwachsenen nickten, auch Nija.

Ingor, der Enkel des Schamanen, 15.10. bis 28.10.08: Ingor erfindet die Speerschleuder!

Oktober 15th, 2008

Ingor erfindet die Speerschleuder!

Ingor erfindet die Speerschleuder! (eigenes Foto der Nachbildung einer im Neandertal-Museum ausgestellten Speerschleuder)

I

Ingor erfindet die Speerschleuder!

Hanna kam nicht noch einmal zu Ingor in den Unterstand, wie sie angekündigt hatte. Aber sie wurde schwanger. Noch bevor man sehen konnte, dass ihr Leibesumfang zunahm, hatte Ingor gespürt, dass sich eine Wesenheit darauf vorbereitete, von Hanna als Mensch geboren zu werden. Es war ein Wesen aus einer Sphäre hoch über der Erde mit sehr viel Licht, aus der nur ganz selten jemand zu den Menschen kommt. Ingor fragte sich, warum sich dieses Wesen zu ihnen auf den Weg gemacht hatte. Wollte es jemand treffen, sich mit einem alten Bekannten von Mensch zu Mensch austauschen, hatte es sich eine Aufgabe gestellt? Ingor fand auf diese Fragen keine Antwort, aber er wusste, dass es etwas besonderes war, dass diese Wesenheit zu ihnen kam, um mit ihnen als Mensch zu leben. Als er seinen Großvater darauf ansprach, sagte der nur: „Es ist eine sehr, sehr alte Seele, die von Hanna als Mensch geboren werden möchte. Für eine solche Seele sind andere Dinge wichtig als für die Menschen, mit denen wir normalerweise zu tun haben.  

Ehe er noch mit seinem Großvater ausführlicher darüber sprechen konnte, trat etwas anderes, weniger Erfreuliches in den Vordergrund. Ein junger Mann wurde versehentlich auf der Jagd von einem Speer durchbohrt und getötet. Es war der Speer seines Bruders, Hannas Mann, der ihn geworfen hatte. Im Lager wurden Stimmen laut, die bezweifelten, dass es ein Jagdunfall war. Sie behaupteten, Hannas Mann habe seinen Bruder aus Eifersucht hinterrücks ermordet. Sie forderten auch, dass der Schamane den Toten befragen müsse, damit dieser ihm sage, wie er ums Leben gekommen sei. Aber diese Forderung hätten seine Eltern stellen müssen, Frau und Kinder hatte er noch nicht. Doch seine Eltern schwiegen und stellten eine solche Forderung nicht.

Ingor fragte seinen Großvater, ob man denn überhaupt mit den Toten sprechen könne; einen Mund, wie Menschen ihn haben, um Worte zu formen, hätten sie jedenfalls nicht mehr. „Sie sprechen in unserem Kopf oder in unserem Herzen zu uns“, antwortete sein Großvater, „aber es ist nicht einfach, sie zu verstehen. Es ist sogar ziemlich schwierig. Jemanden herbei zu rufen, der noch nicht lange auf der anderen Seite ist, ist einfach. Da kann jeder. Ihn aber dann auch „sehen“ bzw. seine Anwesenheit spüren, wenn er kommt, ist schon schwieriger. Aber das können auch noch viele. Am schwierigsten ist es zu verstehen, was er uns mitteilen möchte. Aber wenn du mein Nachfolger wirst, werde ich es dich eines Tages lehren. Wenn du spürst, dass jemand von der anderen Seite da ist, der dir etwas sagen will, du ihn aber nicht verstehen kannst, dann musst du tief atmen und die zusätzliche Kraft, die du auf diese Weise ansammelst, ihm zur Verfügung stellen, bis er auf eine Weise antworten kann, die du verstehst. Du atmest tief und sagst: Diese Kraft ist für dich, bis du ihn verstehst!“

Ingor nickte. Er musste darüber nachdenken. Aber dazu hatte er jetzt keine Zeit. Ihn bewegte etwas anderes. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Speere mit einer Schleuder zu werfen, ähnlich wie man Steine mit der Stein-Schleuder schleudert. Je länger er daran arbeitete, um wichtiger schien es ihm, dass er diese Aufgabe löste. Man konnte einen Stein aus der Hand, aber auch aus der Halterung einer Stein-Schleuder werfen. Der mit der Stein-Schleuder geworfene Stein flog mehr als doppelt so weit wie der nur mit der Hand geworfene. Die Schnüre der Stein-Schleuder verlängerten den Wurf-Arm. Die Kraft des Wurf-Armes wirkte länger auf den Stein ein und verlieh ihm eine größere Wucht. Es musste etwas geben, das seinen Wurf-Arm auch beim Wurf eines Speeres verlängerte und die Wucht des Speeres erhöhte. Eine Stein-Schleuder war dazu nicht geeignet. Damit  hatte er sich nach vielen vergeblichen Versuchen schließlich abgefunden. Ein Ellbogen-langes  Stück Holz mit einem Haken am Ende war da schon besser geeignet. Aber mit einem normalen Speer funktionierte das nicht. Der war zu schwer. Er experimentierte mit leichteren, unterschiedlich langen Speeren und schließlich kannte er Länge und Schwere der Wurfspeere, die mit der Speer-Schleuder deutlich weiter flogen als ein nur mit der Hand geworfener Speer. Aber das Treffen war jedesmal mehr oder weniger Glückssache. Sie flogen weit am Ziel vorbei oder hoch über das Ziel hinweg. Damit konnte er kein Wild erlegen und keinen Bären schrecken. „Eventuell würden sie sich totlachen“, bemerkten seine Spötter, „aber dazu sei eigentlich alles zu traurig“. „Er vergeude seine Zeit“, sagte sein Vater, dem man von seinen Versuchen berichtet hatte. Ingor wollte Speerschleuder und Wurfspeere schon zerbrechen und wegwerfen, aber dann legte er sie doch nur unter einen Strauch und ging ohne sie nach Hause. Als er nach Tagen „zufällig“ dort vorbeikam, verspürte er wieder Lust zu üben, wenn er sich auch keinen Erfolg davon versprach. Er wollte einfach nur sehen, in welch unvorhergesehenen Richtungen seine Wurf-Speere diesmal flogen. Aber diesmal war seltsamerweise alles anders. Seine Wurfspeere trafen fast alle und diejenigen, die nicht trafen, waren diejenigen, die nicht gerade genug waren. Er übte nun wieder regelmäßig, verbarg seine Fortschritte aber vor seinen Gefährten. Die hatten sich ja bisher nur lustig über ihn gemacht.

Dann kam der Winter und die Wasserflächen überzogen sich mit einer Eisdecke und die Moore in den Niederungen froren zu. Ab und zu schneite es. Über den ersten Schnee freuten sich alle, aber ihre Freude wurde gedämpft, als sie sahen, dass nur wenige Tiere ihre Spuren im Schnee zurück ließen. Das Großwild war in Richtung Süden gezogen und würde erst im nächsten Frühjahr wiederkehren. Sie konnten jetzt trockenen Fußes an das andere Fluss-Ufer gelangen, aber auch dort erbeuteten sie nur kleine Tiere wie Schnee-Hühner und Schnee-Hasen. Nur einmal stießen sie auf die alte Spur eines Wollnashorns. Es war schon abzusehen, dass sie mit ihren mageren Vorräten nicht über den Winter kommen würden. Vielleicht konnten sie ja noch Wild zusätzlich erlegen. Die Jäger waren angehalten, nach den Atemlöchern von Bären im Schnee zu suchen, die darunter in ihren Höhlen schliefen. An diesen Atemlöchern roch es wie nach nassem Wolf.    

Ingor, der Enkel des Schamanen, 05.10. bis 14.10.08: Die Fallgrube!

Oktober 5th, 2008

Ein Rabe kommt zu Besuch!

Ein Rabe kommt zu Besuch! (eigenes Foto)

I

Ingor – die Fallgrube!

Das Lager des Stammes befand sich am Südhang einer breiten und tiefen Tal-Landschaft, die ein Fluss in das Urgebirge eingegraben hatte. Der Blick ging weit flussaufwärts. Der zum Tal-Grund hin steile Hang war hier etwas abgeflacht, doch damit sie im Schlaf nicht bergab rollten, hatten sie die Plätze, auf denen ihre Hütten standen, mit den Schulterblättern von Hirschen geebnet.

Der Hang zog sich oberhalb des Lagers weniger steil hinauf auf ein weites Plateau. Die schimmernden Wasserflächen des Flusses und seiner Nebenarme im Tal waren etwas weniger weit entfernt. Ihr Trinkwasser holten sie sich in Fellbeuteln aus einer Quelle am Anfang einer schmalen Schlucht in der Nähe.

Einige Steinwürfe entfernt hatten Bäche das Steilufer der Flussberge bis zum Tal-Grund hin abgeflacht und sozusagen wie ein Tor geöffnet. Dies war einige der wenigen Stellen, an denen die Hänge weniger steil anstiegen. Der bequemere Weg aus dem Tal hinauf auf die Höhe war einer der Gründe dafür, warum hier eine Wander-Route von Wisenten und Rentieren verlief. Sie nahmen diesen Weg vor allem im Herbst, wenn sie die Weidegebiete im Norden mit ihren Kälbern verließen und in Richtung des wärmeren Südens zogen. Mitunter wählten auch die großen zottigen Rüssel-Träger diesen Weg. Im Sommer zogen hier vor allem Wildpferde von ihren Weidegebieten auf den Höhen ins Tal hinunter, um zu trinken. Die Stechmücken vertrieben sie dann wieder aus dem Tal auf die Höhe mit ihren stärkeren Winden, wo die Mückenplage geringer war.

Die Tierherden nahmen diesen Weg, von einigen Unterbrechungen abgesehen, schon seit Jahrzehntausenden. Sie hatten mit ihren Hufen tiefe Hohlwege in den weichen Lößboden des abgeflachten Hanges ausgetreten. Auch die Menschen trugen zur Gestaltung der tief eingegrabenen Wege bei. Da die Tierherden durch diese Hohlwege zogen, gruben die Menschen schon seit Jahrzehntausenden immer wieder ihre Fallgruben in den weichen Lehmboden der Hohlwege und erbeuteten viele Tiere.

Seit einigen Jahren war es Ingors Stamm, der hier mit Hilfe von Fallgruben Beute für den Winter machte. Sie hatten alte Fallgruben erneuert, in der Mitte einen angespitzten Pfahl eingegraben, dessen Spitze sie im Feuer angekohlt und so gehärtet hatten und dann die Fallgruben mit Ästen, Fellen, Laub und Moos abdeckt. In der Nähe hatten sie einen niedrigen Unterschlupf eingerichtet. In ihm hielt jemand Wache, wenn im Herbst die großen Tierherden erwartet wurden. Mit einem Wisent-Horn blies er Alarm, sobald ein Wisent, Rentiere oder vielleicht sogar ein Mammut in eine der Fallgruben gestürzt war. Wenn die Gefährten nicht rasch zur Stelle waren, konnte es sein, dass sich die Tiere wieder befreiten oder aber dass sich Raubtiere über das gefangene Wild hermachten, denn den großen Tierherden folgen immer Wölfe, Bären und sogar Löwen.

An diesem Nachmittag hielt Ingor Wache. In warme Rentierfelle eingehüllt, döste er vor sich hin. Als er hörte, dass sich jemand näherte, war er mit einem mal hell wach und lauschte. Den Schritten nach zu urteilen, war es ein Mensch und dann rief auch schon jemand seinen Namen. Es war eine Frauenstimme. Darf ich hineinkommen?“ hörte er sie sagen, „ich möchte dich etwas fragen. Ingor antwortete mit ihm fremder Stimme „Ja“. Es war Hanna, die zu ihm in den Unterstand kroch, die Frau, die sich schon seit längerem ein Kind wünschte. 

„Dein Großvater hat die Zauberpflanzen gefragt, wer mir helfen kann, ein Kind zu bekommen“, begann sie, „was haben sie geantwortet?“ Ingor zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht, was sie Großvater geantwortet haben, entgegnete er. „Die Zauberpflanzen haben zu Großvater gesprochen, nicht zu mir.“  Hanna nickte mit dem Kopf: „Aber hat er dir nicht erzählt, was sie geantwortet haben. Er ist ein alter Mann und vielleicht hatte er ihre Antwort nicht mehr so genau im Kopf, als er mit mir darüber gesprochen hat.“ „Sein Großvater vergaß nichts“, dachte Ingor. „Bitte versuch dich zu erinnern“, forderte ihn Hanna mit schmeichelnder Stimme auf und rückte näher an ihn heran. „Es ist so wichtig für mich!“ Hanna war eine schöne Frau mit angenehmer Stimme und ausgeprägten weiblichen Formen. Ingors Atem ging tiefer und sein Herz begann schneller zu schlagen. Er wollte ihr mitteilen, was Großvater ihm gesagt hatte, obwohl er das dumpfe Gefühl hatte, dass es Großvater vielleicht nicht recht sein könnte.

„Großvater hat zweimal mit den Zauberpflanzen gesprochen“, sagte er. „Beim ersten Mal hat er gefragt, ob eine von ihnen dir helfen kann, von deinem Mann ein Kind zu bekommen, aber auf diese Frage hat keine der Zauberpflanzen geantwortet. Dann hat er nur gefragt, ob eine von ihnen dir helfen kann, ein Kind zu bekommen. Diese Frage haben viele Zauberpflanzen bejaht. Das ist alles. Mehr weiß ich nicht.“

„Ich wusste es“, stieß Hanna hervor, „ich wusste es. Jetzt muss ich gehen“, sagte sie, „aber wenn du das nächstemal hier bist, komme ich wieder. Das darf ich doch?“ Ingor murmelte ein „Ja“, wenn er auch nicht wusste, was es noch zu besprechen geben sollte. Er sah ihr nach, wie sie sich auf den Weg zur Schlucht begab. Sie hatte einen Fellbeutel dabei und wollte wohl von der Quelle dort Wasser holen.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 25.09. bis 04.10.08: Der Bär!

September 24th, 2008

Der Bär jagt den Menschen die Beute ab!

Der Bär jagt den Menschen die Beute ab! (eigenes Foto)

Der Bär!

Ingor vernahm ein Tropfen und als er zur Erde blickte, sah er, dass Blut aus seinem Fleischpaket auf die Erde tropfte und auf dem grünen Moos, Flechten und den Blättern kleiner Sträucher dunkelrote Flecken hinterließ. Ihr Abstand hinter ihnen war so gering, dass sogar ein Mensch der Blutspur folgen konnte. Ingor schnürte sein Bündel neu, doch nach einiger Zeit sah er, dass immer noch etwas Blut zur Erde tropfte. Instinktiv spürte er, dass das nicht gut war. Sein Großvater sagte: „Der Adler sieht die Blutstropfen fallen, der Hirsch hört sie fallen und der Bär riecht ihr Fallen.“

Kurz darauf blickte Ingor zurück: „Ein großes braunes Tier folgt unserer Spur“, sagte er. „Es ist ein Bär.“ „Wir werden ihm etwas von unserem Fleisch geben müssen“, sagte der Schamane. „Dann haben wir auch weniger zu tragen.“ „Wie viel“? fragte Ingor. „Die Hälfte“, sagte der Schamane, „nicht mehr und nicht weniger. Wir verteilen das Fleisch hier in der Umgebung und bedecken einige Stücke auch mit Steinen, so dass er etwas zu tun hat.“ Ingor wälzte auf ein Stück Fleisch  einen großen schweren Stein und dachte sich, „wenn er das Fleisch nicht findet, kann es auch uns noch zur Nahrung dienen.“ Mit weniger Last kamen sie nun rascher vorwärts. Von Zeit zu Zeit hielten die beiden Menschen Ausschau nach dem Bären. Da sie sein braunes Fell nicht mehr erblickten, dachten sie schon, sie hätten sich frei gekauft.

Aber dann sahen sie ihn hinter sich her galoppieren. „Fliehen nützt nichts“, sagte der Schamane. „Er hätte uns rasch eingeholt. Legen wir hier erst einmal unsere Beute  ab, gehen noch zehn Schritte weiter den Berg hinauf und warten dort auf ihn. Wenn er sich dann über das Fleisch hermacht, werfen wir ihm unsere Speere ins Herz. Du kannst ihn auch schon einmal mit deiner Schleuder empfangen, wenn er näher gekommen ist.“ Ingor nickte und begann nach runden Steinen der richtigen Größe zu suchen und sie zu Füßen des Schamanen anzuhäufen. Der Schamane aber machte sich daran, ein Feuer zu entzünden. Als der Bär sah, dass die Menschen stehen geblieben waren, verharrte auch er und richtete sich auf. „Der ist ganz schon groߓ, murmelte Ingor. Der Bär ließ sich nieder und näherte sich weiter den Menschen, diesmal jedoch langsamer.

Mit Hilfe der Glut, die er dabei hatte, entfachte der Schamane ein kleines Grasfeuer, auf das er kleine dürre Holz-Äste legte, von denen jedoch viele feucht waren. Eine Flamme war nicht zu sehen, aber dafür stiegen Rauchwolken zum Himmel auf. Ingor wunderte sich etwas, warum sie einander in so kurzen Abständen folgten. „Der Bär fürchtet sich nur vor einer Flamme“, überlegte Ingor, einem richtigen Feuer.“ Und so war es auch. Die Rauchwolken schreckten den Bären nicht davor ab, näher zu kommen. Vielleicht hielt er sie für Nebelschwaden. „Hier gibt es zu wenig Holz“, sagte  Ingor. „Wir können kein Feuer entzünden, das den Bären davor abschreckt, näher zu kommen.“ „Das müssen wir vielleicht auch gar nicht“, erwiderte der Schamane rätselhaft und beschäftigte sich weiter mit seinem qualmenden Feuer.

Der Bär war jetzt in Reichweite von Ingors Davids-Schleuder, wie man sie  später nennen würde und Ingor schleuderte einen großen Stein nach ihrem Verfolger, der ihn jedoch nicht traf. Ein zweiter Stein schlug vor seinen Pranken ein und der Bär biss nach ihm. Ein dritter Stein traf ihn am Kopf, aber der Bär schüttelte sich nur und Ingor schien es, dass er jetzt sogar rascher näher kam.

Ingor dachte sich, wenn er kleine Speere mit dieser Schleuder werfen könnte, dann könnten diese den Bären möglicherweise sogar töten, ehe sie in Reichweite seiner fürchterlichen Pranken waren. Er hatte mit der Davids-Schleuder schon kleine Speere zu Übungszwecken versandt. Aber es war nichts dabei heraus gekommen. Er konnte mit den angespitzten Stöcken, die er verwendet hatte, nicht richtig zielen. Sie flogen in alle Richtungen und auch nicht weit genug. Es musste eine Möglichkeit geben, Speeren die Wucht,  Weite und Zielgenauigkeit der Steine zu geben, die er mit seiner Davids-Schleuder versandte. Aber diese Möglichkeit kannte er (noch?) nicht.

Und jetzt kam dieser Bär immer näher. Er witterte das Fleisch, das da vor den Menschen auf dem Boden lag, aber er spürte auch, dass sie es ihm nicht so ohne weiteres überlassen wollten. Unschlüssig blieb er in einiger Entfernung stehen. Ingor hatte alle seine Steine verschleudert und drohte dem Bären nun mit seinem Speer. Hoch über seinem Kopf holte er mit dem Schaft aus, die scharfe Feuerstein-Klinge auf das Herz des Bären gerichtet und tat so, als ob er ihn nach ihm schleudern wollte. Auch der Bär richtete sich auf. Aber er schien an Ingor vorbei zu spähen. Und dann ließ er sich wieder auf seine vier Pranken nieder, machte kehrt und entfernte sich auf dem gleichen Weg, den er gekommen war. Ingor umfasste mit festem Griff dankbar den Schaft seines Speeres, in dem ein mächtiges Wesen wohnte, wie ihm sein Großvater versichert hatte und nahm einen Augenblick lang an, dass der Bär vor dem Anblick seiner Waffe Reißaus genommen hätte.

Doch als er hinter sich dann ein Gejohle vernahm und ihm klar wurde, warum der Bär in Wirklichkeit den Rückzug angetreten hatte, schämte er sich etwas. Er wandte sich um und sah, dass anscheinend alle ihre Leute auf den Beinen waren, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Mit an der Spitze, gleich hinter den Männern entdeckte er seine Mutter. „Ach, da bist du ja, mein Spätzchen“, rief sie Ingor zu und so froh er war, dass sie ihm und seinem Großvater mit dem ganzen Stamm zu Hilfe gekommen war, war es ihm doch sehr peinlich. Der Schamane hatte den Stamm mit Rauchsignalen herbei gerufen und gleichzeitig seiner Mutter auf „telepathischem Wege“ mitgeteilt, dass ihr Sohn von einem Bären gefressen würde, wenn sie nicht rasch mit Hilfe herbeikäme.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 15.09. bis 24.09.08: Die Menschen jagen der Löwin die Beute ab!

September 15th, 2008

Wildpferd, Rückzüchtung, Neandertal!

Wildpferd, Rückzüchtung, Neandertal! (eigenes Foto)

I

Die Menschen jagen der Löwin die Beute ab!

Ingor wies mit der Linken zum Himmel: „Schräg über uns kreisen Geier! Ob die Löwin Beute geschlagen hat?“ „Gut möglich“, antwortete der Schamane. „Die Löwin frisst noch oder aber Hyänen lassen die Geier nicht an die Beute heran.“ „Gehen wir hin?“ fragte Ingor. „Sonst haben uns die Raben doch umsonst begleitet.“ Der Schamane schwieg und versank  in sich. Ingor kannte das. Nach einer Weile nickte der Schamane. „Wir kriegen etwas von der Beute ab“,sagte er, „doch nicht so viel wie wir glauben.“

Rasch näherten sie sich der Stelle, über der die Geier kreisten. Und als sie um ein Gebüsch bogen, sahen sie auch schon die Löwin, wie sie Fleischstücke hinunter schlang und ihr blutiges Mahl hielt. Sie schien es eilig zu haben. Nach dem langen Kopf und der Mähne des Beutetieres zu urteilen, hatte die Löwin ein Wildpferd geschlagen. In einigem Abstand lauerte eine große Hyäne und zwei Geier saßen auch schon am Boden und warteten, dass sie an die Reihe kamen.

Der Schamane blieb stehen. „Die Löwin wird sich von uns nicht von ihrer Beute vertreiben lassen“, sagte er. „Wir müssen sie weglocken. Du wirfst mit der Schleuder Steine in das Gebüsch mit ihren Jungen, so dass es ordentlich Lärm macht. Ich verwandele mich in eine gefleckte Hyäne und schlage die Zähne in den Hals der Jungen.“ „Aber dann trifft dich vielleicht einer meiner Steine, wenn du dort bist“, gab Ingor zu bedenken. Der Schamane lachte. „Er wird durch mich hindurchgehen. Ich schleiche mich als Geistwesen hin.“ „Nicht wirklich?“ fragte Ingor. „Doch wirklich“, versicherte der Schamane. „Ein anderer Schamane könnte mich dort als Hyäne sehen, aber ich kann die Löwenjungen nicht wirklich töten.“ „Ich habe dich im Traum einmal als Bären gesehen“, sagte Ingor. Der Schamane antwortete nicht. Er war wieder in sich versunken: „Ich bin jetzt als Hyäne bei den Löwenjungen“, sagte er und schlage meine Zähne in den Hals des größten von ihnen.“ Die Löwin blickte kurz hoch, dann fraß sie weiter. Kurz darauf hob sie erneut ihr Haupt und spähte in Richtung des Gebüsches, in dem sie ihre Jungen versteckt hatte. „Jetzt wirf die Steine!“ forderte der Schamane Ingor auf. Ein großer Stein surrte durch die Luft und schlug krachend in das Gebüsch mit den Löwenjungen ein. Die Löwin hörte auf zu fressen und horchte. Ingor schleuderte einen zweiten Stein. Da ließ die Löwin ihre Beute im Stich und lief zurück zu ihren Jungen. „Jetzt rasch!“ stieß der Schamane hervor. „Wir haben nicht viel Zeit.“

Die Hyäne wich widerstrebend zurück, als die beiden Menschen heran nahten und auch die beiden Geier flüchteten hüpfend. Die drei Raben, welche die beiden Menschen in der Höhe begleitet hatten, waren jedoch schon gelandet, schlürften Blut und zerrten an dem Fleisch. Großvater und Enkel aber trennten mit ihren scharfen Feuerstein-Klingen große und kleine Fleischstücke aus dem von der Löwin aufgebrochenen Wildpferd und auch Fleischstücke, die noch mit Fell bedeckt waren, das den dunklen Aalstrich zeigte, welcher der Länge nach über den Rücken des Wildpferdes lief. Den drei Raben warfen sie kleine Fleischbrocken zu. Dann sah der Schamane in einiger Entfernung größere Steine am Fuß eines Berghanges liegen und hatte eine Idee. „Fass an!“ forderte er Ingor auf, „wir ziehen das Wildpferd zu den Steinen dort drüben hin und bedecken es damit.“ Ingor begriff. Die Löwin würde die Steine weder mit ihren Pranken noch mit ihrem Gebiß wegschaffen können.

Sie packten das tote Wildpferd an den Beinen und  zerrten es zu den Steinen hin. Zurück blieb eine große Blutlache und Fleischreste, über die sich die Geier und die Hyäne hermachten. Die drei Raben aber liefen am Boden neben den Menschen her. Nachdem Großvater und Enkel die drei schwarzen Vögel noch einmal großzügig mit Fleischbrocken versorgt hatten, bedeckten sie die Reste des Wildpferdes mit belaubten Ästen sowie großen und kleinen Steinen. Zu guter Letzt wälzten sie noch gemeinsam einen Felsen darauf. Mehrere Fleischstücke hatten sie in Fellreste geschlagen und mit Fellstreifen verknotet. Nicht gerade leicht bepackt, machten sie sich auf den Rückweg ins Lager. Ingor war sehr zufrieden, doch der Schamane schien sich nicht ganz sicher zu sein, ob sie die Beute auch behalten konnten.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 04. bis 15.09.08: Den Schamanen auf der Suche nach Heilpflanzen begleiten in der Höhe Raben!

September 4th, 2008

 Wildpferd im Neandertal!

Wildpferd im Neandertal! (eigenes Foto)

Den Schamanen auf der Suche nach Heilpflanzen begleiten in der Höhe Raben, wie sonst nur, wenn er zur Jagd geht.

Einige Tage später war der Schamane mit Ingor unterwegs, um eine Zauber-Pflanze zu finden, die einer Frau helfen sollte, ein Kind zu bekommen.

„Marina wünscht sich ein Kind, sagte er zu Ingor. Über ihr schwebt schon eine Seele, die als Mensch geboren werden möchte. Doch sie kann nicht schwanger werden. Vielleicht kann ihr ein Pflanzengeist dabei helfen?“ „Weißt du, wo solch eine Pflanze wächst?“ fragte Ingor. Der Schamane schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur ungefähr die Richtung, in der eine solche Pflanze wachsen könnte. Wie sie aussieht, weiß ich nicht. Wenn wir an eine Stelle kommen, wo Kräuter, Sträucher und Bäume wachsen, werde ich fragen, welche Zauberpflanze Marina helfen kann. Ich werde die Pflanzen-Ältesten um Hilfe bitte und wenn uns dann einer sagt, dass er helfen kann und möchte, müssen wir herausfinden, wo die Pflanze wächst, die uns geantwortet hat. Du sollst mir dabei helfen.“

Ingor nickte. Er war nicht ganz bei der Sache. Er zeigte nach oben und  sagte: „In der Höhe begleiten uns drei Raben. Sie kommen doch sonst nur mit, wenn du auf die Jagd gehst. Was hat das zu bedeuten?“ „Warum sie heute mitkommen, weiß ich auch nicht“, antwortete der Schamane. Auf unserem Weg wird es wohl etwas für sie zu fressen geben, nehme ich an. Vielleicht stoßen wir ja auf Wild und können es erlegen.“ „Vielleicht begegnen wir auch dem Höhlenlöwen“, meinte Ingor. Wenn er satt ist, können wir ihm seine Beute abjagen.“ „Zwei Mann reichen dafür nicht aus“, entgegnete der Schamane. „Und vielleicht ist er ja auch nicht satt. Wir müssen auf der Hut sein, aber wir dürfen uns nicht vor ihm fürchten. Er ist ja kein Menschenfresser, bis jetzt jedenfalls nicht.“

Als sie ins Tal kamen und der Schamane sich den Pflanzen zuwandte und die Pflanzen-Ältesten fragte, wer von ihnen der Marina helfen wolle, dass sie von ihrem Mann ein Kind bekommen könne, antwortete niemand, aber als er fragte, ob ihr jemand helfen könne, ein Kind zu bekommen, egal von welchem Manne, vernahm der Schamane aus einem Gebüsch ein deutliches „Ja“. Ingor hatte nichts gehört. Der Schamane sagte, dass er sich versenken und in sich hinein lauschen müsse, um zu hören, was die Zauber-Pflanzen sagten. Jetzt hieß es, herausfinden, von welchem Pflanzen-Ältesten dieses „Ja“ kam. Der Schamane konnte in dem Gebüsch die Anwesenheit mehrerer Pflanzen-Ältesten wahrnehmen. Einer von ihnen musste es sein. Als er sich langsam im Kreis drehte und sein Körper der Zauberpflanze zugewandt war, spürte er in seinem Bauch, aus welcher Richtung die Antwort gekommen war. Er wollte schon schnurgerade in dieser Richtung ins Gebüsch eindringen, doch einer seiner Hilfsgeister warnte ihn.  Auch Ingor spürte, dass dort etwas nicht geheuer war, und dass es besser wäre, wenn sie das Gebüsch, das dicht und undurchdringlich schien, in einem Bogen umgingen. Aber die Gefahr, die dort lauerte, mussten sie wohl in Kauf nehmen, wenn sie Marina helfen wollten.

Ihre Speere stoßbereit gingen sie auf das Buschwerk zu und drangen vorsichtig, die Zweige beiseite schiebend, in sein Dämmerlicht ein. Sie waren kaum ein paar Schritte weit gekommen, als sie auf zwei kleine Löwen stießen. Sie lagen vor ihnen im dürren Gras und wackelten mit ihren großen Köpfen. Ingor freute sich, aber der Schamane erstarrte. „Ihre Mutter hat sie hier versteckt“, flüsterte er. „Sie kann jeden Augenblick zurückkehren.“ Nach allen Seiten umherspähend, schlichen sie sich wieder aus dem Gebüsch heraus. Kein Ast knackte unter ihren Füßen. In seiner freien Hand hielt der Schamane einen kleinen Ast mit grünen Blättern.  

Ingor, der Enkel des Schamanen, 22.08. bis 03.09.08: Die große und gefährliche Bestie!

August 22nd, 2008

Ingor, der Enkel des Schamanen!

Die große und gefährliche Bestie!

Gravierung, einen Höhlenlöwen darstellend aus der Höhle Les Combarelles, Frankreich 

Gravierung, einen Höhlenlöwen darstellend aus der Höhle Les Combarelles, Frankreich (vom Autor nachgezeichnet)

Dieser Löwe hatte einen Menschen getötet und sollte dafür sterben!

I

Draußen wehte ein Wind. Er drückte die Felle, mit denen die Hütte bedeckt war, gegen die aneinander gelehnten Stangen und verschob sie gegeneinander, so dass sie ununterbrochen knarrten. Gutes Jagdwetter, registrierte Ingor automatisch. Er tastete nach seinem Speer, der neben seinem Bett lag, schob seine Bettdecke aus Fellen zur Seite, richtete sich auf und lauschte auf die Atemzüge seiner Eltern und Geschwister. Sie waren alle zu hören, außer denjenigen seiner Mutter: die seines Vater waren tief und gleichmäßig, die seiner jüngeren Geschwister kurz und flach. Es war alles wie sonst um ihn herum in seinem nächtlichen Heim, doch die Umgebung draußen hatte sich verändert. Sie hatte eine gefährliche Schwingung gespeichert. Ingor war stark beunruhigt. Etwas war draußen vorbei geschlichen, etwas Großes und Gefährliches auf der Suche nach Beute. Er hatte nichts gehört, jedenfalls konnte er sich nicht erinnern. Doch dieses Wesen war plötzlich in seinem Traum aufgetaucht und hatte ihn unterbrochen. Die Schwingungen dieses Wesens hatten, durch nichts aufgehalten, das Zelt durchdrungen und er war in die Aura einer großen und gefährlichen Bestie auf der Suche nach Beute eingetaucht. Ingor packte seinen Speer fester. Wenn er jetzt im Dunkeln nach der langen Feuerstein-Klinge an der Spitze des Speers tastete, würde er sich schneiden, so scharf war sie. Sein Speer war derjenige eines erwachsenen Mannes; der starke Schaft war fast zu schwer für ihn. Er war ein Geschenk seines Großvaters. Der Blick seines Vaters hatte mit Wohlgefallen auf ihm geruht, als sein Großvater ihm den Speer zu seinem letzten Geburtstag überreicht hatte, doch seine Mutter schien sich nicht darüber zu freuen. Ingor fühlte: Mit der Annahme dieses Speers hatte er die Verpflichtung übernommen, sich mit allen seinen Kräften im Kampf gegen den Hunger und für den Schutz seiner Verwandten und der Angehörigen des Stammes einzusetzen. Es war eine Verpflichtung, wie sie sein Großvater als Schamane und einer der Führer des kleinen Stammes auf der Ebene der Geister übernommen hatte. Ingor schlüpfte in seine Schuhe, warf sich seinen Pelz über und schlich sich leise nach draußen. Er hörte noch, wie seine Mutter leise seinen Namen rief, aber er wollte sich jetzt nicht aufhalten lassen. Dieses große und gefährliche Tier, das draußen vorbeigeschlichen war, musste Spuren hinterlassen haben. Ingor wollte nach ihnen suchen. Aber es war dunkel. Der Wind trieb schwarze Wolken über den Himmel und nur dann, wenn sie den Mond freigaben, wurde es etwas heller. Nach allen Seiten umher spähend, ging Ingor leise zum Feuerplatz und begann unter der Asche nach Glut zu stochern. Er tauchte einen Ast in ein kleines rote Auge und hoffte, dass er sich entzündete. Dann wollte er in seinem Schein nach den Spuren des Raubtieres suchen. Aber der Ast war feucht und qualmte nur. Er würde das bisschen Glut noch auslöschen. Ein Geräusch ließ Ingor herumfahren. Es war sein Großvater, der mit etwas in der Hand daherkam. Es waren Kienspäne. Er reichte Ingor einen davon und dieser steckte ihn in die Glut. Stell dir vor, dass er mit großer Flamme brennt, sagte der alte Mann, dann geht es schneller. Ingor gehorchte. Kurz darauf loderte die Flamme auch schon empor. Ich habe es mir vorgestellt, sagte Ingor und sofort ist ein Feuerwesen gekommen, obwohl sich der Span noch  gar nicht entzündet hatte. Das ist mit vielen Dingen so, erwiderte sein Großvater. Jetzt komm, forderte er Ingor auf, wir wollen nach den Spuren der Bestie suchen und dann wieder schlafen gehen. Wenn es ein großes Raubtier war, hat es in der Erde vielleicht sein Prankenabdrücke hinterlassen. Plötzlich erscholl aus dem Tal am Rande des Plateaus, auf dem sie ihre Zelte errichtet hatten, das markerschütternde Gebrüll eines Höhlen-Löwen. Die beiden Menschen, der alte wie der junge, fuhren herum. Das ist er, sagte Ingor und zitterte. Dieses Wesen war stiergroß. Er ist an unseren Schlafplätzen vorbei geschlichen. Sein Speer erschien ihm plötzlich nur noch halb so groß und gefährlich. Er würde unter den Pranken des Löwen zersplittern. Was sollen wir machen? fragte er. Wenn wir schlafen, kann er sich jederzeit einen von uns zum Fressen holen.

Wir müssen einen hohen Zaun errichten, sagte der Schamane und das Feuer muss jede Nacht brennen. Bevor er ins Lager einbrechen kann, werden wir ihn mit Feuerbränden vertreiben. Das Feuer fürchtet er. Das Feuer handhabt nur der Mensch, die Tiere nicht. Wir Menschen sind die einzigen Wesen auf der Erde, die das Feuer entzünden, hüten und durch die Luft schleudern, ebenso wie wir auch die einzigen sind, die aufrecht gehen. Wir müssen dem Raubtier, so groß seine Kraft und so gewaltig seine Pranken auch sind, klar machen, dass es für ihn nicht ratsam ist, sich mit uns anzulegen. Steine müssen bereit liegen, die wir ihm auf sein großes Maul werfen. Mit Feuer werden wir ihm das Fell versengen.

Ingor konnte schon wieder lachen. Es gab wohl nichts auf dieser Welt und auch nicht in der Welt der Geister, vor dem sich sein Großvater fürchtete. Ingor wollte so werden wie er. Und wenn ihn dieses Untier einmal angriff, dann wollte er nicht fortlaufen, sondern es in seinen Speer springen lassen, wenn dieser auch zersplitterte. Dem Löwen und seinen Raubtier-Verwandten wollte er Respekt vor dem aufrecht gehenden Menschen einflößen. Dafür schien es ihm wert zu leben. Sie würden schon eine Methode finden, den Löwen das Fürchten zu lehren. Daran zweifelte er nicht. Wenn der Speer in seiner Hand jetzt auch noch etwas zitterte.

Als der Tag dämmerte, ging Ingor auf Spurensuche und er wurde auch rasch fündig.  In der Asche des Lagerfeuers und rings umher fand er die Tatzen-Abdrücke von Wölfen, frische und auch ältere. Dort, wo die Menschen ihre Beute zerlegten, hatten sie nach Fleischresten gesucht. Ingor war fast ein wenig enttäuscht. Sollte ein großer Wolf die Bestie gewesen sein, die in der Nacht an seinem Schlafplatz vorbei gestrichen war. Während er noch die Spuren miteinander verglich und den Schluss zog, dass sich hier ein ganzes Rudel von Wölfen getummelt hatte, schlug bereits einer der Männer des Stammes Alarm. Er hatte die Spur des Löwen entdeckt. Ingor lief hin. Furchterregend standen die Prankenabdrücke des Höhlenlöwen in der weichen Erde. Sie wurden allen Mitgliedern des kleinen Stammes gezeigt, Frauen wie Männern, den Erwachsenen und auch den kleinen Kindern, die noch nicht wussten, um was es ging. Sie spürten jedoch die Furcht ihrer Mütter und einige von ihnen begannen zu weinen. Es herrschte große Aufregung und so wurde viel geredet. Mehrere Frauen behaupteten auch, den Löwen im Traum gesehen zu haben und fast alle hatten in der Nacht sein Gebrüll gehört. Die älteren Frauen und Männer erinnerten sich an Angehörige, die von Löwen verschleppt und getötet worden waren und das stimmte sie traurig. In einem Fall hatten sie den fortgeschleppten Menschen dem Löwen mit ihren Steinschleudern wieder abjagen können. Er war jedoch schon tot gewesen.

Fast alle waren dafür, sofort mit dem Bau eines Palisaden-Zaunes zu beginnen. Einige der jüngeren Männer sahen dies allerdings als Zeitverschwendung an. Sie wollten die Spuren des Löwen verfolgen und versuchen, ihn zu töten. Es gab allerdings niemand, der sie ernst nahm. Nur einer der erfahrenen Jäger sagte: „Seht euch die Spuren genau an und versucht euch zu erinnern, ob ihr schon einmal so große Pranken-Abdrücke gesehen habt.“ Da beharrten die jungen Männer nicht weiter auf ihrem Vorhaben. Anscheinend hatten sie auch nur ihren Angebeteten imponieren wollen.

Es dauerte nicht lange, da zogen Gruppen von Frauen, Männern und größeren Kindern in die Dickichte, um mit scharfen Feuerstein-Klingen kleine Stämmchen zu fällen und herbei zu schleppen. Die Gruppen von Menschen, die loszogen, waren jetzt etwas größer als sonst. Alle Frauen hatten Steine und Steinschleudern dabei und Männer begleiteten mit Speeren ihre Frauen und Kinder. Es war nicht das erste mal, dass sie einen Palisaden-Zaun errichteten und so kamen sie mit dem Bau rasch voran. Am eifrigsten waren die Frauen mit kleinen Kindern bei der Arbeit.

In der Nähe des Lagerfeuers türmte sich auch rasch ein großer Haufen von Steinen auf. Die Steine waren für den Löwen gedacht, wenn er wieder kommen sollte und Feuerbrände nicht ausreichten, ihn zu vertreiben. Einige der jüngeren Frauen machten auch Zielübungen mit ihren Steinschleudern. Ingor war überrascht, mit welcher Wucht die großen Steine durch die Luft surrten; einer der Steine schwirrte nämlich mit furchterregendem Brummen dicht an seinem Kopf vorbei. Übungswürfe mit der Steinschleuder auf dem Wohnplatz waren nicht ungefährlich, denn manche der Würfe gingen in den Händen der Ungeübten auch nach hinten los oder flogen in die falsche Richtung. Schließlich sagten die Mütter, dass mit Steinschleudern nur außerhalb des Lagers geübt werden dürfe.

Hallo Welt!

August 22nd, 2008

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